Goldrausch in Baia MareRUMÄNIEN

Goldrausch in Baia Mare

Ausgerechnet in Rumänien – einem der ärmsten Länder der EU – will ein russisches Unternehmen Gold fördern. Im Abraum eines alten Goldtagewerks im nordrumänischen Baia Mare ist das Edelmetall noch immer zu finden, es soll nun mit Zyanid herausgelaugt werden. Gold verzeichnet wegen der Eurokrise Rekordstände. Doch vor elf Jahren hatte sich in dem Werk ein schwerer Unfall ereignet, als ein Rückhaltebecken brach. Die Giftlauge gelangte damals bis nach Ungarn und Serbien. Die Anwohner haben die Schreckensbilder noch immer vor Augen – nun wehren sie sich.

Von Annett Müller

E in bitterer Geruch liegt über einer Abraumhalde am Rande der nordrumänischen Stadt Baia Mare. Den weichen Boden durchziehen braungefärbte, schwefelhaltige Pfützen – Erbe der jahrzehntelangen Goldförderung in den Bergwerken rund um die Stadt. „Wir haben hier goldene Zeiten erlebt, doch schlussendlich einen hohen Preis dafür gezahlt“, sagt Rentner Aurelian Brancus über die schwermetallhaltigen giftigen Rückstände. Der 77-Jährige kennt den Abfall bestens: Er hat ihn mit produziert, weil er vor der Wende Werkleiter einer staatlichen Goldaufbereitungsanlage in Baia Mare war.

Nach der Wende wurden die Bergwerke in der Gegend dicht gemacht. Für Aurelian Brancus jedoch ging es vorerst in der Branche weiter. Weil die Abraumhalden rund um Baia Mare noch Restgold enthalten, blieben sie für ausländische Investoren interessant. So wie für die australisch-rumänische Goldaufbereitungsfirma „Aurul“, die das Edelmetall mit Zyanid herauslaugte. Brancus war ihr einheimischer Berater. Bis zum Jahr 2000, als bei der Goldproduktion der Damm des Abwasserbeckens brach und sich massenhaft zyanid- und schwermetallhaltiger Schlamm in Flüsse ergoss. Die Giftlauge verteilte sich damals bis nach Ungarn und Serbien. Aus dem Ex-Berater Aurelian Brancus hat der Unfall einen selbsternannten Umweltaktivisten gemacht: „Früher habe ich sorglos mein Gehalt bezogen, jetzt komme ich aus dem Grübeln nicht mehr raus.“

Weitere Informationen zur Giftkatastrophe in Baia Mare
Am 30. Januar 2000 brach nach einem Tauwetter der Damm eines erst frisch gebauten Abwasserbeckens der Goldaufbereitungsanlage von Baia Mare. Rund 100.000 Kubikmeter einer zyanidhaltigen Giftlauge – ein Abfallprodukt bei der Goldproduktion – versickerten auf Feldern umliegender Dörfer, ergossen sich in die nahegelegenen Flüsse Sasar und Lupus und gelangten von dort aus nach Ungarn, Serbien und wieder zurück nach Rumänien. Im ungarischen Teil starben nach Behördenangaben schätzungsweise rund tausend Tonnen Fisch. Hunderttausende Menschen waren zeitweise ohne Trinkwasser.

Das Zyanid hatte sich nach dem Unfall schnell verflüchtigt, doch enthielt die Lauge auch resistente Schwermetalle – Langzeitfolgen sind damit nicht ausgeschlossen. Die australisch-rumänische Goldfirma „Aurul“ hatte das Auffangbecken für die Zyanidabfälle nicht für ein Katastrophenszenario ausgelegt – um Kosten zu sparen.

Nach dem Unfall wurde der Damm verstärkt und ein Reservebecken angelegt. Derzeit baut die Nachfolgefirma Romaltyn Mining eine Kläranlage. Droht das Rückhaltebecken überzulaufen, soll dort überschüssiger Giftschlamm neutralisiert werden, um ihn notfalls in Gewässer abzuleiten. Im kommenden Frühjahr will Romaltyn die Gold-Produktion in Baia Mare wieder aufnehmen – vorausgesetzt die rumänische Bundesumweltbehörde und die Stadt stimmen den Plänen zu.

Weniger als ein Gramm Gold pro Tonne Abraum

Trotz der schweren Umweltkatastrophe durfte die australisch-rumänische Firma weiterarbeiten, selbst um Entschädigungszahlungen kam sie herum. Doch die Auflagen für die hochgiftige Zyanidlaugerei wurden mit den Jahren verschärft – auf Druck von EU-Behörden. Der australische Anteilseigner zog sich zurück und die Goldproduktion wurde eingestellt. Das könnte sich wieder ändern. Denn nun hat sich die russische Firma Romaltyn Mining nahe der Stadt eine Halde ausgesucht. Zwar kommt dort auf eine Tonne Abraum weniger als ein Gramm Gold, doch weil es Millionen Tonnen von Abraum gibt, wittert das Unternehmen ein Millionengeschäft. Schließlich stieg der Preis pro Feinunze im vergangenen Jahrzehnt ums Fünffache und die Finanzkrise beschleunigt den Trend. Wer nicht mehr an den US-Dollar oder den Euro glaubt, greift nun zum Gold. Der Preis für das Edelmetall verzeichnet derzeit immer wieder Rekordstände.

Für den ehemaligen Werksleiter Aurelian Brancus wäre die neue Goldproduktion ein Albtraum. Er hat vor Jahren die Bürgerinitiative „Pro Erinnerung“ gegründet, damit der Zyanid-Unfall und die Gefahren vom „giftigen Gold“ nicht einfach vergessen werden. „Wir dürfen solch ein hochgefährliches Risiko nicht noch einmal auf uns nehmen“, warnt Brancus. Mit Eingaben bei den Aufsichtsbehörden will er nun verhindern, dass die Goldfirma in Baia Mare eine Betriebsgenehmigung bekommt. Ein einfacher Weg wird das nicht. Denn was mit den Abraumhalden geschieht, darüber entscheidet in Rumänien nicht das Umwelt- sondern das Wirtschaftsministerium. Und das sieht in den Halden wahre Goldgruben, erst recht in Krisenzeiten, wo das Land händeringend nach neuen Investoren sucht – selbst solchen, die hochriskante Verfahren wie die Zyanidlaugerei einsetzen. Das Nachbarland Ungarn hat nach dem Unfall von Baia Mara diese Form der Goldgewinnung verboten. Ein ähnliches Verbot wurde auch im rumänischen Parlament diskutiert, doch verschwand der Gesetzentwurf letztlich in einer Schublade.

Staatseinnahmen mit der Goldförderung aufbessern

Dass Rumänien die Zyanidlaugerei verbieten wird, glaubt man im Unternehmen von Romaltyn Mining nicht. Das krisengeschüttelte Land besitzt eine der größten Goldreserven Europas. „Die nicht auszubeuten, wäre äußerst dumm“, meint Firmensprecher Ioan Hudrea. In der Tat könnte Rumänien seine Staatseinnahmen mit der Goldförderung deutlich aufbessern. Hinzu kommt, dass sich der Staat um die Abraumhalden kümmern müsste – fünf gibt es rund um Baia Mare, Hunderte sind es im ganzen Land. Die staatliche Umweltagentur hat sie erst voriges Jahr als „kritische Zonen“ bezeichnet. Um sie regelmäßig zu überwachen, fehle das Personal. Neue Dammbrüche wie einst in Baia Mare sind damit nicht ausgeschlossen. Außerdem müssten die Halden dringend isoliert werden, weil sie seit langem das Grundwasser mit Schwermetallen verseuchen und die Luft verpesten. Doch fehlt im Staatssäckel das entsprechende Geld. Eine vertrackte Lage. Für den Generaldirektor von Romaltyn, Sean Gray, ein Argument mehr: „Wenn man uns hier Gold fördern lässt, werden wir dafür die Halde sanieren“, wirbt er.

Gesiegt hat die Trostlosigkeit

Mit solchen Versprechen buhlt Romaltyn nicht nur um die Gunst des Staates. Der Stadt Baia Mare verspricht die Firma über 150 neue Jobs. Insgesamt will sie in die mehrjährige Goldproduktion rund 65 Millionen Euro investieren – für Sicherheitsmaßnahmen und Steuergelder. Der Profit wird für Romaltyn vermutlich knapp viermal so hoch ausfallen. Das hat den Stadtrat von Baia Mare misstrauisch gemacht. Im vorigen Jahr rief er ein Referendum über die Zyanidlaugerei aus – in einer Stadt, in der sich der Unfall ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Fragt man in Baia Mare nach dem Dammbruch, will keiner solch eine schmerzhafte Erfahrung noch einmal machen. Und dennoch: Nur zwölf Prozent der stimmberechtigten Einwohner kamen überhaupt zum Referendum. Zu wenig, um den Einsatz des hochgiftigen Zyanids in der Stadt verbieten zu können. Gesiegt hat bei der Abstimmung vielmehr die Trostlosigkeit.

Der will Rodica Babut keineswegs erliegen. Die 52-Jährige arbeitet als Bibliothekarin im Dorf Sasar, das in unmittelbarer Nähe des einstigen Unglücksbeckens liegt. „Seit dem Unfall hassen die Leute das Gold, doch sie zeigen es nicht“, sagt Babut. Kein Wunder, in einer Region, die jahrzehntelang vom Tagebau und der Goldproduktion lebte. Über 25.000 Menschen sollen in der Branche einst gearbeitet haben, nach der Wende blieb für die meisten nur die Arbeitslosigkeit. „Viele hoffen, einen Job bei Romaltyn zu finden, deshalb schweigen sie“, meint Babut. Sie kann sich nur zu gut an die verregnete Winternacht vom 30. Januar 2000 erinnern. Fast das gesamte Dorf sei zum Damm gelaufen, um mit Sandsäcken die Giftlauge zu stoppen. „Erst da haben wir gespürt, welche Gefahr in unserer Nachbarschaft lauert. Vorher haben wir das immer verdrängt.“ Damit das nicht wieder passiert, hat Babut nach dem Unfall einen Öko-Club für Kinder gegründet. Sie pflanzt mit ihnen Akazien vor dem Dorf. Sie sollen sie schützen, vor dem giftigen Staub, der vom Unglücksdamm und den anderen Halden herüber weht. Eine kleine Geste, um der Umweltverschmutzung nicht länger tatenlos zuzusehen.

Einsatz von mindestens „2.000 Tonnen Zyanid“

Auf die kleinen Schritte setzt auch der Rentner und Umweltaktivist Aurelian Brancus. Damit er die nicht umsonst macht, hat er eine Umweltorganisation gegründet: „Als einzelner Bürger würde ich von den Behörden gar nicht ernst genommen werden. Seitdem ich einen Stempel auf meinen Beschwerdebriefen habe, läuft es besser.“ Kopfschüttelnd sitzt Brancus vor einem Notizblock und notiert „2.000 Tonnen Zyanid“. Diese Mindestmenge wird Romaltyn in seinem Werk in Baia Mare für die Goldproduktion lagern müssen. Ein unvorstellbarer Bruchteil davon – 140 Milligramm Zyanid – sind für ein Menschenleben bereits tödlich. Was, wenn das Abwasserbecken hält, aber die Zyanidbehälter im Werk zerbrechen, fragt sich Brancus. „Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat uns gelehrt, dass wir gar nicht genügend Phantasie haben, um an alles zu denken.“

Tatsächlich könnte es wegen der hochgefährlichen Ladung für Romaltyn noch eng werden. Neben der Bundesumweltbehörde muss im kommenden Frühjahr auch das Bürgermeisteramt von Baia Mare der Betriebserlaubnis zustimmen. Bislang heißt es von dort, man wolle die Einwilligung verweigern, weil das Risiko einer solchen Anlage zu groß sei. Hält die Stadtverwaltung an dieser Aussage fest, wäre dass das Aus für Romaltyn. Aufatmen könnte Aurelian Brancus aber immer noch nicht. Ohne die Goldproduktion bliebe auch die giftige Halde vorerst unsaniert und würde weiter für schlechte Luft sorgen.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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