Im Kaukasus - wo der Gast von Gott kommtEURASIEN

Im Kaukasus - wo der Gast von Gott kommt

Im Kaukasus - wo der Gast von Gott kommt

Thomas Heinze (28) und Nico Dünkel (29) aus Rudolstadt in Thüringen haben in vier Monaten die imaginäre Linie zwischen Asien und Europa bereist, die man in der Neuzeit als „Grenze“ bezeichnet. Die Route führte sie entlang des Uralgebirges und des Uralflusses bis zum Kaspischen Meer, von dort weiter durch den Kaukasus und am Schwarzen Meer vorbei bis in die Türkei. Mitte September fand die Reise in der türkischen Metropole Istanbul ihr Ende. Sie liegt am Bosporus und damit sowohl in Europa als auch in Asien. Nach ihrem mehrere tausend Kilometer langem „Abstecher“ quer durch Zentralasien (vergangene Ausgabe) berichten sie dieses Mal von ihren Erlebnissen im Kaukasus - einer der wohl abenteuerlichsten und geheimnisvollsten Regionen der Welt.

Von Thomas Heinze

D ie Seidenstraßen-Städte Buchara, Samarkand und Chiwa in Usbekistan lagen hinter uns, und wir brachen zum vorletzten großen Etappenziel auf: Mit dem Flieger ging es nach Baku und damit hinein in den Kaukasus. Schon beim Anflug auf Aserbaidschans Hauptstadt konnten wir das wirtschaftliche Rückgrat des Landes deutlich sehen: Die Küste des Kaspischen Meeres ist mit Ölplattformen zugebaut, in Raffinerien wird das Schwarze Gold veredelt und in Pipelines verschickt. Ein Ölfilm lässt das Meerwasser in Regenbogenfarben schillern - die Einheimischen baden dennoch. Dank der Milliarden aus dem Ölgeschäft wird in Baku ein Hochhaus neben dem anderen aus dem Boden gestampft.

Nach einer Stippvisite in Qobustan, einer Fundstätte prähistorischer Felszeichnungen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, fahren wir mit dem Zug weiter nach Georgien. In der Hauptstadt Tiflis holt uns unser Bekannter Tschabuka ab. Am Abend werden wir von seiner Frau Irma mit der leckeren georgischen Küche verwöhnt. Neue und immer wieder neue Köstlichkeiten wie überbackenes Käsebrot (Chatschapuri), Hackfleisch-Teigtaschen (Chinkali) oder Salzlakenkäse (Sulguni) zaubert sie auf den Tisch. Dass die georgische Küche früher als „Haute Cuisine“ der sowjetischen Küche galt, wird uns an diesem Abend schnell klar. Als wir dann noch in die herrlich frischen Betten unserer Gastgeber gewiesen werden, wollten wir das eigentlich ausschlagen. Doch jeder Protest wird mit dem Sprichwort „Der Gast kommt von Gott“ ganz klar abgewiesen.

„Die Träne Tamaras“

Georgien hat eine jahrtausendealte und legendenumwitterte Geschichte. Wardsia etwa ist eine komplett in den Felsen gebaute Stadt und seit dem 12. Jahrhundert bewohnt. Durch ihren nie versiegenden Brunnen namens „Die Träne Tamaras“ waren Belagerungsversuche zum Scheitern verurteilt. In der auf der armenischen Grenze liegenden Stadt David Garedscha bestaunen wir ausnehmend gut erhaltene Fresken aus dem 8. und 9. Jahrhundert.

Die Georgier hatten in ihrer Geschichte schon früh eine Hochkultur entwickelt. Heute ist das Land wirtschaftlich schwach und viele Menschen sind arm. Zwei Landstriche - Südossetien und Abchasien - haben sich vom Mutterland losgelöst und sorgen somit für Instabilität. Die Georgier wollen Abchasien schon allein wegen des Badeparadieses Suchumi am Schwarzen Meer wieder haben, das heute auch für ausländische Touristen kaum zugänglich ist.

Von Russland umklammert

Das Land kann sich nur schwer aus der Umklammerung Russlands lösen, das 16 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit oft fadenscheinigen Maßnahmen wie einem Verbot zur Weinausfuhr noch immer seinen Großmachtanspruch in Georgien geltend machen will.

Abseits der Hauptstadt Tiflis ist der Rückstand Georgiens oft unübersehbar. Etwa in dem kleinen Ort Kasbegi im Nordkaukasus. Auf der löchrigen Teerstraße grunzen Schweine und gackern Hühner. Westliche Errungenschaften wie Bankautomaten, Internet oder Supermärkte sucht man hier vergebens.

Wo Prometheus am Felsen hing

Das spektakuläre Schauspiel einer überreichen Natur macht das wett. Malerisch fügt sich die Wallfahrtskirche Sminda Sameba in die Landschaft, dahinter scheint der Kasbek sprichwörtlich am Himmel zu kratzen. Der 5047 Meter hohe Berg gehört zum Kaukasus-Hauptkamm und ist damit Teil des Grenzgebirges zwischen Europa und Asien. Wir wollen auf der imaginären Kontinentgrenze stehen und haben also einen guten Grund den Berg zu erklimmen, an den einst Prometheus gekettet war. Jeden Tag kam ein Adler und hackte ihm ein Stück seiner Leber heraus, die unter Schmerzen immer wieder nachwuchs. So jedenfalls erzählt es die griechische Mythologie.

Unser Bergführer Surabi ist ein älterer Mann, dem seine Erfahrung ins Gesicht geschrieben steht. Auf unsere Frage, wie oft er schon auf dem Gipfel war, antwortet er gleichgültig: „Bei 100 habe ich aufgehört zu zählen.“ Und schiebt nach: „Das  muss vor 15 Jahren gewesen sein.“

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf und marschieren mit einem Riesentempo den Berg hinauf. In rund fünf Stunden treibt uns Surabi mit nur einer kurzen Pause von zehn Minuten die kompletten 2000 Höhenmeter hinauf zum Basislager, einer ehemaligen Wetterstation. Hier auf 3700 Metern über Normalnull (NN) akklimatisieren wir uns einen Tag und üben, wie man mit Steigeisen, Eispickel und Seil fachmännisch umgeht.

Aufbruch in stockfinsterer Nacht

Am dritten Tag des Abenteuers Kasbeks heißt es um ein Uhr nachts Wecken - oder besser gesagt Aufstehen, denn schlafen konnte keiner. Voller Tatendrang und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ziehen wir in die  stockfinstere Nacht. Kein Mond und kein Stern durchbrechen die Dunkelheit. Unsere einfachen Lampen leuchten nur wenige Meter aus. Im Gänsemarsch folgen wir Surabi.

Von Anfang an gefiel ihm der Wind nicht, der schon am Basislager wehte. Er sollte Recht behalten. Schon nach wenigen hundert Höhenmetern Aufstieg mischten sich erste Schneeflocken in den nun stark auffrischenden Wind. Surabi erklärte, das sei nur ein Vorgeschmack auf die wirklich gefährlichen Teile des Aufstiegs. Es sei sinnvoll, unsere Kräfte für einen zweiten Versuch am nächsten Morgen zu schonen. Einsichtig, aber leicht verstimmt kehrten wir um und lagen gegen vier Uhr morgens wieder in unseren Schlafsäcken.

Gewitter und Lawinen – Verlobung auf 4200 Metern Höhe

Doch auch am nächsten Tag platzte der Traum von der Kasbek-Besteigung.  Nach schönem Wetter am Tag tobte in der Nacht ein Schneesturm mit Blitz und Donner. Die Gewitter waren manchmal so nah, dass man zwischen Blitz und  Donner kaum eine Sekunde zählen konnte. Vier Lawinen hörten wir ins Tal rauschen. Der Aufbruch zum Berg war unmöglich.

Unsere Hoffnung, den Kasbek dieses Jahr zu bezwingen, war damit gescheitert. Wir entschieden uns nun für den Abstieg nach Kasbegi, da das Wetter auch auf absehbare Zeit nichts Gutes versprach. Vorher ging ich jedoch mit meiner Freundin Stefanie, die uns seit Almaty begleitete, zu einer exponiert auf 4200 Metern über dem Meeresspiegel liegenden Kirche. Vielmehr als eine winzige Blechkabine mit Kreuz war es nicht. Stahlseile fixierten das drei Quadratmeter große Blechgebäude mit dem minimalistischen, aber liebevoll gestalteten Altar. Ja, das war nun der große Moment, ziemlich aufgeregt zog ich einen Ring und fragte Stefanie, ob sie denn einer Verlobung zustimmen würde. Erst schaute sie mich ziemlich entgeistert an, stimmte dann aber ohne Zögern zu. Froh stiegen wir bergab ins Tal und die gescheiterte Kasbek-Besteigung, wo ich den Ring ursprünglich übergeben wollte, wog nicht mehr so schwer.

Viele Kannen Wein auf Frieden, Gott und Kinder

In Kasbegi angekommen feierten die Einwohner den höchsten Feiertag des Landes. Trotz unserer Erschöpfung mussten - oder durften - wir an vielen Feierplätzen mittrinken und -essen. Frisch geschlachtete Ziegen, Hammel, Schwein, Unmengen von Wein und Melonen hatten wir schon konsumiert, bevor wir leicht angeheitert Surabis Haus erreichten. Hier war auch schon wieder aufgetafelt, dass sich die Tische bogen. Man gewährte uns nicht einmal Zeit zum Stiefel ausziehen. Viele Kannen Wein wurden diesen Abend auf Frieden, Gott, Kinder und Eltern, sowie auf die deutsch-georgische Freundschaft geleert. Die georgische Gastfreundschaft ist wirklich legendär.

Mit verhaltener Aktivität erhoben wir uns am frühen Morgen, um Kasbegi gen Tiflis zu verlassen. Doch auch hier hieß es bald Abschied nehmen. Es war ein Abschied mit Wehmut, weil Georgiens Hauptstadt so ziemlich die letzte große Station der Reise war. Unsere insgesamt viermonatige Tour ging in riesigen Schritten dem Ende entgegen.

„Stecke einen Stock in die Erde und komme zurück um zu ernten!“

Richtung Westen fuhren wir nach Megrelien, eine der schönsten und fruchtbarsten Regionen Georgiens. Hier wachsen Feigen, Melonen, Granatäpfel, Kiwi, Wein und hochwertiger Tee. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist sprichwörtlich. „Stecke einen Stock in die Erde und komme zurück um zu ernten!“, ist eines der vielen georgischen Sprichwörter.

Von Megrelien aus unternahmen wir noch einen Abstecher ins nördlich gelegene Swanetien, das in den unzugänglichsten Bereichen des hohen Kaukasus’ liegt. Die wenigen Einwohner sind sehr stolz auf ihre jahrtausendealte Kultur und bekannt für ihre kriegerische Geschichte. In ihrer Abgeschiedenheit entwickelten die Menschen auch eigene Bräuche und Traditionen. Deutlich wird das anhand der einzigartigen Architektur. Ganz Swanetien ist von beeindruckenden Wohntürmen geprägt. Sie sind quadratisch, rund 15 Meter  hoch und verjüngen sich nach oben leicht. Aus Sicherheitsgründen gibt es im ganzen Turm keine Fenster, sondern nur oben drei kleine Schießscharten in jede Richtung. Bei Belagerungen oder extremen Schneelagen - fünf Meter sind keine Seltenheit - flüchteten die Swanen aus ihren Wohnhäusern in ihre „persönlichen Schutzburgen“.

Das höchste Dorf Europas – malerisch von Bergen eingerahmt

Der Höhepunkt unseres Swanetien-Besuches war Uschguli. Das Dorf liegt extrem abgelegen. Unter bewaffnetem Polizeischutz fuhren wir entlang der spektakulärsten Gipfel des hohen Kaukasus durch enge Schluchten auf rund 2200 Meter über NN. Das höchste Dorf Europas wird malerisch von Bergen eingerahmt, die im Norden gleichzeitig die Grenze nach Tschetschenien bilden. Der Ort selbst scheint unverändert aus dem 15. Jahrhundert in unsere Zeit hinüber gerettet. Dutzende steinerne Türme ragen in den Himmel, die Gassen sind eng, dunkel und unbefestigt, die Dächer mit flachen Steinen gedeckt. Schweine, Hühner und Gänse streunen um die Häuser. Die wenigen Bewohner halten sich im Hintergrund und scheinen uns Fremden gegenüber arg skeptisch, aber natürlich auch ein Stück weit neugierig. Ein kleiner Junge beobachtete uns verstohlen aus einer Tür heraus, und in einem Moment, als er sich unbemerkt glaubte, zog er ein Fotohandy und fotografierte uns. Ich bemerkte dies und fotografierte zurück, als er sein Bild betrachtete. In Anbetracht unserer mittelalterlichen Umgebung eine skurrile Situation.

Auf dem Weg durch das Dorf sahen wir immer wieder Frauen mit Waschbrettern, riesige Schlitten, mit denen das Heu eingefahren wird und neugierige Kinder auf Pferden. Aber ebenso gab es Satellitenschüsseln oder eben Fotohandys. Die Zeit scheint sich hier einfach nicht zwischen Mittelalter und Moderne entscheiden zu können.

Sonnenuntergang am Schwarzen Meer

Nach unserem Swanetien-Abstecher ging es weiter Richtung Westen ans Schwarze Meer. Unterwegs stoppten wir kurz an den Ruinen der antiken Stadt Kolcha. Der griechischen Sage nach holten die  Argonauten von hier das Goldene Vlies zurück. Am Abend erreichten wir das Schwarze Meer, das uns einen traumhaften Sonnenuntergang vergönnte. In den folgenden Tagen badeten wir ausgiebig und erholten uns am Strand. Der Sand ist hier schwarz, magnetisch und soll heilsam sein.

Nach drei Tagen verließen wir nach einem Abschied der uns unendlich schwer fiel, unseren Freund Tschabuka und brachen auf zu unserem letzten großen Etappenziel: Istanbul!

*

Nächste Ausgabe: Istanbul - Metropole auf zwei Kontinenten und mit dem Kleinlaster 3000 Kilometer nach Deutschland zurück.

Die Netzadresse des Autors lautet: www.heinze-thomas.de

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