In Moskau hinterlässt die Karadzic-Verhaftung ein mulmiges GefühlKRIEGSVERBRECHEN

In Moskau hinterlässt die Karadzic-Verhaftung ein mulmiges Gefühl

Nicht überall auf der Welt ist man erfreut über die Festnahme des ehemaligen Führers der bosnischen Serben, Radovan Karadzic. In Moskau ist man eher besorgt.

Von Ulrich Heyden

R ussland kann es noch nicht fassen, mit welcher Schnelligkeit sich Serbien auf EU-Kurs begibt. So hat Moskau nur noch einen Wunsch, dass nämlich Radovan Karadzic nicht in Den Haag, sondern in Belgrad vor Gericht gestellt wird. „Die serbische Führung soll selber über Karadzics Schicksal entscheiden, auch über seine Auslieferung an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag,“  hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums. Der Mitarbeiter des russischen Außenministeriums, Andrej Nesterenko, erklärte, das Internationale Tribunal in Den Haag müsse alle noch offenen Strafverfahren den Justizorganen der Länder des früheren Jugoslawien übergeben. Russlands Nato-Botschafter, Dmitri Rogosin, forderte, dass in Den Haag auch diejenigen auf die Anklagebank kommen, welche die „Demokratisierung“ des Balkans durch Bombenangriffe auf unschuldige Menschen befohlen haben.

Der russische Ultranationalist Wladimir Schirinowski bezeichnete Karadzic als „Symbol und Stolz des Freiheitskampfes der Serben in den letzten 20 Jahren.“ Der Ultra-Nationalist drückt aus, was wohl mancher in der russischen Elite fürchtet. „Wenn Russland keine Atombombe hätte, würde man mit uns ebenso umspringen.“ Tschetschenische Flüchtlinge und Opfer von Polizei-Willkür in der Kaukasus-Republik klagen zwar mit Erfolg vor dem Europäischen Menschengerichtshof, doch bisher kam nur eine Handvoll russischer Militärs wegen Kriegsverbrechen in Tschetschenien vor russische Gerichte.

„Leid auf  allen Seiten“

Das russische Fernsehen ließ Bürger von Belgrad und bosnische Moslems zu Wort kommen. „Was kann es Besseres geben“, sagte eine Muslimin aus Sarajewo gegenüber dem Fernsehkanal RTR. Ein Serbe aus Belgrad sprach dagegen von „Verrat“. Das russische Fernsehen berichtete zwar über die Karadzic zur Last gelegten Verbrechen. Man zeigte alte Filmaufnahmen, wie Scharfschützen friedliche Bürger in Sarajewo auf der Straße töten. Doch die Frage der Schuld lassen die russischen Kommentatoren offen. „Die Schuld von Karadzic ist nicht belegt“, kommentiert das Nachrichtenprogramm „Vesti“. Karadzic ist in den Augen vieler Russen immer noch ein serbischer Patriot. Über die Massaker an Moslems haben die russischen Medien kaum berichtet, viel dagegen über die Zerstörung serbischer Kirchen im Kosovo. Der Kanal ORT stellt Karadzic als „Arzt, Poet, Politiker und Präsident des serbischen Bosnien“ vor. Karadzic als Kriegsverbrecher zu bezeichnen, vermeidet man. „Für die bosnischen Serben, die nicht weniger Leid erfahren haben als die Kroaten und Moslems, ist er ein Held und Verteidiger, für das Internationale Tribunal ist er ein Kriegsverbrecher“, heißt es scheinbar neutral.

Für Moskau wird die Lage allmählich ungemütlich. Seit die neue serbische Regierung einen klaren Kurs pro EU fährt, gibt es außer ein paar Ultranationalisten in Belgrad niemand mehr, mit dem Moskau slawische Brüderschaft pflegen kann. Der serbische Außenminister Vuk Jeremic forderte bereits die Auslieferung der Ehefrau und des Sohnes von Milosevic. Mirjana Markovic und Marko Milosevic haben in Russland politisches Asyl erhalten.

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