Friedhof mit „Böhmischen Germanen“ entdecktTSCHECHIEN

Friedhof mit „Böhmischen Germanen“ entdeckt

Friedhof mit „Böhmischen Germanen“ entdeckt

In der Nähe von Prag haben tschechische Archäologen einen sensationellen Fund gemacht: Ein 1500 Jahre alter Friedhof von „Böhmischen Germanen“ wurde bei Bauarbeiten zufällig freigelegt. Nun graben die Forscher und hoffen auf weitere Funde und Erkenntnisse aus der Zeit der Völkerwanderung.

Von Jan Zappner

D ie gelbe Linie der Prager Metro fährt raus bis Zlicin und mitten hinein in ein vergangenes Jahrtausend. Ganz in der Nähe der Endhaltestelle sollte eigentlich längst ein neuer Wohnkomplex stehen. Stattdessen graben sich auf der Baustelle seit einem halben Jahr Archäologen in die Tiefe, um das Geheimnis eines 1500 Jahre alten Friedhofs zu lüften. In ordentlichen Reihen nach Westen ausgerichtet sollen auf dem etwa ein Hektar großen Areal bis zu 100 Gräber angelegt sein.

Bei den Toten handelt es sich um eine Gruppe so genannter „Böhmischer Germanen“. Sehr wahrscheinlich waren sie zur Zeit der großen Völkerwanderung auf der Flucht vor den Hunnen. Im 4.Jahrhundert waren diese von Osten heranstürmend über Europa hergefallen und hatten germanische Stämme immer weiter nach Westen geschoben und damit für den Untergang des Weströmischen Reiches gesorgt.

Galerie: Friedhof mit „Böhmischen Germanen“ entdeckt (Fotos: Jan Zappner)

Durch DNA-Analysen soll Licht in die Geschichte kommen

Die Herkunft und ethnische Zusammensetzung der Böhmischen Germanen konnte bislang nicht ausreichend geklärt werden. Die letzten Funde einer Germanensiedlung in Böhmen datieren auf Anfang des 19.Jahrhunderts. Durch den Einsatz moderner Technologien wie der DNA-Analyse wollen die Wissenschaftler die weißen Flecken in den Geschichtsbüchern nun tilgen. „Wir haben bislang Knochen, Haare und Schmuckstücke gefunden“, erklärt der leitende Archäologe Milan Kucharik vom staatlichen Museum Prag, „damit lassen sich später soziale Strukturen verstehen und demographische Statistiken erstellen“. Ein sehr langwieriger Prozess. Zunächst werden deshalb die Fundstücke sichergestellt und erst in einem zweiten Schritt ausgewertet.

Geduld müssen auch die Grabungshelfer mitbringen. Fast zwei Wochen dauert das vollständige Freilegen eines Grabes. In Millimeterarbeit wird Schicht für Schicht Erde mit einer Spachtel abgeschabt und vorsichtig durch einen Sieb gedrückt. Bei jeder Fuhre Sand könnte ein sensationeller Fund dabei sein. Die Chancen ein Grab mit reichen Beigaben zu finden, sind allerdings gering. Bei allen bislang ausgehobenen 39 Gräbern sind Räuber schneller gewesen. Höchstwahrscheinlich nicht lange nach der Beisetzung haben sie jeweils kleine Zugänge an der Kopfseite gegraben, um an die dort befindlichen Grabbeigaben zu gelangen.

Was die Grabräuber vor Jahrtausenden übersehen haben

Zum Glück haben sie nicht immer gute Arbeit geleistet oder mussten schnell fliehen. Die goldene Spange, auf die Milan Kucharik besonders stolz ist, haben die Räuber sicherlich nicht absichtlich liegen lassen. Auch fünf goldene Anhänger, mehrere gläserne Pokale, Silberschmuck und eine Münze aus dem Römischen Reich, die als Spange verwendet wurde, gehören zu den Kunstschätzen, die dem Boden entrissen werden konnten. „Jetzt fehlt uns noch ein Schwert und ein religiöser Gegenstand“, sagt Milan Kucharik und schaut hoffnungsvoll auf die noch nicht abgesteckten Gräber.

Hinter ihm greifen inzwischen große Schaufelbagger in die alten, ausgeräumten Gräber und heben ein Fundament aus. Bald werden hier 12-stöckige Wohnhäuser stehen. Ob die neuen Mieter wissen werden, dass sie auf einem Germanenfriedhof wohnen?

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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