Gorbatschow fordert neue Anti-Alkohol-KampagneWODKA

Gorbatschow fordert neue Anti-Alkohol-Kampagne

Nach einem Bericht der russischen Gesellschaftskammer stirbt jeder vierte Russen an den Folgen des übermäßigen Wodka-Konsums.

Von Ulrich Heyden

D a waren selbst die Experten schockiert. Dass in dem großen Land viele Menschen am übermäßigen Wodka-Konsum sterben, war ja bekannt, aber dass jeder vierte Tote – in Zahlen: eine halbe Million Menschen im Jahr – durch die Folgen des Wodka-Konsums sterben, ist nun wissenschaftlich bewiesen. Die hohe Zahl von Alkohol-Toten wurde in einer von der russischen „Gesellschaftskammer“ in Auftrag gegebenen Studie ermittelt. Schon seit Jahren sorgt sich die russische Regierung um die hohe Sterblichkeit im Land. Die Lebenserwartung der russischen Männer liegt bei nur 60 Jahren. Ohne Gastarbeiter würde in Russland mit seinen 142 Millionen Einwohnern gar nichts mehr laufen. Das müssen selbst bekennende Patrioten eingestehen.
           
Um die Alkohol-Plage einzudämmen, setzt sich die Gesellschaftskammer jetzt dafür ein, den Alkoholverkauf in der Nacht zu verbieten, die Alkohol-Steuern zu erhöhen und den Alkohol-Verkauf schrittweise zu verstaatlichen.

18 Liter pro Kopf

In die neue russische Wodka-Debatte schaltete sich auch der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow ein. In einer Fernseh-Talkshow forderte der 78jährige eine neue Anti-Alkohol-Kampagne. „Ein Land, das 18 Liter Alkohol pro Kopf und Jahr produziert, vernichtet sich selbst“, so Gorbatschow, der sich auf Zahlen der Weltgesundheitsorganisation stützte. „Wir vernichten uns selbst und dann werden wir versuchen herauszufinden, wer das Land zerstört und uns betrunken gemacht hat.“ Mit der bissigen Anmerkung wollte der ehemalige Präsident klar stellen, dass nicht er – wie viele Russen meinen – die Sowjetunion zerstört hat, sondern seine politischen Feinde in Russland.

Gorbatschow verteidigte die von ihm in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre angeordnete Anti-Alkohol-Kampagne als im Ansatz völlig richtig. Die Kampagne sei  aber von seinen Gegnern falsch ausgeführt worden. Er sei gar nicht dafür gewesen, die Weinstöcke im Süden des Landes abzuhacken und die Moskauer Spirituosen-Läden zu schließen, erklärte der Ex-Präsident in der Talkshow. Nun will Gorbatschow ein Buch schreiben, indem er nachweisen will, dass die Idee der Anti-Alkohol-Kampagne eigentlich gar nicht von ihm, sondern von Breschnjew stammt.

„Reiner Populismus“

Auch der Duma-Vorsitzende Boris Gryslow plädiert dafür, das staatliche Alkohol-Monopol wieder herzustellen, allerdings mit anderer Begründung. Mit den Einnahmen aus dem Spirituosen-Verkauf könne man dem Staatshaushalt jährlich bis zu neun Milliarden Euro zuführen, frohlockt der Duma-Vorsitzende bei einem Gespräch mit Putin, der den Vorschlag prüfen will. Schon zu Zaren- und Sowjetzeiten habe der Staat – so Gryslow – 30 bzw. 20 Prozent seiner Einnahmen aus dem Alkohol-Verkauf bestritten, behauptete der Duma-Vorsitzende. Diese Behauptung hält der Direktor des Forschungszentrums für die regionalen Spirituosenmärkte, Wadim Drobis, für „reinen Populismus“. In Wirklichkeit hätten zwischen 1971 und 1985 nicht mehr als fünf Prozent der staatlichen Einnahmen aus dem Alkohol-Verkauf gestammt.

Als neuer Staatsmonopolist bei der Alkohol-Produktion käme das Unternehmen Rosspirtprom in Frage, meinte die Nesawisimaja Gaseta. Dieses staatliche Unternehmen kontrolliert schon jetzt 40 Prozent der Produktion von reinem Alkohol.

Verpfuschtes Kontrollprogramm

Putin und Medwedew scheinen – was den Kampf gegen die Volksseuche Nr. 1 betrifft - nicht einer Meinung zu sein. 2006 war – noch unter Putins Präsidentschaft – das Internet-gestützte System EGAIS eingeführt worden, mit dem der Staat die Produktion und den Verkauf von Alkohol landesweit mit Hilfe von Strichcodes, Scannern und dem Internet kontrollieren und die illegale Produktion und den illegalen Import von Spirituosen unterbinden wollte. Doch das System, welches von der Firma „Atlas“ – einem Unternehmen des russischen Geheimdienstes – entwickelt wurde, stürzte immer wieder ab und erfasst wegen Programmfehlern bis heute nur die Produktion von Alkohol, nicht aber den Verkauf.

Fensterreinigungsmittel statt Wodka

Die Einführung des neuen Systems führte 2006 zum landesweiten Zusammenbruch des  Alkohol-Verkaufs. Zwischen Kaliningrad und Wladiwostok konnte man über Wochen weder Wein noch Wodka kaufen. In ihrer Not griffen viele Russen zu Fensterreinigungsmitteln und anderen alkoholhaltigen Flüssigkeiten. Die Zahl der Alkohol-Toten schnellte drastisch in die Höhe.

Präsident Medwedew erklärte vor kurzem, schon bei der Einführung des EGAIS-Systems, sei er „völlig davon überzeugt“ gewesen, „dass das nichts bringt.“ Indirekt kritisierte der russische Präsident damit auch Putin, dessen ehemalige Geheimdienstkollegen bis heute an den EGAIS-Programm-Fehlern tüfteln.

Russland

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