Im Zug nach LanzhouIMPRESSIONEN AUS CHINA

Im Zug nach Lanzhou

Im Zug nach Lanzhou

Yi Peng lebt in England, seit sein Vater mit ihm ins Vereinigte Königreich ausgewandert ist. Alle zwei Jahre besucht er seine Heimatstadt Lanzhou. Die Zugfahrt über 1.000 Kilometer vom Flughafen Peking in den Norden Chinas geht ihm auf die Nerven. „Es gibt nichts Langweiligeres als diese Landschaft“, stöhnt er. Jede Menge Gelegenheit also sich über alte Zeiten und gute chinesische Nudelgerichte zu unterhalten, während am Fenster nackte Lehmhügel vorüberrauschen. Impressionen von einer Reise in die chinesische Provinz.

Von Nadine Diehl

  Zur Person: Nadine Diehl
  Nadine Diehl, 22, arbeitet für den Südwestrundfunk SWR.

Seit Oktober 2004 studiert sie an der Universität Mannheim Diplom-Anglistik.

Die Autorin ist Stipendiatin der Journalistenakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, hat je ein Semester an der American University, Washington, DC studiert und an der chinesischen Universität von Lanzhou.

Sie spricht die Fremdsprachen Englisch, Chinesisch, Italienisch und Französisch.
Nadine Diehl  
Nadine Diehl  

E in roter Schleier aus Morgensonne fällt über die kahlen Lehmberge Nordchinas. Nirgendwo wird er von Bäumen aufgehalten, sondern gleitet mit Leichtigkeit in den Schoß der Felsen und umhüllt die kleinen Dörfer dort mit wohligem Sonnenlicht. Alles ist so still und sieht so unschuldig aus.

Yi Peng sitzt mit einer Decke über den Oberschenkeln auf seinem Bett des Schlafwagens und blickt hinaus auf eine Heimat, die, wie er selbst sagt, nicht mehr seine Heimat ist. Einen Tag muss er mit dem Zug über 1.000 Kilometer von Peking in seine Geburtsstadt Lanzhou fahren. Es ist die Hauptstadt der nördlichen Provinz Gansu, das geographische Zentrum Chinas, eine Stadt fast so groß wie Schleswig-Holstein.

Nur Yi Peng ist um diese Uhrzeit wach. In den zwei Betten über ihm schlummern die Männer noch tief und fest, während draußen schon die ersten Bauern ihre Esel zum Pflügen aufs Feld führen. An die Felder schließen weit draußen mächtige Berge an, die nahezu kontrastfrei vor dem Himmel stehen - so staubig ist die Luft in dieser Gegend, so staubig, dass man den Sand sogar riechen kann. Er kommt von weither aus der Wüste Gobi und dringt auf seinem Weg in den Osten in jede kleinste Ritze. Oft schafft der Gobi-Sand es sogar bis nach Japan. Die chinesische Regierung ist dabei die kahlen Berge aufzuforsten, um die lästigen Sandstürme endlich aufzuhalten und hat auch hier einigen Hügeln schon einen Irokesenschnitt aus Tannen verpasst.

Höhlenwohnungen sind typisch für das Bergland Nordwestchinas

Meistens rauschen jedoch völlig nackte Lehmhügel am Fenster vorbei. In manchen von ihnen sind Löcher zu sehen. „Das sind Höhlen, in denen Bauern wohnen“, sagt Yi Peng schnell. Solche Höhlenwohnungen sind typisch für das Bergland des Nordwestens, dessen Lehm sich sehr leicht bearbeiten lässt. Die Höhlen geben im Winter warm und sind den heißen Sommer über schön kühl. 

Heimatgefühle kommen in ihm bei diesem vertrauten Anblick jedoch nicht auf. „Es gibt nichts Langweiligeres als diese Landschaft“, sagt Yi Peng. „Alles kahl, keine Bäume, nur Steppe.“ Aber es ist nicht nur die Landschaft. Zwar fühle er sich trotz englischer Staatsbürgerschaft sehr wohl als Chinese, aber die Beziehungen, die Heimat ausmachen, fehlten ihm einfach. Seine Mutter sieht der 20-Jährige nur alle zwei Jahre, weswegen er nicht von sich behaupten möchte, eine innige Beziehung zu ihr zu haben. Erst zehn Jahre war er alt als sich sein Vater wegen einer Engländerin und vor allem wegen England  von seiner Mutter trennte.

Für Nudeln lassen sich Nordchinesen gerne aus ihren Träumen reißen

Eine Chinesin in Bahnuniform schiebt plötzlich einen Rollwagen vorbei, auf dem Topfdeckel, Flaschen und Gläser klirren. „Eier, Joghurt, Nudeln“, brüllt sie durch das Abteil. Schläfrig blinzeln die Zugpassagiere aus ihren halbgeschlossenen Augen hinunter auf den Wagen. Aber der Weckruf war nicht einmal der Schlechteste, denn für Nudeln lassen sich die Nordchinesen und vor allem die Lanzhouer gerne aus ihren Träumen reißen. Ihre Leibspeise und auch die Yi Pengs sind „Niu Rou Mian“, eine Art Rindfleischnudelsuppe, die es hier schon zum Frühstück gibt. Die erinnern Yi Peng auch daran, warum es sich lohnt herzukommen. „Am meisten freue ich mich auf das Essen. Das hat mit den europäisierten Gerichten in den China-Woks einfach gar nichts zu tun und schmeckt mir tausend Mal besser. Da kommen dann wirklich Heimatgefühle auf“, sagt er als die Männer über ihm aus ihren Betten klettern. Darin sind die Chinesen besonders geübt. Für sie ist es kein Problem, einfach mal aus zwei Meter Höhe ohne Leiter in Kürze wieder auf festem Boden zu landen. Alles muss für diese Hochseilakrobatik herhalten: Bettkanten, Kofferablage und sogar der kleine Klapptisch auf der gegenüberliegenden Seite.

Auf Bäume klettern, erinnert sich Yi Peng bei diesem Anblick, war das Größte für ihn und seine Freunde als er noch klein und ein Chinese war, denn Spielplätze gab es nicht - genauso wenig wie heute auch. Er denkt gerne daran, welchen Spaß er mit seiner Räuberbande früher hatte, aber vermissen würde er sie nicht. „Als ich das erste Mal meine Mutter besuchen ging, hab ich noch den ganzen Heimflug über geweint, weil ich nicht weg wollte. Ich wollte bei ihr bleiben und bei meinen alten Schulkameraden“, sagt er.

Bauernkinder mit Erde verschmierten Gesichtern

Doch jetzt sei alles anders. Seine einstigen Schulfreunde studierten schon längst im ganzen Land und auch aus seiner Erinnerung seien sie verschwunden. Nur seine Mutter kennt sie noch und erzählt ihm immer, wen sie alles getroffen hat. Dann müsse sie ihm meistens erst einmal erklären, wer das noch mal war. Viele von ihnen waren auch noch auf der Mittelschule, an der sie Lehrerin ist.

Die Bauernkinder hier draußen werden höchstens eine Grundschule von innen sehen. Die Augen aus einem mit Erde verschmierten Kindergesicht verfolgen neugierig den Zug, der mit einem unangenehmen Rattern direkt neben dem Feld auf den Gleisen mehr holpert als fährt. Die Hände hat der Junge dabei weiter tief im Sand vergraben, in den er Samen drückt. Es ist zehn Uhr morgens. Stadtkinder lösen zu dieser Zeit eifrig quadratmetergroße Pergamentbögen voll mit Matheaufgaben.

Doch die Eltern der Bauernkinder brauchen alle fleißigen Hände auf dem Feld. Da darf nicht eine fehlen. „Das Geld würde auch gar nicht reichen, um nur eines ihrer Kinder auf eine Mittelschule in die Stadt zu schicken“, sagt Yi Peng. „Wenn ein Kind in die Stadt geht, dann nur um die Familie zu ernähren als Möbelschlepper, Altenpflegerin oder mit sonstiger Arbeit, die nicht viel Geistiges abverlangt.“ Auch die meisten Zuginsassen im Sitzabteil kommen vom Land. Viele von ihnen sind Wanderarbeiter in Peking. Von ihnen gibt es insgesamt etwa 200 Millionen in China, die in Großstädten für einen Hungerlohn Knochenarbeit leisten. Sie wollen auch zurück nach Lanzhou, was man zweifelsfrei an ihrem Dialekt erkennt.

Direkt neben den Gleisen türmen sich Müllhaufen

Im Schlafwagen ist nun auch der Letzte aufgewacht. Das ganze Abteil hat sich in einen  einzigen Bienenstock verwandelt, in dem unaufhörlich Leute mit ihren Waschbeuteln in die Toiletten schwirren und Elektrorasierer an Drei-Tage-Bärten summen. Yi Peng und ein Zuggenosse sitzen mittendrin und frühstücken im hektischen Treiben gemütlich ihre Nudeln. Sein Gegenüber leckt sich die letzten Nudelreste um den Mund ab und wirft anschließend den leeren Pappbecher auf den Boden. „Die Chinesen haben es halt nicht so mit dem Umweltschutz und der vorbildhaften Müllentsorgung“, sagt Yi Peng ohne zu zögern.

Ein Blick aus dem Fenster genügt als Beweis. Direkt an den Gleisen türmt sich ein Müllhaufen nach dem andern, denn Müllverbrennungsanlagen gibt es hier draußen nicht. Manche Innenhöfe in den Siedlungen sind komplett mit Altpapier und aufgeweichten Kartons zugeschüttet. „Eindeutig Papiersammler“, sagt Yi Peng und zeigt mit dem Finger auf die Müllhalde. Sie ziehen in den Städten von Haus zu Haus, stöbern in Mülltonnen und halten Ausschau nach Leuten, die gerade umziehen, denn dort gibt es am meisten verwertbaren Abfall. Die Müllsammler verkaufen das Papier dann an größere Händler, die wiederum ihr Geld von Recyclingfabriken bekommen. Auch Plastik und Schrott sind für die Ärmsten der Gesellschaft pures Gold, da sie es auch ins Ausland verkaufen können und auf dem Weltmarkt einen guten Preis dafür bekommen.

Zwischen den ganzen Müllhaufen an den Gleisen lugen Grabsteine hervor, Familiengräber, die immer am Rande des Felds errichtet werden, direkt am Gelben Fluss, der hier entlang fließt und eine ockerfarbene Dreckbrühe Richtung Osten mitnimmt. Sie verleiht dem zweitgrößten Fluss Chinas seinen Namen.

Der Gelbe Fluss erreicht seit Jahren nicht einmal mehr die Mündung

„Der war auch schon mal breiter“, sagt Yi Peng. Nicht nur der Gelbe Fluss, sondern auch alle anderen schrumpfen allmählich ein, weil die Großstädte für Industrie und Haushalte den Flüssen zu viel Wasser entziehen. Der Gelbe Fluss hat schon seit Jahren nicht einmal mehr die Mündung erreicht.

Und dann gerät alles Wasser aus dem Blickfeld, und in Erscheinung tritt die Lanzhouer Schwerindustrie. Noch etwa eine Stunde bis zur Endstation im Stadtzentrum. Slumähnliche Backsteinhütten liegen wie Geisterdörfer vor der Stadt. Wellblechdächer sitzen schief und verrutscht auf den Häusern, die Fenster haben keine Scheiben, nur manchmal ein Brett, dass davor genagelt ist, um gegen den Wind zu schützen. Keine Menschenseele ist zu sehen. Vielleicht sind gerade alle in ihren Häusern und essen zu Mittag.

Je weiter man fährt, desto größer werden die Häuser, dabei aber keineswegs moderner. Mal sieben Stockwerke, mal 15, in der Innenstadt dann 30. Bis in den dritten Stock sind alle Fenster mit Gittern versehen. Wo soviel Armut herrscht, ist man vor Dieben nie sicher. Manche Leute schließen sich sogar jede Nacht in ihren Schlafzimmern ein, damit wenigstens sie bei einem Einbruch heil davon kommen.

Und dann fährt Yi Pengs Zug endlich in den Lanzhouer Hauptbahnhof ein. Eine Menschenmasse hat sich am Gleis versammelt, um nach ihren Liebsten Ausschau zu halten. Yi Peng zeigt keine Hektik. Seine zierliche Mutter winkt schon, klopft von außen an die Scheibe und ein paar Sekunden später steht sie vor ihm, um ihm beim Koffertragen zu helfen. Und dann schließen sie sich in die Arme, ganz fest. Yi Peng ist wieder zu Hause.

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