„Hindukusch“ – Roman mit historischem HintergrundEM-INTERVIEW

„Hindukusch“ – Roman mit historischem Hintergrund

„Hindukusch“ – Roman mit historischem Hintergrund

Der Klassische Archäologe und Romanautor Michael Pfrommer hat einen Roman abgeliefert, in welchem vor über 60 Jahren eine Illustre Gesellschaft am Hindukusch agiert: Eine junge elternlose Adelige aus Deutschland, ein SS-Sturmbannführer, ein afghanischer Fürst, ein orientalischer Dschinn namens Iskender und das Britische Empire.

Von Hans Wagner

  Zur Person: Michael Pfrommer
  Michael Pfrommer ist klassischer Archäologe und lehrt heute an der Universität Trier. Er lebte sechs Jahre im Orient, vor allem in der Türkei und kennt auch Afghanistan aus eigener Anschauung. Wie in seinen wissenschaftlichen Forschungen, so ist auch in seinen Romanen die Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident ein zentrales Thema.
Michael Pfrommer  
Michael Pfrommer  

E urasisches Magazin: Der Religionswissenschaftler Helmuth von Glasenapp bezeichnete in seinem Buch „Die fünf Weltreligionen“ den Hindukusch als Religionsscheide. Bis heute ist es wohl so, dass sich Welten an diesem Massiv scheiden. Welches ist Ihre Beziehung zu dieser Region?

Michael Pfrommer: Alexander der Große und die griechische Kultur im antiken Baktrien - unter anderem heutiges Afghanistan und Usbekistan - bilden einen meiner Forschungsschwerpunkte als Klassischer Archäologe. Schließlich war es Alexander, durch dessen legendären und umstrittenen Feldzug die griechische Kultur nach Zentralasien gelangte.

EM: Aber wie sind Sie ausgerechnet auf eine Liebesgeschichte gekommen, in der es unter anderem um eine junge Deutsche geht?

Pfrommer: Da rühren Sie an einen interessanten Punkt. Zum einen ist für Alexander den Großen der Kampf um Zentralasien nicht nur eines der gewalttätigsten Kapitel seines Lebens, sondern auch der Moment, in dem er in Roxane der Liebe seines Lebens begegnet. Zum anderen geht es in meinem Roman ganz elementar um einen Kulturkonflikt zwischen Ost und West und dieser lässt sich nun mal am griffigsten anhand einer dramatischen Liebesgeschichte herausarbeiten.

„Mein Sturmbannführer ist die Personifikation deutscher Aktivitäten“

EM: Das Geschehen spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Gab es die Ereignisse mit dem Sturmbannführer der SS wirklich?

Pfrommer: Den historischen Hintergrund meines Romans bildet die ultimative Forderung der Briten von 1941, alle in Afghanistan lebenden Deutschen den Briten zu überstellen, weil man befürchtete, diese Zirkel könnten die traditionell extrem deutschfreundlichen Afghanen zu einem Kriegseintritt an der Seite von Nazideutschland bewegen. Mein Sturmbannführer ist sozusagen die Personifikation dieser deutschen Aktivitäten und der britischen Verdächtigungen.

EM: Obwohl die Liebesgeschichte der Martha von Helm, einer jungen Exildeutschen im Mittelpunkt steht, bekommt der Plot durch den Sturmbannführer eine reichlich exotische Ausrichtung. SS und Hindukusch, das bringt heute kaum mehr jemand unter einen Hut. Noch mal: was hat sie letztlich zu diesem Plot angeregt?

Pfrommer: Durch die schlicht hochherzige Vermittlung Afghanistans konnten dann 1941 knapp 200 Deutsche unbehelligt aus Afghanistan über Pakistan - damals Britisch-Indien - und den heutigen Irak in die Türkei ausreisen und das mitten im Zweiten Weltkrieg. Ich traf in den achtziger Jahren noch einen alten Deutschen, der einige dieser Exilanten in Ankara getroffen hatte. Er erzählte mir, damals seien auch Leute mit SS-Rang am Hindukusch tätig gewesen.

EM: Die Afghanen haben also damals für ihre Gastfreundschaft einen Krieg mit den Engländern riskiert? 

Pfrommer: Ja, das ist historisch erwiesen. Die Afghanen haben 1941 einen Krieg mit den Alliierten riskiert, nur um ihre deutschen Gäste zu schützen. In einem Weltkrieg, in dem vor allem in Deutschland Menschenrechte in ungeahntem Ausmaß mit Füßen getreten wurden, sprach man am Hindukusch von Ehre, Gastrecht und den Traditionen des Islams. Diese herausragende Haltung Afghanistans bildet sozusagen das moralische Rückgrat meines Romans.

Afghanische Gastfreundschaft und Al Kaida

EM: Hat sich an dem Stellenwert der Gastfreundschaft in Afghanistan aus Ihrer Sicht bis heute etwas geändert?

Pfrommer: Anscheinend nicht, denn als die Amerikaner und die Weltgemeinschaft nach dem 11. September ultimativ die Auslieferung Bin Ladens und Al Kaidas forderten, beriefen sich die Afghanen erneut auf die Gesetze ihrer Gastfreundschaft. Wieder wollte man seine Gäste nur an ein neutrales, nach Möglichkeit islamisches Land überstellen und diese Haltung führte letztlich zum Angriff der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Die Lehre der Geschichte: Manchmal gefallen uns die Tradition des Orients und ihre Konsequenzen und manchmal leider nicht.

EM: So mancher, der heute am Hindukusch agiert, von den Soldaten bis zu Ärztinnen und Lehrkräften, könnte einen unsichtbaren Beschützer gut gebrauchen. So einen, den Sie Ihrer Martha von Helm zur Seite stellen und den diese seit Kindertagen als Dschinn bezeichnet. Was hat es damit auf sich – anfänglich kompliziert diese imaginäre Gestalt die Handlung ja ganz schön, weil dieser Dschinn auch noch einen Namen hat und von der jungen Frau Iskender genannt wird. Warum also diese Figur des unsichtbaren Dschinn?

Pfrommer: Der unsichtbare Beschützer geht auf eine Geschichte zurück, die man mir in Afghanistan erzählt hat. Angeblich habe ein Afghane vor und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lange Zeit eine Deutsche beschützt. Ich habe diese Geschichte mit dem im Orient so überaus beliebten Märchenmotiv des Dschinns verwoben, weil es sich um eine Kinderfantasie meiner Hauptperson Martha von Helm handelt. Dass mein Dschinn von Martha Iskender genannt wird, also Alexander, ermöglichte es dem Autor ganz zwanglos, auf den Beginn abendländisch-afghanischer Kontakte zu sprechen zu kommen, ohne allzu akademisch zu wirken.

EM: Sie sind Archäologe mit Lehrauftrag an der Universität Trier. Waren Sie selbst eigentlich schon am Hindukusch oder haben Sie wissenschaftliche Unterlagen zur Recherche für Ihre Geschichte genutzt?

Pfrommer: Die Ursprungsidee zu meinem Roman entstand anlässlich eines Besuchs in Kabul und einer denkwürdigen Abendeinladung bei einer afghanischen Familie. Damals hörte ich zum ersten Mal von der Deutschen Schule und der verblüffenden Verbundenheit Afghanistans mit Deutschland. Es war mein Ziel, dieser Verbundenheit, die ich selbst erleben durfte, mit meinem Roman ein kleines literarisches Denkmal zu setzen, ohne die immensen Schwierigkeiten des Ost-West-Konfliktes zu verleugnen.

„Schon Alexander der Große war der Meinung, man könne den Hindukusch nur durchziehen, aber nicht erobern.“

EM: Wenn Sie einmal den Schauplatz Ihres Romans nicht durch die verständlicherweise etwas verklärende Brille des Romanciers betrachten, wie beurteilen Sie die Lage in Afghanistan? Kann der Westen hier gewinnen?

Pfrommer: Ich muss die Brille des Romanautors gar nicht absetzen. Meine Heldin verliebt sich zwar in ihren afghanischen Beschützer, aber am Ende verlässt sie den Hindukusch. Alexander der Große war der Meinung, man könne den Hindukusch nur durchziehen, aber nicht erobern. Die Briten mussten das lernen und die Russen nicht minder, und auch wir sind gerade dabei, diese Erfahrung zu machen und dabei möglicherweise eine höchst exotische Freundschaft zwischen zwei Kulturen zu zerstören.

EM: Sie haben auf Ihrer Netzseite den ehemaligen Verteidigungsminister Peter Struck zitiert mit dessen berühmt gewordenem Satz: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Machen Sie sich diese Aussage zu Eigen?

Pfrommer: Dieses Statement bezieht sich auf die Nachwehen des 11. September und die Terrorcamps von Al Kaida. Sie war damals absolut nachzuvollziehen. Allerdings hätte auch eine Exit-Strategie dazugehört, doch machte und macht man sich anscheinend völlig illusionäre Vorstellungen über die Verhältnisse in Afghanistan, was heute alle Beteiligten schmerzhaft ausbaden müssen. Etwas mehr Geschichtskenntnis hätte schon damals der Politik gut angestanden.

Der Westen will seine Segnungen im Handstreich etablieren, aber das ist illusorisch

EM: Die Sowjets, die in den 70er Jahren vielleicht auch dachten, ihr rotes Imperium werde am Hindukusch verteidigt, waren schließlich heilfroh, als sie dieses Land verlassen konnten. Den USA und dem Westen prophezeiten sie nach deren Einmarsch im Gefolge des 11. September 2001 ein grandioses Scheitern. Sie erwähnten schon Alexander d. Gr. der gesagt habe, man könne Afghanistan durchziehen, es aber nicht erobern. Und die Briten, die bei Ihnen als Militärmacht auftreten, haben das auch erlebt. Was ist Ihre Prognose für die weitere Entwicklung in diesem Land?

Pfrommer: Bei den britischen und russischen Interventionen ging es letztlich um imperiale Machtinteressen, während der Westen heute die Illusion hegt, er könne westliche Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechte quasi im Handstreich am Hindukusch etablieren. Ein derartiger Versuch ist jedoch in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bereits einmal am Widerstand fundamentalistischer Kreise gescheitert, obwohl diese Reformen damals vom afghanischen Königshaus ausgingen. Solange es nicht gelingt, die Eliten der zum Teil bitter verfeindeten Volksgruppen und vor allem die Masse der Bevölkerung von den Segnungen der Moderne zu überzeugen, werden solche Bekehrungsversuche grandios scheitern.

EM: Herr Prof. Pfrommer, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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Das Buch zum Interview: „Hindukusch“, Roman von Michael Pfrommer

„Hindukusch“ von Michael Pfrommer  
„Hindukusch“ von Michael Pfrommer  

Schauplatz des historischen Romans von Michael Pfrommer ist Kabul während des Zweiten Weltkriegs. Eine bewegende Liebesgeschichte zwischen einer jungen Deutschen und einem afghanischen Fürsten.

Kabul 1941: Für die junge Deutsche Martha ist Afghanistan zur Heimat geworden. Doch als ihre Eltern plötzlich spurlos verschwinden, ist auch Martha in Gefahr. Die Suche nach den Verschwundenen führt sie mitten hinein in eine Verschwörung um einen sagenumwobenen Schatz. Da verlangen die Briten die Auslieferung aller Deutschen. Auf wessen Seite steht der mächtige afghanische Fürst Said?

Rezension zu „Hindukusch“ von Michael Pfrommer, Philipp von Zabern, 282 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3800414819.

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