Helenendorf im KaukasusASERBAIDSCHAN

Helenendorf im Kaukasus

Helenendorf im Kaukasus

Helenendorf, das heutige Chanlar in Aserbaidschan, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten deutschen Kolonien im Kaukasus. Das Ende kam 1941, als Stalin die Deutschen aus Aserbaidschan deportieren ließ. Doch wer sich heute auf den Weg nach Chanlar macht, begegnet immer noch der deutschen Vergangenheit. Eine „Deutsche Weinroute“ soll diese nun wieder beleben und damit deutsche Touristen anziehen.

Von Benjamin Haerdle

Das Grab von Victor Klein auf dem deutschen Friedhof von Helenendorf/Chanlar. Foto: Haerdle.  
Das Grab von Victor Klein auf dem deutschen Friedhof von Helenendorf/Chanlar. Foto: Haerdle.  

D er Besuch in Helenendorf, dem heutigen Chanlar im Nordwesten Aserbaidschans, beginnt mit einer traurigen Nachricht: Victor Klein, der letzte Aserbaidschaner deutscher Abstammung in dieser Region, lebt nicht mehr. Der 71-jährige Kaukasusdeutsche starb im Frühjahr 2007. 200 Menschen seien zu seiner Beerdigung gekommen, erzählt die Dorfbewohnerin Sharigija Verdijea beim Gang über den deutschen Friedhof, auf dem Klein bestattet ist. 1600 Dollar habe sich der lokale Gouverneur den Grabstein angeblich kosten lassen. Seine letzte Ruhe fand Klein vor zauberhafter Kulisse: Zur linken türmt sich der Kleine Kaukasus auf, zur Rechten grüßen in weiter Entfernung bei klarer Sicht die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus. Begraben liegt Klein nun neben seiner Urgroßmutter Louise – so, wie er das in seinem Testament verfügt hatte.

Mit dem Weinanbau kam die Kolonie rasch zu Reichtum

Kleins Vorfahren waren Deutsche aus Südwestdeutschland. Aus Furcht vor Armut und politischer Willkür in der Heimat suchten die Auswanderer ihr Glück im Osten. Zar Alexander I. bot ihnen Land an. 1819 kamen die Schwaben in den Kaukasus an. 130 Familien gründeten schließlich am Fuße des Kleinen Kaukasus die erste deutsche Kolonie in Aserbaidschan – zu Ehren der Herzogin Helene von Mecklenburg-Schwerin nannten sie diese Helenendorf.

Die Schwaben waren fleißig. Als Spezialisten für Viehzucht, Ackerbau und vor allem für Weinanbau kam die Kolonie rasch zu Reichtum. Wein- und Spirituosenhändler wie Christopher Fohrer oder Christian Hummel bauten vorzügliche Trauben an. Den kaukasischen Wein exportierten sie bis nach St. Petersburg, nach Moskau und in das ferne sibirische Tomsk, wo ihre Flaschen reißenden Absatz fanden. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg auch der Lebensstandard: Helenendorf hatte 1912 als erstes Dorf im Kaukasus Strom, vier Jahre später gar ein funktionierendes Telefonnetz. In ihren Glanzzeiten vor Beginn des Ersten Weltkriegs verzeichnete Aserbaidschan im Jahr 1914 acht deutsche Kolonien mit rund 6000 Bewohnern.

Das sauberste Dorf im Kaukasus

Eines der alten deutschen Häuser im Zentrum von Helenendorf. Foto: Haerdle.  
Eines der alten deutschen Häuser im Zentrum von Helenendorf. Foto: Haerdle.  

Wer heute die mehr als fünfstündige Bustour von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku nach Helenendorf auf sich nimmt, dem werden die Spuren deutscher Vergangenheit nicht entgehen: Das Dorf ist wahrscheinlich das sauberste im ganzen Kaukasus. Akkurat stehen schwarze Mülltonnen an den breiten, mit Bäumen gesäumten Straßen, deren deutsche Häuser in frischer Farbe in der Mittagssonne glänzen. Nicht eine einzige Plastiktüte verschandelt den Ortskern. Grund dafür ist aber wohl weniger die schwäbische Kehrwoche, sondern eher eine Tradition aus Sowjetzeiten, der so genannte Subbotnik. Jeden Samstag sind die Dorfbewohner auch heute noch aufgerufen, die Straßen und Parkanlagen zu säubern.

Auch der Eingang zum zweistöckigen Steinhaus des verstorbenen Victor Klein in der Helenenstraße ist blank gewienert. Bis zum Tod seiner von ihm verehrten Mutter habe Klein hier mit ihr zeitlebens zusammen gelebt, sagt einer seiner engsten Freunde Ismailov Fikret und führt die Besucher durch das geräumige Haus. Sie habe ihm verboten, eine aserbaidschanische Frau zu heiraten. Der letzte Deutsche in Aserbaidschan blieb so ohne Nachkommen. Umso besessener müssen der Radiotechniker Klein und seine Mutter jedoch alles Deutsche gesammelt haben, was ihnen in die Finger geriet. In den Wandschränken der dunklen, mit alten Biedermeiermöbeln voll gestellten Wohnung Kleins finden sich etwa „Brehms Tierleben“, „Der letzte Mohikaner“, eine alte Bibelausgabe und eine deutsche Zeitung aus dem Jahr 1979. Inmitten des Wohnzimmers ruht ein altes Klavier, daneben ein verstaubter Plastikweihnachtsbaum. In Keller liegen noch eine alte Weinpresse und ein leeres 250-Liter-Weinfass. Bald könne das aber alles hier viel schöner aussehen, sagt Fikret. Klein habe das Haus samt Einrichtung in seinem Testament der deutschen Botschaft in Baku vermacht. Diese, so Fikret, erwäge nun, daraus ein Heimatmuseum zu machen.

Die alte Kirche dient als Museum

Die deutsche lutherische Kirche dient derzeit als Museum. Foto: Haerdle.  
Die deutsche lutherische Kirche dient derzeit als Museum. Foto: Haerdle.  

Bislang dient die alte deutsch-lutherische St. Johannis-Kirche im Zentrum Chanlars als Sammelstelle für Gegenstände aus deutscher Vergangenheit. Auf den gedielten Böden der Kirche, die in der Sowjetunion lange Zeit als Sporthalle genutzt wurde und von deren Decke und Wänden der grüne Putz bröselt, sind Töpfe, Geschirr, Wiege und ein Kinderbett ausgestellt. An der ehemaligen Altarwand geben Fotos, Briefe und Listen Auskunft über das Schicksal der deutschen Kolonie. Schwarz-weiß vergilbte Aufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen die Familien Frick, Österle und Reitenbach beim Baden, beim Sport oder bei der Weinlese. Doch mit der Einvernahme Aserbaidschans durch die Sowjets nahm das schwäbische Dorfleben bald darauf ein Ende. 1920 lösten die Kommunisten die deutschen Selbstverwaltungen auf. Die Unternehmen wurden verstaatlicht, deutsche Schulen geschlossen. Auf Befehl Stalins wurden die rund 20.000 in Aserbaidschan lebenden Deutschen schließlich 1941 nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Der fünfjährige Knirps Victor durfte bleiben. Angeblich, so erzählen es heute die Dorfbewohner, soll sein Vater ein wichtiger kommunistischer Parteifunktionär und Chef des örtlichen Krankenhauses gewesen sein.

Das aserbaidschanische Ministerium für Tourismus will nun mit Hilfe aus Deutschland die deutsche Vergangenheit wiederaufleben lassen. Mit Unterstützung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit will die Kaukasusrepublik deutsche Touristen in das etwa 5000 Einwohner zählende Städtchen locken. Plänen zufolge soll Chanlar Zentrum einer „Deutschen Weinroute“ in den ehemaligen deutschen Siedlungs- und Weinbaugebieten Aserbaidschans werden. Die Gegenwart gehört allerdings den Franzosen. Ein französisch-aserbaidschanisches Unternehmen stellt heute in der Region Wein und Cognac her.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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