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„Gegen die Grenzen in den Köpfen“

Tillmann Allmer, Mitveranstalter der Grenzland-Filmtage in Selb (24. bis 27. April), uber das Interesse am osteuropäischen Film, die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf das osteuropäische Filmschaffen, uber den Film „Good bye Lenin“ und naturlich uber die Grenzland-Filmtage.

24.04.2003 Drucken Senden Kommentieren
 
Tillman Allmer von den Grenzland Filmtagen in Selb 

Eurasisches Magazin: Inwiefern hat sich das Interesse der Deutschen am osteuropäischen Film seit den ersten Grenzland-Filmtagen im Jahr 1977 verändert?

Tillmann Allmer: Hier sind zwei Faktoren von Bedeutung. Zum einen verändert sich ein filmkulturelles Interesse an einer bestimmten Region in Abhängigkeit von politischen Geschehnissen, zum anderen gibt es individuelle Gründe, weshalb sich Einzelne über längere Zeit einer bestimmten Filmrichtung widmen.

Wenn man zunächst beim Film bleibt, so ist ein breites Publikumsinteresse am osteuropäischen Kino in Deutschland nicht gegeben. Auch wenn es gelegentlich ein aktueller osteuropäischer Film in die deutschen Kinos schafft, glaube ich persönlich, daß die meisten Deutschen nur ein sehr vages Bild davon haben, was osteuropäisches Kino ist und sein kann. Und wenn, dann ist das Bild immer noch stark durch die Klassiker des osteuropäischen Kinos geprägt, die sich seinerzeit auch im Westen durchsetzten konnten. Mit der Gorbatschow-Ära und der Öffnung des Ostens war ein verstärktes Interesse an Filmen aus Osteuropa zu erkennen. Das hat aber in der Breite nicht lange angehalten. Größere Filmfestivals wie Oberhausen oder die Berlinale sind eher wieder vom Ostfilm abgerückt oder behandeln ihn gleichberechtigt neben anderen Regionen.

Der Wunsch, einmal anderes Kino als üblich zu sehen

Man könnte meinen, mit der Öffnung des Ostens würden sich auch die Köpfe öffnen. Doch das Interesse an osteuropäischen Filmen ist wieder abgeebbt. Hier handelt es sich um Wellen, die mit der Aktualität von politischen Ereignissen zusammenhängen, ähnlich wie derzeit eine Bereitschaft zu beobachten ist, sich auch mal einen Film mit islamischen Themen anzusehen, oder zuvor im Ansatz eine filmische Auseinandersetzung mit dem Balkankonflikt stattfand. Für die Grenzland-Filmtage in Selb läßt sich sagen, daß sich das Interesse aus der Region speist - der Nähe zur tschechischen Grenze und zur ehemaligen DDR. Gleichzeitig ist es gekoppelt mit dem Wunsch, in einer kulturell strukturschwachen Gegend überhaupt einmal anderes Kino als üblich zu sehen.

EM: Im kommenden Jahr wird die Europäische Union voraussichtlich um acht osteuropäische Staaten erweitert werden. Wird dadurch auch das Interesse der Westeuropäer gegenüber der osteuropäischen Filmkunst anwachsen?

Allmer: Das bleibt zu hoffen. Es könnte sich wieder eine Welle des Interesses zeigen. Wahrscheinlich sind es jedoch andere Faktoren als die EU-Osterweiterung, die auf Dauer ein breiteres Publikumsinteresse im Westen entstehen lassen. Hier geht es eher darum, daß auch die ökonomischen Strukturen der jeweiligen Filmindustrien zusammenwachsen müßten. Nicht nur, daß es wichtig wäre, daß es vermehrt zu Koproduktionen östlicher und westlicher Länder käme, sondern auch, daß diese Filme ihre Abspielorte und ein Publikum fänden. Kino ist ja nicht nur Kunst, sondern auch Ökonomie. Und bei vielen Filmverleihern hat sich nicht unbedingt das Bewußtsein durchgesetzt, daß man mit osteuropäischem Kino durchschlagende kommerzielle Erfolge erzielen könne.

„In Westeuropa kann man nicht von einer heterogenen Filmlandschaft sprechen.“

Mit der EU-Osterweiterung werden die vergleichsweise strukturschwachen nationalen Filmlandschaften Osteuropas stärker in Konkurrenz mit dem gesamteuropäischen und internationalen Filmmarkt stehen. Schon in Westeuropa kann man nicht von einer heterogenen Filmlandschaft sprechen. So bekommen wir z.B. in Deutschland nur einen kleinen Bruchteil der italienischen Filmproduktion im Kino zu sehen, oder ein in Deutschland erfolgreicher Film findet nicht automatisch sein Publikum in Frankreich. Das europäische Kino und damit auch der osteuropäische Film hat besonders mit der Stärke des populäreren US-amerikanischen Films zu kämpfen. Für die breite Masse ist europäisches Kino in die Nische der kleinen Programmkinos gerückt und scheint oft mit einem Schild „nur für Intellektuelle“ versehen. Jedoch ist seit kürzerem durch die Stärkung der Filmbranche in Osteuropa auch wieder eine Resonanz im Westen spürbar.

Daß mit der EU-Osterweiterung die geographischen und ökonomischen Grenzen fallen, bedeutet leider nicht, daß die so viel beschworenen Grenzen in den Köpfen fallen. Ich denke, hier finden langsamere Prozesse der Annäherung statt. Ein Filmfestival wie die Grenzland-Filmtage kann aber durch die osteuropäische Filmkunst, Emotionen und atmosphärische Eindrücke bei den Besuchern hinterlassen und mit kleinen Schritten ein Bewußtsein für das Fremde schaffen, das in nachbarschaftliche Nähe rückt.

„Die Bedingungen der Zensur wirkten sich oftmals kreativitätsfördernd aus.“

EM: Welche Unterschiede gibt es zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Filmen?

Allmer: Man darf nicht den Fehler machen, zu verallgemeinern. Natürlich könnte man klassische Unterschiede nennen, etwa daß die Tschechen poetischere Filme machen, die Russen eine philosophischere Tiefe an den Tage legen und insgesamt eine melancholischere Atmosphäre zu spüren ist. Aber das sind Klischees, die nicht weit führen. Viel interessanter ist es, wie sich die Bedeutung des Mediums Kino in Osteuropa ändert und wie sich Ästhetik und Erzählformen an den Westen angleichen.

Vor dem Ende des Sozialismus war der künstlerische Film viel stärker auch ein Medium der Kritik. Die Bedingungen der Zensur wirkten sich oftmals kreativitätsfördernd aus. Wenn man als Filmautor kritisieren wollte, mußte man mit versteckten Mitteln an der Zensur vorbei arbeiten. Hier kann man einen Unterschied der Ausdrucksformen zum westeuropäischen Kino erkennen. Mit dem Wegfall der Zensur in Osteuropa verwässert sich das natürlich. Formen und Stile aus dem Westen werden sich zu eigen gemacht und mit der eigenen Kinotradition gemischt. Aber Kino ist ja seit jeher ein Medium, das viele verschiedene Einflüsse von außen aufnimmt. In regionalen Kategorien zu denken ist deshalb schwierig.

EM: Der letzte deutsche Kinofilm zu Osteuropa, speziell zur ehemaligen DDR, war „Good bye Lenin“ von Wolfgang Becker. Wie finden Sie den Film?

Allmer: Das ist ein ganz lieber Film - so war jedenfalls mein erster Eindruck, als ich aus dem Kino kam. Ich habe den gedanklich aber gar nicht weiter verfolgt. Sie haben natürlich recht, der Film handelt auch von der ehemaligen DDR. Allerdings habe ich „Good bye Lenin“ weniger als einen historischen Film gesehen, sondern als eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Vor einem Jahr lief „Berlin is in Germany“, wo auch ein Ossi Wende und Wiedervereinigung verpaßt, weil er im Gefängnis sitzt. Bei dem Film fand ich das Thema intensiver angepackt als bei „Good bye Lenin“. Die Veränderungen, die die Wiedervereinigung für die Ostdeutschen bedeutete, mußte die Hauptfigur dort viel mehr durchleiden.

Bei „Good bye Lenin“ wird man auf eine Zeitreise in die DDR genommen, zum Glück ohne zu sehr auf der DDR-Nostalgiewelle zu reiten. Ich fand die Idee, die Wiedervereinigung anders herum zu erzählen äußerst gelungen. Eigentlich geht es aber eben um diese Familiengeschichte und das Erwachsenwerden des Sohnes: Der Sohn kann und will sich nicht von der Mutter und seiner Jugend lösen und kompensiert das durch die Simulation einer DDR, wie er sie sich gewünscht hätte. Das ist schon recht konsequent in der Dramaturgie durchgezogen. Mutter ist gleich Vaterland und beide sterben am Ende. Und erst dann kann sich Alex von seiner Jugend verabschieden.

Ich persönlich fand den Film nicht besonders interessant, aber angenehm bekömmlich. Der kommerzielle Erfolg ist dem Film auf jeden Fall zu gönnen. Wahrscheinlich eröffnet er einigen Menschen, die sich noch nicht mit der DDR beschäftigt haben, tatsächlich noch ein Bild vom Osten.

„Manch ein Besucher merkt erst abends beim Bier in der Filmtagekneipe, daß er neben einem Filmstudenten aus Rußland sitzt, dessen Film er gerade gesehen hat.“

EM: Was ist das traditionelle Publikum der Filmtage in Selb?

Allmer: Unser Publikum kommt überwiegend aus der Region und setzte sich von Beginn an aus allen Schichten und Altersstufen zusammen. Das war auch immer unser Ziel. Wir versuchen mit unserer Programmgestaltung nicht nur Filmexperten anzusprechen, sondern wenden uns ganz allgemein an kulturell interessierte Menschen aus dem Fichtelgebirge. Der Reiz unseres Festivals liegt ja in seiner Atmosphäre. Auf einem kleinen Festival kommt man einfach besser ins Gespräch. Und wir legen großen Wert darauf, auch die jeweiligen Filmemacher bei uns zu haben. So manch ein Besucher merkt erst abends beim Bier in der Filmtagekneipe, daß er neben einem Filmstudenten aus Rußland sitzt, dessen Film er gerade gesehen hat. Solche Begegnungen sind äußerst wichtig für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Ost und West.

EM: Nach welchen Gesichtspunkten werden die Filme ausgewählt?

Allmer: Unsere Idee ist es, osteuropäisches Kino zusammen mit westeuropäischer Kinokultur zu verknüpfen. Der Schwerpunkt unseres Programms liegt klar auf Osteuropa, aber wir zeigen auch westeuropäisches Kino, das sich „grenzgängerisch“ verhält - inhaltlich oder stilistisch.

EM: Wie wird der beste Film der Grenzland-Filmtage gekürt?

Allmer: Dieses Jahr wird zum zweiten Mal ein Preis für die beste Kamera in der Kategorie Spielfilm verliehen. Der Preis hat einen Wert von 15.000 Euro und wird in Form eines Förderbeitrags zur Herstellung eines Kinofilms überreicht. Hierzu laden wir eine vierköpfige internationale Jury ein, die aus erfahrenen Filmemachern, vor allem Kameraleuten besteht. Weiterhin wird zum dritten Mal ein Publikumspreis in den Sparten Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilm verliehen. Die Preisverleihung findet auf der Filmtagefeier am 26. April um 0:00 Uhr in der Filmtagekneipe statt.

Das Interview führte Hartmut Wagner
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