„Graffiti waren damals wie heute Ausdruck von Spannungen – fast alle sind rätselhaft“EXPERTENGESPRÄCH

„Graffiti waren damals wie heute Ausdruck von Spannungen – fast alle sind rätselhaft“

Prof. Angelos Chaniotis im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin uber seine Arbeit beim Aufspuren antiker Graffiti und uber deren Bedeutung fur die Nachwelt. Prof. Chaniotis ist geburtiger Grieche. Er leitet als Direktor das Seminar fur Alte Geschichte der Universität Heidelberg und ist auch deren Prorektor.

Von Hans Wagner

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Prof. Angelos Chaniotis 

Eurasisches Magazin: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Graffiti der Antike zu sammeln?

Angelos Chaniotis: Mein besonderes historisches Interesse gilt der Geschichte des Alltags und der Geschichte der Mentalität von einfachen Leuten. Die beste Quelle hierzu sind die antiken Inschriften. Darunter findet man am ehesten Texte, die unmittelbar die Gedanken der Menschen vermitteln, die also nicht von den Autoren literarischer Texte ausgewählt und gefiltert sind. Seit 1995 bin ich für die Veröffentlichung der Inschriften von Aphrodisias zuständig, und während meiner Untersuchungen stieß ich auf die in Stein eingeritzten Graffiti. Viele hiervon waren bereits von meiner Kollegin Charlotte Roueché gesammelt und besprochen worden.

EM: Wie viele haben Sie inzwischen schon katalogisiert und fotografiert?

Chaniotis: Es sind rund 300 Graffiti gesammelt worden, sowohl Texte als auch Zeichnungen. Aber die Suche geht weiter. In diesem Sommer werde ich mit Dr. Jannis Mylonopoulos, einem Kollegen von der Universität Wien, die auf den Steinplatten eines großen öffentlichen Platzes in Aphrodiasis eingeritzten Graffiti katalogisieren.

EM: Welches ist das originellste Graffito, das Sie bislang entdeckt haben?

Chaniotis: Dabei handelt es sich um ein Schimpfwort, das ich aber aus verständlichen Gründen hier nicht wiedergeben möchte. Obszöne Texte sind immer originell, aber nicht zitierfähig.

EM: Welches gibt die meisten Rätsel auf?

Chaniotis: Fast alle Texte sind rätselhaft. Wenn ich etwa den Text „Ich liebe Apollonios, den Herren“ lese, kann ich nur darüber mutmaßen, welche Art von Liebe gemeint ist. Handelt es sich um einen Schmeichler, der dies im Geschäft seines Herren aufzeichnet, oder spiegelt der Text die Frustration eines homosexuellen Sklaven wider, der sich in seinen Herren verliebt hat? Wir werden es vermutlich nie erfahren.

EM: Was unterscheidet Graffiti unserer Zeit vor allem von denen der Antike?

Chaniotis: Wenig. Graffiti waren damals wie heute vor allem eine Sache der unteren Schichten, der Außenseiter, der für eine Ideologie, eine Mannschaft oder eine Partei Begeisterten. Sie waren keine Sache der Elite, der intellektuellen Oberschicht. Graffiti waren damals wie heute Ausdruck von Spannungen.

EM: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Altertum Geschichte Interview

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