In Osteuropa und Zentralasien droht eine gesundheitliche KatastropheAIDS

In Osteuropa und Zentralasien droht eine gesundheitliche Katastrophe

Das AIDS-Virus breitet sich in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion rasend schnell aus – die staatlichen Gesundheitssysteme sind überfordert – Bericht von einem Symposium des Vereins „Psychosoziale Betreuung im Klinikum der Universität München e.V.“

Von Johann von Arnsberg

I

n Osteuropa ist AIDS später aufgetreten als in anderen Weltregionen. Doch inzwischen hat es sich gerade dort in einem dramatischen Ausmaß verbreitet. In den kaukasischen und zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion beispielsweise zeichnet sich seit etwa fünf Jahren eine explosionsartige Zunahme der Neuinfektionen ab. (Siehe dazu auch die Reportage „Ein Zeichen des Lebens in der Todeszone“ in EM 11-04). In diesen Regionen wird das HIV-Virus vor allem durch intravenösen Drogengebrauch übertragen. Verseuchte Spritzen, die ohne Desinfektion weitergereicht werden, sind die Hauptursache für die rasante Ausbreitung des Virus. Unter Jugendlichen und bei Gefängnisinsassen steigt die Infektionsrate mit dem zunehmenden Drogenkonsum dramatisch an.

Auf diese dramatische Entwicklung wurde beim Symposium „Verstehen - Risiken einschätzen – gemeinsam handeln“ eindringlich aufmerksam gemacht, das der Verein Psychosoziale Betreuung des Universitätsklinikums München am 6. April 2005 veranstaltet hat.

AIDS ist demnach im Kaukasus und in Zentralasien weniger stark auf homosexuelle Gruppen konzentriert als in Westeuropa und den USA. Sehr viele Ansteckungen erfolgen hier über heterosexuellen Geschlechtsverkehr von Drogenabhängigen. Drogen werden in der Mehrzahl von jüngeren Männern benutzt, die das Virus dann auf ihre Partnerinnen übertragen. Dadurch ist auch der Anteil der HIV-infizierten Frauen stark angestiegen. In Rußland zum Beispiel von 24 Prozent im Jahr 2001 auf 33 Prozent im Jahr 2002. Auch in der Ukraine beobachtete man, daß 30 Prozent der Neuinfektionen durch heterosexuelle Kontakte verursacht wurden. Mehr als 40 Prozent der Menschen mit HIV/AIDS in der Ukraine sind Frauen. Mit dem Anteil positiver Frauen steigt auch der Anteil der Schwangeren mit HIV. Während in Rußland 1998 noch 125 Fälle von Schwangeren mit HIV gezählt wurden, waren es fünf Jahre später bereits 3.531.

Die Katastrophe von Odessa

In der Region um die ukrainische Hafenstadt Odessa gab es Mitte der neunziger Jahre eine große Infektionswelle, die sich vor allem unter Drogenkonsumenten sehr schnell ausbreitete. Unwissenheit und Beigabe von Blutstropfen in die aus Mohnkapseln selbst hergestellte Drogenmischung trug zu dieser raschen Verbreitung bei. Von der Schwarzmeermetropole Odessa und dem Donezker Industriegebiet im Osten der Ukraine verbreitete sich das Virus sehr schnell im Rest der Ukraine und auch in den Nachbarstaaten.

Wachsende Ungleichheiten in der Gesellschaft und mangelnde Perspektiven führen gerade bei vielen jungen Menschen zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die alten sozialen Normen sind zerstört und neue sind noch nicht klar ausgeprägt. Dies hat zu einem höheren Risikoverhalten besonders bei Jugendlichen geführt. Der Drogengebrauch ist in den 90er Jahren sprunghaft angestiegen, oft in Kombination mit der ebenfalls rasch anwachsenden Prostitution. Gleichzeitig fand in den 90er Jahren eine Änderung der Drogenhandelsrouten statt. Sie verlief nun durch die zentralasiatischen Republiken nach Rußland und Europa. Der Zugang zu Heroin wurde den Menschen entlang der Handelsrouten dadurch erleichtert. In einigen Gegenden, so internationale Beobachter der Szene, ist Heroin inzwischen billiger als Alkohol.

Am schlimmsten ist die Russische Föderation betroffen

In Rußland gehören heute 80 Prozent der Menschen mit HIV-Infektion der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren an. In der Ukraine sind 25 Prozent der HIV-Diagnostizierten jünger als 20 Jahre, in Weißrußland sind 60 Prozent der AIDS-Kranken zwischen 15 und 24 Jahre alt. Auch in Kasachstan und Kirgisien sind mehr als 70 Prozent der Infizierten unter 30 Jahren. Zum einen hängt dies mit dem hohen Anteil junger Menschen an den Drogenabhängigen zusammen. Zum anderen ist der Kondomgebrauch unter Jugendlichen generell gering ausgeprägt.

In ganz Osteuropa und Zentralasien zeichnet sich eine gesundheitliche Katastrophe ab. Die Regierungen der jeweiligen Länder haben es nicht vermocht, den Zeitvorsprung zu nutzen, der wegen des späten Ausbruchs der Epidemie zunächst gegeben war, um Vorkehrungen gegen eine Ausbreitung des HIV-Virus zu treffen. AIDS breitet sich hier so schnell aus wie sonst nirgendwo auf der Welt. Ende 2004 gab es in den genannten Gebieten geschätzte 1,4 Millionen Menschen, die mit HIV infiziert waren, bzw. bei denen die AIDS-Syptome bereits ausgebrochen waren. Das entspricht einer Steigerung um nahezu 1.000 Prozent in weniger als zehn Jahren. Nicht wenige Experten erklären bereits, daß die Republiken der ehemaligen Sowjetunion heute da stehen, wo vor 12 Jahren Südafrika stand, und prophezeien eine ähnliche Entwicklung mit Hunderttausenden und Millionen von Toten.

Am schlimmsten ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die Russische Föderation betroffen. Auf ihrem Gebiet treten mehr als 70 Prozent der offiziell registrierten HIV-Infektionen in Osteuropa und Zentralasien auf. Eine ähnliche Situation besteht in der Ukraine. Hier liegt die HIV-Verbreitung unter Erwachsenen bei 0,7 bis 2,3 Prozent. Das bedeutet, daß 180.000 - 590.000 Menschen mit HIV bzw. AIDS leben. Offiziell sind 72.000 Menschen mit einer HIV-Infektion registriert.

Für die Russische Föderation wird die Zahl der Drogenabhängigen, die an der Spritze hängen, auf 1,5 bis 3 Millionen Menschen geschätzt. Das sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Im internationalen wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden diese landläufig „Fixer“ genannten Personen als „Intravenous Drug Users“ (IDU) bezeichnet. Für die Ukraine belaufen sich die Schätzungen dieser IDUs auf 600.000 und für Kasachstan auf bis zu 200.000. Unter den IDUs ist der Austausch von Spritzbestecken verbreitet mit der Folge der unkontrollierten Weitergabe des AIDS-Erregers.

Eine Moskauer Studie ergab kürzlich, daß 75 Prozent der Drogennutzer ihre Spritzbestecke teilten. Bei den AIDS-Erkrankungen in Osteuropa und Zentralasien wird von der WHO eine große Dunkelziffer vermutet. Es lassen sich nach den Erfahrungen der Organisation bei weitem nicht alle Drogenabhängigen und an AIDS Erkrankten registrieren. Der Grund ist, daß eine solche Registrierung den Betroffenen meist große Nachteile bringt. IDUs und AIDS-Kranke sind stigmatisiert. Man betrachtet sie als „Abfall der Gesellschaft“. Dafür wollen die Verantwortlichen von den knappen Mitteln, die für medizinische Versorgung zur Verfügung stehen, möglichst wenig ausgeben. Deshalb gibt es beispielsweise auch keine Substitutions- oder Spritzenaustauschprogramme.

Auswirkungen auf das Gesundheitssystem der Staaten

Die rasche Ausbreitung von AIDS kommt für Osteuropa und Zentralasien zu einer Zeit, in der sich die Gesundheitssysteme im Umbruch befinden und massive Einschnitte bei der Finanzierung von sozialer Sicherheit und öffentlichen Dienstleistungen hinnehmen müssen. Es fehlen Gelder vor allem für die Vorbeugung.

In der Ukraine werden AIDS-Patienten durch das Nationale AIDS-Zentrum versorgt. Es ist dem Gesundheitsministerium direkt unterstellt. Ein Netz von AIDS-Zentren ist über das ganze Land verteilt. Auf den Stationen und den Ambulanzen ist in den Städten ein relativ guter Standard zu finden. Auf dem Land steht es jedoch nach Beurteilung der WHO schlecht um die Versorgung von HIV-Infizierten.

Das Niveau der Ausbildung der Ärzte, Pflegekräfte und Sozialarbeiter ist nach Aussage von Igor Oliniek, Arzt bei der WHO in Kiew, nicht zufriedenstellend. Nach seiner Einschätzung sind allenfalls fünf Ärzte in der Ukraine überhaupt qualifiziert und erfahren, um eine antiretrovirale Therapie gegen AIDS durchzuführen.

Die Rolle von Hilfsorganisationen

Auf Initiative des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, wurde der „Global Fund“ (GF) zur Hilfe für AIDS-Kranke gegründet. Insgesamt hat er bislang 314 Hilfsprojekte in 128 Ländern gefördert. Für die weitere Projektfinanzierung braucht der Fonds allein für das Jahr 2005 2,4 Milliarden US-Dollar (1,8 Milliarden Euro). Zugesagt sind ihm bislang weniger als eine Milliarde US-Dollar. Die Bundesregierung wird davon 82 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Der GF genehmigte für die Ukraine ein Fünf-Jahres-Programm über 90 Millionen Dollar zur Vorbeugung gegen HIV-Infektionen und zur Behandlung von AIDS-Kranken. Von der alten Regierung unter Präsident Kutschma wurde im Februar 2004 die erste Rate von sieben Millionen zurückgefordert, da sie nicht in der Lage war, das Geld tatsächlich einzusetzen. Die „International AIDS-Alliance“ (Sitz in England) wurde als neuer Empfänger eingesetzt. Es gelang bis zum Herbst 2004 für 2.000 Patienten nötige Medikamente zu beschaffen. Die Kritik an der „AIDS-Alliance“ nimmt aber ebenfalls zu. Die Vorwürfe lauten „Bürokratismus“ und „Inkompetenz“. Zudem ist das ukrainische Gesundheitswesen nach Ansicht inländischer Beobachter viel zu schwach eingebunden. Die sich rasant ausbreitende HIV-Epidemie in der Ukraine ist auch für die neue Regierung eine Herausforderung, der sie sich bislang nicht gewachsen zeigt.

Medizin Osteuropa Zentralasien

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