Gesungene Glasnost: Russische „Tschastuschki“ über alte und neue KrisenRUSSLAND

Gesungene Glasnost: Russische „Tschastuschki“ über alte und neue Krisen

Gesungene Glasnost: Russische „Tschastuschki“ über alte und neue Krisen

Die russische Volksseele macht sich seit Jahrhunderten in Liedchen Luft, die lediglich Twitter- oder SMS-Länge haben. Sie haben Zar und Stalin überdauert und sind noch immer saftig, deftig – einfach schön.

Von Wolf Oschlies

Dr. Andrea Schmitz  
Illustrationen zu einem Sammelband mit Tschastuschki  

N ur Wodka und Tschastuschki sind urrussische Erfindungen, sagen Russen. Aber das stimmt nicht ganz, denn Wodka („Wässerchen“) hat zwar einen erzrussischen Namen, aber ihn brennt inzwischen die ganze Welt. Jedoch Tschastuschki bleiben russischer Alleinbesitz - vor über 200 Jahren aufgekommene Liedchen, wissenschaftlich definiert als „Produkt oraler Volkspoesie, meist aus zwei oder vier Reimen gefügt, lyrisch, aufrührerisch oder scherzhaft im Inhalt und in charakteristischer Weise gesungen“.

Mit deutschen „Schnaderhüpferln“ wurden sie verglichen, aber das trifft’s nicht ganz: Ob Russen fröhlich auf einer Hochzeit feiern, würdevoll Jubiläen begehen oder frierend an einer Bushaltestelle bibbern – meist kommt eine Harmonika dazu, die zu Tschastuschki-Singen animiert. So volkstümlich die Tschastuschki sind - ihre Benennung ist ein Kunstprodukt, erdacht und in die Literatur eingeführt von dem Schriftsteller Gleb Iwanowitsch Uspenskij (1843-1902), einem Bewunderer des russischen Landlebens. Die Etymologie der Benennung ist völlig unklar: Tschastuschki sind abgeleitet von „tschasto“ (oft), „tschastik“ (Teilchen), „tschastyj“ (dicht) oder was sonst noch als Erklärung angeführt wurde - ohne ganz zu überzeugen.

Tschastuschki als russische Chronik

Sollte eines Tages herauskommen, dass Tschastuschki ihren Namen von dem Adjektiv „tschastnyj“ haben, was besonders, spezifisch, privat heißt, dann wäre das nicht verwunderlich. Das Aufkommen der Tschastuschki fiel zeitlich zusammen mit der Aufhebung der Leibeigenschaft, die der „Reform-Zar“ Aleksandr II. 1861 verfügte. Die Bauern wurden zwar nicht richtig frei, fielen vielmehr oft in die „Schuldenfalle“ von Unternehmern und Kaufleuten, aber sie fühlten sich frei und artikulierten ihre spezifische Weltsicht in den vierzeiligen Tschastuschki.

Ganz im SinneTeophil du Mersans, des großen Sammlers und Herausgebers französischer Liedfolklore, ist die russische Tschastuschka (Singular) eine „chanson rustique“, ein Dorflied, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum populären Gegenstück lyrischer Lieder wurde. Bereits Uspenskij hat die Tschastuschki als wichtigstes Material zur Ekundung des russischen Landlebens bezeichnet, denn sie bezogen ihre Themen aus dem Alltag, und der verhieß nur Armut, Fronarbeit, Unwissen – selbst die städtischen Tschastuschki waren nur eine Variante der ländlichen, die aus der Dorfperspektive die große Welt kommentierten.  Auffallend viele galten dem russischen Übel, der langen Wehrpflicht, was dann so klang: „Ach, glaubt niemandem ein Wort/ schön sei’s Leben der Solda¬en/ vier, fünf Jährchen war ich dort/ und kann keinem dazu raten“.

„Gebt, ach gebt mir die Muskete, und ein graues Pferd dabei“

Das 20. Jahrhundert begann mit dem verlustreichen Russisch-Japanischen Krieg 1904/05, dem 1914 der Erste Weltkrieg folgte. Kriege und Kriegsherren, Siege und Niederlagen, alles besangen die Tschastuschki, deren eine sogar in Kriegsgeschichten Eingang fand: „Lebt wohl, ihr Brüder und ihr Vettern/ scharf sind der Deutschen Bajonette/ jagen uns durch die Karpaten/ tot sind viele Kameraden“. Überhaupt spielen Deutsche eine große Rolle in den Tschastuschki: „An der Grenze auf die Deutschen/ hat mein Liebster scharf geschossen/ und zuletzt fürs heil’ge Russland/ noch sein heißes Blut vergossen“. Oder heroischer: „Gebt, ach gebt mir die Muskete/ und ein graues Pferd dabei/ dass ich Kaiser Wilhelm töte/ dann ist der Krieg sofort vorbei“.

Ganz ähnlich wurde das Kriegsende besungen: „Durch Deutschland, das verfluchte/ tobt die Revolution/ und Wilhelm der verruchte/ floh nach Holland schon“. In Russland endete der Krieg 1917 mit der bolschewistischen Revolution, der ein langer und blutiger Bürgerkrieg folgte. Natürlich gab es auch dazu eine Vielzahl von Tschastuschki, die aber zumeist sehr simpel, fast schon inhaltslos ausfielen: „Der Dampfer fährt/ entlang den Küsten/ wir geh’n zur Front/ zu Kommunisten“. Und als nach Jahren der Kämpfe feststand, wer gesiegt hatte, da wurden die „offiziellen“ Tschastuschki primitiv und kitschig: „Alle danken dir, o Lenin/ denn das hast du gut gemacht/ und durch dich wir alle geh’n hin/ zu der lieben Sowjetmacht“.

Tschastuschki und „Tschastuschki“

Die Bolschewiken bemächtigten sich der Tschastuschka und ließen sie „Errungenschaften“ besingen: Land für die Bauern, Elektrifizierung, Alphabetisierungskurse etc. Aber Tschastuschki eignen sich nicht für kommunistischen „Agitprop“, erklärte1968  Jurij Burtin (1932-2000), einer der Gründungsväter der sowjetischen Dissidentenszene. Sein Büchlein „Über Tschastuschkis“ ist eine geistvolle und listige Abrechnung mit parteilichen Versuchen, dieses Volksschaffen in die eigene Botmäßigkeit  zu nehmen. Mit Taschstuschki, sagte Burtin, ist es wie mit politischen Witzen, sie werden mündlich verbreitet, aber nicht gesammelt und veröffentlicht. Was gesammelt und veröffentlicht wird, sind erbärmliche Surrogate, „lackierte Realität“ wie unter Stalin die ganze Literatur einer verlogenen „Konfliktfreiheit“.

Burtin zitierte eine Fülle von Tschastuschki-Studien aus den 1930-er Jahren und urteilte, dass diese Studien den Eindruck vermittelten, das russische Dorf sei „ausschließlich von hirnlosen und gehorsamen Dummschwätzern besiedelt gewesen“.

„Die Macht der Tschastuschki liegt in ihrer Vielzahl“, urteilte souverän Burtin, aber sein Urteil bedeutete kein Votum für Massenproduktion von Partei-konformen Liedchen, wie sie in den 1930-er Jahren inflationär ablief. Hunderte Sammelbände mit neuen Tschastuschki erschienen, Kongresse und Seminare für „Tschastuschkologen“ wurden abgehalten, Pläne für die „Leitung von Massenaktivitäten des Tschastuschki-Singens“ erlassen etc. Diese Hysterie brachte den Dichter Viktor Bokov (1914-2009), einer der besten Kenner und fleißigsten Sammler von Tschastuschki, 1939 auf die Barrikaden. Er fand, die ungezählten Sammelbände seien durchweg wertlos, weil sie nur „Tschastuschki-Falsifikate“ enthielten, seichtes Geschwätz über aktuelle politische Themen, das nichts mit Geist und Form echter Tschastuschki gemein hätte. Knapp 30 Jahre später redete Jurij Burtin Tacheles: Es gibt russische Tschastuschki und deren verabscheuungswürdiges Gegenstück, die „sowjetischen Tschastuschki“, die so schlecht sind, dass sie den Bestand dieses so urrussischen Volkskunst-Genre bedrohen könnten.

„Da Kirov nicht lebt - stirbt hoffentlich Stalin“

Tatsächlich hat diese Gefahr nie bestanden. Bokov, Burtin und andere Sachkenner durften nicht sagen, was sie wussten – dass die Tschastuschka auch in den 1930-er Jahren nicht ihre alte Souveränität verloren hatte. Die veröffentlichten und propagierten „Tschastuschki“ hatten mit echten vergleichsweise so viel zu tun wie ein Leitartikel der „Prawda“ mit echtem und vollsaftigem Russisch. Diese wunderbare Diskrepanz zwischen rotem Ramsch und russischem Esprit hat der berühmte Folklorist Vladimir Bachtin (1923-2001) mir einmal in einem Gespräch an vielen Beispielen demonstriert. Anfangs klang es noch halbwegs harmlos:

„Ich kann als schönes Mädchen/ in roten Stiefeln geh’n/ ich kenne keinen Stalin/ und will ihn auch nicht seh’n“. Mit dem inszenierten Mord an dem Leningrader Parteichef Kirov begann Mitte der 1930-er Jahre Stalins gnadenloser Terror, den die Tschastuschka so kommentierte: „Das Flugzeug schwebt/ hoch überm Tal hin/ da Kirov nicht lebt/ stirbt hoffentlich Stalin“.

Stalin starb noch nicht, er ließ massenhaft sterben, etwa in seinen Todeslagern jenseits des Polarkreises, deren Namen die Tschastuschki kannten: „Ach Kolyma, ach wir Sünder/ auch wenn unter uns ein Frommer/ Monde zwölf ist dorten Winter/ und was übrig bleibt, ist Sommer“. Eine „Atempause“ verschaffte der Zweite Weltkrieg – die Tschastuschki wurden ehrlicher, unideologischer, ernster und humaner: „Auf der Brust des Liebsten/ glänzt ein Orden schön/ dafür kann er leider/ nur an Krücken geh’n“. Oder: „Uns trennten nicht die Leute/ uns schuf der Krieg nur Pein/ tot ist mein Liebster heute/ und ich blieb allein“.

Tschastuschki, nicht ganz jugendfrei

„Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhab’ne in den Staub zu zieh’n“, wusste schon Schiller. Was war in der jüngeren Weltgeschichte „erhabener“ als die Figur Stalins, was „strahlender“ als die Fassade seiner Herrschaft? Hat sich der respektlose russische Volksmund das gefallen lassen? Bachtin hat als erster auf etwas aufmerksam gemacht, was postsowjetische Publikationen in epischer Breite enthalten – die drastische Sprache und die erotischen Anspielungen, derer sich die Tschastuschki bedienten, wenn sie die „glorreiche Sowjetmacht“ verhöhnten. Ich bitte um Nachsicht für die folgenden Zitate, aber sie sind unerlässlich, zudem noch „zahm“ übersetzt, wie dieses aus der Frühzeit:

„Lenin reitet auf dem Schwein/ Trotzki schlägt schon Haken/ Kommissare schießen drein/ denn sie fürchten die Kosaken“. Ähnlich eine Tschastuschka über den Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow (1894-1971), der die ganze kommunistische Welt mit seiner Mais-Kampagne verrückt machte, worauf das Liedchen anspielte: „Chruschtschow heiraten? Gewiss!/ Aber eines fürcht’ ich bloß/ dass er hat statt einem Penis/ nur Maiskolben in der Hos’“

Ein Lied, das Sowjetpropaganda verhohnepiepelt: „Mein Liebster hat drei Bretter/ mit seinem Pimmel glatt zerschmettert/ seht, so steiget Tag und Nacht/ des Sowjetvolkes Kraft und Macht“. Und ein letztes, das in Moskau, wo ich es aufschnappte, unter dem Titel „Sommerzeit“ im Umlauf war: „Das geht sicher schief, ich wette/ hier auf unserm Sowjet-Globus/ früher stand der Schwanz im Bette/ heute steht er erst im O-Bus“
.
Je (relativ) erträglicher die Zeiten, desto harmlos-witziger die Tschastuschki, die, so eine Beobachtung von Burtin, deren lakonische Stilisierung mitunter die Höhen von Nonsens-Komik erreichten, d. h. ihr komischer Effekt rührte daher, dass ihre zwei Zeilenpaare völlig disparat ausfielen: „Ich schreib’ einen Brief unter Tränen/ für meinen Kummer gibt’s keinen Trost/ ich schicke ihn ab an die Eltern/ mit der sowjetischen Post“. Oder sie machten sich über sowjetische Ikonen wie Jurij Gagarin (1934-1968) lustig, der am 12. April 1961 der „erste Mann im Weltraum“ war. Über ihn spöttelte eine Taschastuschka, die mein absoluter Favorit ist: „Wir sind stolz, dass der Gagarin/ nicht entstammte den Tataren/ kein Usbeke, kein Tunguse/ er ist unser, ist ein Russe!“

Kurz darauf durften Hunderttausende Juden aus der Sowjetunion ausreisen, wozu die Tschastuschka beobachtete: „In der Jungfer Brüsten/ tobt ein schmerzlich Zieh’n/ weil die Traktoristen/ nach Israel entflieh’n“. Man konnte aus Tschastuschki eine ganze Geschichte der Sowjetunion rekonstruieren, was 1991 die Moskauer Illustrierte „Ogonjok“ (Feuerchen) tat, um abschließend bewundernd zu resümieren: „Siebzig Jahre hat dieses volkstümliche Lied sein eigenes Leben gelebt und sich den offiziellen Lügen widersetzt. Das einfache Wortgewebe der Tschastuschki erwies sich als solider als jene Wahrheiten, die so lange als ewig ausgegeben wurden“.

Tschastuschki in postsowjetischen Zeiten

Vor knapp zwanzig Jahren zerbrach die Sowjetunion, aber Tschastuschki sind unzerbrechlich. Nur ihr konspiratives Flair ging flöten, jetzt kann auch mancher „poschljak“ (Quatschkopf) Tschastuschki erdenken, die eine Vergewaltigung des Genres im Dienste abgestandenster Propaganda sind. Im Februar 2004 schrieb beispielsweise die Zeitung „Sovetskaja Rossija“ (Sowjet-Russland), die es tatsächlich noch gibt, unter Stabführung ihres altsowjetischen Propagandisten Aleksandr Bobrov (geboren 1944) einen Wettbewerb für Tschastuschki über aktuelle russische Verhältnisse und Politiker aus. Das Ergebnis klang, als wollte jemand in der Melodie und im Stil von Kirchenliedern den Satan preisen – was „handwerklich“ natürlich möglich ist, aber daran scheitert, dass die rechte Andacht fehlt. Die war nicht präsent bei Pseudo-Tschastuschki wie dieser: „Die Frage ist doch interessant/ für Politik in unsrer Zone/ wie viele Chefs sind von Verstand/ und wie viele Chefs sind ohne?“ Oder noch direkter die hier: „Putin gab als Präsident/ Jelzin höchsten Ordenlohn/ denn der brachte an ihr End’/ unsere Sowjetunion“.

Das Erfolgsgeheimnis der Tschastuschki liegt in ihrer formalen Beständigkeit in Kombination mit unbegrenzter inhaltlicher Wandlungsfähigkeit. Niemand sollte diese als Manipulierbarkeit verstehen, denn die Tschastuschka entscheidet selber, welches Thema sie wie aufgreift. Tschastuschki im amtlichen Auftrag sind ein Unding – Tschastuschki, die Amtsträger und amtliche Politik rasch „notlanden“ lassen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Unter Boris Jelzin (1931-2007) bekam Russland „Demokratie“ und „Marktwirtschaft“, die zumeist nur Karikaturen dessen waren, was sie hätten sein können und müssen. In Anklang an „Neureiche“ wurden die Profiteure dieser Neuerungen „neue Russen“ genannt und in Witzen verhöhnt, auch in Tschastuschki: „Tollen Macker aufgerissen/ neuer Russe, wirklich edel/ Luxus pur, nichts zu vermissen/ doch drei Kugeln in dem Schädel“. Oder eine über neue „Demokraten“: „Ein Abgeordneter sich quält/ weil es ihm am Gelde fehlt/ bald bewegt er sich per pedes/ statt im dritten Prunk-Mercedes“.

Moskau, heißt es, ist vermutlich die teuerste Stadt der Welt, auch eine russische „Boom-city“. Aber was nutzt das der Masse der Russen? Unter Putin hat Russland zwar sein Wirtschaftspotential um 65 Prozent gesteigert, aber das ist immer noch die zweitschlechteste Rate unter allen ex-sowjetischen Nachfolgestaaten. Die Menschen wissen um ihre Lage, Tschastuschkis sprechen die allgemeine Chancenlosigkeit drastisch aus: „Die Mieten stiegen, es fielen die Renten/ alles wird teurer, wein’ Tränen zum Trost/ und beschwere dich beim Präsidenten/ oder besser noch: bei Väterchen Frost“.

Neueste „Krisen-Tschastuschki“

Ende 2007 kamen die Russen im Zuge des Machtwechsels von Putin zu Medwedjew in Wahlstress, dessen einziges Ventil Tschastuschki waren. Monatelang war das Singspiel „Wahltag“ ein Hit, in dem die Gruppe „Unglücksfall“ eine schmissig-erotische  Tschastuschka über Putin sang, die lieber unübersetzt bleibt – von den noch deftigeren der Gruppe „Gazastreifen“ ganz zu schweigen.

Dann kam Medwedjew, dem die „Singenden Bärte“ per höhnischer Tschastuschka bescheinigten, dass er nur für „russische Babuschkas beim Schlangestehen ein Held“ sein und demnächst seinem Vorgänger Platz machen werde.

Schließlich wurde Russland schwer gebeutelt von der globalen Finanzkrise, die eine Hausse an Tschastuschkis auslöste. Mitte Dezember 2008 veröffentlichte die populäre und auflagenstarke „Komsomol’skaja Pravda“ hundert „fröhliche Antikrisen-Tschastuschki“ und bat die Leser, weitere einzuschicken. Die besten sollten mit 3.000 Rubel, umgerechnet 89 Euro, prämiert werden. Da ist der Rubel ganz schön gerollt, denn 2009 hat die „Komsomolka“, wie sie allgemein genannt wird, allwöchentlich die fünf „besten Antikrisen-Tschastuschki“ publiziert, und die waren wirklich gut.

Aber das muss erläutert werden: „Wallstreet kaputt, Finanzwelt zittert, alles öde – Krise rechts, Krise links, und von vorn die Inflation“, dröhnte grimmig die Rockband „Paranoja“. Ihr Befund mochte ja richtig sein, aber er war nicht russisch, denn wie Russen mit der Krise umgehen, hat verwundert und bewundernd sogar das Russische Staatsfernsehen registriert: „Es gibt immer mehr Tschastuschkis über die Wirtschaftskrise - verständlich. Wenn’s ums Überleben geht, soll man das Horrorwort Krise in Reime fassen und gemeinsam auslachen“. Genau das taten Russen, denen Krisenangst wohl fremd ist.

„Wer noch niemals was geschafft/ dem kann’s auch nie schlechter gehen“.

„Amis fighten, Deutsche flennen/ weil die Aktien abwärts rennen/ Russen nehmen noch 'n Trunk/ auf die zehnte Teuerung“, haben Dmitrij und Larisa Targunakov aus Krasnojarsk in der „Komsomolskaja Pravda“ erklärt und damit den russischen Dreiklang im Krisenmanagement getroffen. Erstens sind Russen aus schlechter Erfahrung krisenfest: „Ich bin ein Büffel, bin ein Pferd/ bin eine Oma hinterm Mond/ keinen Blick die Krise wert/ wir sind Schlimmeres gewohnt“. Zweitens haben Russen russische Hausmittelchen: „Zum Teufel der Finanzenkram/ der die Welt färbt grau und grauer/ uns hilft der Wodka, hundert Gramm/ als Rettung vor der Krisentrauer“. Und schließlich können nur Russen etwas Gutes am ganzen Schlamassel entdecken, etwa privat: „Dass die Wirtschaft stockend läuft/ kann nur Freude mir bereiten/ weil mein Liebster wen’ger säuft/ und will fremde Weiber meiden“. Oder politisch und geballt schadenfroh:  „Die Krise soll sich nur erweitern/ und noch warten mit der Wende/ bis die Oligarchen scheitern/ bis sie alle sind am Ende“. Wenn die Schmarotzer von Jelzins und Putins „Privatisierungen“ Federn lassen, kann’s Russen nur freuen.

Die ansonsten nichts zu lachen haben: Russlands Wirtschaft stöhnt unter 12-prozentiger Inflation, dem Preisverfall für Öl und Gas, die 2008 knapp 70 Prozent des russischen Exports ausmachten, und Milliardenlasten für die Einfuhr von Nahrungsmitteln. Seine Armee ist kaum mehr als ein Museum veralteter sowjetischer Wehrtechnik, seine Industrie größtenteils ein Schrotthaufen. Seine Bevölkerung, derzeit 141 Millionen, sinkt rapide und wird sich bis 2050 halbieren – lasst den Russenkiller Wodka nur machen, der derzeit schon 30 Prozent aller männlichen und 15 aller weiblichen Todesfälle verantwortet. Die Lebenserwartung russischer Männer liegt bei unter 60 Jahren – Russen haben hausgemachte Sorgen übergenug, an denen globale Probleme abprallen: „Perestrojka überlebt/ Schießerei und Kommunismus/ vor der Krise niemand bebt/ uns bleibt doch der Optimismus“. Oder russischer und deftiger: „Uns nimmt die Krise keine Kraft/ passt nur auf, ihr werdet’s sehen/ wer noch niemals was geschafft/ dem kann’s auch nie schlechter gehen“.

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