Gemeinschaft ohne NationKOSAKEN

Gemeinschaft ohne Nation

Gemeinschaft ohne Nation

Eine Begegnung am Fluss der Kosaken, dem „Vater Don“. Auf der Staniza Wjoschenskaja lebt noch der alte Kosakengeist.

Von Jan Balster

Jan Balster
Jan Balster  
  Zur Person: Jan Balster
  Der Dresdner Globetrotter, Bild- und Reisejournalist  Jan Balster arbeitet für in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage.

Von ihm ist unter anderem erschienen: Zu Fuß von Dresden nach Dublin (edition ost Verlag, Berlin ISBN-13: 978-3-89793-124-4, 14,90 Euro). 3.100 Kilometer legte Jan Balster zurück – auf Schusters Rappen, wie man so sagt. Vom Ufer der Elbe bis an den Atlantik, quer durch Westeuropa via Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Irland. – Und das ohne einen Euro in der Tasche.

Neu von Jan Balster: Kalender 2010 - Russland - Transsibirische Eisenbahn, Russland - Goldener Ring,
Mongolei, Kirgistan, Seidenstrasse, Irland.

Kontakt zum Autor: www.auf-weltreise.de.

E s gibt vereinzelt asphaltierte Straßen, gewiss, aber ansonsten könnte man glauben, das Leben hier sei vor langer Zeit stehen geblieben. Vor uns stehen ein Pferdestall, ein Wohnhaus und gleich nebenan eine Lagerhalle. Und rundherum, da ist nichts, nichts als Steppe. Zur nächsten Eisenbahnstation sind es 140 Kilometer, und moderne Autos haben wir seit dem 90 Kilometer entfernten Abzweig von der Autobahn M4, welche Woronesch mit Rostow am Don verbindet, nicht mehr gesehen. So liebten es die Kosaken, Wälder und Hütten, welche für Fremde schwer erreichbar waren. Da liegen die Stanizen, Kosakensiedlungen, welche noch heute den Beschreibungen des Schriftstellers Michael Scholochow gleichen, nur ohne Kosaken.
„Wer sind diese Kosaken? Woher kommen sie? Und vor allem, wie leben sie?“ will ich wissen.

„Das weiß ich nicht“, antwortet Valerie Nikolaijewitsch, der Leiter dieses Kosakenhofes. Es ist nicht irgendein Kosakenhof, sondern dieses Areal mit dem Namen „лесной кордон“, Waldgrenze, gehört zum Scholochow Museumskomplex in Wjoschenskaja.

Der 70jährige mit dem typischen Schnauzer der Kosaken wirkt agil. Sein gesamtes Leben verbrachte er in der Steppe. „Ich bin auf dem Pferdewaagen meines Vaters, dem Vorsitzenden der hiesigen Kolchose aufgewachsen. Später habe ich die Rollen getauscht, dann war ich selbst Vater und Vorsitzender der Kolchose. Und mein Sohn wuchs an meiner Seite auf dem Pferdewagen auf.“ Valerie Nikolaijewitsch ist in seinem Element. Seine begeisternde Erzählweise reißt mich mit, eine Freude einfach dazusitzen und seine Worte einzusaugen.

Leben auf eigenes Risiko

„Wo fangen wir an?“, fragt er. „Wenn wir von den Kosaken sprechen, so müssen wir einen Sprung ins 15. Jahrhundert machen.“ Er spricht von einer Zeit, als es hier nur Steppe, Pferde und Nomaden gab. Damals, als Iwan der Schreckliche Russland beherrschte, besiedelten die ostslawischen Kosaken den Flusslauf des Dons und dessen Nebenflüsse. Sie wohnten in befestigten Siedlungen und lebten vorwiegend vom Fischfang, von der Jagd und der Beutnerei. „Die Viehzucht kam erst viel später hinzu. Das heißt, den überwiegenden Teil ihrer Einkünfte generierten die Kosaken aus Raubzügen“, gegen die Steppennomaden, aus Überfällen auf Kaufleute und Zahlungen des Moskauer Staates.

„Kosak leitet sich aus dem Türkischen ab, Kaijsak, Reiter“, erklärt der Leiter des Kosakenhofes. „Allgemein steht dieser Begriff im türksprachigen Raum für ,freier Reiter.’“ Diese Gemeinschaft entwickelte sich, so erfahre ich, aus dem Umstand der zentralistischen Macht in Polen, Litauen und der Ukraine. Damals verlor die ländliche Bevölkerung massiv ihre politischen Rechte, was zur Herausbildung der Leibeigenschaft führte. Besonders aktive Leute versuchten deshalb die Staatsabhängigkeit und den daraus erwachsenden Steuerdruck loszuwerden, um ein neues freies Leben zu führen. „Ein Leben auf eigenes Risiko. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches zu finden“, betont Valerie Nikolaijewitsch. „Dies vertrete ich auch heute noch. Nur Freiheit, das hat für die Kosaken eine andere Bedeutung. Freiheit heißt Besitz an Grund und Boden.“

In der Ukraine und Litauen seien noch die Machtspielereien zwischen der orthodoxen Landbevölkerung und der römisch-katholischen Oberschicht hinzugekommen, was schließlich in nationale Intoleranz ausgeufert sei. Valerie: „Das betont lediglich die Ursache ihres windigen Lebens, klärt aber nicht ihre Herkunft.“

Die Kosaken kommen aus vielen Ethnien

Die Kosaken seien aus einer Mischung von etwa 20 Nationalitäten erwachsen, deren größten Einfluss die Tataren, Ukrainer, Letten, Polen, Türken und Armenier gehabt hätten. „Wobei die Tataren und Armenier von der Krim über die Ukraine an den Don kamen“, fügt Valerie hinzu: „Unsere Vorfahren stammen demnach grob gesehen von ukrainischen und russischen Bauern ab, welche vorrangig der Leibeigenschaft wegen hierher kamen.“

Zunächst hätten sie sich hier vor dem Zugriff des Staates und der Grundbesitzer sicher gefühlt. Deshalb habe sich bei den Don-Kosaken eine ethnisch-eigenständige Entwicklung vollzogen. Seit dem 17. Jahrhundert seien sie russisch und orthodox geprägt. Russland bediente sich ihrer in Auseinandersetzungen mit den Steppennomaden als Grenzwächter, Späher und Räuber. Man hätte sie auch gern als Söldner in russische Dienste genommen. Trotz der Nähe zu den Russen und Vermischung der beiden Volksgruppen entwickelten sie abweichend von diesen eine andere sozio-politische, eine militärdemokratische Ordnung.

Was es damit auf sich hat? Zu dessen wichtigsten Merkmal gehörte laut Valerie Nikolaijewitsch die Kosakenversammlung, der Krug. In ihr habe man die wichtigsten Entscheidungen getroffen. Sie wählte als Oberhaupt den Ataman, der sagt, wo es langgeht. „Allerdings“, erklärt Valerie und hebt dabei seinen Zeigefinger, um seine Worte zu unterstreichen „diente der Ataman lediglich als Vollzieher des Willens der Versammlung. Er konnte jederzeit abgewählt werden.“

Dies habe ebenso für seine Gehilfen, den Heeresamtschreiber sowie den Esaul gegolten, dem Kosakenhauptmann, was dem Rang eines Rittmeisters entsprochen habe. „Respekt ist die wichtigste Eigenart des Atamans. Zum Beispiel, wenn er morgens mit seinem Pferdewagen fluchend über eine löchrige Straße fuhr, dann wurde den gesamten Tag daran gearbeitet, dass sie am Abend bei seiner Rückkehr glatt war.“

Die Russen gewannen die Oberschicht

Ich erfahre langsam wie das war bei den Kosaken. Lektion um Lektion eröffnet mir der Leiter des Kosakenhofes deren Besonderheiten. Zusätzlich zur großen Kosakenversammlung wählte jede Staniza eine eigene Versammlung mit einem Ältesten für ihre örtlichen Belange. „Das war dann doch zuviel des Fortschritts für Peter den Großen.“ So verloren die Kosaken unter seiner Regentschaft eine ihrer wichtigsten Freiheiten, das Recht, Flüchtlinge nicht an die Regierenden ausliefern zu müssen. Was 1707 unter der Leitung von Ataman Kondratij Bulawin zum Aufstand führte, welcher nur unter großen Opfern und Mühen unterdrückt werden konnte.

Nach der Niederlage änderte sich nicht nur die Lage der Kosaken, vielmehr die des Atamans, dessen freie Wahl abgeschafft wurde. „Fortan vergab das Russische Reich diesen Posten.“ Die Selbstverwaltung der Gemeinden blieb zwar erhalten, dennoch setzte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts der bürgerliche Lebensstil durch. „Wobei wir wieder bei der Freiheit wären“, sagt Valerie: „Auch am Don war nicht alles Gold.“ Den Russen gelang es, die Oberschicht der Kosaken für ihre Zwecke zu gewinnen und damit die Entscheidungen des Atamans zu bestimmen. „Die soziodemokratische Ordnung, welche bei uns zwar in den Anfängen keimte, wurde, bevor sie durch die Muttererde brach, nieder getrampelt.“
Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts hatten sich bei den Don-Kosaken zwei Schichten ausgebildet, „zum einen die wohlhabenden, haushälterischen Kosaken, mit festen wirtschaftlichen Positionen.“ Sie waren Handelstreibende und Bauern mit eigenem Landbesitz und gehörten vorwiegend zu den ersten Siedlern des Don-Gebietes. „Sie hatten Reichtum angehäuft und konnten es sich sogar leisten, sich vom Militärdienst freizukaufen.“ Dazu mussten sie lediglich jemanden finden, welcher für sie in den Kampf zog. „Zum anderen“, fährt mein Gesprächspartner fort, „lebten sie als Habenichtse, Diebe und Räuber. Diese Kosaken plünderten Schiffe und Kaufleute. Sie waren die Armen und galten vor allem als Sammelbecken der gesellschaftlich Unzufriedenen.“

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Reiterarmeen dem Russischen Reich unterstellt, was die Autonomie und Rechte der Kosaken weiter einschränkte. Nach und nach integrierte man sie als freie Kavallerieverbände in die russische Armee, wobei man ihnen gleichzeitig wichtige Funktionen untersagte. „Das einzige, was erhalten blieb, war ihr eigener Militärstand. So behielten wir wenigstens unserer Identität.“ Valerie Nikolaijewitsch holt tief Luft, als habe er während seiner gesamten Redezeit das Atmen vergessen und spricht: „Fsjo, genug geredet. Jetzt genehmigen wir uns einen Samogon.“ Er lehnt sich zurück, schiebt die Schublade am unteren Ende seines Schreibtisches auf und kramt eine Flasche Selbstgebrannten hervor. Zwei Gläser aus der Vitrine daneben landen auf dem Tisch, und wir stoßen an auf die Kosaken, Russland und das Leben auf dem Land.

Pedantisch aufgeräumte Pferdeunterkünfte

„Die ethnografische Abteilung besteht in erster Linie aus dem Pferdestall“, beginnt Valerie Nikolaijewitsch seine Ausführungen, als uns der Geruch von frischem Heu entgegen schlägt. „Pferde sind mit der Geschichte der Kosaken eng verbunden.“ Sie waren überlebensnotwenig. Und wieder versetzen wir uns zurück, diesmal ins 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. „Es ist beinah alles so erhalten und rekonstruiert worden, die Einrichtung, Ställe und Werkstätten“, sagt er: „Nur mit dem elektrischen Licht haben wir etwas gemogelt. Das gab es damals noch nicht.“

Rechts befinden sich die Stallungen und zur linken Seite der Halle die Werkstätten und Lagerräume. „Komm hier hinein“, drängt Valerie Nikolaijewitsch. Da hängen sie alle an der Wand, ein Sattel für jedes Pferd, gegenüber die Werkzeuge, pedantisch aufgeräumt und sauber ist der Raum. Kaum zu glauben, dass es sich um eine Pferdeunterkunft handelt. „Neun Angestellte arbeiten hier und jeder muss sich überall zurechtfinden. In diesen Räumen richten wir alles aus, was ein Pferd braucht, vom Gerben des Leders für die Zügelschnüre, über das Anpassen der Sättel bis hin zur Körperpflege der Tiere.“ Dabei schiebt mich Valerie in den nächsten, angrenzenden Raum. „Und das ist eine Tagesration für alle unsere Pferde.“ Er greift in den Haufen Gerste und zerreibt sie zwischen seinen Händen. „Du musst es fühlen“, fordert er mich auf: „Jedes Pferd braucht pro Tag 3,5 Kilo Hafer, 0,5 Kilo Mais, 1 Kilo Gerste, 1 Kilo Kleie und 27 Gramm Salz.“

Zurück an der „Wand der Sättel“, wie Valerie Nikolaijewitsch sie nennt, weist er stolz auf sein bestes Stück: „Das ist nicht irgendein Sattel. Das ist der Sattel, den Sergej Bondartschuk 1989 in seiner Scholochow-Verfilmung ‚Der stille Don’ verwendete. Und bevor du fragst, wie ich dazu komme“, gesteht er „dieser Sattel ist einfach zurück geblieben.“

Neben den Sätteln sind die Namen der Pferde angeschlagen, welche ihn tragen. Jedes Tier besitzt seinen eigenen, für seinen Rücken angepassten Sattel. Und neben jenem bedeutenden Sattel, mit welchem Rupert Everett als Kosak Grigorij im Film auftrat, steht der orientalisch anmutende Name „Buchara“. „Das Filmpferd gibt es nicht mehr, nur den Sattel, nur den Sattel...“

Shetland-Ponys und stolze Hengste der Don-Rasse

Die kleine Reithalle ist leer. Es ist still. Doch hinter den Türen regt sich etwas. „Tretet zurück“, mahnt uns Valerie Nikolaijewitsch: „zurück in die Ecke und kein Blitzlicht verwenden beim Fotografieren. Gleich kommt der Hengst, und der ist wild.“ Der Kronleuchter an der Decke flackert, als eine Tür aufspringt. Wir schrecken auf, treten einen Schritt zurück, nur Valerie Nikolaijewitsch muss lachen. Drei kleine Shetland-Ponys trappeln durch die Halle. „Das sind unsere Jungen“, beginnt er, „drei Monate alt. Bei deren Geburt waren wir dabei.“

Streng achten die Pfleger darauf, dass die Mutter ihre Jungen annimmt. So unterstützen sie ihren Wurf in den ersten zehn Minuten, „danach ist alles klar. Dann kann die Mutter alles weitere allein.“ Die Shetlandjungen haben sich beruhigt und laben sich am Sandhaufen, der an der Wand lagert. „Das fressen sie gern. Wir schimpfen mit ihnen. Doch sie lächeln und dann haben sie Probleme mit dem Magen.“

Als die Ponys zurück in ihren Boxen sind, ist es soweit für den Hengst. Stolz und kraftstrotzend steht er vor uns. „Die Don-Kosaken haben die schönsten und besten Pferde“, betont Valerie Nikolaijewitsch immer wieder. „Was heißt das beste Pferd“ und weist dabei auf den Hengst der Don-Rasse. „Es muss schnell sein, viel ertragen können und schön sein.“ Einst brachten Atamane die Hengste hier in diese Gegend und ließen nur die schönsten und kräftigsten für eine Zucht zu. „Eine Art Volksselektion. Das ist normal in der Pferdezucht.“

300 Jahre waren notwendig, um die Don-Rasse zu schaffen, welche ihre Verbreitung kaum über das Dongebiet hinaus fand. „1814 war die erste Rasse selektiert, als Napoleon in Europa Krieg führte und Ataman Platow konnte als siegreicher Feldherr auf einem Don-Pferd durch Paris reiten.“

Die neuen Pferde Budjonnyjs

„Damit war die Zucht aber noch nicht abgeschlossen“, sagt Valerie Nikolaijewitsch, während er einen weiteren Hengst vorführen lässt. „1923 beschloss Semjon Michailowitsch Budjonnyj, der spätere Marschall der Sowjetunion, eine neue Pferderasse zu züchten.“ Dazu wurden alle geeigneten Stuten der Don-Rasse eingesammelt und zu den sechs, damals existierenden Pferdezüchtereien im Rostover Gebiet überführt. „Budjonnyj kreuzte sie mit der Tschernomor-Rasse, den Pferden der Saporoger Kosaken und englischen Vollblütern.“

Zuchtziel war ein sehr robustes und intelligentes Pferd, welches eine hohe Trittsicherheit auszeichnet, das ganzjährig in der Herde leben kann, sich in unwegsamem Gelände seinen Weg selbst sucht und außerdem über Springqualitäten verfügt. „Das Ergebnis siehst du in diesem Fuchs der Budjonnyj-Rasse, einem Warmblutpferd. Es ist sehr muskulös, der Kopf steht edel und die Mähne ist lang und dünn.“ Offiziell wurde die Budjonnyj-Rasse erst 1948 anerkannt, „obgleich sie bereits im Großen Vaterländischen Krieg zum Einsatz kam“, betont Valerie Nikolaijewitsch.

Der Don, in der Antike als Tanais bezeichnet, 1870 Kilometer lang, entspringt auf dem Mittelrussischen Landrücken und mündet in die Bucht von Taganrog ins Asowsche Meer. Er ist der Fluss der Kosaken. „Der Fluss, der ihnen alles gibt“, erklärt Valerie. „Leben, Nahrung, Friede und Heimat. Den Blick auf das unendlich Scheinende.“

Gemächlich gleitet der Don durch die hufeisenförmige Schlucht. Elegant schwebt der Adler über die Hügel des Steppenlandes und kraftvoll weht die Flagge der Kosaken über dem Areal „лесной кордон.“ „Sie gehört zu uns Kosaken, in den Farben blau als Symbol für den Don, gelb für das Sinnbild der Steppe und rot als das Blut der Ehre“, erläutert der Leiter des Kosakenhofes. „Die Fahne ist aus dem 16. Jahrhundert.“

Valerie Nikolaijewitsch begeistert. Der Zuhörer könnte annehmen, als wünsche er sich jene Zeit, jene Welt, jenes Kosakenleben zurück. „Eigenes Land, eigenes Militär, eigene Flagge und eigene Gemeinschaft. Doch eine eigene Nation wurden die Kosaken nie.“ Es fehlte ihnen an einer gemeinsamen ethnischen Herkunft. „Sie unterschieden sich von den Söldnern durch ihren sozialen Zusammenhalt und ihren besonderen Ehrbegriff.“ Mitte der 90ziger Jahre beteiligten sich die Kosaken deshalb sogar am ersten Tschetschenienkrieg. Sie kämpften als Freiwillige, weil sie ihre Brüder in der Republik Tschetschenien in Gefahr sahen. „Zu viele kamen im Sarg zurück. Am zweiten Krieg haben sie sich aber nicht mehr beteiligt. Fsjo.“

Gibt es sie noch, die „echten Kosaken“?

Bis zu zehn Millionen Kosaken soll es heute geben. Den russischen Kosakenverbänden gehören 740.000 Mann an und circa 600.000 Mann sind mit Grenzsicherungsaufgaben betraut. Allein das Große-Don-Heer umfasst 150.000 Mann. Nach der letzten Volkszählung im Jahr 2003 bezeichneten sich allerdings lediglich 140.000 Menschen als Kosaken. „Der Alltag hat sich verändert“, gesteht Valerie Nikolaijewitsch. „Sie haben zwar auf ihren Höfen noch ein paar Pferde, doch besonders im Rostower Gebiet sind die Leute auf das Auto umgestiegen.“ Sie wohnen nicht mehr in ihren Bauernhäusern der Stanizen, sondern flüchten in Stadtwohnungen. „Wie meine Kinder. Sie arbeiten heute in anderen zivilen Berufen. Mein Sohn zum Beispiel seit 18 Jahren als Arzt. Er ist 39 Jahre, lebte drei Jahre in den USA. Er spricht englisch und kommt nur noch mit dem Auto bei mir vorbei. Leben möchte er hier nicht mehr.“

„Gibt es sie noch, die echten Kosaken?“ frage ich. Valerie Nikolaijewitsch schmunzelt: „Ich muss nicht einem Club angehören oder in die Kirche eintreten, um mich als Kosak zu fühlen, als solcher zu leben.“ Nach der politischen Wende lebte eine neue Kosakenbewegung auf. Man betrachtet sich wieder als eigenständiges Volk, welches immer noch zu den Slawen gehört. „Kosak kann man nicht werden, man wird als solcher geboren.“

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