Im Hotelzug durch OsteuropaMOLDAWIEN/UKRAINE

Im Hotelzug durch Osteuropa

Der Cottbuser Eisenbahnliebhaber Detlef Hanschke organisiert jedes Jahr eine Bahnfahrt für Reisegruppen durch Osteuropa. Seine letzte Tour mit dem exklusiven Hotelzug führte durch Moldawien und die Ukraine.

Von Hartmut Wagner

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Der Hotelzug unterwegs in Moldawien 

Zeuke-TT lautete einst der Fachbegriff für seinen größten Wunsch. Detlef Hanschke wünschte sich sehnlichst eine elektrische Eisenbahn. Als er sie mit acht Jahren endlich zu Weihnachten bekam, stand sein Berufswunsch unwiderruflich fest: Der Bub wollte Lokführer werden. Im Gegensatz zu anderen Kindern, die ihre frühen Zukunftspläne meist schnell wieder verwerfen, blieb Hanschke beharrlich. Erste berufliche Erfahrungen sammelte er mit der Lokomotive seiner Zeuke-TT, so hieß einst das DDR-Konkurrenzmodell zur westdeutschen Märklin-Eisenbahn. Heute ist der 43jährige Abnahmelokführer im Ausbesserungswerk der Deutschen Bundesbahn in Cottbus, dort, wo Dieselloks überholt und fit für zukünftige Touren gemacht werden.

In diesem Oktober organisierte Hanschke zum vierten Mal eine Eisenbahnrundreise durch Teile der einstigen Sowjetunion. Im Mittelpunkt steht jedes Jahr die Eisenbahn, die Rundreise ist zweitrangig. Schließlich sind alle Reiseteilnehmer begeisterte Anhänger von jeglichem Gefährt, das den Schienenstrang entlangrattern kann. „Natürlich haben wir auch immer völlig Vernarrte mit an Bord, für die das Leben nur aus Eisenbahnen besteht - Hardcore-Eisenbahner, wie wir sie nennen,“ sagt Hanschke. „Zu denen zähle ich mich aber nicht.“ Wo es sich ergibt, möchte er auch etwas von Stadt und Land sehen. Das gehöre mit dazu.

Kischinew, Odessa, Dnjepropetrowsk

Dieses Jahr fuhren Hanschkes Eisenbahnfreunde nach Moldawien und in die Ukraine. Abfahrt war am 8. Oktober pünktlich um 21.40 Uhr. In Berlin-Lichtenberg, dem Bahnhof, der die deutsche Hauptstadt mit dem Osten Europas verbindet. Die bedeutendsten drei Reisestationen waren die moldawische Hauptstadt Kischinew, das ukrainische Odessa (mit rund einer Million Menschen die größte Stadt am Schwarzen Meer) und die ukrainische Industriemetropole Dnjepropetrowsk. Jedoch waren die kleineren Haltestellen zwischendurch für die Zugbegeisterten am wichtigsten: die Lokomotivfabriken und Eisenbahndepots, Ausbesserungswerke und Bahnhofsgebäude. Auch die lang herbeigesehnten Sonderfahrten mit voll funktionsfähigen Dampflokomotiven sind Höhepunkte ganz außergewöhnlicher Art. „Bei günstiger Gelegenheit hielten wir den Zug an und stiegen aus,“ schildert Hanschke. „Der Zug stieß dann zurück und fuhr langsam wieder auf uns zu.“ Die Geleise werden zum Laufsteg, die Waggonschlange mit dem malochenden Dampfroß an der Spitze posiert für die Foto- und Videokameras der Eisenbahnfans. Neue Bilder fürs heimische Sammleralbum.

FD20 oder GR280 – für den Laien sind die Namen der Dampfloks nur nichtssagende Termini Technici. Hanschke aber weiß mehr: „Benannt wurde die schwarz-rote FD20 nach dem Begründer des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes Tscheka, Felix Dserschinskij.“ Die GR280 ist Zeugnis der schwierigen deutsch-sowjetischen Geschichte. „Sie ist ein deutsches Fabrikat aus dem Lokomotivwerk Babelsberg. ‚GR’ steht für russisch ‚Germanskie Reparazii’, die Lok wurde also in der DDR gefertigt und als Bestandteil der deutschen Reparationszahlungen direkt in die Sowjetunion geliefert.“

Diskussionen in Cahul

Erstaunlich ist, daß Hanschke den Hotelzug gerade nach Moldawien steuern ließ. Das Zweistromland zwischen Pruth und Dnjestr gilt sicher nicht als klassisches Urlaubsland. Im Gegenteil, Moldawien ist im Verein mit Albanien als Armenhaus Europas verrufen. Doch der Lokführer aus Cottbus ließ sich nicht davon abbringen, auch diesen Nachfolgestaat der UdSSR zu besuchen. Klar sei er bestürzt gewesen über die bettelarmen Lebensverhältnisse, ganze anderthalb Tausend Kilometer von Berlin entfernt. Bestürzt aber auch über das ewige „Genöhle und Genörgel“ der eigenen Landsmänner zuhause, die sich meist ihres Wohlstandes gar nicht bewußt seien.

Noch gut erinnere er sich an ein Erlebnis in dem moldawischen Provinznest Cahul. „Wir warteten dort auf einen Anschlußzug und verbrachten den Nachmittag in einer Spelunke mit etwa 20 Einheimischen. Man kam relativ schnell ins Gespräch, aß und becherte gemeinsam.“ Hanschke lächelt leise und berichtet weiter: „Alle Gäste saßen auf verschiedenen Stühlen und kein Glas auf dem Tisch glich dem anderen. Aber das störte gar nicht. Wir diskutierten angeregt über politische Themen, bekamen die seltsamsten Meinungen zum Zweiten Weltkrieg zu hören, als Moldawien besetzt war.“ Mit einem Mal sei ein unscheinbarer Mann zur Tür hineingekommen und hätte bestimmt, er wolle hier nichts mehr von Politik hören. „Die Einheimischen parierten aufs Wort. Und unser Gespräch war damit im Prinzip leider beendet.“

Pauschalreise mal anders

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Warten bis der Zug kommt – Hanschke & Freunde mit der Kamera im Anschlag  

Vierzehn Tage im Zug zu verbringen, ist nicht jedermanns Sache. Noch dazu wenn man dafür rund 1.800 Euro zu berappen hat, so viel kostete nämlich die diesjährige Tour jeden der 23 Passagiere. Aber mit grauem Bahnfahreralltag haben Hanschkes Reisen wenig zu tun. Die Gäste logieren in einem eigens angemieteten Hotelzug – Vollpension inklusive. Sie können es sich im Salonwaggon gemütlich machen und gondeln währenddessen durch fremde Welten. Abends sorgen Folklore-Gruppen für die richtige Stimmung: Gekleidet in einheimische Tracht, mit Ziehharmonika und Bandura, einer Art ukrainischer Balalaika. „Noch im letzten Jahr hatten wir auch einen Waggon mit Sauna dabei, den hat aber jetzt ein Mitglied der ukrainischen Regierung in Beschlag genommen,“ seufzt Hanschke mißmutig.

„Während die DDR noch Bestand hatte, wollte ich unter keinen Umständen in die Sowjetunion fahren – überhaupt nicht.“ Damals habe man rund um die Uhr gehört, wie toll dort doch das Leben sei. „Diese Lobhudelei hing uns zum Hals raus,“ so der Cottbuser. „Wir wollten Rolling Stones und die Beatles hören und nach Kräften gegen die sozialistische Lebensnorm rebellieren. Von der UdSSR aber wollten wir nichts wissen, auch wegen des vorgeschriebenen Russisch-Unterrichts in der Schule.“

Warum Osteuropa?

Geheimnisvoll wurde die Sowjetunion für ihn erst nach der politischen Wende im ehemaligen Ostblock, erzählt Hanschke. Inzwischen hat er eine Ukrainerin geheiratet und von sich aus Russisch gelernt. Im Gegensatz zu früher reizt es ihn heute, das Gebiet des einstmals riesigen kommunistischen Machtbereichs zu erkunden, auf den Spuren einer untergegangenen Epoche zu wandeln. Aber auch die Lust, einen anderen Menschenschlag kennenzulernen, treibt Hanschke in die Ukraine, nach Rußland oder Moldawien. „Die Lebensweisen von Franzosen, Engländern oder Italienern ähneln sich mit den unseren doch ziemlich. Das Leben in den heutigen GUS-Staaten ist da anders.“ Die große Solidarität der Slawen untereinander fällt dem brandenburgischen Eisenbahnliebhaber als erster Unterschied zwischen West und Ost ein. Und natürlich preist er die besondere Gastfreundschaft der Menschen, wie alle Westeuropäer, die Osteuropa schon einmal bereist haben. Der Rest scheint ein unbestimmbares Gefühl zu sein, das ihn vom Osten Europas bezaubert hat, sich aber nur sehr schwer artikulieren läßt. Vielleicht ist es einfach Sympathie.

Die nächsten Touren hat Hanschke schon im Kopf. Für September 2005 ist wieder eine Rundfahrt durch die Ukraine geplant und im Juni 2006 soll es nach Archangeslsk, Murmansk und St. Petersburg gehen. „Einmal die berühmten Weißen Nächte auf den Uferpromenaden der Newa zu erleben, dafür lassen selbst die hartgesottensten Eisenbahnfreaks die Bahngleise links liegen,“ meint der Reiseleiter. „Zumindest für kurze Zeit.“

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Mehr über die Fahrten im Osteuropa-Hotelzug erfahren Sie unter www.ukraine-eisenbahnreisen.de.

GUS Osteuropa Reise Ukraine

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