„Geschichte der Geschwindigkeit“GESEHEN

„Geschichte der Geschwindigkeit“

„Geschichte der Geschwindigkeit“

Ein Film von Joanna Maxellon und Harald Jantschke

Von Juliane Inozemtsev

Der Bus kommt: Onkel Antonis rollender Tante-Emma-Laden gibt in der „Geschichte der Geschwindigkeit“ das Tempo vor.  
Der Bus kommt: Onkel Antonis rollender Tante-Emma-Laden gibt in der „Geschichte der Geschwindigkeit“ das Tempo vor.  

E s ist vor allem Onkel Antonis rollender Tante-Emma-Laden, der in der „Geschichte der Geschwindigkeit“ das Tempo vorgibt. Der betagte Bus tuckert pflichtschuldig durch sommerliche polnische Landschaften und versorgt die Menschen in den entlegenen Dörfern mit allem Notwendigen: Sprudel mit Orangengeschmack, frisches Obst, Zigaretten, Toilettenpapier und Fliegenklatschen aus Plastik. Die Menschen erwarten den Bus wie einen guten alten Bekannten. Sie wissen: Bei Antoni kann man auch mal anschreiben lassen.

Die junge Sprecherin im Film stellt sich gleich zu Beginn als Antonis Nichte vor. Sie komme einmal im Jahr in ihre Heimat Polen, um ihrem Onkel beim Verkauf zur Hand zu gehen, erzählt sie. Und es scheint, als würden die Menschen im und um den Bus deshalb besonders leicht Vertrauen zu ihr fassen. Manch einer ist zu einem Späßchen aufgelegt oder erzählt einen Schwank aus seinem Leben.

Die Mischung aus Dokumentation und Fiktion macht seinen Charme aus

Wenn man jedoch erfährt, dass es in Wirklichkeit eine fiktive Ich-Erzählerin ist, kommt zunächst Enttäuschung auf. Es hätte einfach so gut gepasst! Aber gerade dieses Gefühl ist bei näherer Betrachtung ein großes Kompliment an den Film, der von Anfang bis Ende glaubwürdig wirkt. Die eigenwillige, nicht immer leicht zu durchschauende Mischung aus Dokumentation und Fiktion macht dabei seinen Charme aus.
 
Alle Menschen im Film, mit Ausnahme der deutschen Gräfin von Massow, erzählen ihre persönlichen Geschichten auf Polnisch, wobei stets deutsche Untertitel eingeblendet sind. Auch dadurch wirken die vielen einzelnen Episoden authentisch – selbst wenn sie noch so skurril sind.

Besonders skurril: Ein leerer Friedhof, gebaut mit EU-Fördergeldern

Die Fahrt führt den Bus immer wieder in ganz kleine, fast schon vergessene Dörfer wie zum Beispiel Przechiewo oder Swierzno.  
Die Fahrt führt den Bus immer wieder in ganz kleine, fast schon vergessene Dörfer wie zum Beispiel Przechiewo oder Swierzno.  

So kommt der Bus unter anderem an einem riesigen, leeren Friedhof mit unzähligen Parkplätzen vorbei. Dieser wurde auf Beschluss von 76 Dorfbewohnern mit den zur Verfügung stehenden EU-Fördergeldern gebaut.

„Selbst wenn jede Familie in zehn Jahren sieben Kinder bekommt und diese gründen alle mit 17 eine eigene Familie und haben dann auch wieder sieben bis 12 Kinder, und dann lebt keiner länger als 39 Jahre, braucht man allein 850 Jahre, um den Friedhof halb voll zu machen. Und nur in dem Fall, dass alle 50 Jahre eine Seuche ausbricht und drei Viertel der Bevölkerung plötzlich stirbt.“

Diesen Friedhof gibt es wirklich und das zeigt: Die besten Geschichten – seien sie komisch oder tragisch oder beides – schreibt tatsächlich das Leben selbst. Die beiden Filmemacher Joanna Maxellon und Harald Jantschke waren sensibel genug, diese zu bemerken und nicht nur unaufdringlich, sondern oft geradezu liebevoll mit der Kamera einzufangen.

Die Fahrt führt den Bus immer wieder in ganz kleine, fast schon vergessene Dörfer wie zum Beispiel Swierzno, wo gerade einmal zwei Familien, bestehend aus vier Personen, leben.

„Ein Denkmal hilft den Menschen sich zu erinnern - das einzige Problem ist, dass sich jeder an etwas anderes erinnern will.“

Geschichte der Geschwindigkeit: die DVD zum Film.  
Geschichte der Geschwindig-keit: die DVD zum Film.  

Aber auf der Route liegt auch das größere Städtchen Miastko. Die Hauptattraktion dort ist ein altes kleines Flugzeug auf einem Betonsockel. Es heißt, der einzige polnische Kosmonaut Miroslaw Hermaszewski habe es einst der Stadt geschenkt. Wie es dazu kam, darüber hat jeder Einwohner seine ganz eigenen Ansichten. Eine Frau glaubt, als Hermaszewski zu Ohren gekommen sei, dass Miastko die einzige Stadt in Polen ohne Denkmal sei, habe ihm das so leid getan, dass er den Bürgern spontan sein Flugzeug schenkte. Ein Mann hat hingegen gehört, der Kosmonaut habe eines Abends ein Gläschen zu viel geleert und  deshalb mit dem Zug nach Hause fahren müssen. Später habe er sein Flugzeug einfach nicht mehr abgeholt.
„Ein Denkmal hilft den Menschen sich zu erinnern“, heißt es etwas später im Film. „Das einzige Problem ist, dass sich jeder an etwas anderes erinnern will.“ Das Flugzeug ist jedenfalls fortan in Miastko geblieben und heutzutage klettern vor allem die jüngeren Söhne der Stadt in seinem Bauch und auf den Tragflächen herum. Der Bürgermeister pocht auch nicht etwa auf Denkmalschutz, sondern sieht es ganz gelassen.

Die Poesie der Bilder verlangt nach Muße

Wenn die Filmhandlung Fahrt aufnimmt, zeigt sich das immer auch an der Musik, die dann zum Teil hart mit den sanften Bildern kontrastiert. Sobald die Handlung wieder langsamer wird, ist es, als würde Onkel Antonis Bus im Leerlauf über die Feldwege rollen. Dabei bemerkt man, dass das an Action gewöhnte Auge bereits irritiert ist, wenn die Kamera mehr als zehn Sekunden auf einer Sandwolke ruht, die langsam zwischen Birken aufsteigt, sich verwirbelt und schließlich verfliegt. Die Poesie dieser Bilder eröffnet sich dem Betrachter jedoch nur, wenn dieser auch die Muße findet, sich darauf einzulassen.

*

Der Film lief bereits auf einigen Dokumentarfilmfestivals. Die DVD von 2007 (Spielzeit ca. 80 Minuten) kann direkt bei der Filmemacherin Joanna Maxellon für 25,- Euro bestellt werden. E-mail: jmaxellon@yahoo.de.

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