In Tschetschenien droht ein BürgerkriegKAUKASUS

In Tschetschenien droht ein Bürgerkrieg

Nach dem tödlichen Anschlag auf Ahmed Kadyrow fordern russische Politiker, Präsident Putin solle Tschetschenien unter seine direkte Verwaltung stellen.

Von Ulrich Heyden

Der tschetschenische Präsident Ahmed Kadyrow kam beim Anschlag am 9. Mai ums Leben 
Der tschetschenische Präsident Ahmed Kadyrow kambeim Anschlag am 9. Mai ums Leben  

EM – „Wir haben die Aufgabe, die Welt von derSeuche des Terrorismus mit gemeinsamen Kräften zu befreien“, erklärteWladimir Putin am 9. Mai vor 5.000 Soldaten verschiedener Waffengattungen,die auf dem Roten Platz in Moskau zur Feier des Sieges über das DritteReich Aufstellung genommen hatten. Kaum waren die Worte gesprochen, explodierteunter der Ehrentribüne des Dynamo-Stadions in Grosny eine Bombe, welcheAhmed Kadyrow, den Präsidenten Tschetscheniens tötete und den Kommandeurder russischen Truppen in Tschetschenien, Waleri Baranow, schwer verletzte.Ihm mußte ein Bein amputiert werden. Getötet wurden auch der Vorsitzendeder tschetschenischen „Staatsversammlung“, Chusein Isajew, einKorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters und mindestens zwei weitere Personen.Nach unbestätigten Berichten verloren über 20 Menschen ihr Leben.

Rußland befindet sich im Krieg

33 Menschen wurden laut Mitteilungen der tschetschenischen Verwaltung verletzt.Darunter der tschetschenische Innenminister Alu Alchanow und der MilitärkommandantTschetscheniens, Grigorij Fomenko. Die grausame Attacke, bei der auch zweiKinder und zahlreiche ältere tschetschenische Weltkriegsteilnehmer verletztwurden, bestätigt auf furchtbare Weise die immer wieder verdrängteTatsache, daß Rußland sich im Krieg befindet.

Die in den letzten drei Monaten wiederhergestellte Tribüne des Dynamo-Stadionsin Grosny war am Tag des Anschlags mit Zivilisten, Politikern und Militärs überfüllt.Präsident Kadyrow hatte eine Rede gehalten, in goldverzierte Gewändergekleidete Tschetscheninnen trugen Volkslieder vor. Als die Explosion die friedlicheStimmung zerriß, herrschte für kurze Zeit Panik. Niemand wußte,was passiert war. Die Leibwache von Kadyrow begann wie wild zu schießen.Auch dadurch wurden viele Menschen verletzt.

Ahmed Kadyrow war nicht das erste Mal Ziel eines Anschlags. Der 1950 Geborenelebte unter ständiger Bedrohung, denn er hatte zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges,im Herbst 1999, die Seiten gewechselt – ein Schritt, den ihm die Separatistennie verziehen. Im ersten Tschetschenienkrieg (1994 bis 96) kämpfte Kadyrowauf der Seite der Rebellen. 1995 wurde er vom ersten tschetschenischen Präsidenten,Dschochar Dudajew, auf einer Versammlung von Feldkommandeuren zum „OberstenMufti“ ernannt. Kadyrow rief zum „Heiligen Krieg“ gegen die „russischenOkkupanten“ auf, sagte sich zu Beginn des zweiten Tschetschenienkriegesaber von den Separatisten los. Dem damaligen Präsidenten Aslan Maschadowwarf er vor, nicht entschieden genug gegen die von arabischen Stiftungen finanziertenFundamentalisten vorzugehen.

Wladimir Putin baute den stämmigen Mann mit der knorrigen Stimme zuseinem Statthalter in der Kaukasusrepublik auf. Im Oktober 2003 wurde Kadyrowin umstrittenen Wahlen zum Präsidenten der Kaukasusrepublik gewählt.

Unmittelbar nach dem Terrorakt in Grosny erklärte Putin gegenüberKriegsveteranen, eine Vergeltung sei jetzt „unausweichlich“. ImKreml empfing der russische Präsident Ramsan Kadyrow, den Sohn des Getöteten.Der in einen hellblauen Sportanzug Gekleidete leitet in Tschetschenien dengefürchteten präsidialen Sicherheitsdienst, der über eigeneFolterkeller verfügen soll. Wladimir Putin bezeichnete den getötetentschetschenischen Präsidenten als „Helden“, der in den letztenvier Jahren durch seine ganze Tätigkeit gezeigt habe, daß es zwischenden Terroristen und dem tschetschenischen Volk „kein Gleichheitszeichen“ gibt.

War der Statthalter dem Kreml zu mächtig?

Manche Beobachter halten die posthumen Ehrungen des tschetschenischen Präsidentenfür übertrieben. „Putin wußte, daß Kadyrow irgendwannvernichtet wird,“ meinte die bekannte Tschetschenien-Expertin und Journalistin,Anna Politkowskaja, gegenüber dieser Zeitung. „Möglicherweisehat Putin selbst den Befehl gegeben, Kadyrow zu beseitigen.“ Der Kadyrow-Clanhabe sich zu einem „Monster“ entwickelt. Der Clan verfügenicht nur über eine Streitkraft, die – so Politkowskaja – eine „ernsteGefahr“ für den Kreml darstellte, sondern habe auch andere Sicherheitsstrukturenunterwandert und selbst Posten in der tschetschenischen Abteilung der Präsidenten-nahenPartei „Einiges Rußland“ erobert. In Anspielung auf Osamabin Laden meint Politkowskaja, „es ist ein Fehler vieler Regierender,daß sie zunächst ein Monster heranzüchten, um es danach zuvernichten.“

Führende russische Politiker wie Ljubow Sliska – Vizevorsitzendeder Duma und Mitglied von „Einiges Rußland“ – und derLeiter der „Vaterland“-Fraktion Dmitri Rogosin forderten, Putinsolle Tschetschenien seiner direkten Verwaltung unterstellen. Der UltranationalistSchirinowski meinte, die Tschetschenen würden sich untereinander häufigerund härter rächen, die Leitung der Kaukasusrepublik müsse deshalbeinem Russen übertragen werden. Ljubow Sliska forderte die Wiedereinführungder Todesstrafe. Rogosin meinte, der Terrorakt sei möglich geworden, weilsich die tschetschenischen Sicherheitsstrukturen in der Hand eines Familienclansbefinden. Gemeint war die Familie des getöteten Präsidenten. KP-ChefSjuganow sprach von einer in jeder Hinsicht besorgniserregenden Situation.In Rußland gäbe es keine normalen Sicherheitsnormen mehr.

Tschetschenische Sicherheitsstrukturen unterwandert

Daß es den Terroristen immer wieder gelingt, Bomben in der Näheder Mächtigen zu plazieren, zeigt, daß die neuen Sicherheitsstrukturenin der vom Krieg geschundenen Republik nicht funktionieren. Polizei und präsidialerSicherheitsdienst sind von Separatisten unterwandert. Schon Dezember 2002 fragteman sich, wie es möglich war, daß Selbstmordattentäter dasschwerbewachte Regierungsgebäude von Grosny in die Luft sprengten.

Kadyrow schlug ehemaligen Freischärlern vor, sich vom Separatismus loszusagenund im präsidialen Sicherheitsdienst zu arbeiten. Hunderte „Bojewiki“ (Kämpfer)folgten diesem Aufruf. Weil sie bereit waren, die Waffen gegen ihre ehemaligenMitgefährten zu richten, wurden sie amnestiert. Herausragendes Beispielist der Leiter des Stabes des präsidialen tschetschenischen Sicherheitsdienstes,Artur Achmadow, der bis zum März 2002 in gleicher Funktion bei dem untergetauchtentschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow diente. Doch besonders einsatzfreudigscheinen die gewendeten Separatisten nicht zu sein.

Kadyrow arbeitete weniger mit Überzeugung als mit Druck und Einschüchterung.Familienmitglieder führender Separatisten wurden als Geiseln genommen.Unter diesen Umständen stellte sich vor kurzem der bisherige „Verteidigungsministerder Republik Itschkeria (Tschetschenien)“, Magomed Chambijew. Er bekamvon Kadyrow ein Haus und persönlichen Schutz, zeigte sich in einem Interviewmit der Zeitschrift „Kommersant Wlast“ aber nicht reuig.

Indem der Kreml die Macht in Tschetschenien faktisch einem Familienclan übertrug,bereitete er zwangsläufig den Boden für einen Bürgerkrieg. DieExplosion vom 9. Mai ist ein eindrückliches Signal hierfür. Blutrachedes Kadyrow-Clans wird folgen und so wird sich die Gewaltspirale immer weiterdrehen, wenn man sich im Kreml nicht irgendwann auf ein politisches Konzeptzur Lösung der Krise besinnt.

Hoffnungen, daß nach dem Terrorakt die Kräfte in Rußlandstärker werden, welche für eine politische Lösung in Tschetschenieneintreten, sind noch aus einem weiteren Grund deplaziert. Die Terroristen habenRußland an seinem wichtigsten Feiertag, dem Tag des opferreichen Sieges überdie deutsche Wehrmacht, herausgefordert. Selbst wenn er wollte, könntePutin sich jetzt nicht hinstellen und eine politische Lösung fürdie Kaukasusrepublik vorschlagen. Der Kreml-Chef hat Tschetschenien zu einerExistenzfrage für Rußland hochstilisiert. Kompromisse sind da nichtmöglich. Die Bombenleger – Rebellenführer Schamil Bassajewsoll sich inzwischen offiziell zu dem Mordanschlag bekannt haben – müssendas gewußt haben. Ihnen ging es um die Rache am „VerräterKadyrow“. Den Tod von Kindern und tschetschenischen Weltkriegsveteranennahmen sie in Kauf.

Mehr von Ulrich Heyden finden Sie hier: www.ulrich-heyden.de.

Kaukasus Russland

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