Indien und China wollen kunftig eng zusammenarbeitenMULTIPOLARE WELTORDNUNG

Indien und China wollen kunftig eng zusammenarbeiten

Funftägiger Besuch des Ministerpräsidenten aus Neu Delhi in China – im Vordergrund der Gespräche mit den Gastgebern in Peking stehen die Rolle der beiden asiatischen Atommächte in der Welt und die Stärkung ihrer Handelsbeziehungen

Von Johann von Arnsberg

EM - Es ist der erste Besuch eines indischen Ministerpräsidenten in China seit fast zehn Jahren. Eine Woche wird Indiens Regierungschef Atal Behari Vajpayee mit seinem Amtskollegen Wen Jiabao und Chinas neuem Staatspräsidenten Hu Jintao in Peking verhandeln. Die Staatsmänner der aufstrebenden Weltmächte nehmen sich viel Zeit für die Vereinbarung einer ausgedehnten Kooperation.

China und Indien, die auch mit Rußland zusammenarbeiten, haben schon im Vorfeld des Besuches erklärt, daß sie für eine multipolare Weltordnung eintreten. Ihre künftige enge Zusammenarbeit würde sich gegen kein drittes Land richten. Aber de facto, so wird in den Außenministerien beider Länder eingeräumt, möchten sie damit dem wachsenden Einfluß und der Macht der USA in Südostasien einen Riegel vorschieben.

„China und Indien sind Partner, keine Gegner“, verkündeten die staatlichen chinesischen Medien auf ihren Titelseiten. Oder auch: „Laßt uns mit Einsicht und Verständnis die historischen Hürden überspringen“. Dies war eine deutliche Aufforderung Chinas an Indien, möglichst rasch die noch bestehenden Streitigkeiten über den Grenzverlauf im Himalaja zu beenden. „Die Gebirgskette“, so schrieben die Kommentatoren, „soll wieder zum Übergang zwischen zwei großen Zivilisationen werden.“

Durch die Grenzziehung der einstigen britischen Kolonialmacht im Jahr 1914 (McMahon-Linie), war es zwischen beiden Ländern zu einer erbitterten Fehde gekommen. Es geht um 128.000 Quadratkilometer (etwa die doppelte Fläche Litauens), die sich beide Seiten streitig machen. Aus diesem Anlaß kam es 1962 zum Krieg, der Tausende von Opfern forderte. Seither stehen sich Indiens und Chinas Grenztruppen feindselig gegenüber. In den letzten Jahren war es allerdings zu keinerlei Zwischenfällen mehr gekommen.

Freundschaft und Zusammenarbeit haben eine zweitausendjährige Tradition

Für viele internationale Beobachter kommt das Zusammenrücken der beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde ( China 1,3 Milliarden, Indien 1,1 Milliarden) überraschend. Indiens Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee hatte gegenüber US-Präsident Bill Clinton im Jahr 1998 den Bau der indischen Atombombe mit der Gefahr gerechtfertigt, die seinem Land von China drohe. Und noch 1999 hatte Indiens Verteidigungsminister George Fernandes China als Hauptgefahr für Indien bezeichnet. Peking würde Pakistan, den indischen Erzfeind, mit Raketen und Nukleartechnologie beliefern.

Die Wende im Verhältnis beider Länder zueinander kündigte sich Ende April dieses Jahres an, als Indiens Verteidigungsminister Fernandes China besuchte. Er vereinbarte mit dem chinesischen Armeechef Jiang Zemin die Wiederaufnahme der Kontakte auf militärischem Gebiet. Chinas neuer Premierminister Wen Jiabao erklärte „99,9 Prozent unserer Beziehungen in den vergangenen 2200 Jahren waren von Zusammenarbeit und Freundschaft bestimmt.“ Und Fernandes antwortete ihm, Indiens Führung betrachte 99,9 Prozent aller derzeitigen Probleme als gelöst.

Das war eine Sensation, die aber in den internationalen Medien nur wenig Aufmerksamkeit erregte. Im Mai 2003 traf dann Indiens Regierungschef Vajpayee den neuen Staatspräsidenten des Nachbarlandes China, Hu Jintao, in St. Petersburg. Vajpayee sagte bei diesem Anlaß: „In Indien und China lebt heute ein Drittel der Weltbevölkerung. Wenn beide Staaten sich die Hände reichen, wird das 21. Jahrhundert zum Zeitalter Asiens.“

Der Handelsaustausch soll binnen zweier Jahre verdoppelt werden

Als nun am 22. Juni der indische Regierungschef zu seinem fünftägigen Staatsbesuch in Peking eintraf, gehörten Dutzende von Wirtschaftsvertretern zu seiner Delegation, vor allem aus dem Bereich Informationstechnologie. Der zur Zeit bei nur fünf Milliarden Dollar liegende Handelsaustausch soll bis 2005 verdoppelt werden. Dabei setzen die Hochtechnologie-Industrien beider Länder auf die Symbiose der weltweit anerkannten Softwarespezialisten aus Indien mit China, das als Herstellerland von Informationstechnologie bereits global agiert.

China und Indien haben bereits beschlossen, künftig mit vereinten Kräften auch bei der Chip- und IT-Endprodukt-Entwicklung mitzumischen. Mit gemeinsamen Entwicklungsvorhaben wollen sie sich vom Image des reinen Produktions- und Programmierungs-Standorts befreien. Dazu wurden kürzlich sogar gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprogramme an den Universitäten beider Länder eingerichtet.

Mehr zum Thema in dieser Ausgabe: "Chinas größter Konzern für Computernetzwerke macht Westfirmen Konkurrenz" (Eurasien-Ticker); Gelesen: "Indien und China".

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