Frieden, dem man nicht traut

Frieden, dem man nicht traut

In Inguschetien werden die tschetschenischen Fluchtlingslager aufgelöst, sollen Hilfsorganisationen ihre Arbeit einstellen

Von Andrea Jeska

 INGUSCHETIEN
 Die Kaukasusrepublik Inguschetien ist Teil der Russischen Föderation. Bis zum Ende der Sowjetzeit bildete sie mit dem benachbarten Tschetschenien die Tschetscheno-Inguschische ASSR, die sich auflöste, als Tschetschenien 1991 seine Unabhängigkeit erklärte. Der Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999 brachte mindestens 200.000 tschetschenische Flüchtlinge nach Inguschetien. Offiziell leben noch immer 70.000 von ihnen dort, wahrscheinlich sind es aber mehr. Im Winter 2002 begannen die Behörden, die Flüchtlingslager aufzulösen, zunächst wurde Bela geschlossen, im Winter 2003 dann Alina. Die drei verbliebenen Lager, sowie alle nicht-offiziellen Lager sollen bis zum 1. März dieses Jahres, also rechtzeitig zur Präsidentenwahl in Rußland, abgebaut sein. Die russischen und inguschischen Behörden behaupten, niemand werde gegen seinen Willen zurückgeschickt. Tatsächlich aber werden die Flüchtlinge massiv unter Druck gesetzt und eingeschüchtert. Vertreter der tschetschenischen Regierung versprachen den Flüchtlingen Kompensationszahlungen von 10.000 Dollar, wenn sie freiwillig in ihr vom Krieg zerstörtes Heimatland zurückgingen. Da die Häuser fast alle zerstört sind, sollen die Flüchtlinge bei ihrer Rückkehr zunächst in Auffanglager untergebracht werden, deren Kapazität jedoch gerade für einige Tausend Menschen ausreicht.

EM – Alina gibt es nicht mehr. Von dem einstigen Lager für tschetschenische Flüchtlinge, in dem einige Tage zuvor noch sechshundert Menschen lebten, sind nur Plumpsklos geblieben, deren offene Türen im kalten Winterwind quietschen. Das Feld, auf dem Zelte standen, ist umgepflügt, die letzten Überreste menschlicher Besiedlung sind zu einem Klumpen aus Blech, Holz und Unrat zusammengeschoben. Ein paar Kinder graben mit den Händen in der gefrorenen Erde nach Gegenständen, die vielleicht noch zu gebrauchen sind. Auf ihrem Handkarren haben sie Schuhe, verbeulte Töpfe liegen. „Wo sind die Bewohner?“ „Fort“, sagen sie und deuten auf die Gipfel des Kaukasus. „Wohin fort?“ – „Wir wissen es nicht.“

Als der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Rudd Lubbers an einem bitterkalten Wintertag die südrussische Kaukasus-Republik Inguschetien besuchte und betroffen vor fadenscheinigen Zelten stand, wurde ihm versichert, nicht ein tschetschenischer Flüchtling werde gewaltsam nach Tschetschenien zurückgeschickt. Es war nur eine von vielen Propagandalügen, mit denen die russische Regierung Unterstützung für die Vertriebenen unterbindet. Nur wenige Tage später wurde der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung für Tschetschenien entlassen. All seine „Pflichten“ wurden dem moskautreuen tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow übertragen und Sicherheitskräfte begannen im Lager Bart die ersten Zelte abzubauen.

Über die Frauennamen, die man den tschetschenischen Flüchtlingslagern gab, wurde unter den Flüchtlingen viel gestritten. Der Wohlklang der Namen, sagten viele, verniedliche diese Stätten der Not, des Heimwehs. Es gäbe ihnen eine Würde, sagten andere. Auch die Behörden sahen die Personifizierung der Lager nicht gerne und bevorzugten sachliche Buchstaben. Die bereits aufgelösten Lager Alina und Bela wurden schlicht mit A oder B bezeichnet.

Seit fast vier Jahren nun beherbergt das kleine Inguschetien Flüchtlinge aus dem Nachbarland Tschetschenien. 1999, als Rußland mit einer Großoffensive den zweiten Tschetschenienkrieg startete, flüchteten 200.000 Menschen vor den Bomben und der Zerstörung. Damals kam auf fast jeden Bewohner von Inguschetien ein Flüchtling. Rund 70 . 000 sind geblieben. Sie wohnen in Zelten, die ihnen der UNHCR zur Verfügung stellte, sie hausen in den Hallen leerer Fabriken, in denen sie sich notdürftige Behausungen aus Preßholz und Wellblech schufen, sie besetzen ausrangierte Eisenbahnwaggons. 36.000 Flüchtlinge wurden von inguschetischen Familien aufgenommen. Wenigen gelang es, in Inguschetien zu soviel Wohlstand zu kommen, daß sie in Wohnungen ziehen konnten.

Rußland betrachtet den Tschetschenienkrieg für beendet

Zum 1. März will die russische Regierung die drei verbleibenden Lager Bart, Sputnik und Zatzita aufgelöst und die Flüchtlinge nach Hause geschickt haben. Weil es dann, so die Argumentation, niemanden mehr gibt, der Hilfe braucht, soll auch das Mandat der Hilfsorganisationen in Inguschetien nicht verlängert werden. In Rußlands Augen ist der zweite Tschetschenienkrieg vorbei. Die Wahl von Achmad Kadyrow zum tschetschenischen Präsidenten gibt die Regierung in Moskau als Neubeginn einer zivilen Ordnung aus.

Auch die Regierung Inguschetiens möchte die Flüchtlinge aus dem Land haben. Mit Hilfe ausländischer Investoren will man dort die Ölproduktion wieder ankurbeln und sich aus der finanziellen Abhängigkeit von Moskau befreien. Solange man Inguschetien mit dem Krieg in Tschetschenien verbindet, gilt es als Krisenzone, wird sich das Interesse von Investoren in Grenzen halten. Zudem haben die Dauer des Tschetschenienkrieges und die Unlösbarkeit des Konflikts die Gastfreundschaft Inguschetiens, ethnisch ein Brudervolk der Tschetschenen, überstrapaziert. Die Wünsche Moskaus kommen den Inguschen entgegen, auch wenn dies nur verschämt bekannt wird und die inguschetischen Behörden mehrfach behauptet haben, sie würden keine Zwangsrückkehr unterstützen.

Im Lager Bart reden die Flüchtlinge auf Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision ein, die dort warme Kleidung verteilen. Man habe ihnen zehn Tage gegeben, um zu verschwinden, berichtet eine Frau aufgeregt. Sonst sei mit Konsequenzen zu rechnen, die nicht näher beschrieben wurden. „Wir packen schon“. „Wohin geht ihr?“ „Wohin sollen wir denn gehen? Unsere Häuser sind zerstört“, sagt eine alte Frau. „Viele haben sich von den Kompensationsgeldern locken lassen. Nach zwei Wochen waren sie wieder da, haben gesagt, der Krieg ist noch lange nicht zu Ende. Ein neues Zelt mußten sie sich dann für 300 Dollar kaufen. Nun haben sie weniger als zuvor.“ Man habe ihnen bereits Strom und Wasser abgestellt, schimpft ein Mann. Außerdem seien Soldaten gekommen und hätten das Camp mehrfach umstellt. „Wir haben Angst“. Die Zelte seien nicht mehr wasserdicht, die Kinder bereits den ganzen Winter erkältet. „Kann ich das noch länger aushalten? Nein. Kann ich nach Tschetschenien zurück? Nein.“

„Unser Land ist verletzt, erniedrigt, zerstört.“

Abdulla Gapajew will nicht fotografiert werden. Er habe keine Zähne mehr im Mund. Er könne seine Beine nicht mehr aus dem Rollstuhl bewegen. Er könne seine Augen nicht mehr gebrauchen und die Hände zitterten ihm. Für ihn, der das tschetschenische Staatstheater mit begründete und einst als umschwärmter junger Held auf der Bühne stand, der dann Kultusminister seines Landes wurde und voller Kraft an ein neues Tschetschenien glaubte, ist der Verfall schrecklich. Nur der Geist versagt Gapajew nicht den Dienst und mit diesem Geist schreibt er Bücher über die tschetschenische Geschichte, mit diesem würde er Tschetschenien wieder aufbauen, wenn er nicht zu alt wäre. „Wir brauchen jemanden, der die Clans vereinigen kann. Stark muß er sein. Er darf nicht aus der Kriegsgeneration sein. Jung muß er sein. Wir brauchen nicht nur Freiheit, wir brauchen vor allem Wiederaufbau, Wohlstand, Bildung für unsere Kinder. Unser Land ist verletzt, erniedrigt, zerstört. Die Welt hält uns ohne Prüfung für schuldig, ein ganzes Volk wurde zu Terroristen erklärt. Nun überläßt man uns dem Sterben. Wir können nur den jüdischen Weg gehen: durch Intelligenz und Bildung überzeugen.“

„Wenn wir unsere Arbeit hier wirklich abbrechen sollen und alle Lager aufgelöst werden, gibt das eine humanitäre Katastrophe“, glaubt Perry Mansfield, Projektleiter von World Vision, eine der wenigen Organisationen, die in Inguschetien noch ein Büro unterhält. Seine Mitarbeiterin Bela Tsugaeva, die selbst vor drei Jahren aus Grozny geflüchtet war, weiß, daß nur ein kleiner Teil der Lagerbewohner tatsächlich nach Tschetschenien zurückgekehrt ist. „Die meisten sind in anderen Lagern untergeschlüpft oder haben versucht, hier in Nasran Wohnraum zu finden. Manche sind zunächst gegangen und kamen dann zurück. Sie leben jetzt in so genannten „spontaneous points“, das sind nicht-genehmigte Lager. Die Leute sind so verzweifelt, daß sie in jede Behausung kriechen würden, wenn sie nur nicht nach Tschetschenien müssen.“

Vom Frieden ist Tschetschenien Lichtjahre entfernt, und das wissen auch diejenigen, die in Inguschetien in Elendslagern hausen. Noch immer gibt es täglich Kämpfe, und längst ist die nordkaukasische Mischung aus Propaganda, Kriminalität, Menschenrechtsverletzungen, Partisanentum, internationalem Terrorismus und Menschenhandel so undurchsichtig, daß niemand mehr ein Konzept hat, wie die Eigendynamik des Konflikts zu stoppen ist. Da nützt es wenig, daß den Flüchtlingen in Inguschetien nach vier Jahren in Exil und Elend jeder Friede recht ist, selbst einer, der sie unter die Fuchtel von Moskau stellt.

Die Drohung, die Lager zu schließen und die Arbeit der Hilfsorganisationen zu beenden, fällt in die Reihe der Schikanen, denen die tschetschenischen Flüchtlinge und ihre Helfer ausgesetzt sind. Obwohl die Wände der Zelte von Wind und Regen dünn geworden sind, erhielt der UNHCR keine Erlaubnis, in den anderen Lagern die Zelte zu erneuern. Selbst die Versorgung mit Winterkleidung, Lebensmitteln und Medikamenten wurde nur eingeschränkt zugelassen. Bereits im Winter 2002 begannen die Behörden, die Lager aufzulösen.

Ruud Lubbers wird solche Aussagen nicht zu hören bekommen. Moskaus Version des Tschetschenienkrieges hat zwar mit der grausamen Realität wenig zu tun, wird indes im westlichen Europa, wo Politiker sich dem russischen Präsidenten um die Wette anbiedern, gerne für wahr befunden. Costanza Adinolfi, Direktorin von ECHO, der Hilfsorganisation der Europäischen Union resümierte jüngst, es nütze nichts, daß ihre Organisation 25 Millionen Dollar für Tschetschenien spende, wenn die Politiker schwiegen. „Es ist kein Geheimnis, daß Tschetschenien von der Agenda des Dialogs mit Rußland verschwunden ist.“

Kaukasus Russland

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