Gelesen: „Hamas – aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung“ - Eurasisches Magazin
EM: Aktuelle Ausgabe - Eurasien-Ticker - Archiv
eurasischesmagazin.de > „Hamas – aus dem palästinensischen Widerstand in d ...
THEMEN
LESEN SIE AUCH
AKTUELLE ARTIKEL
EURASIEN-TICKER
GELESEN

„Hamas – aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung“

Das Gesicht des verstorbenen Jassir Arafat war weltweit bekannt. Er hatte jahrzehntelang als Chef der Fatah-Organisation in den Palästinensergebieten Präsidialgewalt ausgeübt und sich als Gegenspieler diverser israelischer Regierungen profiliert. Bei der nötig gewordenen Parlamentswahl im Januar hat nun eine Partei gesiegt, deren Köpfe und Ziele außerhalb des Nahen Ostens kaum jemand kennt: die Hamas. Jetzt ist das erste Buch über diese Organisation in deutscher Sprache erschienen.

Von Hans Wagner
30.09.2006 Drucken Senden Kommentieren
„Hamas – aus dem palästinen-sischen Widerstand in die Regierung“, von Helga Baumgarten  
„Hamas – aus dem palästinen-sischen Widerstand in die Regierung“, von Helga Baumgarten  

A ls Terrororganisation ist die Hamas weltweit verrufen. Doch was sind ihre Beweggründe? Wo hat sie ihre Wurzeln? Wie ist diese Organisation geworden, was sie ist? Was sind ihre Ziele? Darüber aufzuklären, hat sich Helga Baumgarten zur Aufgabe gemacht.

Die Autorin ist Spezialistin für arabische Widerstandsbewegungen. Ihre Dissertation von 1985 widmete sie der „Entstehung und Entwicklung der Palästinensischen Nationalbewegung 1948-1967/68. Untersuchungen zu Ideologie und Politik der Bewegung der Arabischen Nationalisten (BdAN)und der Nationalbewegung zur Befreiung Palästinas (Fateh).“ (Später auch als Buch erschienen). Seit 1993 lehrt Helga Baumgarten an der Palästinenser-Universität Birzet bei Jerusalem und erlebt die Politik von Hisbollah, Hamas und israelischer Besatzungsmacht hautnah mit.

Die Autorin widmet dem aktuellen Geschehen ein einleitendes Kapitel, in dem sie ausführt: „Hamas gewann die ersten wirklich freien und demokratischen Wahlen in einem arabischen Staat und bildete eine Regierung, die ideologisch und programmatisch dem politischen Islam zuzurechnen ist.“ – Sie schildert aber auch in ungeschminkter Weise, wie wenig genehm Israel und seinem Verbündeten USA diese politische Kraft ist und wie sie von den beiden Mächten bekämpft wird.

Wie die Hamas entstanden ist

Über die Herkunft der derzeitigen palästinensischen Regierungspartei  schreibt Helga Baumgarten: „Ihren historisch-ideologischen Ursprung hat die Hamas in der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft. Die Muslimbruderschaft bildet heute quer durch die arabische Region die wichtigste Bewegung des politischen Islams.“

Der Grundtenor, der damals unter britischer Kolonialhoheit in Ägypten zur Gründung der Muslimbrüderschaft führte, wird von der Autorin so zitiert: „Wir haben genug von diesem Leben, das nur aus Demütigungen und Beschränkungen besteht. Wir sehen, dass Araber und Muslime weder Status noch Ehre haben. Sie sind einfach nur Tagelöhner im Besitz der Ausländer.“

Auf gut 25 Seiten analysiert und schildert Baumgarten Entstehung und Wesen der Muslimbruderschaft – und wie daraus ab Dezember 1987 die politische Bewegung Hamas hervorging, die schließlich „mit der Intifada auf die Bühne des palästinensischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung trat.“

Helga Baumgarten hat viele Originaldokumente ausgewertet. Insbesondere Flugblätter der Hamas. Sie seien „die beste Quelle, die wir besitzen, um die Entwicklung der Organisation und ihre Rolle im ersten Jahr der Intifada – Dezember 1987 bis Dezember 1988 – zu verfolgen.“ Die Hamas stellte sich von Anfang an als „Bewegung des Islamischen Widerstandes“ dar. Und sie bestand darauf, dass sie die Stimme des Islams verkörpere, die „Stimme der Religion einer etwa 98-prozentigen Mehrheit der Bevölkerung.“ Die Hamas verstand sich seit ihrer Gründung als Organisation zur nationalen Befreiung mit einem religiösen, gottgewollten Auftrag, so die Autorin.

Warum die Hamas zur Terrororganisation wurde

Die Gründungscharta der Hamas und das Wahlprogramm von 2005, mit dem sie ihren Wahlsieg errungen hat, werden erstmals in deutscher Sprache vorgelegt und sind im Anhang des Buches nachzulesen. Aus den Dokumenten werde ersichtlich, dass die Hamas nicht nur eine Terrororganisation ist, sondern politische Ziele hat, die auch zu Gesprächen einladen. Jedoch lasse die Hamas keinen Zweifel daran, dass es dabei niemals Vorbedingung sein könne, das Existenzrecht der Besatzungsmacht Israel anzuerkennen.

Es hat laut Baumgarten seit den ersten Monaten ihres Bestehens Kontakte zwischen der Hamas und israelischen Politikern gegeben, bei denen es sehr konkret um mögliche Lösungsszenarien für den israelisch palästinensischen Konflikt gegangen sei. Die Autorin nennt eine ganze Reihe von Beispielen für die Versuche der Hamas, eine friedlich Lösung des Palästinenserproblems zu suchen. Aber stets wird die Vorbedingung der Anerkennung Israels abgelehnt. Zum Beispiel im Januar 1993. Damals „erklärte Muhammad Nazzal, der Hamas-Vertreter in Jordanien, dass die Bewegung bereit sei, eine friedliche Lösung des Konfliktes zu unterstützen, allerdings nur als Gegenzug zur Beendigung der israelischen Besatzung von 1967 und unter der Voraussetzung, dass die Anerkennung Israels durch die Hamas nicht zur Vorbedingung gemacht würde.“

Wie die Hamas schließlich zu einer Terrororganisation mit einer Unzahl von Selbstmordattentaten geworden ist, führt Baumgarten im Abschnitt „Das Hebron Massaker vom 25. Februar 1994“ aus: „Statt Gesten des guten Willens, statt eines zügigen Rückzugs der israelischen Armee, gar statt eines Gewaltstops kam es am 25. Februar 1994 in Hebron mitten in der Ibrahims-Moschee zu einem der schlimmsten Massaker der gesamten Besatzungsperiode.“

Die Autorin schildert, wie der extremistische israelische Siedler Baruch Goldstein mit seinem Armee-Maschinengewehr 29 Palästinenser beim Morgengebet erschoss. „Bei dem Versuch, dem Massaker zu entkommen, wurden sechs weitere Menschen direkt vor der Ibrahims-Moschee von israelischen Soldaten erschossen. Im Laufe des Tages wurden schließlich noch fünf Palästinenser in Hebron getötet. Dieser Tag sollte der blutigste Tag seit dem Ende des Juni-Krieges 1967 werden.“

Das Massaker von Hebron war nach Analyse von Helga Baumgarten der Auslöser für die Gewaltexplosion mit den Selbstmordattentaten auf Seiten der Hamas: „Das Masaker in Hebron und die unverständliche israelische Reaktion mit der dreimonatigen Ausgangssperre für die palästinensischen Bewohner der Stadt, dem Nichtvorgehen gegen die verantwortlichen Siedler und schließlich die Weigerung, dem Treiben der jüdischen Extremisten in der Stadt ein Ende zu machen, führten die Hamas-Führung […] auf einen verhängnisvollen neuen militärischen Kurs. Nun stand nicht mehr die Suche nach einer möglichen Gegenstrategie gegen dieses unbeschreibliche blasphemische Massaker in einer Moschee auf ihrer Agenda, sondern das Ziel, Rache zu üben für die Toten des ‚Haram al-Ibrahimi’ in Hebron.“

Weshalb der Westen und Israel an der Hamas nicht vorbeikommen

Wie wird nun die Entwicklung weitergehen in Palästina? In ihrem Schlusskapitel prophezeit Helga Baumgarten: „Der Westen wird an der Hamas nicht vorbeikommen.“ In diesem Ausblick heißt es über die derzeitige Regierungspartei der Palästinenser: „Ihr Ziel ist die Beendigung der israelischen Besatzung, nicht die Zerstörung des Staates Israel. Sie ist ein ernst zu nehmender politischer Akteur, der nicht nur, wie schon geschehen, in die palästinensische Politik, sondern auch in die internationale Politik integriert werden kann und sollte.“

Träume von Frieden und Koexistenz gebe es auf beiden Seiten, bei Palästinensern und Juden. Mit einem entscheidenden Unterschied, den die Autorin immer wieder herausstellt: „Bis dato sind es allerdings – und das wird oft übersehen – die Palästinenser, die unter der israelischen Nichtanerkennung zu leiden haben, deren Land besiedelt, enteignet, zerstückelt wird und deren Bewohner dem Terror einer ganzen Armee ausgesetzt sind.“

(Siehe dazu auch das Interview mit Prof. Dr. Helga Baumgarten in EM 08-06 „Israel führte im Libanon einen Stellvertreterkrieg für die USA.“)

Das Buch bietet im Anhang auf über 50 Seiten Anmerkungen zu den Zitaten, Dokumente der Hamas, Literaturangaben, ein Personen,- sowie ein Orts- und Sachregister. Das Buch von Helga Baumgarten ist dadurch für die schnelle Information ebenso geeignet wie für die gründliche Recherche. Es war überfällig.

*

Rezension zu: „Hamas – aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung“, von Helga Baumgarten, Diederichs Verlag, München 2006, , 256 S., 19,95 Euro, ISBN: 3-72052-820-0.

Drucken | Senden | Leserbrief >



© 2014 Eurasischer Verlag | Seitenanfang | Aktuelle Ausgabe | Suche
Suchen: