„Grenz-Schikanen“ - warum man Nachbarschaftszwiste nicht übermäßig ernstnehmen sollteTSCHECHIEN-DEUTSCHLAND

„Grenz-Schikanen“ - warum man Nachbarschaftszwiste nicht übermäßig ernstnehmen sollte

Manisch fixiert sind Tschechen auf Deutsche und Deutsches – Deutsche haben für den Nachbarn hinterm Böhmerwald nur weitgehendes Desinteresse übrig, das durch Vorliebe für Pilsner Bier und vage Kenntnis des braven Soldaten Schwejk marginal aufgelockert wird. Grotesk dabei ist, dass alljährlich über anderthalb Millionen Deutsche als Touristen nach Tschechien kommen, was aber ohne nachbarschaftlichen Lerneffekt bleibt. 

Von Wolf Oschlies

P rag“, lästerte vor einhundert Jahren der deutsche Erzähler Gustav Meyrink, „heißt auf Tschechisch Brrrr – Aha! Und genau so sieht es aus“. Was eine witzige Unverschämtheit war, die „zlata Praha“, das goldene Prag, nicht verdient hat. Der Prager Deutsche Meyrink hatte eben schon früh die spezifisch tschechische Abneigung gegen Deutsche zu spüren bekommen, die bis vor kurzem besonders hoch schäumte. Prag behandelt seine deutschen Gäste so, wie es vor zwanzig Jahren tschechische Dissidenten behandelte, wenn die aus dem Exil zurückkehrten: Lasst euer Geld hier und verschwindet möglichst bald wieder!

Und die abweisend schlechten Prager Restaurants – Knödel, Gulasch und muffige Kellner – scheinen diese Weisung zu unterstreichen. Am besten fährt man sofort ins slowakische Bratislava weiter, das Prag an urbaner Schönheit längst überholt hat, zudem durch die Nähe zu Wien ein waches Gespür besitzt, wie man touristische Besucher „pflegt“.

„Wilde Vertreibungen“

In Deutschland wurde nur am Rande wahrgenommen, was in Tschechien hohe Wellen schlug: 2010 war es 65 Jahre her, dass Tschechen in den ersten Nachkriegswochen im Zuge der sogenannten „wilden Vertreibungen“ unglaubliche Verbrechen an Deutschen begingen. Das Massaker von Dobronin war nur eine von zahlreichen Bluttaten, die jetzt von Tschechen aufgedeckt wurden und den über Jahrzehnte gepflegten tschechischen Opfermythos fast zum Einsturz brachten: Wer Böses mit Bösem vergilt, muss selber böse sein! Dass Tschechen derzeit tschechische Filme, Dokumentationen, Bücher, Aufsätze etc. in Serie zur Kenntnis nehmen müssen, in denen damalige tschechische Verbrechen an Deutschen aufgedeckt werden, das verzeihen sie den Deutschen nie. Und sie sinnen auf „odveta“, wie „Vergeltung“ auf Tschechisch heißt.

Es braucht nicht viel, um tschechische Abneigung gegen Deutsche anzustacheln, aber so infantil wie 2009/10 war es noch nie. Wenn man beispielsweise tschechische Krawallmedien wie den Nachrichtenserver „novinky.cz“ liest, dann hat die deutsche Polizei seit Frühjahr 2009 gegen tschechische Autofahrer mobil gemacht. Wo die armen Tschechen sich auf deutschem Territorium zeigen, werden sie sofort angehalten, gnadenlos kontrolliert und gefilzt, bis auf die Unterwäsche ausgezogen, zu Urin- und Speichelproben gezwungen und ähnliche „Schikanen“ mehr.

Andere Saiten aufziehen?

Diese „Übergriffe“ und die Berichte häufen sich besonders im Mai, der Zeit des Kriegsendes 1945, in welcher die Deutschen wohl noch einmal um den Endsieg kämpfen. Ganz allgemein ist das Verhalten der deutschen Polizei ein „beispielloser Verstoß gegen das Schengen-Abkommen“, zu dem Tschechien seit dem 28. März 2008 gehört – klagte im März 2010 der ehemalige Ministerpräsident und Noch-Vorsitzender rechten Bürgerlichen Demokraten (ODS) Mirek Topolanek. Und er drohte: „Das Schikanieren tschechischer Autofahrer muss aufhören“, oder Prag werde andere Saiten aufziehen: Beschwerde tschechischer Europaabgeordneter bei der EU-Kommission, Aidstests bei deutschen Besuchern tschechischer Straßenbordelle und was sonst noch als Revanche denkbare wäre. Innenminister Ivan Langer rief alle Tschechen auf, „polizeiliche Schikane an der Grenze tschechischen Ämtern zu melden“. Und das alles war im Grunde lächerlich, denn die ODS ist die Partei von Valclav Klaus, dem tschechischen Staatspräsidenten und militanten Euroskeptiker, die jetzt in Brüssel EU-Hilfe gegen Deutschland aufbieten wollte.

Nachhilfeunterricht von Außenminister Westerwelle

In Berlin hört man sich die tschechischen Klagen verblüfft an und glaubte lange an einen schlechten Scherz, zumal die Tschechen in ihrem antideutschen Furor vieles völlig durcheinander brachten, beispielswiese die Kompetenzen deutscher Landes- und Bundespolizei. Außenminister Westerwelle erteilte im März 2010 Nachhilfeunterricht: Wenn die Deutschen im Grenzgebiet kontrollieren, dann haben sie dazu jedes Recht und zumeist auch den gegebenen Anlass, etwa „die Abwehr von Drogenhandel“. Sollte es dabei „irgendwelche Schikane“ gegeben haben, werden man gewiss einschreiten, schon um „unseren befreundeten Nachbarn“ nicht zu kränken. Westerwelles Gesprächspartner war Jan Kohout, damals stellvertretender Außenminister, der in seinen Erklärungen Prager Scharfmacher bloßstellte: Im Widerspruch zu Topolaneks und anderer Klagen bekundeten Westerwelle und Kohout übereinstimmend, „dass es zu keiner Verletzung des Schengen-Abkommens kam“.

Ein Griff ins Leere

Prag beschwert sich über „angebliche Schikane“, die Deutschen fühlen sich nicht angesprochen, womit sie recht taten: In Prag amtierte seit Mai 2009 das Übergangskabinett von Jan Fischer, der andere Sorgen als imaginäre Grenzschikanen hatte. Immerhin beauftragte er seinen Innenminister Martin Pecina, doch einmal zu prüfen, was an dem ganzen Geschrei eigentlich dran sei. Der ging ans Werk und griff ins Leere: „Die Deutschen haben das Recht auf Kontrollen, und die Kontrollen stören niemanden. Sie verfahren gegenüber Ausländern und Einheimischen ganz gleich, und das macht den Polen nichts aus, das macht den Österreichern nichts aus. Alle sagen: Na ja, so ist eben die Politik Deutschlands. Wir haben viel mehr Beschwerden über das Verhalten tschechischer Polizisten bei Verkehrskontrollen“.  

Und dann sagte Pecina noch etwas, das bei Tschechen wohl ewige Gültigkeit hat: „Die Situation wird gespannter, weil wir vor Wahlen stehen und jeder sagen möchte: Ich verteidige die Tschechen gegen die Deutschen“. Dann kamen Ende Mai die Wahlen und sie demonstrierten, dass antideutsche Hetze bei Wähler nicht immer und nicht unbedingt verfängt: Die bürgerliche ODS musste massive Verluste hinnehmen und eine Koalition mit neuen Mitte-Rechts-Parteien eingehen, damit ihr neuer Vorsitzender Petr Necas Premier werden konnte.

Autodiebstahl: plus 300 Prozent

Das Problem der „Grenzschikanen“ war damit erledigt, das legitimer Grenzkontrollen bekam neues Gewicht – aus „gegebenem Anlass“: Im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet hat die Kriminalität, vor allem der Autodiebstahl, um 300 Prozent zugenommen, was nahezu ausschließlich auf tschechische Täter zurückgeht – sagte Ende November 2010 Ivan Bilek, stellvertretender Polizeipräsident Tschechiens. Ähnlich äußerte sich Radek John, Innenminister und Chef der kleinen Regierungspartei „Öffentliche Angelegenheiten“ (VV): „Wir werden nicht reagieren, wenn die Deutschen Grenzkontrollen verschärfen, ihnen vielmehr entgegenkommen, weil sie in der Tat ein enormes Wachstum der Kriminalität haben“.

Wie das Entgegenkommen auch aussehen kann, erläuterte Polizeichef Bilek: In Tschechien müssen Autos auch am Tag mit Licht fahren, was deutsche Chauffeure nicht wissen oder vergessen. Tschechische Polizisten wollen da freundliche „pokyny“ (Winke) ausgeben und nicht gleich Strafen verhängen.

Ein bisschen netter bitte!

Jetzt dürfen die Deutschen entgegenkommen. Ende November war Premier Necas zu Besuch bei Bundespräsident Wulff, den er bat, bei der bayerischen und sächsischen Polizei auf mildere Grenzkontrollen hinzuwirken, das sei „für uns eine sehr neuralgische Angelegenheit“. Wulff dürfte sich gewundert, aber nicht abgewinkt haben. Natürlich hat ein Bundespräsident mit Grenzkontrollen nichts zu tun, wohl aber mit den Interessen Deutschlands. Deutschland möchte im Zentrum Prags das Palais Lobkowitz kaufen, in dem seit 1974 die deutsche Botschaft residiert und von dessen Balkon Außenminister Genscher am 30. September 1989 zu DDR-Flüchtlingen den endlos bejubelten Halbsatz sprach: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“

Also, aufgemerkt ihr sächsischen und bayerischen Bull-ezisten! Seid ein bisschen netter zu durchreisenden Tschechen, denn damit tragt ihr zu weitreichender Klimaverbesserung zwischen Deutschen und Tschechen bei. So schwer kann das doch nicht sein, denn schließlich treibt sich auf deutschen Straßen genügend Volk herum, das eure Strenge vielfach nötiger hätte.

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