Haben die Machallas eine Zukunft in der Einparteien-Diktatur Karimows?ALLTAG IN USBEKISTAN

Haben die Machallas eine Zukunft in der Einparteien-Diktatur Karimows?

Haben die Machallas eine Zukunft in der Einparteien-Diktatur Karimows?

Bericht aus dem Innenleben einer ganz eigenen usbekischen Lebensform: der aus dem Mittelalter stammenden Nachbarschaftsgemeinden.

Von Jan Balster

Wovon träumen die Völker, wovon die Menschen“, fragt Batyr und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein Freund Salai lächelt ihm zu und schlägt kraftvoll den Putzhaken in die Wand. Kinder tollen über den Hof. „Batyr, spiel mit uns“, rufen sie. Auf dieser Baustelle fühlen sie sich wohl. Was gibt es dort nicht alles zu entdecken: Pfützen, Schlamm und viele Kinder.

Batyr, der eigentlich Lehrer ist, kommt jeden zweiten oder dritten Tag in die Altstadt. Hier um den Basar von Taschkent herum finden sich Reste des usbekischen Altertums. Es ist ein Wohnviertel, geprägt von exotischen Lehmziegelbauten aus den vergangenen Jahrhunderten. Zwei Meter hohe Mauern schützen die Bewohner vor den neugierigen Blicken der Vorübergehenden. Sie schließen mehrere einstöckige Häuser und deren dazugehörige Höfe ein. Höfe, in denen sich das Leben abspielt, in denen miteinander verwandte und befreundete Menschen, zu den sogenannten Machallas vereint sind. Machallas sind eine ganz besondere Form der gesellschaftlichen Organisation, eine sehr alte, typisch usbekische Form der Nachbarschaftsgemeinde. „Dieser Ort hat alles überlebt“, sagt Batyr: „die frühen Plünderungen seiner Eroberer, Tschingis Khan und die Zeit Timurs des Lahmen, das schreckliche Erdbeben von 1966 und Stalin.“ (Zu Tschingis-Kahn und Timur oder Tamerlan siehe EM 03-03 DIE MONGOLEN und EM 02-03 DIE KURDEN).

300 Machallas zählt die Hauptstadt Taschkent derzeit. Knapp die Hälfte der Bevölkerung, das heißt eine Millionen Menschen, wohnen hier. Die Gemeinden waren immer die Wächter der usbekischen Tradition, der islamischen Sittlichkeit, auf denen der volkstümliche Sozialismus beruht. Während sich das Leben innerhalb der Machallas gemeinsam abspielt, hat es sich nach der Sowjetzeit äußerlich wieder zum alten gekehrt: Frauen tragen traditionelle Gewänder, bodenlang und farbenfroh. Und die Tschai-Chanes, die Teestuben, sind nur für Männer zugelassen.

Fleischerei auf der Straße in Taschkent  
Fleischerei auf der Straße in Taschkent  
Gasse in Taschkent  
Gasse in Taschkent  
   
Teezeit innerhalb der Machallas, außerhalb der Machallas sind Teestuben nur für Männer zugelassen  
Teezeit innerhalb der Machallas, außerhalb der Machallas sind Teestuben nur für Männer zugelassen  
Medrese Kukeldash in Taschkent  
Medrese Kukeldash in Taschkent  

Die Machallas bestehen seit dem Mittelalter

Die Menschen fühlen sich als eine große Familie. Sie unterstützen einander, arbeiten zusammen, wo und wie es ihnen beliebt. „Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben“, meint Assan, ein „weiser Mann“, den sie hier einen „Aksakal“ nennen, das ist türkisch und heißt „weißer Bart“. Batyr bezeichnet den Aksakal Assan als Onkel. Doch eigentlich ist er gar nicht sein Onkel. Er stammt nicht einmal von seiner Familie ab. Dennoch gehört er dazu. Irgendwann hatten sich ihre Urahnen zusammengeschlossen, weil sie das gleiche Gewerbe betrieben. Es gibt Machallas der Klempner, Schmiede, Töpfer usw. Sie bestehen seit dem Mittelalter. Und dank der Wohngemeinschaften konnten die Menschen, die mitten in der Stadt leben, den Kontakt zur Natur nicht verlieren. Jeder Hof hat einen kleinen Obst- und Gemüsegarten, jede Familie hält Ziegen und Geflügel, auch wenn sie nicht mehr das traditionelle Gewerbe ihrer Großväter betreiben. Viele sind heute Beamte, Verkäufer oder Lehrer.

Batyr hat sich abgewendet von seiner Arbeit. Ein Ball, getreten von den Kindern, schnellt über den Hof. Batyr hascht ihm hinterher. Und die Kinder feuern ihn an. Davon gibt es hier viele. Eine Familie hat im Schnitt sechs Kinder, die sich immer unter der Aufsicht der Machallas befinden. Die extrem niedrige Kriminalitätsrate in dem alten Stadtviertel hat hierin ihren Grund. „Durch die Haschar führen wir unsere Jugend an das Arbeitsleben heran“, sagt Batyr: „Wir geben ihnen eine Richtung im Leben.“

Zu Sowjetzeiten hatten auch die Frauen ihre Rechte

Sein Freund Salai, ein Arzt aus Buchara, hat es sich währenddessen auf einer Bank bequem eingerichtet. Eine Tasse, gefüllt mit grünem Tee, dampft auf dem Tisch. Assan, der die ganze Zeit das Treiben aus seiner Werkstatt beobachtet hat, kommt hinzu. Seine Frau bringt ihm ebenfalls einen Tee. „Setz dich zu uns“, sagt er zu ihr. Sie verzieht keine Miene in ihrem Gesicht und hastet in die Waschküche zurück. „So ist das jetzt immer“, verteidigt Assan: „Solange sie den Fremden nicht kennt, gibt sie sich, wie es die islamische Gesellschaft fordert.“ Zu sowjetischen Zeiten war das anders. Da hatten auch die Frauen ihre Rechte. Dafür hat sich seine Mutter geopfert, und seine Frau mußte viele Demütigungen ertragen. „Und das wegen einer Sure“, erklärt Salai: „Dabei ist der Koran eigentlich gar nicht so frauenfeindlich, wie die Bibel beispielsweise.“

Assan erinnert sich noch genau an den 8. März, den Internationalen Frauentag von 1927. 10000 usbekische Frauen legten damals in Taschkent und noch einmal so viele in Samarkand demonstrativ ihre Schleier ab. „Das war eine kühne Tat“, berichtet er: „Ich bin stolz darauf. Stolz auf sie, die beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben.“ Dann verstummt er, verfällt in tiefes Schweigen.

„Er hat viel erlebt“, bestätigt Salai: „Seine Frau konnte er retten. Die Mutter nicht. Sie wurde von einem Verwandten umgebracht.“ Der Koran rechtfertigt die „große Schande.“ Viele Frauen verloren damals ihr Leben. „Den Fortschritt der emanzipierten Frau haben wir den Russen zu verdanken“, erklärt Batyr, der sich inzwischen auch an den Tisch zu einer Tasse Tee gesetzt hat.

Die Bewohner haben sich angepaßt, die fortschrittlichen Seiten der neuen Sowjetgesellschaft mit in ihre Gemeinschaft einbezogen. „Und damals wurde auch einiges in andere Ordnungen übernommen“, ergänzt der Lehrer: „zum Beispiel der Subotnik.“ Eine freiwillige Hilfe beim Bau eines Wohnhauses oder einer Straße, beim Ausheben eines Bewässerungsgrabens oder der Straßenreinigung. Heute nennt sich der Arbeitseinsatz wieder Haschar, doch im Grunde ist es die selbe Sache. Dessen Aufruf und Organisation wird von einem freiwilligen Komitee übernommen, bestehend aus angesehenen Männern. „Zu sowjetischen Zeiten waren noch viele Frauen darunter“, meint der Aksakal Assan.

Der Lehrer Batyr aus Taschkent  
Der Lehrer Batyr aus Taschkent  
Eine Brotbäckerei in Taschkent  
Eine Brotbäckerei in Taschkent  
   
Am Stadtrand von Taschkent  
Am Stadtrand von Taschkent  
Bauarbeiten innerhalb der Machallas  
Bauarbeiten innerhalb der Machallas  
   
Messerschleiferei in Taschkent  
Messerschleiferei in Taschkent  
 

Die Sprecher der Machallas erfüllen in ihrem Viertel die Rolle eines Richters.

Nach Artikel 105 der usbekischen Verfassung haben die Machallas das Recht, über alle Fragen, die in ihre Zuständigkeit fallen, eigenständig zu befinden. Zu ihrem Sprecher wählen die Bewohner, wie seit Jahrhunderten, einen weisen Alten, einen Aksakal. Er erfüllt im Wohnviertel oft die Funktion eines Richters und Mullahs.

Die Nachbarschaftsgemeinden haben auch das Recht, eigene Kandidaten für das Parlament aufzustellen. „Meistens bleibt es aber dabei“, erklärt Salai: Zwar hat sich Präsident Karimow anerkennend geäußert und gesagt, „die Machallas bedeuten Gerechtigkeit!“ Doch „die Realität sieht ganz anders aus. Solche Sätze sind nur heiße Luft“, bestätigen die drei einstimmig. Ihre Kandidaten kämen so gut wie nie ins Parlament. Karimow sei korrupt.

Dank seines klugen Kopfes, seiner organisatorischen Fähigkeiten und nicht zuletzt einiger Personallücken, die im Zusammenhang mit der Kampagne gegen die „Baumwollmafia“ in der usbekischen Sowjetrepublik entstanden waren, sei Islam Karimow in die hohe Hierarchie der alten Parteiriege gekommen. 1964 trat er in die KPDSU ein, damals war er 24 Jahre alt. 1966 begann er für das staatliche Komitee für wirtschaftliche Planung zu arbeiten. Gleichzeitig studierte er Volkswirtschaft in Taschkent, wo er promovierte. 1983 wurde Karimow Finanzminister der Usbekischen SSR. Drei Jahre später war er am Ziel. Er wurde Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates und zugleich Chef des Komitees für wirtschaftliche Planung.

„Karimow hat in unserem Land seine persönliche Diktatur errichtet.“

Am 1. November 1991 wurde die Volksdemokratische Partei Usbekistans, die VDPU gegründet. Die überwiegende Mehrheit des Personals stammte aus dem alten Apparat der KPdSU. Als ausgefuchster Apparatschik kannte Karimow alle Intrigen, die in Moskau florierten. Er wurde Vorsitzender dieser Partei und nahm seine Leute mit in die neue Führung. „Er hat in unserem Land seine persönliche Diktatur errichtet“, meint Assan. Zwei Monate vor der Gründung rief Karimow auf einer außerordentlichen Sitzung des Obersten Sowjets die staatliche Unabhängigkeit aus. „Die Worte des selbsternannten obersten Führers versetzten die Menschen in seelische Verwirrung“, erklärt Batyr: „Erst im März, fünf Monate zuvor hatten nämlich bei dem UdSSR-Referendum 93 Prozent aller Usbeken für den Erhalt der Sowjetunion gestimmt. Solch eine Wahlbeteiligung hatte es hier noch nie gegeben. Präsident Karimow hatte damals selbst dafür geworben.“

Es ist eine Schande für jeden Usbeken, die Alten dem Staat zu überlassen

„Eigentlich ist Politik hier tabu“, sagt Batyr. Das bemerkt der Fremde, wenn er in einem der zahlreichen Tschai-Chanes zu Gast ist. „Wir wissen nicht, was die Zukunft den Machallas bringen wird. Allah weiß es. Man muß abwarten und Tee trinken“, ist die häufigste Antwort. Die Wohngemeinschaft betreut weiter ihre kranken und unterbemittelten Mitglieder, erzieht die Kinder gemeinsam und ersetzt staatliche Institutionen wie Kindergarten und Sozialversicherung. „Unter den Usbeken sind die europäischen Einrichtungen wie Senioren- und Pflegeheime völlig unbekannt“, sagt Batyr. „Unsere Eltern bleiben bis zum Tod in unserer Mitte.“ Es ist eine Schande für jeden Usbeken, betagte Mütter oder Väter dem Staat zur Pflege zu übergeben. Sie schätzen ihre Alten, ihr Wort wiegt mehr als die oft stürmischen Sätze der Jugend, selbst wenn diese in der Mehrzahl auftreten. Und das ist häufig in diesem Land.

Wenn es Abend wird, werden Batyr und Salai die Kelle und den Hammer in die Bude werfen. Dann findet sich auch die Frau des Aksakals in der Runde ein. „Die Machallas“, sagt Batyr und blickt reihum, „sind für mich die zukunftsträchtigste Lebensform in Usbekistan.“

*

Jan Balster arbeitet als Freier Bild- und Reisejournalist für in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage. Von ihm ist kürzlich ein Dia-Vortrag mit dem Titel „U nterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn“ als DVD erschienen. Weitere Informationen unter: www.auf-weltreise.de.

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