Geomantik-Art aus der EiszeithöhleEURASISCHE SPIRITUALITÄT

Geomantik-Art aus der Eiszeithöhle

Geomantik-Art aus der Eiszeithöhle

Ein sensationeller neuer Fund auf der Schwäbischen Alb hat wieder einmal bestätigt: am geomantischen Höhenpfad der großen Europäischen Wasserscheide lebte das erste Kulturvolk der Welt. Hier hat der moderne Mensch seinen kulturellen Siegeszug begonnen und auch die erdverbundenen Formen einer eurasischen Spiritualität entwickelt.

Von Eberhart Wagenknecht

D ie Entdeckung ist eine Sensation! Sechs Zentimeter klein, 33 Gramm leicht, vor 35.000 bis 40.000 Jahren mit Steinwerkzeugen aus Mammut-Elfenbein geschnitzt: Die „Venus von Schelklingen“. Sie ist die älteste, weltweit entdeckte Menschendarstellung. Gefunden wurde sie im Herbst 2008 in der Karsthöhle „Hohle Fels“, nahe der Stadt Schelklingen. Einzelheiten zu ihrer Entdeckung und ihrer Bedeutung veröffentlichte der Tübinger Archäologe und Grabungsleiter Nicholas Conard vor wenigen Tagen im Wissenschaftsmagazin „Nature“ (Bd. 459, S. 248, 2009).

Schelklingen liegt am Urstromtal der Donau unweit von Ulm im Regierungsbezirk Tübingen. Die Europäische Wasserscheide markiert in diesem Landstrich den uralten Kampf zwischen Rhein und Donau. An der Autobahn A 8 weist bei Hohenstadt ein Schild auf diese Tatsache hin. Unsichtbar zieht sich die trennende Linie der Gewässer durch die Landschaft. Südöstlich von ihr münden alle Bäche und Flüsse in die Donau, nordwestlich dagegen werden sie in den  Neckar geleitet und fließen schließlich in den Rhein.

Nicholas Conard zufolge fand hier im Karst- und Juragebiet der Alb vor 40.000 Jahren „ein immenser kultureller Fortschritt statt“. Das Gebiet am Höhenstrom der Wasserscheide hält er für „ein entscheidendes kulturelles Entwicklungszentrum des Homo sapiens“. Denn auf der Schwäbischen Alb „wurden die bedeutendsten Funde der frühen Eiszeit gemacht. Sie ist heute der Forschungsmittelpunkt für die Anfänge der Menschheitsgeschichte.“

Hier lebte das erste Kulturvolk der Welt

In den vergangenen 150 Jahren wurden in verschiedenen Albhöhlen unzählige Elfenbeinschnitzereien gefunden. Vor zwei Jahren ging die Meldung vom Fund eines 35.000 Jahre alten, ebenfalls zentimeterkleinen Mammuts um die Welt. In einer Alb-Höhle wurde auch das weltweit älteste Musikinstrument entdeckt, eine Flöte aus einem Mammutstoßzahn gefertigt. Das rund 35.000 Jahre alte Instrument war mit großem Aufwand aus massivem Elfenbein geschnitzt worden. Die Tübinger Archäologen haben es in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren gefunden. Es ist eines der drei ältesten bekannten Tonwerkzeuge der Welt. Sie wurden alle drei hier gefunden. Unter anderem auch eine Flöte aus einem Vogelknochen. Damit gilt für die  Wissenschaft als bewiesen, dass Menschen schon in der Eiszeit zum Tanz aufgespielt haben.

Archäologe Conard hält es angesichts all dieser Spuren und Funde durchaus für möglich, dass auf der Schwäbischen Alb das erste Kulturvolk der Welt gelebt hat. Auf jeden Fall seien von der Alb wesentliche Impulse für die Entwicklung der Musik und der figürlichen Kunst für die Menschheit ausgegangen. Bei der Vorstellung der „Venus von Schelklingen“ schwärmte der Wissenschaftler: „Dieses Stück ist mit Energie geladen“.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Figur als Anhänger getragen wurde. Die Statue habe „überdimensionierte Brüste“, ein ausgeprägtes Gesäß und deutlich hervorgehobene Geschlechtsteile - ohne Zweifel seien die Geschlechtsmerkmale der Figur wie das auffallend große Schamdreieck und die Vulva „bewusst übertrieben“ worden, sagt Conard.

Die Beine der Frauengestalt sind kurz und spitz. Auf den Schultern befindet sich anstelle eines Kopfes ein geschnitzter Ring. Viele kleine Linien im Elfenbein deuten außerdem eine Art Kleid oder einen Schurz an. Selbst der Bauchnabel ist deutlich erkennbar. Die Figur erinnert die Wissenschaftler an die in Österreich gefundene „Venus von Willendorf“, die mit einem Alter von 28.000 Jahren aber um 7000 Jahre jünger ist.

Fruchtbarkeitssymbol, Schamanenkult, Männerphantasien

Bei der Deutung der Venus ist Conard vorsichtig. Die Betonung von Brüsten und Vulva verweise auf Fruchtbarkeit, Geburt, Fortpflanzung, vielleicht auch auf Männerphantasien. Möglich sei eine Verbindung zum Schamanismus, die durch ebenfalls in den Karsthöhlen der Alb gefundene Mensch-Tier-Wesen nahe gelegt wird Es könnte sich um eine Frau auf der Reise in die Geisterwelt handeln, um die Fruchtbarkeit zu garantieren.

In dem Erzählband „Eiszeitjäger auf der Schwäbischen Alb“ des Autors Jürgen Werner wird deutlich, welche Bedeutung Fruchtbarkeit und Anzahl der Menschen eines Jäger-Clans für die damals lebenden frühen Bewohner der Alb hatten. Sank die Kopfzahl unter 30 bis 20 Menschen ab, konnte z. B. nicht mehr effektiv gejagt werden, Nahrungsknappheit aber bedeutete den Tod. (Siehe Interview und Buchbesprechung in dieser Ausgabe).

„Die Weltöffentlichkeit schaut fasziniert auf die Region, in der die bisher älteste Figur eines Menschen gefunden worden ist“, sagt der Leiter der Museumsgesellschaft Schelklingen, Rainer Blumentritt. Er arbeitet mit seiner Organisation daran, dass das Gebiet mit den Fundstätten von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wird.

Hier ist schließlich wirklich Weltkultur entstanden. Der Boden der Karsthöhlen und des geomantischen Höhenpfades Wasserscheide ist auch in späteren Jahrtausenden mit Kultur gedüngt worden. So befinden sich beispielsweise fast alle Kastelle des Alb-Limes der Römer auf der Wasserscheide. Besonders eindrucksvoll ist die Befestigung in Burladingen gelegen. Die Stadt liegt nicht weit von Schelklingen genau auf der Wasserscheide und gehört ebenfalls zum Regierungsbezirk Tübingen. Von hier fließt die Starzel zum Flusssystem des Rheins, die Fehla zum Flusssystem der Donau.

Die Venusschnitzer gelangten donauaufwärts in die Albtäler

Wer waren die Menschen, die soviel Kunstsinn bewiesen, dass sie schon vor 40.000 Jahren Musikinstrumente, Kultfiguren und Anhänger aus Mammut-Elfenbein schnitzten? Sogar ein steinerner Phallus von fast 20 Zentimeter Länge wurde hier schon gefunden. Nach dem Verständnis der Archäologen handelt es sich bei den Fundstücken auf der Schwäbischen Alb um Werke, die der moderne Mensch, der Homo sapiens, geschaffen hat. Er war dem Lauf der Ur-Donau folgend in diese Gegend vorgedrungen. Nach heutiger Kenntnis kamen die Frühmenschen ursprünglich aus Afrika und wanderten in mehreren Wellen nach Norden. Die vielen Höhlen der Alb boten den Jägern vor allem im Winter immer wieder Unterschlupf. 

Der Hohle Fels mit seiner Haupthalle, die 500 Quadratmeter Grundfläche misst, ist eine der größten Höhlen der Alb. 30 Meter lang ist der Gang, der zu dieser Halle führt, einem domgleichen Felsengewölbe. In einem kleineren Raum, der vom Tageslicht mehr ausgefüllt ist, wurden von den Eiszeitjägern die Fleischstücke erlegter Mammuts, Pferde und Steinböcke gelagert und bewacht. Hier fand man einen aus Mammutelfenbein geschnitzten Wasservogel und einen abgebrochenen Pferdekopf. Außerdem eine seltsame Figur, halb Mensch, halb Tier, dem die Archäologen den Namen „Kleiner Löwenmensch“ gegeben haben. Diese Figur ist ebenfalls aus einem Mammut-Stoßzahn  geschnitzt.

Kunst, Gesang und Tanz der Eiszeitjäger

Die Schwäbische Alb birgt archäologische Zeugnisse, die bis in die Altsteinzeit zurück reichen. Die ältesten figürlichen Darstellungen der Menschheit sind kleine Schnitzereien aus Mammutelfenbein und stammen aus dem Lonetal (Vogelherdhöhle) und dem Achtal/Blautal (Geißenklösterle, Hohle Fels) bei Ulm. Sie sind bis zu runden 40.000 Jahren alt. Die Funde sind im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren, dem Ulmer Museum und im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Tübingen zu sehen. Sie stammen aus einer Epoche, die von den Archäologen als „Aurignacien“ bezeichnet wird. In dieser Zeit begann ganz offensichtlich die kulturelle Entwicklung des modernen Menschen und die kulturelle Modernität als solche. Der vordem hier ansässige Neandertaler befand sich allenthalben auf dem Rückzug.

Die modernen Nachfahren des Neandertalers leisteten sich in der existentiell so schwierigen Epoche der Eiszeit Luxusgüter, Elfenbeinkunst und Musikinstrumente. Experimentelle Archäologen haben herausgefunden, dass man etwa 25 bis 50 Arbeitsstunden benötigt, um Figuren wie die von der Schwäbischen Alb mit einer Steinklinge zu schnitzen. Das war Knochenarbeit für lange Winterabende und äußerst anstrengend für die Hände und die Finger der Künstler.

In den Eiszeithöhlen wurde offensichtlich gesungen und getanzt. Dabei dürfte es sich um schamanistische Riten gehandelt haben. Das sind die frühesten bekannten religiösen Formen. Die „Buchreligionen“ waren noch längst nicht erfunden. Es vergingen noch 40.000 Jahre, ehe das Alte Testament, buddhistische Schriften oder gar der Koran etc. auftauchten. „Schamanen versuchten in Trance Transzendenz zu erreichen und sich auch im Jenseits für die Belange der Menschen einzusetzen. Es ist denkbar, dass sie dabei auch um Fruchtbarkeit oder um glückende Geburten baten“, so der Archäologe Conard. Dass die Sexualität hier ebenfalls „eine große Rolle spielt“, ist dem Wissenschaftler zufolge „offensichtlich“. Die Verbindung zu einem Fruchtbarkeitskult läge nahe.

Der Begriff „Venus“ für betont weibliche Figuren sei im Übrigen einfach eine archäologische Tradition und keine inhaltliche Festlegung. – Die „Venus von Schelklingen“ aus dem „Hohle Fels“ ist vom 18. September 2009 an in der großen Landesausstellung in Stuttgart zu bewundern.

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Weitere Quellen zur Eurasischen Spiritualität: EM 10-2008 „Eurasische Spiritualität – vom Heidenpfad zum Heidenschwanz“. EM 04-2009 „Geomantikart von der Wasserscheide“. EM-05-2009 „Strahlen der Seele für ein starkes Leben“.

In Medizin-Welt: „Suche die Nacht auf“ und „Medizin-Welt SPEZIAL,  Heilende Blicke“

Bei www.starkesleben.de und über http://www.geomantikart.de.

Eurasien

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