Frauen in einer Gesellschaft der UnterdrückungAFGHANISTAN

Frauen in einer Gesellschaft der Unterdrückung

Frauen in einer Gesellschaft der Unterdrückung

Häusliche Gewalt, Ehrenmorde, Selbstverbrennungen, Zwangsehen, Analphabetismus: Die kanadische Fotojournalistin Lana Šlezic hat über zwei Jahre lang den Alltag afghanischer Frauen beobachtet. Es sind sehr ambitionierte, aufrüttelnde Fotografien entstanden. Lana Šlezic hat die Opfer porträtiert und ihre Geschichten geschildert. Hier Auszüge aus ihrem Buch „Verleugnet“, die in ihrer knappen Form mehr sagen als lange Abhandlungen.

Von Hans Wagner

I m März 2004 ging ich nach Afghanistan, im Gepäck vorgefasste Meinungen und einen ganzen Haufen Naivität. Ich hatte geglaubt, dass seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 die Mädchen wieder zur Schule gehen würden, die Frauen die Burka abgelegt hätten und die Umstände für Frauen generell weniger repressiv geworden wären. Entnommen hatte ich das dem Fernsehen und den Zeitungsberichten, die direkt nach dem Sturz des erstickenden Taliban-Regimes erschienen. Was ich über die Wahrheit herausfand, brachte mich dazu, meinen sechswöchigen Arbeitsauftrag zu einem zweijährigen Aufenthalt zu verlängern.“

Eine Frau zu schlagen, heißt, sie zu lieben

Ein amerikanischer Posten in Kandahar, mit dem Lana Šlezić auf einem Wachturm stand, reichte ihr sein Fernglas, damit sie die folgende Szene beobachten konnte, in der ein Mann und eine Frau zunächst über ein Feld liefen: „Sie wurden von einer Herde Schafe begleitet und es schien mir, als würden sie die Tiere auf die Weide bringen. Sie bewegten sich langsam vorwärts, ihre Schritte schienen im Einklang miteinander und ihrer Umgebung. Der Rhythmus dieses Augenblicks hing noch ein paar Sekunden in der Luft, wurde dann aber jäh zerstört, als der Mann ohne Vorwarnung seine Faust hob und auf seine Frau einschlug, wieder und wieder, bis diese schließlich zu Boden fiel. Sie lag da, schlaff und regungslos, bis er aufhörte. Dann hob er sie auf, umarmte sie kurz und sie gingen weiter, sie etwas langsamer als zuvor.“

Während einer Autofahrt kam die Autorin mit dem Fahrer ins Gespräch, der sie von einem Waisenhaus zurück in die Stadt brachte. Er sagte ihr, die Demokratie sollte nicht zu schnell nach Afghanistan kommen. Ihm stellte sie auch die Frage: „Und was ist mit den Frauen?“ Er gab zur Antwort: „Eine Frau zu schlagen, heißt, sie zu lieben.“ – Der Mann war Mitte zwanzig.

„Es war ihre Widerstandskraft, die sich mir um Herz und Seele legte“

„Verleugnet: Frauen in Afghanistan“ von Lana Šlezić  
„Verleugnet: Frauen in Afghanistan“ von Lana Šlezić  

„Ich reiste durch etliche Gegenden des Landes und fand viele Frauen und Mädchen, die bereit waren mir ihre Geschichte zu erzählen. Ich war entsetzt von ihren Worten, schockiert von ihrer geringen Bildung und betrübt von ihren Tränen. Aber es war ihre Widerstandskraft, die sich mir um Herz und Seele legte.“

Samia: „Meine Freundin und Übersetzerin Farzana und ich erreichten Samias Haus am Morgen ihrer Hochzeit. Sie war 16, auf ihren Nägeln eine frische Schicht glänzenden, roten Nagellacks, die Haare lose in einem Regenbogen von bunten Lockenwicklern aufgedreht...

Sie war ein lebendiger Teenager, der in jedem westlichen Land die Schulbank drücken würde. Stattdessen würde sie von diesem Tag an auf Anweisung ihres Ehemanns in der Öffentlichkeit eine Burka tragen und nach den Regeln leben, die er und seine Familie für sie gemacht hatten. In vielerlei Hinsicht war Samias Leben, so wie sie es kannte, beendet.“

„Ihr lebloser Körper war nackt auf dem Asphalt gefunden worden“

Deljans Tochter: „Farzana rief mich an einem verregneten Morgen an und erzählte mir von einer Frau, die sich angeblich selbst angezündet und ihren nackten, brennenden Körper aus einem Fenster im zweiten Stock geworfen hatte. Ich holte Farzana ab und wir bahnten uns durch die schlammigen Seitenstraßen Kabuls den Weg in die betreffende Gegend...Ihr lebloser Körper war nackt auf dem Asphalt gefunden worden, die Haut verkohlt und rot.“

Gulsuma:„Als Gulsuma vier gewesen war, hatte sie ihr Stiefvater für 3000 Afghani (60 US-Dollar) an eine Familie in einem Dorf außerhalb von Kandahar verkauft. An das Hochzeitsfest erinnerte sie sich nur vage, daran, dass die Frauen ihre Hände mit Henna bemalt hatten. Die Misshandlungen hatten direkt nach der Hochzeit begonnen. Gulsuma war fast jeden Tag von ihren Schwiegereltern und deren Töchtern geschlagen worden. Ihr Ehemann, der zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt gewesen war, war der einzige gewesen, der sie nicht anrührte. Der Rest der Familie hatte sie mit Kabelsträngen ausgepeitscht und mit Steinen und Holzscheiten verprügelt. Sie hatten ihr verdorbene Nahrung gegeben. Im Winter hatten sie Gulsuma gezwungen, draußen zu stehen, und sie mit kaltem Wasser überschüttet, während sie ihre Wäsche wusch. Sie hatten ihr die Hände zusammengekettet und sie in einem dunkeln Zimmer eingeschlossen.“

Polizistin in Kandahar: Mit Burka und Pistole

Sie ist eine bekante Polizistin in Kandahar. Ihr Vater war schon Polizist und ihr Großvater das Oberhaupt ihres Dorfes. Viele Zeitungen und Zeitschriften haben über die Ordnungshüterin berichtet. Immerhin tut sie Dienst in einer der gefährlichsten und repressivsten Städte Afghanistans. Sie trägt Stiefel, eine Pistole und das traditionelle Kleidungsstück muslimischer Frauen im Land, den Ganzkörperschleier.

Malalai: „Glaubte man ihrem Bruder (der auch ihr Leibwächter ist), so war Malalai genau wie alle männlichen Polizisten, wenn es darum ging Kriminelle zu verhaften oder Straftäter festzusetzen. Die eine Kleinigkeit, die sie von den anderen unterschied, war blassblau und hing an einem Nagel neben der Tür ihres Büros. Obwohl sie eine bewaffnete Polizistin war, trug Malalai eine Burka.“

In ihrer Schreibtischschublade sammelt sie die Polaroid-Fotos einer Vielzahl von Fällen aus dem ganzen abgründigen Spektrum der menschlichen Natur. Dazu gehört auch das unfassbare Schicksal einer afghanischen Witwe von 45 Jahren:

Anargul: „Empfindungslos erklärte Anargul, dass ihr Ehemann 15 Jahre zuvor gestorben war und sie, wie so viele Witwen gezwungen war, seinen Bruder zu heiraten. Sie waren 15 Jahre verheiratet gewesen und hatten fünf Kinder. In dieser Zeit hat sie das erlebt, wovon sie geglaubt hatte, dass es wohl die typischen häuslichen Misshandlungen waren. In den letzten Monaten allerdings war die Situation eskaliert. Ihr Ehemann hatte ein tiefes Loch unter dem Parterre ihres Hauses ausgehoben und Anargul angekettet darin festgehalten. Die Grube war tief genug gewesen, dass er Anargul darin hatte aufs Brutalste verprügeln können, ohne dass die Nachbarn etwas mitbekamen. Er hatte ihr Brot und Wasser gegeben und die Ketten nur losgemacht, um ihr seine Fäuste ins Fleisch zu treiben und sie danach wieder anzuketten...

Nachdem Malalai Anargul aus ihrem Heim gerettet hatte, hatte sie ihr einen Job als Putzfrau in der Polizeiwache gegeben und sie eingeladen, ein paar Wochen bei sich und ihrer Familie zu leben. Seitdem zieht Anargul um, bleibt immer wieder für ein paar Wochen bei zuverlässigen, vertrauenswürdigen Menschen.

Nach Hause zurückkehren kann sie nie wieder. Anarguls Mann war für vier Monate hinter Gittern und wurde dann auf freien Fuß gesetzt.“

*

Rezension zu: „Verleugnet: Frauen in Afghanistan“ von Lana Šlezić, Edition Braus, Wachter Verlag Heidelberg, 128 Seiten, 29,90 Euro, ISBN-10: 3899042778 , ISBN-13: 978-3899042771.

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