In Südkorea demonstrieren Hunderttausende gegen das US-MilitärVOLKSZORN

In Südkorea demonstrieren Hunderttausende gegen das US-Militär

Seit Wochen gehen in Südkorea Menschen aus Protest gegen die amerikanischen Streitkräfte im Land auf die Straßen. Allein am ersten Wochenende im Dezember waren es nach Polizeiangaben über 100 000.

Von Eberhart Wagenknecht

EM – Seit Wochen gehen in Südkorea Menschen aus Protest gegen die amerikanischen Streitkräfte im Land auf die Straßen. Allein am ersten Wochenende im Dezember waren es nach Polizeiangaben über 100 000. Daraufhin sagten vier amerikanische Kongreßabgeordnete kurzfristig eine Reise in das Land ab. Sie begründeten dies mit dem sich verstärkenden Antiamerikanismus in Südkorea. Die Delegation befürchtete, ihre Einreise könnte zu neuen Protesten führen.

Die Ursache für den geballten Volkszorn zeigen viele Demonstranten auf Fotos und Plakaten, die sie bei ihren Protesten mit sich führen. Es sind schreckliche Bilder. Sie zeigen zwei Mädchen, die auf der Straße von einem 54 Tonnen schweren amerikanischen Minenräumgerät zermalmt wurden.

Die antiamerikanische Stimmung hat sich besonders aufgeheizt, nachdem Ende November die Urteile über Fahrer und Beifahrer des Fahrzeugs bekanntgeworden sind. Beide US-Soldaten, die mit ihrem gepanzerten Ungetüm die Kinder überrollt hatten, wurden durch ein amerikanisches Militärgericht vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Seither schwappt eine Welle wütenden Protestes durch das Land, wie man sie lange nicht erlebt hatte.

Südkoreanische Politiker und Parteien verlangen eine Revision des bilateralen Vertrages, demgemäß US-Soldaten bei Straftaten, die sie während der Dienstzeit begehen, ausschließlich unter ihre eigene Militärgerichtsbarkeit fallen.

Ein US-Minenräumfahrzeug überrollte zwei Schulmädchen

Der Vorfall hatte sich bereits am 13. Juni in Yangiu, einer Stadt nahe der Grenze zu Nordkorea ereignet. Die 13 Jahre alten Schülerinnen Shim Mison und Shin Hyo-sun waren auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier, als sie das Minenräumfahrzeug erfaßt hatte. Damals fand im Land die Fußballweltmeisterschaft satt. Es wurde nur leise demonstriert, weil man die Spiele nicht stören wollte.

Jetzt haben die Menschen ihre Zurückhaltung abgelegt. Schon lange werden Amerikaner als Besatzer empfunden. Der Tod der Kinder und der Freispruch der Täter haben das Ventil für die aufgestaute Wut geöffnet.

Die Amerikaner treten seit dem Ende des Koreakriegs (1950–1953) in einer für viele Südkoreaner als äußerst provokant empfundenen Weise auf. In der Hauptstadt Seoul zum Beispiel demonstrieren die US-Truppen unverhohlen ihre politische und militärische Macht. Sie residieren auf einem riesigen Gelände in bester Innenstadtlage – pikanterweise im ehemaligen japanischen Kolonial-Hauptquartier. Allein die mangelnde Sensibilität, die sich in einem solchen Verhalten ausdrückt, geht vielen Menschen gegen den Strich.

Manche Europäer, schreibt die FAZ-Korrespondentin Anne Schneppen, empfänden bei Reisen Südkorea „wegen des Gebarens der Amerikaner als amerikanisches Land.“ Von der einheimischen Bevölkerung werde inzwischen sogar die Politik der Amerikaner gegenüber Nordkorea, trotz aller Vorbehalten gegen das kommunistische Regime in Hanoi, als amerikanische Bevormundung empfunden. Immer öfter würde den USA „der Vorwurf gemacht, den innerkoreanischen Dialog zu behindern“, weil eine Entspannung letztlich nicht im Interesse der Amerikaner sei und die Daseinsberechtigung ihrer Stützpunkte im Lande in Frage stelle.

Washington hatte die Wut der Menschen in Südkorea lange unterschätzt. Der stärker werdende Antiamerikanismus wurde schlicht ignoriert. Jetzt, da er zu einer Bedrohung der sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen Washington und Seoul zu werden droht, hat sich US-Präsident Bush eingeschaltet. Vor wenigen Tagen ließ er den amerikanischen Botschafter Hubbard eine Entschuldigung zum Tod der beiden Mädchen bei der Regierung in Seoul vortragen. Das hat jedoch die Menschen eher noch mehr aufgebracht. Ihre Kritik, die sie lautstark in Sprechchören äußerten: Die Entschuldigung ein halbes Jahr nach dem Tod der Kinder sei nicht mehr akzeptabel. Sie sei ohnehin nur unter dem Druck der Proteste zustande gekommen. Und der Präsident in Washington habe es nicht einmal fertig gebracht, eine persönlich verfaßte Entschuldigung übergeben zu lassen, sondern lediglich eine des US-Botschafters.

Die wütenden Proteste der Menschen gingen weiter. Von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, begann die Situation zu eskalieren. Demonstranten drangen in amerikanische Stützpunkte ein und warfen Molotow-Cocktails. Aus Protest wurden öffentlich amerikanische Fahnen verbrannt. Demonstranten ketteten sich an die Tore amerikanischer Einrichtungen. Auf Spruchbändern wurde der Abzug der 37 000 Mann starken amerikanischen Truppen verlangt. Die „amerikanischen Mörder“ müßten ihrer „gerechten Strafe“ zugeführt werden.

Einer Gruppe von Demonstranten gelang es, vor laufender Kamera, den Zaun um ein US-Armeelager zu durchschneiden, dort einzudringen und auf einen Wasserturm zu klettern. In südkoreanische Flaggen gehüllt skandierten sie Forderungen nach einem neuen Prozeß gegen die beiden amerikanischen Soldaten.

Die Wut der Bevölkerung auf die Besatzungsmacht wächst

Die antiamerikanische Stimmung fand auch auf andere Weise Ausdruck. So haben
beispielsweise einige Restaurantbesitzer in der Hauptstadt Seoul an den Eingangstüren ihrer Lokale Hinweisschilder angebracht, auf denen unmißverständlich zu lesen steht daß amerikanische Gäste nicht erwünscht seien.

Verschiedene Bürgerrechtsgruppen haben dazu aufgerufen, ihrem Zorn auch im Internet Luft zu machen. Die Südkoreaner sollten massenhaft E-Mails an die Adresse des Weißen Hauses versenden, bis die Netzseite der Regierung nicht mehr erreichbar sei. Schätzungen zufolge sind von den 47 Millionen Südkoreanern immerhin 25 Millionen vernetzt.

Der zunehmende Antiamerikanismus und die Wut der Bevölkerung auf die als Besatzung empfundene Militärmacht, könnte für die USA eines Tages sehr unangenehme Folgen haben. Wenn nämlich eine künftige koreanische Regierung von Washington die Aufgabe seiner Stützpunkte verlangen würde, verlören die USA einen unschätzbaren militärischen Vorteil. Denn Südkorea ist für die US-Streitkräfte die strategische Basis, von der aus China und die Taiwanstraße ins Visier genommen werden können.

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