EM-Interview: „In Russland wird am schärfsten sichtbar, dass es keine fertige Antwort auf den Zusammenbruch der Utopie vom besseren Leben gibt“ - Eurasisches Magazin
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„In Russland wird am schärfsten sichtbar, dass es keine fertige Antwort auf den Zusammenbruch der Utopie vom besseren Leben gibt“

In der Entwicklung seiner Wirtschaft hat Russland einst einen weitgehend anderen Weg genommen als Westeuropa. Wer reich wurde, sah sich dem Verdacht ausgesetzt, sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichert zu haben. Darauf konnte schließlich der reale Sozialismus aufbauen. Heute entsteht in Russland etwas, das über den realen Sozialismus wie auch über den gegenwärtigen Kapitalismus westlicher Prägung hinausweist. Das sind einige der Thesen des Transformationsforschers Kai Ehlers im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin.

01.05.2009 Drucken Senden Kommentieren
  Zur Person: Kai Ehlers
  Kai Ehlers ist Transformationsforscher mit Schwerpunkt auf den Veränderungen im nachsowjetischen Raum und deren Folgen. Über zahlreiche Features bei verschiedenen Sendeanstalten im deutschsprachigen Raum und über Pressebeiträge hinaus, erschienen von ihm verschiedene Bücher zu diesem Themenbereich. Er ist auch EM-Autor seit der ersten Stunde.
Außerdem leitet Kai Ehlers den Verein für Ost-West-Dialog, Selbstorganisation und gegenseitige Transformation im interkulturellen Austausch „Nowostroika e.V.“.

Mehr von Kai Ehlers: www.kai-ehlers.de
Kai Ehlers  
Kai Ehlers  

E urasisches Magazin: In einer Gesprächsrunde des Deutschen Fernsehens war kürzlich mehrfach die Anregung zu vernehmen, wieder selbst Kartoffeln zu pflanzen. Das wurde von einigen als probates Mittel angesehen, die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise für ihr eigenes Leben zu lindern. Wie ist das heute in Russland, dem klassischen Land der Selbstversorgung? Dort geht diese Lebens- und Produktionsweise seit Jahren zurück. Ist das Ausdruck der in Ihrem neuen Buch „Russland – Herzschlag einer Weltmacht“ als zentrales Problem beschriebenen „Smuta“, des Niedergangs, der Verwirrung in Russland?

Kai Ehlers: Nein, der Niedergang der klassischen Selbstversorgungsstrukturen ist nicht Ausdruck der Smuta, sondern – soweit er denn stattfindet - Ergebnis der im Zuge der Perestroika, speziell seit dem Ende der Sowjetunion unter Jelzin einsetzenden Privatisierung. Aber bitte – eines zur Klärung vorweg: Ich spreche in meinem Buch nicht einfach von Selbstversorgung, ich spreche von gemeinschaftlicher Selbstversorgung und Eigenproduktion. Das ist zum einen das, was mit einem russischen Terminus „familiäre Zusatzwirtschaft“ genannt wird, zum anderen die gemeinschaftliche Produktionsweise im lokalen bis regionalen Rahmen. Und ich spreche auch nicht davon, dass Selbstversorgung, nicht einmal die von mir genannte gemeinschaftliche Selbstversorgung und Eigenproduktion ein probates Mittel wäre, die Auswirkungen der Finanzkrise zu lindern, sondern ich spreche immer wieder, um die zu erwartenden Missverständnisse und Verkürzungen zu vermeiden, von einer Symbiose zwischen gemeinschaftlicher Selbstversorgung und Industrieproduktion und der damit verbundenen Fremdversorgung.

Versuch, der Smuta mit Rezepten der Kapitalisierung zu begegnen

EM:  Das hätten wir nun geklärt. Und wie steht es um diese gemeinschaftliche Selbstversorgung und ihrer Symbiose mit der Industrieproduktion in Russland?

Ehlers: Mit dieser Klarstellung im Hintergrund kann ich nun auf Ihre Frage antworten: Ja, diese Kombination, die die ökonomische Struktur Russlands und auch der Sowjetunion charakterisierte, wurde im Zuge der Transformation seit Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, insbesondere im Zuge der von Jelzin  eingeleiteten Schocktherapie als ineffektiv und als angebliche Ursache der Rückständigkeit Russlands angegriffen und wird es auch jetzt wieder durch die Modernisierungsschübe unter dem Gespann Medwedew/Putin. Das ist aber gerade  n i c h t  Ausdruck der Smuta, sondern Ausdruck des Versuches eben der Smuta mit Rezepten der Kapitalisierung zu begegnen.

EM: An vielen weiteren Stellen Ihres Buches taucht der Begriff der Selbstversorgung auf als grundlegender Bestandteil der russischen Ökonomie, der Lebensweise und sogar der Staatsorganisation Russlands als Land zwischen Asien und Europa. Weshalb spielt Ihrer Meinung nach diese Art der Wirtschaft gerade im russischen Riesenreich eine so herausragende Rolle?

Ehlers: Russland hat einen anderen Entwicklungsweg genommen als Europa, speziell Westeuropa. Strukturen gemeinschaftlicher Selbstversorgung im oben genannten Sinne, basierend auf kollektiven Eigentumsstrukturen, wurden im Westen Schritt für Schritt durch privatwirtschaftliche Eigentums- und Produktionsverhältnisse abgelöst. In Russland wurde die gemeineigentümliche Lebens- und Produktionsweise dagegen im Zuge der Geschichte zur Grundeinheit des Lebens, ja, genauer, zum stabilisierenden Element der Gesellschaft und des Staates. Das begann mit den gemeineigentümlichen Bauerngemeinschaften Russlands, das endete mit der Verstaatlichung dieser Tradition durch die bolschewistische Revolution. Grundlage für diese ganz andere Entwicklung Russlands ist zweifellos in der Entstehung Moskowiens als Verwaltungszentrum eines in alle Richtungen auseinander strebenden Raumes, oder von der anderen Seite betrachtet, als ein von allen Seiten durch unbekannte, uneinschätzbare Gefahren bedrohtes Zentrum zu sehen.

Eine geo-soziale Struktur des eurasischen Raumes

EM: Mit welchen Folgen?

Ehlers: Das ließ eine geo-soziale Struktur des eurasischen Raumes entstehen, in der gemeineigentümlich organisierte, selbstverwaltete Dörfer durch das Verwaltungszentrum Moskau ihren Zusammenhalt bekamen. Marx und Engels sprachen seinerzeit (vom indischen Beispiel abgeleitet) mangels detaillierter Analyse von asiatischer Produktionsweise, deren Kern sie darin sahen, dass eine Zentralbürokratie eine dezentrale Gesellschaft von Dörfern verwaltet. In dieser Struktur gab es keine Impulse für die Entwicklung von Privateigentum: Das Dorf war als Einheit gemeinwirtschaftlich organisiert und als Gesamtheit waren die Dörfer Gemeineigentum des Zaren, der Kirche oder ihrer Vertreter. Vor der Oktoberrevolution gab es auch andere privatwirtschaftlich organisierte Dörfer im Süden Russlands oder auch in Sibirien. Im Zuge der bolschewistischen Revolution wurde die gemeineigentümliche Organisation jedoch zum allgemeinen Modell der Gesellschaft erhoben.

EM: Sie meinen sogar, dass in Russland eine neue Qualität der Beziehung von Gemeinschaft und Individualität aus dieser Lebensweise hervorgehen könnte, die über Russland hinausstrahlen und für ganz Eurasien eine Rolle spielen könnte. Weshalb?

Ehlers: Nun, die Tatsache, dass nicht Privateigentum, sondern Gemeineigentum zur Grundstruktur der sowjetischen Gesellschaft wurde, ließ eine Soziostruktur geschlossener lokaler oder regionaler Wirtschafteinheiten entstehen, einzelne Dörfer oder eine begrenzte gemeinsam wirtschaftende Zahl von Dörfern, die große Teile ihrer Wirtschaft in Eigenversorgung, im Tauschverkehr miteinander entwickelten. Und sie ließ auch eine tief verwurzelte soziale und kulturelle Realität und damit verbunden Mentalität entstehen, nach der Geld nicht alles ist. Ausgehend von der Dorfstruktur entwickelte sich eine Moral, die gegenseitige Hilfe im gemeinsam überschaubaren Rahmen der eigenen Gemeinschaft höher bewertete als individuellen, in Geld zu messenden Reichtum. Mehr noch, wer reich wurde, sah sich dem Verdacht ausgesetzt, sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichert zu haben – oder zu den Herrschenden zu gehören, die von der Arbeit der Dörfer lebten. Die bolschewistische Revolution war in Russland möglich, weil sie auf dieser Moral aufbauen konnte.

„Eine bloße Übertragung des Kapitalismus nach Russland ist nicht möglich“

EM: Aber das liegt ja nun schon sehr weit zurück. Gibt es da immer noch Auswirkungen?

Ehlers: Die Einführung des Kapitalismus westlichen Typs im Zuge der Perestroika bricht sich noch immer sowohl an den real existierenden gemeinwirtschaftlichen, auch infrastrukturell in die russische Realität eingeschriebenen Strukturen als auch an der beschriebenen Kultur, nach der Geld eben nicht alles ist. Vor diesem Hintergrund taugt der Kapitalismus westlichen Typs, d.h. das Prinzip der Selbstvermehrung des Geldes als Inhalt gesellschaftlicher Entwicklung, nicht als Reparaturkonzept des an sein Ende gekommenen Realsozialismus. Eine bloße Übertragung des Kapitalismus nach Russland ist daher nicht möglich. Was bei dem Versuch entsteht, der seit Ende der 80er Jahre in diese Richtung unternommen wird, ist eine Mischkultur, ein Hybrid – nicht mehr realsozialistisch, aber auch nicht kapitalistisch. Diese Tatsache tritt unter den Bedingungen der Finanzkrise, die ja im Wesen eine Krise des Kapitalismus ist, jetzt noch deutlicher hervor als schon in den letzten Jahren, als der Westen sich noch im Schein seines angeblichen Sieges über den Sozialismus sonnte.  Kurz gesagt, es entsteht in Russland etwas, das über den realen Sozialismus wie auch über den gegenwärtigen Kapitalismus westlicher Prägung hinausweist. Ich sehe die Chance, dass sich Elemente der bisherigen russischen Entwicklung und Elemente des westlichen Kapitalismus, in der allgemeinen Krise zu etwas Neuem verbinden könnten, eben zu einer Symbiose von gemeinschaftlicher Selbstversorgung und Eigenproduktion und industrieller Fremdversorgung.

„Eurasien ohne Russland ist nicht denkbar“

EM: Sie verstehen unter Smuta nicht nur die Zeit der Wirren in Russland, sondern letztlich eine Krise Eurasiens, den Zerfall der eurasischen Zusammenhänge. Wie meinen Sie das?

Ehlers: Ich habe in meinem Buch das Bild des Wagenrades mit seiner durch die Nabe gehaltenen Speichen gewählt, um Moskaus Rolle im eurasischen Raum zu illustrieren. Wenn die Nabe sich nicht mehr dreht, sich festfrisst, morsch wird oder sonst wie außer Funktion gerät, dann stockt das ganze Rad, im Extremfall hängen die Speichen in der Luft und es löst sich der Radkranz ganz auf. Ich liebe Herrn Zbigniew Brzezinski, den Ex-Chef-Strategen der USA nicht besonders, aber wenn er in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ von einem „Schwarzen Loch“ sprach, das durch die Auflösung der Sowjetunion in Eurasien entstanden sei, dann trifft er den Nagel auf den Kopf: Eurasien ohne Russland ist nicht denkbar. Mag Russland anders organisiert sein, mag es kleiner oder größer sein, mag es Russland heißen oder irgendwie anders – das alles ändert nichts an der Rolle, die Russland zwischen Asien und Europa als Klammer, als Brücke, als Integrationsknoten für den Zwischenraum zwischen Ost und West, Nord und Süd Eurasiens heute einnimmt. Und es ist auch kein Zufall, dass Russland diesen Raum einnimmt. Moskowiens, dann Russlands Funktion als Integrationsknoten des Raumes zwischen Ost West, ist historisch gewissermaßen organisch gewachsen. Es begann mit Moskowiens Wachstum zwischen dem Mongolischen Weltreich und dem Rest des von den Mongolen nicht eroberten Westens Europas und endete mit Russland als Zentralmacht zwischen Asien und Europa. Wenn diese Macht zerfällt, fällt Eurasien in Teile auseinander. Und es würde nicht lange dauern - siehe noch einmal Brzezinksi - bis eine andere Macht Russlands Stelle einnehmen möchte und sogar einnehmen muss, um chaotische Verhältnisse im eurasischen Raum zu binden. Diese Aussage ist kein Plädoyer für ein autoritäres Russland. Die Nabe muss nicht aus Eisen sein, sie kann auch aus moderneren Materialien bestehen.

„Putin hat es geschafft den Herrschenden ein Minimum an sozialer Verantwortung abzuverlangen“

EM: Sie haben versucht sehr intensiv die Gänge des Labyrinths russischer Wandlungen zu durchschreiten. Wo steht Russland heute?

Ehlers: Eine schwierige Frage! Um im Bild zu bleiben: Russland hat einen Durchgang durchs Labyrinth, einen Transformationsdurchgang hinter sich. Putin hat nach der Auflösung des sowjetischen Konsenses durch Gorbatschow und Jelzin einen staatlichen Minimalkonsens für Russland hergestellt, der die neuen herrschenden Kräfte des Landes in der Übereinstimmung verbindet, Russland erhalten zu müssen. Die neuen herrschenden Kräfte – das sind sehr unterschiedliche Fraktionen, im Wesentlichen die Oligarchen mitsamt der an ihnen hängenden ehemaligen Schattenwirtschaft: Aber auch die Provinzfürsten, die verschiedenen Fraktionen des Geheimdienstes und schließlich die westlich orientierten Teile der Gesellschaft, also die Liberalen und ihr Klientel. Putin hat es geschafft – gestützt auf den Öl-Boom – das Land wirtschaftlich zu stabilisieren, den Herrschenden ein Minimum an sozialer Verantwortung abzuverlangen, d.h., dafür zu sorgen, dass Steuern, Löhne, Renten bezahlt, minimale Sozialleistungen wieder aufgenommen werden usw., um den sozialen Frieden, besser vielleicht, um soziale Ruhe im Lande zu halten.

EM: Wenn das alles ist, dann dürfte das kaum genügen, um aus Russland eine prosperierende Weltmacht zu formen. Hat Putin über die Gnade des Ölbooms hinaus keine neuen Chancen ergriffen?

Ehlers: Doch, natürlich. Er hat die Privatisierung der Produktion weiter vorangetrieben. Einen zweiten Schritt der Privatisierung, nämlich die Privatisierung des reproduktiven Sektors - kommunale und soziale Einrichtungen und Leistungen – konnte er 2005 nicht durchsetzen. Er musste sie auf die Zeit nach seiner zweiten Amtsperiode verschieben. Medwedew steht jetzt vor der Aufgabe, die Politik Putins einerseits fortzusetzen, zugleich aber über die bloße Restauration minimaler staatlicher Strukturen hinaus zu neuen Form der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mitwirkung zu kommen, insbesondere den immer wieder misslungenen Versuch zu starten eine lebensfähige Mittelklasse entstehen zu lassen. Die Finanzkrise behindert ihn zum einen dabei, zum anderen stärkt sie jene Kräfte Russlands, die auf die geschichtlich gewachsenen Kräfte der gemeinschaftlichen Selbstversorgung und Eigenproduktion setzen, insofern sie die Abhängigkeit der Wirtschaft und des Lebens von der Finanzspekulation drastisch vorführt. Ob von oben her, aus der Regierung Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, nunmehr bewusst auf die von mir benannte Symbiose von Industrieproduktion und gemeinschaftlicher Selbstversorgung und Eigenproduktion zu setzen, bleibt offen. Von unten, aus der Bevölkerung, geschieht dies allerdings spontan schon aus dem einfachsten Interesse des Selbstschutzes gegen unkalkulierbare Risiken und mögliche zukünftige Krisen.

EM: Ihr Brief- und Gesprächspartner Jefim Berschin hat die Präsidentschaft Putins als „gelungene Revolution“ für Russland bezeichnet. Welches sind Ihrer Meinung nach die Hauptelemente dieser revolutionären Wandlung?

„Putins Nationalismus hat rein restaurativen, pragmatischen, keinen programmatischen Charakter“

Ehlers: Allem voran möchte ich klarstellen: Wir sprechen in dem Buch von einer Revolution von oben, wie sie typisch für Russland ist und kommen zu dem Schluss, dass die Revolution von unten erstaunlicherweise aussteht. Was die von oben betrifft, so habe ich Einiges schon benannt: Entscheidend war Putins Versprechen, den Staat wieder herzustellen – und dies dann Schritt für Schritt ganz unprätentiös und pragmatisch auch zu tun. Noch einmal: Er sorgte dafür, dass Unternehmer und Staat wieder Steuern und Löhne zahlten und das allgemeine Lebensniveau, allen Teuerungen zum Trotz, für die Mehrheit der Bevölkerung langsam, aber erkennbar anstieg. Darüber hinaus stoppte er die Korruption der Jelzinschen „Familie“. Er stoppte den Ausverkauf der Ressourcen, Gas und Öl. Er reformierte Gasprom und machte aus dem „Selbstbedienungsladen“, als welcher Gasprom zur Zeit Jelzins in der Bevölkerung galt, ein Instrument der Regierung. Er stoppte die weitere Privatisierung der Öl-Ressourcen, indem er Michail Chodorkowski daran hinderte, Yukos an die US-Firma Texaco zu verkaufen. Er unterlief, gestützt auf Gasprom, den Versuch der „atlantischen Koalition“, USA und EU, Russland von seinen traditionellen Handelswegen für ÖL und Gas abzuschneiden. Und schließlich, aber nicht zuletzt: Er stoppte die Tschetschenische Sezession. Er tat das zwar brutal, griff damit aber erkennbar in einen der offensichtlichsten Krankheitsherde der Gesellschaft ein, der die Menschen verstörte. Mit seinem Eingreifen in Tschetschenien demonstrierte Putin, dass er einen weiteren Zerfall Russlands nicht hinnehmen würde. Damit sprach er der Mehrheit der russischen Bevölkerung aus dem Herzen, die sich durch den Zerfall der Sowjetunion und das Einschwärmen von Myriaden ausländischer Berater seit Jahren zunehmend gedemütigt fühlten. Kurz: Mit Putin erlangte Russland, mit Russland der Mann und die Frau auf der Straße ihre Selbstachtung zurück, nationalistische Untertöne eingeschlossen. Von Nationalismus zu reden ist aber Unsinn. Putins „Nationalismus“ hat rein restaurativen, pragmatischen, keinen programmatischen Charakter.

EM: Russland war in der neueren Geschichte eine ganze Weile Objekt abendländischer Politik und Interessen. Zu Zeiten Jelzins saßen die Interessenvertreter der USA sogar an den Schalthebeln der russischen Politik und Verwaltung, haben Wahlkämpfe des Präsidenten organisiert und den Rubel kollabieren lassen. Ist das nun überwunden und vorbei?

Ehlers: Ja und Nein. Das ist – zugegeben - eine typisch russische Antwort. Einerseits hat Putins Auftritt auf der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz 2007 deutlich gemacht, dass Russland sich von der mit Perestroika einsetzenden Vormundschaft der USA und der EU zu befreien bereit war. Mit ihrem Eingreifen in den Georgischen Krieg im September 2008 demonstrierte das Gespann Medwedew/Putin unmissverständlich, dass Russland eine weitere Einkreisung durch NATO, USA und EU, nicht hinzunehmen bereit waren. Und Außenminister Lawrow erklärte, man sei inzwischen nicht nur willens, sondern jetzt auch in der Lage, eine solche Politik zu praktizieren. Mit den Projekten der „Ostseepipeline“ wie auch mit dem der „South-Stream“-Pipeline, die nicht nur mit dem ENI-Konzern Italiens zusammen initiiert wurde, sondern in das sich alle süd-osteuropäischen Länder der EU und Österreich aktiv einließen, durchbrach Russland in Gestalt von Gasprom unmissverständlich die Politik des „Transportkorridors“ entlang des Bauches von Russland, mit dem die atlantischen Mächte versucht hatten, Russland aus dem internationalen Öl- und Gashandel zu verdrängen. Soweit stand Russland vor der Finanzkrise wieder weitgehend auf eigenen Füßen. Andererseits zeigt die Finanzkrise, dass Russlands neue Stärke wesentlich auf dem Verkauf seiner Ressourcen beruht, während es Technik und Know how einführen muss. Die Tatsache, dass Russland die eigenen Ressourcen wieder zur Verfügung stehen, ist, wie gesagt, schon als Schritt der Wiedererstarkung zu verstehen, ist aber zugleich Ausdruck einer starken Abhängigkeit. Andererseits ist diese Abhängigkeit im Prinzip nicht größer als die der EU, die auf die Lieferung angewiesen ist. Insofern ist die gegenseitige Abhängigkeit inzwischen eher ein Ausgangspunkt für gegenseitige Kooperation als einseitige Einflussnahme des Westens auf Russland.

Wird Russland nun einfach nur ein kapitalistischer Koloss unter kapitalistischen Kolossen?

EM: Wenn Sie dem Putinschen Russland den Puls fühlen, spüren Sie wieder den Herzschlag einer Weltmacht?

Ehlers: Ja, zweifellos! Wobei der Herzschlag, bitte sehr, mehr ausdrückt als nur neue Machtdemonstrationen. In dem Buch „Herzschlag einer Weltmacht“ bemühen mein Gesprächspartner Jefim Berschin und ich uns gemeinsam darum, die historischen Herzschläge Russlands erkennbar zu machen: Zerfall, Chaos, Niedergang, kurz, Smuta und Wiederaufstieg zu neuer Größe und neuem Selbstverständnis, dann wieder Chaos und wieder ein neuer Entwicklungsschub – das kennzeichnet die Intervalle der russischen Entwicklung bis herauf in unsere Tage. Was kommt nach Putin? Das ist die Frage. Wird Russland nun einfach nur ein kapitalistischer Koloss unter kapitalistischen Kolossen? Oder kann aus seiner vorläufigen Genesung nun ein anderes Selbstverständnis erwachsen? Einfach schon deshalb, weil die bloße Übernahme des Wachstumscredos der bisherigen kapitalistischen Welt keine Zukunft hat. Ganz zu schweigen von den Entwicklungskräften seiner gemeineigentümlichen und auf konkrete Produktion vor Ort orientierten Geschichte. Das ist der Herzschlag, um den es jetzt geht.
 
EM: Sie sprechen in Ihrem Buch auch von einer „globalen Smuta“, in der zum Beispiel immer mehr Menschen aus der Lohnarbeit entlassen werden. Wäre da die russische Art der Selbstversorgung und der Gemeinschaft ein Ausweg?

Ehlers: Die industrielle Produktion von heute, Automation und Roboterisierung verlangt einen immer intensiveren Einsatz der Beschäftigten, andererseits setzt sie immer mehr physische Arbeitskraft frei. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen auf dem Globus exponentiell zu. Die daraus resultierende Situation ist offensichtlich: Immer mehr Menschen werden aus der Produktion ausgestoßen. Das heißt in der bestehenden Organisation der Gesellschaft, in der Arbeit gleich Lohnarbeit ist, werden sie von Lohn und Brot getrennt und sind bei wachsendem industriellem Produktionsvermögen dem Elend oder gar dem Hunger ausgesetzt.

„In der zunehmenden Befreiung des Menschen vom Zwang physischer Arbeit liegt eine große Chance“

EM: Was werden diese Menschen tun?

Ehlers: In der zunehmenden Befreiung des Menschen vom Zwang physischer Arbeit liegt eine große Chance, die freigewordenen Kräfte für andere soziale, ethische, künstlerische, allgemein moralische und kulturelle Ziele einzusetzen. Wenn die Gesellschaft die Arbeit anders organisiert, wird das möglich. Wenn sie eben einerseits die Intensivierung durch Verkürzung des Arbeitseinsatzes auf das Notwendige beschränkt und andererseits die Voraussetzungen schafft, dass die freigesetzten Potenzen  sich in kreativer Tätigkeit im unmittelbaren eigenen Bereich sowie in sozialer und kulturelle Tätigkeit entwickeln können. Für eine solche Organisation der Arbeit bietet die aus der russischen Transformation hervorgehende Symbiose von gemeinschaftlicher Selbstversorgung und Eigenproduktion und Industrieproduktion sehr interessante Verhältnisse, in denen zukunftsfähige Impulse entstehen können. Die Entwicklung des russischen Hybrids gründlich zu beobachten halte ich unter den Bedingungen der weltweiten Krise daher für existentiell.

„Russland ist ganz sicher Modell“

EM: Russland - Modell der Welt? fragen Sie reichlich provokant im letzten Teil Ihres Buches. Vielleicht haben ja auch die eingangs erwähnten Diskutanten in der Sendung „Nachtcafé“, die das Kartoffelpflanzen propagierten, schon diese Ihre Gedanken verinnerlicht. Halten Sie wirklich das von Ihnen beschriebene russische Modell für zukunftsträchtig?

Ehlers: Die Frage ist mit dem eben gesagten schon fast beantwortet. Wäre nur noch hinzuzufügen, dass die russische Entwicklung letztlich nur exemplarisch ist. Zugegeben extrem exemplarisch, insofern Russland als deren radikalster Vertreter aus der letzten großen Utopie auftaucht, die die Menschheit hervorgebracht hat und sie dort am radikalsten zusammengebrochen ist. In Russland wird daher auch am schärfsten sichtbar, dass es keine fertige Antwort auf den Zusammenbruch der Utopie vom besseren Leben gibt – sehr wohl aber viele Ansätze, wie Individuum und Gesellschaft auf andere Weise als die bisher im Sozialismus wie auch im Kapitalismus praktizierte miteinander existieren können. Russland lässt, insofern es heute diese Symbiose von industrieller Modernisierung und Selbstversorgender Eigenproduktion, von dynamischer Individualisierung und tiefer gemeinschaftlicher Verbundenheit hervorbringt, Elemente erkennen, wie eine solche Verbindung aussehen könnte. Es ist nicht allein Russlands Weg. Russland ist nur ein Beispiel.
Vielleicht muss Russland selbst sogar erst noch den Umweg über eine Hyperindividualisierung gehen. In den aufgebrochenen sozialen Strukturen Russlands jedoch wird erkennbar, so oder so, wie sich Intensivproduktion und eigenproduktive Tätigkeit gegenseitig ergänzen können. Insofern ist Russland ganz sicher Modell. 

EM: Herr Ehlers, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

*

Siehe auch Gelesen: „Russland – Herzschlag einer Weltmacht“ in dieser Ausgabe.

Das Interview führte Hans Wagner
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