Im Ukraine-Konflikt mischt die Diaspora in Kanada kräftig mitHINTERGRUND

Der Ukraine-Konflikt und die Diaspora in Kanada

Die ukrainische Gemeinschaft in Kanada mit 1,2 Millionen Angehörigen ist nicht nur die rührigste, sondern auch die einflussreichste unter den Ukrainern in der Diaspora. Sie hat in der freien Gesellschaft Kanadas erstaunliche Leistungen erbracht und politische Spitzenpositionen auf allen Ebenen erlangt. Aufgrund ihrer Sonderstellung in Kanada konnte die Diaspora die Regierung Kanadas zu einer deutlichen Unterstützung der Ukraine mobilisieren und auf die Entwicklung in der Ukraine als „Reformbeschleuniger“ einwirken: bei der Orangerevolution und beim Euromaidan und jetzt in Abwehr der russischen Bedrohung. Neben Rücksicht auf das Wählerpotential der ukrainischen Diaspora verfolgt die kanadische Regierung in der Ukraine auch eigene wirtschaftliche, politische und sicherheitsbedingte Interessen.

Von Hans-Joachim Hoppe | 04.09.2015

In Kanada leben etwa 1,2 Millionen Ukrainer in der Diaspora
In Kanada leben etwa 1,2 Millionen Ukrainer in der Diaspora

Kanada ist allein schon aufgrund seiner Nationalitätenstruktur ein wichtiger Partner Osteuropas. Das Land spiegelt in seinen Grenzen die ganze Vielfalt der Nationalitäten Osteuropas wider. Etwa acht Millionen der 33 Millionen Einwohner Kanadas stammen aus Osteuropa – Ukrainer, Polen, Russen, Balten, Juden und Deutsche. Beinahe nirgendwo haben die osteuropäischen Migranten so große Entfaltungsmöglichkeiten – in der Politik, in der Wirtschaft und Gesellschaft wie im liberalen, multikulturellen Kanada. Über mehrere Generationen werden die meisten Einwanderer zu „Kanadiern“, wobei die Ukrainer zugleich an ihrer inneren Bindung zur Heimat festhalten.

20 Millionen Ukrainer weltweit

Es gibt zwar eine ebenso rührige ukrainische Lobby in den USA, doch leidet diese unter der Konkurrenz der vielen anderen ethnischen Gemeinschaften. Eine Million Ukrainer machen im Flächenstaat Kanada mit gerade mal 33 Millionen Einwohnern mehr aus als die Million in den USA mit 330 Millionen Bewohnern.
 
Die Schätzungen der Größe der ukrainischen Diaspora gehen weit aus einander und liegen zwischen 6 und 20 Millionen. Die Ukrainer zieht es offenbar vorzugsweise in Großstaaten mit ihren weitgesteckten Möglichkeiten – nach Russland, Kasachstan, in die USA, Kanada und Brasilien. So leben nach variierenden Schätzungen in Russland fast zwei bis drei Millionen, Kasachstan 300.000, Kanada 1,2 Millionen, den USA 900.000 bis eine Million, Brasilien 550.000, Argentinien 300.000, Deutschland und Italien jeweils 50.000 bis100.000.

Kanada und die Ukraine sind nach ihrer Bevölkerung von 35 bzw. 40 Millionen Einwohner etwa gleich starke Mittelmächte, der Fläche nach ist die Ukraine kaum größer als eine kanadische Provinz. Kanada hat mit zehn Millionen Quadratkilometer das Vielfache der Fläche der Ukraine, obwohl diese flächenmäßig der größte Staat Europas ist.
  
Die bevorzugten Prärieprovinzen der Ukrainer Alberta, Manitoba und Saskatchewan sind fast so groß wie die Ukraine: 603.000 Quadratkilometer, aber extrem dünn besiedelt. Alberta hat 3,4 Millionen Bewohner auf 642.000 Quadratkilometer, Manitoba 1,1 Millionen Bewohner auf 553.000 Quadratkilometer und Saskatchewan 990.000 Bewohner auf 591.000 Quadratkilometer. 

Kanada ist hoffnungslos unterbevölkert, müsste aber in Hinblick auf künftige Bedrohungen vor allem durch Russland in der Arktis das Vielfache an Bevölkerung aufnehmen, um verteidigungsfähig zu sein. Zuwanderer aus Osteuropa sind daher stets willkommen.

Einwanderung in mehreren Wellen

Schon seit zwei Jahrhunderten wandern Ukrainer vorzugsweise nach Nordamerika aus, wo sie ähnliche geologische und klimatische Bedingungen wie in ihrer Heimat, aber „unbegrenzte“ Freiheiten und ungeahnte Aufstiegsmöglichkeiten vorfinden und ihre ethnischen, religiösen oder politischen Eigenheiten ungehindert ausleben können. Vielen gelang ein Neubeginn als Farmer oder Unternehmer. (Hans-Joachim Hoppe: „Ukrainische Weiten: Kanada war und ist für viele Osteuropäer ein Land der Verheissung – doch die Asiaten drängen nach“, Neue Zürcher Zeitung, 12. September 2009.)

Aus einer Menge von Gründen trieb es die Ukrainer ins Exil aus ihren Heimatgebieten in der heutigen Westukraine, die wechselweise unter russischer, österreichisch-ungarischer oder polnischer Herrschaft standen. Armut, Krieg und Unterdrückung jeglicher Art durch russischen Zarismus und sowjetischen Kommunismus - mit dem „Holodomor“ (Massenhungertod) unter Stalin als Höhepunkt - lösten weitere Migrationswellen aus. Für die Migranten aus Osteuropa wurde das freie wohlhabende Kanada zu einem Anti-Russland, einem Gegenbild gegen die Sowjetdiktatur.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs flohen viele Ukrainer vor der vorrückenden Sowjetarmee - nach einer Zwischenstation in Westeuropa, in Westdeutschland und Großbritannien - weiter nach Amerika. Unter den Flüchtenden fanden sich ehemalige Zwangsarbeiter wie auch ukrainische Kriegsveteranen, die mit den Nazis zusammengearbeitet haben und der Massaker an Juden und Polen beschuldigt werden.

Nach der Wende kam es zu einer weiteren Auswandererwelle, die jedoch weniger aus „Patrioten“ und „Nationalisten“ bestand, sondern aus „Glückssuchern“ nach einer besseren Welt.    
 
Die Ukrainer, die vor 100 Jahren nach Kanada kamen, bevorzugten die Prärieprovinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba sowie die Städte im Osten, Toronto und Montreal, wo jetzt große Gemeinden bestehen.

Überall in der kanadischen Gesellschaft findet man Ukrainer – als Farmer, Handwerker, Unternehmer, Intellektuelle, Sportler und Medienmitarbeiter. Sie sitzen in den Stadt-, Regional- und Föderationsparlamenten sowie in den Leitungen wichtiger Unternehmen, die ihrerseits in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in Osteuropa und in Mittelasien in der Landwirtschaft, in der Petroindustrie und im Bergbau investieren.

Ukrainer in Spitzenpositionen

Im Bunde mit führenden kanadischen Familien erhielten die Ukrainer Zugang zu politischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen. Auch durch Bündnisse  mit anderen aus Osteuropa kommenden Gemeinschaften verstärkten die Ukrainer ihren Einfluss und bildeten mit Deutschen, Polen, Russen und Balten eine „Dritte Kraft“ neben der anglo-französischen Leitkultur. Ukrainer stellten einen Generalgouverneur als Kanadas Staatsoberhaupt in Vertretung der Königin, Premiers und Gouverneure in ihren Stammprovinzen, Abgeordnete im kanadischen Parlament, im Sicherheitsrat Kanadas und anderen Schlüsselorganen. In mehreren Kabinetten der Föderalen Regierung in Ottawa waren Minister ukrainischer Herkunft, nur der gegenwärtigen Regierung des konservativen Premiers Stephen Harper fehlen Ukrainer.

Noch bevor die Ukraine im Dezember 1991 ihre Unabhängigkeit wieder erlangte, war ein Ukrainer Staatsoberhaupt Kanadas, Ramon Hnatyshyn 1990-1995, dessen Vorfahren aus dem österreichischen Teil der Westukraine, der Bukovina, stammten. Seine Eltern hatten gute Verbindungen zum deutschstämmigen Premier John Diefenbaker (1957-1963).

Roy Romanow war Premierminister (1991-2001) von Saskatchewan, einer Hochburg der Ukrainer. Er förderte die Ukrainer in Kanada und die Opposition in der Ukraine. Er hatte die Führer der Orangebewegung Viktor Juschtschenko und Julija Tymoschenko zu Gast. und besuchte Kiew sowie die Heimstätte seiner Vorfahren im Raum Lemberg/Lviv. Mit einem umfassenden Kooperationsabkommen konnte er die Entwicklung der Ukraine unterstützen.

Der Ukrainer Gary Filmon war 1988-1999 Premier der Provinz Manitoba in Kanadas Mittlerem Westen. Er selbst stammte aus Winnipeg, einem Zentrum der Ukrainer. Seine Großeltern mütterlicherseits stammten aus den Karpaten. Filmon besuchte die Ukraine im September 1991 wenige Wochen vor ihrer Unabhängigkeitswerdung. Er unterstützte die Entwicklung der Ukraine durch Hilfen für die Wirtschaft, die Erziehung und Kultur sowie für das Gesundheitswesen. Er förderte die Ankurbelung der Einwanderung von Ukrainern nach Manitoba. Filmon brachte sogar eine G7-Konferenz zur Ukraine nach Winnipeg.

Der letzte der ukrainischen Prärie-Premiers war Ed Stelmach, Premier von Alberta (2006-2011)), dessen Vorfahren ebenfalls aus dem Raum Lemberg/Lviv stammten, löste 2006 den beliebten deutschstämmigen Premier Ralph Klein ab. Stelmach startete zahlreiche Förderprogramme für die Ukraine, darunter ein Austauschprogramm und ein Programm zur Wirtschaftsförderung, an der die drei Prärieprovinzen mit verschiedenen Schwerpunkten beteiligt sind: Manitoba - für den Bausektor, Saskatchewan – für Landwirtschaft und das ölreiche Alberta – für Energie.

Überraschend erlangte vor kurzem wiederum ein Ukrainer in Kanada eine Spitzenstellung: Im Juni 2013 wurde Stephen S. Poloz, Jahrgang 1956, aus Oshawa, Ontario, zum Gouverneur der Zentralbank, der Bank of Canada, für eine Amtszeit von sieben Jahren ernannt. Er weist eine über 30jährige Erfahrung im Finanzsektor auf, darunter in der Bank of Canada (ab 1981), der Export Development Canada (EDC) und beim Internationalen Währungsfond.

Der Ukrainisch-Kanadische Kongress als autorisierte Vertretung

Die wichtigste Organisation der Kanadier ukrainischer Herkunft ist der Ukrainisch- Kanadische Kongress (Ukrainian Canadian Congress = UCC). Er ist nicht nur ein Verband kultureller und folkloristischer Natur wie etwa der Deutsch-kanadische Kongress, sondern die „autorisierte“ Vertretung der Ukrainisch-Kanadischen Gemeinschaft gegenüber dem Volk und der Regierung von Kanada. Der UCC ist der Dachverband von 28 größeren Mitgliedsorganisationen.

Kurioserweise hat der Ukrainisch-Kanadische Kongress, der die eigentliche Lobbyarbeit vor Ort betreiben sollte, seinen Sitz in Winnipeg, 3000 km von Ottawa entfernt, wo sich noch ein Nationales Büro des UCC befindet. Die weltweite Dachorganisation der Ukrainer, der Ukrainische Weltkongress UWC, hat dagegen seine Zentrale in Toronto, was wiederum Kanadas herausragende Rolle als Patron der Ukrainer anzeigt.

Vorsitzender des UCC und zugleich Stellvertretender Vorsitzender des Ukrainischen Weltkongresses ist Paul Grod, Präsident von Rodan Energy, einem der führenden Elektrizitätskonzerne in Nordamerika, er war Banker und Anwalt bei der schon erwähnten auf Osteuropa spezialisierten Kanzlei Gowling Lafleur Henderson LLP. Grod wird in den kanadischen Medien zu den Top 100 einflussreichsten Personen Kanadas erhoben. Im März 2014 hat der Kreml ihn auf die Sanktionsliste gegen 13 Kanadier gesetzt, denen die Einreise nach Russland untersagt ist. 

Neben dem UCC entstanden aus den Reihen der ukrainisch-kanadischen Gemeinschaft eine Fülle von Verbänden und Institutionen zur Wahrung der Traditionen, zur sozialen Selbsthilfe und zur Unterstützung des Heimatlandes Ukraine. Eine wichtige Rolle zur Förderung der Wirtschaftsbeziehungen spielt die Canada-Ukraine Chamber of Commerce (CUCC). Hochrangige politische Kontakte vermittelt die Gruppe „Canadian Friends of Ukraine“, die schon seit 1990 politische Kontakte und den Reformprozess in der Ukraine fördert.
 
Der UCC kooperiert bei der Durchsetzung seiner Interessen in vielen gesellschaftspolitischen Fragen mit dem Deutsch-kanadischen Kongress, dem Polnisch-kanadischen Kongress und weiteren Verbänden osteuropäischer Nationalitäten. Mehrere osteuropäische Verbände haben sich im „Central and Eastern European Council of Canada“ (CEEC) zusammengeschlossen, die  insgesamt 4 Millionen Kanadier osteuropäischer Herkunft vertreten: Ukrainer, Polen, Litauer, Letten, Ungarn, Tschechen und Slovaken sowie Albaner. Sie führten während der Euromaidan-Proteste in der Ukraine viele gemeinsame Aktionen zur Unterstützung der Demonstranten durch.

33 ethnische Verbände Kanadas einschließlich des UCC und des Deutsch-Kanadischen Kongresses sind im „Canadian Ethnocultural Council“ vereint, der die Interessen der Minderheiten vertritt.

Gleich zwei Weltkongresse

Als Vertretung der Ukrainer in der Diaspora, schätzungsweise 15-20 Millionen Angehörige, sieht sich der Ukrainische Weltkongress mit Sitz in Toronto, der ukrainische Organisationen in über 33 Ländern vereint. Er wurde 1967 in New York gegründet und wird von der UN als NGO mit besonderem Status anerkannt. Präsident ist seit 2008 der Quebecer Anwalt und Finanzier Eugene Czolij.

1991 entstand in Kiew noch eine konkurrierende Organisation, der „Ukrainische Weltkoordinationsrat“, mit dem es trotz Kooperation seitens des UCC immer wieder zu Querelen kam. Der Koordinationsrat wird seit 2011 von Mychailo Ratushny geleitet. Zur Unterstützung der Euromaidan-Proteste gegen das Regime von Präsident Janukowitsch bildeten die beiden Weltverbänden ab Dezember 2013 ein Koordinationszentrum.

Die Oberschicht der ukrainischen Gemeinschaft passte sich der kanadischen Gesellschaft rasch an. Sie machten Karriere in Wirtschaft, Kultur, Medien und Politik. Interessanterweise engagierten sich die Provinzpremiers und andere Etablierte ukrainischer Herkunft fast gar nicht in den Verbänden ihrer Gemeinschaft. Vielmehr schlossen sie sich den führenden Parteien Kanadas an – den Liberalen und Konservativen und neuerdings auch den Neuen Demokraten, um Karriere zu machen. Sie bekennen sich zu den „kanadischen Werten“ und meiden es, in den Geruch des Erzkonservativen der ukrainischen Gemeinschaft zu kommen.

Trotzdem gelten die Ukrainer in der westlichen Diaspora, die ihre Sprache und Kultur pflegen, als patriotischer als ihre Landsleute in der Heimat, die immer noch die teilweise immer noch die sowjetische Mentalität in sich tragen, sich zur Ukraine bekennen und dennoch lieber Russisch sprechen.

Die ukrainische Regierung versucht die Verbindung zur Diaspora im Westen zu fördern. So hat das Außenministerium schon seit längerem eine Abteilung für die Ukrainer in der Welt, kulturelle und humanitäre Kooperation. Im Kulturministerium gibt es ebenfalls eine Sektion für die Arbeit mit der Diaspora.

Umstrittene Nationalhelden

Manche Experten wie z.B. Taras Kuzio meinen denn auch, dass die Ukrainergemeinde in Kanada etwas hinterwäldlerisch ist, teils noch in Kategorien des 19. Jahrhundert lebt und den Sprung ins 21. Jahrhundert eigentlich verpasst hat.

So wird in der Diaspora der Kult um die umstrittenen Führer wie Stepan Bandera und Roman Schuchewitsch wegen ihres Kampfes um die Unabhängigkeit der Ukraine hochgehalten, während deren Kollaboration mit den Nazis und Kriegsverbrechen an Juden und Polen heruntergespielt werden. Reste der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) und der Organisation ukrainischer Nationalisten (UNA) fanden in Kanada eine neue Heimat und halten noch heute Verbindung zu den Rechten in der Ukraine. Sogar ein Büro des Rechten Sektors, der Partei „Svoboda“ und anderer rechter Gruppen befinden sich in Kanada. In Edmonton und anderenorts in Kanada entstanden regelrechte Kultstätten des ukrainischen Patriotismus.

Kurioserweise gibt es unter den ukrainischen Migranten, obwohl die meisten der Sowjetdiktatur entflohen sind, auch radikale Splittergruppen im linken Spektrum, antiamerikanische Intellektuelle an den Hochschulen, prorussische Sympathisanten und marxistische Zirkel in den Städten, die einst von einem „Sowjetkanada“ träumten, in dem man die sozialistischen Ideale besser verwirklichen könne als in der „alten Welt“.

Erinnerungskultur der Verfolgung und des Leidens

 Der UCC forderte zusammen mit Deutschen, Japanern und anderen Betroffenen die kanadische Regierung mit gewissem Erfolg zur Rehabilitierung und Entschädigung für die während des Ersten Weltkriegs zu Unrecht Internierten - als angebliche Kollaborateure der damaligen Mittelmächte (Deutschlands und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie). Tausende von Deutsch-Kanadiern wurden während des Zweiten Weltkriegs abermals interniert. Die kanadische Regierung gründete eine Stiftung, die sich mit den „Schatten der kanadischen Vergangenheit“ befasst.

Die Eröffnung eines Kanadischen Menschenrechtsmuseums in Winnipeg entfachte eine Debatte über die Forderung von Ukrainern und Deutschen, dass nicht nur des Holocausts, sondern aller Massenmorde in der Menschheitsgeschichte, darunter des ukrainischen Holodomor, des Genozids an den Armeniern und der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, die ebenfalls Millionen Opfer forderte, gedacht wird.

Mehrere ethnische Verbände forderten eine gebührende Berücksichtigung des kanadischen Unrechts an den Inuits sowie an Kanadiern ukrainischer, deutscher und japanischer Herkunft sowie von Quebecern, die zeitweise in Arbeitslagern interniert wurden.

Ein neuer Streitpunkt ist gegenwärtig die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Kommunismus nahe dem kanadischen Parlament in Ottawa.

Unterstützung für die Ukraine

Politiker und Unternehmer aus Migrantenkreisen wurden nach der Wende in Osteuropa wichtige Mittler zwischen Kanada und ihren Herkunftsländern. Ähnlich wie Westdeutschland zur Entwicklung der neuen Bundesländer durch Investitionen, finanzielle Hilfen und Politikertransfers beitrug, so steuerten die USA und Kanada durch gezielte Partnerschaften zum Reformprozess in Osteuropa bei. Migranten, die in Nordamerika Zuflucht gefunden hatten, kehrten nach der Wende zurück in ihre Heimat, um dort vor Ort dem politischen Wandlungsprozess und der erstrebten Westorientierung zum Durchbruch zu verhelfen.

Die meisten der ethnischen Ukrainer Kanadas haben ihre Wurzeln in der Westukraine, die überwiegend katholisch, ukrainischsprachig und mehr dem Westen als Russland zugewandt ist. Zwischen den Ukrainern in Kanada und Lviv/Lemberg in der Westukraine bestehen seit jeher enge kulturelle und politische Beziehungen, auch in der umstrittenen Heldenverehrung.

Die berühmtesten Beispiele für Politiker-Export nach Osteuropa sind Litauens Präsident Valdas Adamkus, der aus den USA, und Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga, die aus dem Exil in Kanada in ihre Heimat zurückkehrte. In die umgekehrte Richtung reisten viele Politiker aus Ost- und Südosteuropa - nach Kanada und in die USA, um dort bei den Regierungen und den Diaspora-Gemeinschaften Unterstützung zu suchen. Erinnert sei u.a. an die bosnische Serbenführerin Biljana Plavšić und Kroatiens Präsident Franjo Tudjman, die für ihre politischen und militärischen Ziele in Nordamerika Geld und Waffen sammelten. Tudjman holte seinen späteren Verteidigungsminister Gojko Šušak zurück aus Kanada.

Seit der Unabhängigkeit der Ukraine suchte Kanada gemeinsam mit der Diaspora die Kontakte zur Kiewer Führung wie auch zur Opposition. Präsident Leonid Kutschma besuchte 1994 als erster ukrainischer Staatschef Kanada. Es folgten die prowestlichen Präsidenten Juschtschenko und die Premierministerin Julia Tymoschenko. Präsident Viktor Janukowytsch, dem die feindliche Haltung der Diaspora bekannt war, verhielt sich zurückhaltend. Präsident Poroschenko besuchte im September 2014 mit der Bitte um Militärhilfe die USA und Kanada. Im Februar 2014 mahnte der nicht unumstrittene Andriy Parubiy, Parlamentsvizepräsident und ehemaliger Sekretär des Sicherheits- und Verteidigungsrats, in Kanada und den USA um nochmals wirksame Unterstützung für die Ukraine an.

In Kanada wie auch in den USA besteht eine starke ukrainische Lobby, die die Entwicklung in der Ukraine stets zu beeinflussen versuchte und zum Gelingen der Orangerevolution vom November 2004 bis Januar 2005 und des Machtwechsel während der Euromaidan-Proteste im Februar 2014 beitrug. Dabei konnte Kanada im Schatten der USA unauffälliger und aktiver agieren als die Washingtoner Administration.

Dass Kanada sich so sehr für die Ukraine interessiert, liegt nicht nur an der rührigen ukrainischen Minderheit, an ihrem Wählerpotential, sondern an handfesten globalen politischen und wirtschaftlichen Interessen der Regierung in Ottawa. Die Ukraine wiederum sieht in Kanada einen der wichtigsten Verbündeten im Bemühen um politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau sowie im Abwehrkampf gegen Russland. Für Kanada wird Russland demnächst nicht mehr ein Tausende von Kilometern entferntes Problem bleiben, wenn es in der Arktis mit massiven Territorialforderungen Russlands konfrontiert wird. 

Kanada als Patron der Orangerevolution und des Maidan

Nicht zuletzt aufgrund der rührigen ukrainischen Diaspora wurde Kanada unter den westlichen Ländern zum „Patron“ der Ukraine. Kanada war das erste westliche Land, das 1991 die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannte. Es unterstützte die Orangerevolution von 2004/2005 und jetzt den Euromaidan. Die Ukrainer hoffen, über die kanadische Regierung Obama dazu zu bewegen, effektive Waffen an die Ukraine zu liefern.

Ein Heer von mehreren Hundert kanadischen Aktivisten, darunter etwa die Hälfte aus der Diaspora, waren bei Wahlen und den Protestaktionen in der Ukraine zugegen. in beiden Revolutionen die nahe dem Unabhängigkeitsplatz gelegene kanadische Botschaft spielte eine humanitäre und koordinierende Rolle und bot von Sicherheits-kräften verfolgten Demonstranten Zuflucht. Kritiker fragen, wie stände die Botschaft da, wenn der Maidan gescheitert wäre. Doch Botschafter Roman Waschuk wies die kleinkarierten Einwände gegen seinen Vorgänger Troy Lulashnyk zurück, es sei damals um humanitäre Hilfe in der Not gegangen. Die kanadische Botschaft unterstützte deutlich ukrainische NGOs sowie die prowestliche Opposition; sie koordinierte sogar eine Arbeitsgruppe westlicher Botschaften zur Unterstützung der Opposition vor der Orangerevolution sowie gegen Janukowytsch.

„Sammeln für das Vaterland “

Die Ukraine in Kanada versicherten, dass sie die Unterstützung der Ukraine nicht allein der Regierung Kanadas überlassen, sondern selbst einen eigenen Beitrag leisten wollen. Seit dem Beginn der Kämpfe in der Ostukraine wird in allen Diaspora-Organisationen für die Ukraine und ihre Truppen gesammelt: für Waffen, einfache Ausrüstung und medizinische Hilfe. Sie rekrutiert Freiwillige für den Dienst an der Front. Kanadier, die in Syrien kämpften, melden sich nun zum Kampf für die Ukraine.

Einige schlossen sich auch dem berüchtigten „Azov-Batallion“ an, das im Donbass tapfer kämpfte, aber wegen des Kults von Nazi-Symbolen in Verruf kam.

An den Hilfsaktionen sind neben dem UCC Diaspora-Verbände aller Schattierungen beteiligt. An der Front sind neben den blau-gelben Flaggen der Ukraine auch die rot-weißen Kanadas zu sehen. Militärische Hilfe sammelt und leistet die Organisation „Army SOS“, die in Toronto und in Kiew ihre Hauptquartiere hat und zahlreiche Waffenlager unterhält. In Kanada wird sie von der Regierung unterstützt, konservative Abgeordnete treten auf ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen auf.

In Kiew hat auch der UCC eine Vertretung, die von Lenna Koszarny, 45 Jahre, aus London, Ontario, geleitet wird. Sie überwacht die Hilfslieferungen von „Army SOS“ und sorgt dafür, dass sie an die richtige Adresse kommen. Sie ist zugleich Mitbegründerin und CEO der Gruppe „Horizon Capital“, der auch die jetzige Finanzministerin der Ukraine Natalie Jaresko angehörte. Beide waren zudem beim Western NIS Enterprise Fund (USAID) in führenden Positionen tätig. Marko Suprun, ein Aktivist aus Winnipeg, der nun in Kiew lebt, ist Mitbegründer der Hilfsorganisation des UWC „Patriotic Defense“, die in der Ukraine und in der Diaspora medizinische Ausrüstungen beschafft und Erste Hilfe-Kurse durchführt. Bohdan Kupych ist ein ukrainisch-kanadischer Software-Entwickler, der die Artillerie mit Präzisionstechnik versorgte. Die Beschießung der Separatisten kostete aber auch Hunderten von Zivilisten das Leben.

Die kanadische Diaspora hat für über 15 Millionen Dollar gesammelt, die für Ersatz-teile, Computer, Waffen und Fahrzeuge ausgegeben wurden. Die Lieferungen gehen aus Furcht vor Materialverlusten durch Diebstahl und Korruption an der Armee vorbei und direkt an die Front. Hinter „Army SOS“ steht der Kiewer Investmentbankier Jaroslav Tropinov. Mitglieder der ukrainischen Gemeinde in Kanada beschafften auch dringend benötigte Drohnen.

Der UCC hat die Annexion der Krim durch Russland und die vom Kreml inszenierte Rebellion in der Ostukraine mit Empörung aufgenommen. Er begrüßte die Besuche von Premier Harper in der Ukraine sowie den Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen Kanada und der Ukraine.

Zögerliche militärische Hilfe

Premier Harper sowie Außenminister Baird reisten mehrfach in Begleitung von Führern der ukrainischen Diaspora in die Ukraine, um ihre Führer der Unterstützung Kanadas zu versichern. Kanada gewährte über 500 Millionen Dollar finanzielle Hilfe sowie politische und moralische Unterstützung. Kanada schloss sich den Sanktionen der USA und der EU gegen Russland an. Harper war als einer der wenigen Führer des Westens auch bei der Inauguration von Präsident Petro Poroschenko am 6. Juni 2014 zugegen. Er unterstützte die Ukraine bei der G-7 und auf anderen internationalen Konferenzen. Ein wichtiger Schritt für die Ukraine ist der Abschluss des Freihandelsabkommens mit Kanada Mitte Juli 2015.  
 
Nach der Annexion der Krim und Russlands Vorgehen gegen die Ostukraine leisteten Kanada und die USA der Ukraine erste „nichttödliche“ militärische Hilfe. Bei seinem Besuch in Kanada und den USA im September 2014 mahnte der ukrainische Präsident Poroschenko, dass man einen Krieg gegen Russland nicht mit „Decken und Zelten“ gewinnen könne, sondern schwere Waffen zur Verteidigung brauche. Es dauerte noch Monate bis endlich amerikanische, kanadische und britische sowie polnische und litauische Ausbilder der ukrainischen Armee zu Hilfe kamen. Hauptsorge der kanadischen Medien war, dass die kanadischen Ausbilder keine ukrainischen „Faschisten“ schulen. Dazu rechnete man das Asow-Batallion, Gruppen der „Svoboda-Partei“ von Oleh Tyahnibok sowie des „Rechten Sektors“ von Dmitrij Jarosch, der sogar gegen Kiew vorzugehen drohte.

Die Trainingskurse wurden im Rahmen der Operation „Reassurance“ durch einen verstärkten NATO-Einsatz zur Luft und zu Lande in den Grenzländern der EU vom Baltikum über Polen bis Rumänien und Bulgarien ergänzt.

Diaspora als „Katalysator der Reformen“

Die Ukraine hat im Parlament und in der Regierung auch unter den “Kanadiern” eine starke Lobby in allen Parteien. Genannt seien der liberale Abgeordnete Boris Wrzesnewskyj, und die rührige Journalistin Chrystia Freeland, die Konservativen Ted Opitz aus Toronto, der zu den Parlamentswahlen von 2012 die kanadische Beobachtermission geleitet hatte, der Verteidigungsexperte James Bezan aus Manitoba, ein Baptist, der mehrfach Militärhilfslieferungen in die Ukraine begleitete. Neben Premier Harper hat die Ukraine in Immigrationsminister Chris Alexander, Ex-Außenminister John Baird und seinem Nachfolger Rob Nicholson starke Fürsprecher.

Die Diaspora in Kanada und in den USA wurde zum „Katalysator der Reformen“ in der Ukraine, wie der Ukraine-Experte Andreas Umland meint. Das trifft zumindest in Form von Einflussnahme des UCC zu, der direkt und über die kanadische Regierung auf die ukrainische Führung einwirkte. Der Re-Import des Nationalismus in die Ukraine dagegen führte in der Westukraine zu Spannungen (Rechter Sektor, Partei Svoboda). Nicht zuletzt unter dem Einfluss der Diaspora erhielten Poroschenkos Dekommunisierungsgesetze unnötige Schärfen.

Politikertransfer

Ein kluger Schachzug im Rahmen des Politikertransfers war die Berufung der ukrainisch-amerikanischen Ökonomin Natalija Jaresko zur Finanzministerin der Ukraine. Es gibt sicher noch mehr persönliche Verbindungen zwischen den ukrainischen Politikern und der Diaspora. So hat der ehemalige Präsident Juschtschenko eine Amerikanerin ebenfalls ukrainischer Herkunft zur Frau.

Merkwürdig ist aber, dass Präsident Poroschenko eine Vielzahl von Georgiern, voran Ex-Präsident Micheil Saakaschwili als Gouverneur von Odessa, in Regierungsämter berief und kaum Personen aus der ukrainischen Diaspora, wo diese doch ihr Können in höchsten kanadischen Ämtern, in der Wirtschaft und in der Armee bewiesen haben.

Der Ukraine-Experte Taras Kuzio meint dazu, dass die Georgier unabhängig agieren können, da sie nicht mit den lokalen Klans in der Ukraine verbunden sind. Zudem haben alle Georgier Regierungserfahrung in ihrem eigenen Land, viele von ihnen wie abermals Saakaschwili haben in der Ukraine studiert und kennen das Land und die Sprache. Die Ukrainer der Diaspora seien nicht vertraut mit der heutigen Ukraine, ihre Vorfahren kommen aus der Westukraine, sprechen kein Russisch und haben kein Verständnis der russisch geprägte Ostukraine. Georgier, Polen und Balten wurden für höhere Ämter gewonnen wie Georgiens Ex-Präsident Micheil Saakashivili, jetzt Gouverneur von Odessa, Gesundheitsminister Aleksandr Kvitashvili und der Minister für Wirtschaftsentwicklung und Handel Aivaras Abromavičius aus Litauen.

Kirchen als Hüter des Ukrainertums

Die ältesten Organisationen, die seit der ersten Einwanderung nach Kanada die kulturelle und nationale Identität der ukrainischen Gemeinschaft bewahrten, sind die Kirchen, die die Verbindungen zur Ukraine aufrechterhielten und eine wichtige Rolle beim Überleben des Christentums in der kommunistischen Ära spielten. Die Ukrainische-orthodoxe Kirche unter Erzbischof Yuriy (George) Kalistshuk, und der Ukrainisch-katholischen Kirche unter Erzbischof Lawrence Daniel Huculak, die ihre Unabhängigkeit von der katholischen Hierarchie Kanadas bewahrte, sowie zahlreiche protestantische Gemeinden unterstützen ihre Bruderkirchen in der Ukraine und ihre Landsleute im Überlebenskampf gegen Russland.

Westliche Verpflichtung zum Schutz der Ukraine

Experten verweisen immer wieder auf das Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994, in dem sich die USA, Großbritannien und Russland verpflichteten, als Gegenleistung zum Nuklearwaffenverzicht die Souveränität und die bestehenden Grenzen der Ukraine (Belarus und Kasachstans) sowie deren politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit dieser Länder zu achten und zu schützen.

Die ukrainische Führung habe im Vertrauen auf den Westen damals naiverweise auf ein riesiges Nuklearpotential verzichtet, mit dem es heute Russland hätte in Schach halten können, so der Ukraine-Experte Andreas Umland. Die mangelnde Bereitschaft des Westens, die Ukraine gegen Russland zu verteidigen, könnte nach seiner Ansicht verheerende Folgen haben für den Bestand der NATO und der EU sowie die für die europäische Sicherheit.

Der größte Albtraum der Ukrainer in der Diaspora und in ihrem Vaterland ist, dass der Westen sich - wie auch in vielen anderen Fällen - mal wieder über ihre Köpfe mit Russland stillschweigend einigt und dem Kremls in der Ukraine nachgibt, um dessen Unterstützung in anderen Regionen zu erhalten. Obamas Dank an Putin für seine Hilfe bei den Atomverhandlungen mit dem Iran scheint darauf hinzudeuten.

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