Heim ins russische ReichKAUKASUS

Heim ins russische Reich

Nordossetien möchte der kaukasischen Krise entkommen

Von Andrea Jeska

EM – In keiner anderen Gegend zeigen sich die Risse in Rußlands Vergangenheit und Gegenwart so deutlich wie nördlich der Gipfel des Großen Kaukasus. Viel weiter als bis Wladikawkas geht Rußland nicht. Und auch bis Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, geht es nur unter Schmerzen. Aber ist Nordossetien denn Rußland? Taugt es für die feuilletonistische Suche nach der russischen Seele? Als Ziel für Sehnsuchtsreisende gen Osten?

Im Kaukasus, sagt man, reibe sich der russische Wille zur Kultur am kaukasischen Bekenntnis zur Natur. Gemeint ist: Hier die Zivilisation, dort die rohe Wildheit. Das ist eine dienliche Zuweisung, um russischen Imperialismus sowie kaukasischen Widerstandsgeist zu erklären und kann schlimmstenfalls als beiderseitige Begründung für einen Krieg gelten.

Diese Einordnung hat sich hartnäckig gehalten und taugt in Moskau weiterhin zur Begründung für militärische Intervention und für das Ranken von Legenden, die sich oft genug mit Gerüchten, Angst und Vorurteilen mischen. Das Wilde muß gezähmt werden, notfalls mit Gewalt. Jedes Stückchen Land, das Rußland im Kaukasus unter seine Herrschaft brachte, wurde hart erkämpft. Heute ist die Beziehung der meisten nordkaukasischen Völker zum russischen Land eine aus Vernunft und finanzieller Not geborene Akzeptanz der Verhältnisse, die ohnehin nicht zu ändern sind. Nur die Tschetschenen beugen sich nicht, und wieder und wieder reißt diese Unbeugsamkeit die Nachbarstaaten in einen Strudel des Chaos und der Verwirrung. Der Nordkaukasus, sagt man, sei die Wunde Rußlands, vielleicht aber ist Rußland die Wunde des nördlichen Kaukasus

Kriegsgetöse aus der Nachbarschaft

Nordossetien, dessen Ausdehnung über die eines bundesdeutschen Kleinstaates nicht hinausgeht, will nicht Teil der Wunde sein. Unter Aufbietung aller ethnischen, kulturellen und religiösen Andersartigkeit distanzieren sich Land und Hauptstadt von den Nachbarländern, wollen nicht das tschetschenische Elend, nicht das inguschetische Banditentum, nicht die Verworrenheit Dagestans teilen. Die ossetischen Sehnsüchte sind russischer Natur. Eine andere Orientierung als die nach Moskau gibt es nicht, denn jede nachbarschaftliche Nähe ist gefährlich, ein Einbrechen auf zu dünnem Eis.

Aber kann diese Distanzierung gelingen? Zumindest in Schlagzeilen tut sie es nicht. Die Gefährlichkeit der Verhältnisse in den Nachbarländern hat die internationalen Medien, sofern sie denn überhaupt ein Büro im Nordkaukasus unterhalten, in Nordossetiens Hauptstadt getrieben. Jede Erstmeldung über neue Anschläge, frische Tote, trägt die Ortsmarke: Wladikawkas. Auch akkustisch gelingt die Abgrenzung nicht, dringt das Kriegsgetöse über die Grenzen, der Terror macht vor Straßenposten nicht halt. Die Explosionen, die seit dem Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges die Straßen von Wladikawkas erschütterten, haben bereits über einhundert Tote und noch mehr Verwundete gefordert.

Dennoch hat sich Wladikawkas trotzig auf den Weg in eine Zukunft gemacht, von der man hofft, sie möge friedlich und sorglos sein. Die äußeren Gürtel der Stadt ersticken noch immer im Grau sozialistischer Bauten, die heruntergekommen und brüchig sind, auch dominieren Kasernen das Bild der meisten Stadtteile. In der Innenstadt jedoch hat man jenen lässigen Charme neu poliert, den die Architektur der Kaukasus-Städte im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte. Die Holzhäuser sind frisch renoviert und mit bunten Farben gestrichen. Verzierte Holzbalkone von imposanter Größe ragen zur Straßenseite hin. Es sind Balkone, geeignet, um Manifeste zu verkünden, Revolutionen auszurufen, den Massen zuzuwinken. Boutiquen bieten bescheidenen Luxus an, ein wenig verschämt prangen bisweilen sogar Cartier und Chanel in den Auslagen. Nobel geben sich die neu errichteten Herbergen, die heute Hotels heißen und großen Ketten angehören, deren Besitzer im Westen wohnen und von Wladikawkas vermutlich nie hörten. Zumindest in diesen Hotels hofft man, daß eine Zeit kommen könnte, wo die Stadt wegen ihrer Lage am Ufer des Flusses Terek und zu Füßen des Großen Kaukasus Touristen anzieht.

Vom Wunsch nach Normalität und Lebensleichtigkeit zeugen die Cafes in der Innenstadt, die sich mit italienischen Namen schmücken. Bei längerem Kaffeekonsum scheinen einem diese Stätten neuer Lässigkeit als Mikrokosmos der nordossetischen Gegenwart. Da sitzen rauchende, kichernde Heranwachsende mit Handys und imitierter Westkleidung, Damen mittleren Alters, deren Chic den Reichtum der Neuzeit beweist. Da gibt es Herren, die Schlipse tragen und den Economist lesen. Studenten in Jeans, die fließendes Englisch sprechen und jedes Wort aus einer Welt jenseits der russischen, der nordossetischen begierig aufsaugen, von amerikanischen und europäischen Großstädten träumen. Dann gibt es Soldaten, die nicht mit den Mädchen flirten, sondern mit trübem Blick in die Ferne starren und – angesprochen – Sehnsucht nach der russischen Heimat offenbaren.

Beherrsche den Kaukasus

Über das Wladikawkas der Vergangenheit steht einiges geschrieben, was die einstige Bedeutung der Stadt erkennen läßt. Sie ist das Kind einer zweijährigen Leidenschaft zwischen dem Fürsten Grigorji Alexandrowitsch Potomkjin und der Zarin Katharina der Großen. Potomkjin baute seiner Zarin die heutige Stadt 1748 als Festung, als ein Bollwerk gegen die kriegerischen Bergstämme. Die Stadt Wladikawkas (dt. „ Beherrsche den Kaukasus“) – errichtet an den zwei wichtigsten Verbindungen durch den Kaukasus, die Georgische und die Ossetische Heerstraße – sollte Rußlands Expansion nach Süden absichern. Potomkjin wurde seinerzeit Generalgouverneur dieser südlichen Provinzen, hatte mit Wladikawkas allerdings wenig Glück: Aufständische Kaukasier nahmen die Festung ein und brannten sie nieder. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Rußland hatte inzwischen den Kaukasus unterworfen – wurde sie als Stadt mit kosakischen Bewohnern wieder errichtet und machte sich im Handel mit Persien einen Namen. Die Beziehungen zum Zarenhof wurden sorgfältig gepflegt. Anders als ihre kriegerischen Nachbarn hatten die Osseten schon damals das Bedürfnis, sich Rußlands Wünschen anzupassen.

Wer früher hier reiste, kam um Ossetien nicht herum. Von der ossetischen Trunksucht erzählte der Dichter Lermontow. Ihm waren die kriegerischen moslemischen Nachbarvölker sympathischer als die christlichen, unterwürfigen Osseten. Alexandre Dumas, der sich mit Pferden und reichlich Leibwachen von Georgien kommend über den Kasbegi-Paß quälte, ließ auch kein gutes Haar an den Osseten. Sie verdienten viel Geld; seien aber Verschwender, Spieler, Trunkenbolde und gingen sehr schlecht gekleidet.

In der Sowjetära hieß Wladikawkas Ordschonokidse, benannt nach einem georgischen Bolschewik, der für Stalin Armenien und Georgien sowjetisierte und 1937 eines nicht natürlichen Todes starb. Erst nach dem Ende des Sowjetimperiums, durfte sich die Stadt wieder Wladikawkas nennen. Um den Widerstandsgeist der Bergvölker im Keim zu ersticken, wurden in Wladikawkas schon zu Zarenzeiten zahlreiche Garnisonen stationiert. 1942 scheiterte der Ost-Feldzug der deutschen Heeresgruppe A und der 1. Panzerdivision vor den Toren der Stadt.

Gefechte um Prigorodnyi

Die große Militärstraße nach Georgien ist heute auf nordossetischer Seite nur noch schlecht zu befahren. Ohnehin ist der Grenzübergang nach Georgien gesperrt. Lediglich ein kleiner Tunnel führt nach Südossetien und verbindet Wladikawkas mit der südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Dieser Tunnel allerdings ist dem Militär vorbehalten, und so ist auch in der Wirklichkeit getrennt, was politisch nicht vereint sein darf. Die Südosseten, deren Heimat rechtlich ein Teil Georgiens ist, würden gerne zu Nordossetien gehören. Nicht nur, um zusammenzufügen, was zusammengehört, hauptsächlich wohl, um sich Nordossetiens Weg nach Rußland und damit zu besseren Lebensbedingungen anzuschließen. Dieser gemeinsame Weg allerdings ist den Südosseten durch das Völkerrecht versperrt, und den Nordosseten scheint es nicht leid zu tun.

Bereits an den Grenzen der nordossetischen Hauptstadt ist es mit der Lässigkeit vorbei. Die politische Wirklichkeit zeigt sich in mürrischen Polizistengesichtern. Alle paar Kilometer sind Schlagbäume und Straßenposten errichtet, selbst auf einsamen Bergstraßen werden Wagen mit fremden Kennzeichen angehalten. Nervöse Kontrollen gibt es vor allem auf der Straße ins benachbarte Inguschetien. Mit den Inguschen liegen die Osseten im Streit, seit beide Völker nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Deportation zurückkehrten und die sowjetische Landverteilung der nordossetischen Republik einen Teil Inguschetiens zuschlug: das Gebiet Prigorodnyi. 1991, als sich die kaukasischen Völker auf einen eigenen Weg machten, kam es dort zu tödlichen Auseinandersetzungen, in dessen Folge alle inguschetischen Bewohner flohen. Seitdem sind die Nordosseten in Inguschetien nicht gelitten – und die Inguschen nicht in Ossetien.

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