Inneres Asien – Auf dem Weg zu einem integrierten KulturraumOSTEURASIEN

Inneres Asien – Auf dem Weg zu einem integrierten Kulturraum

Der Transformationsforscher Kai Ehlers besuchte in Ulan Ude eine Tagung zu den Beziehungen zwischen Rußland und der Mongolei. Den Initiatoren der Veranstaltung geht es um die Entwicklung eines neuen Verständnisses zwischen den beiden Nachbarländern.

Von Kai Ehlers

EM – Mitte April fand im russischen Ulan Ude einebemerkenswerte Tagung statt. Nur wenige Menschen werden auf Anhieb wissen,wo Ulan Ude auf der Landkarte Rußlands zu finden ist: Es ist die Hauptstadtder russischen Republik Burjatien am Ostufer des Baikalsees, Rußlandsletzter größerer Siedlung vor der Grenze zur Mongolei. Nur wenigeMenschen werden auch von einer Tagung in dieser Gegend Eurasiens etwas Besondereserwarten, besten- oder schlimmsten Falles Klagen über die weitere Verschmutzungdes größten und letzten noch nicht verseuchten Binnensees der Erde.

Tatsächlich kündigt sich in dieser Tagung an den Ufern des Baikalseesjedoch eine Entwicklung an, die ganz im Stillen auf entscheidende Veränderungenin diesem Teil Eurasiens hindeutet. Dieser Teil Eurasiens – das ist dasDreieck zwischen der heranwachsenden chinesischen, indischen und der in Wandlungbegriffenen russischen Welt. Die Frage, um die es auf der Tagung ging und umdie es auch noch bei weiteren gehen wird, besteht darin, wie die Menschen undVölker in diesem Prozeß miteinander umgehen. Wird es den berüchtigten „Zusammenstoß derKulturen“ geben oder bildet sich ein integrierter Kulturraum „inneresAsien“ heraus?

Vom 13. – 15. April 2004 wurde in Ulan Ude erörtert, welche neueWahrnehmung die Bevölkerung Burjatiens und der mongolischen Republik voneinanderhaben. Die Initiatoren des Treffens waren Vertreter des Instituts „InneresAsien“ aus Irkutsk und Mitarbeiter der historischen Fakultät ander Universität von Ulan Ude. Erstmals nach der Auflösung der Sowjetunionwurde in wissenschaftlichem Rahmen untersucht, wie sich die Beziehungen zwischenRußland und der Mongolei – besonders der Bewohner der Grenzregionen – verändernund ob sich langfristig ein gemeinsamer Wirtschafts- und Kulturraum zwischenihnen herausbilden kann.

Das Institut „Inneres Asien“

Nach der Gründung des Instituts „Inneres Asien“ Ende 2002wurden Forschungsprojekte zu Fragen der Migration im östlichen Teil Eurasiensvorangetrieben. Federführend waren hierbei die wichtigsten Ost-InstituteRußlands, insbesondere Sibiriens und des fernen Ostens. Für dieZukunft ist die Einbeziehung chinesischer Kollegen geplant. Zunächst einmalgeht es allerdings vor allem darum, verläßliche Informationen überdie tatsächlichen Bevölkerungsbewegungen im östlichen Eurasienzusammenzutragen, um hysterischen Schwarzmalereien einer angeblichen „gelbenEinwanderungsgefahr“ oder einer „islamistischen Bedrohung“ wirksamentgegengetreten zu können. Nach übereinstimmender Einschätzungder örtlichen Spezialisten ist die Unterbesiedlung des Osten Rußlandszwar problematisch, von einer chinesischen Invasion kann bisher aber nichtdie Rede sein. Zum Problem wird eher die massenhafte Einreise nach Sibirienund Russisch-Fernost von „Gastarbeitern“ aus den zentralasiatischenLändern der GUS bis hin zur Ukraine.

Die grundlegende Frage der Tagung lautete: Welches Bild entwickeln Russenund Mongolen heute voneinander, genauer die Burjaten, Rußlands russifizierteburjatische Minderheit, und die Mongolen der mongolischen Republik? Die aktuellenVerständigungsversuche laufen nicht ohne Mißverständnisse abund das ist auch nicht verwunderlich. Denn die russische und auch die burjatischeBevölkerung lebte bis hinein in die späten 80er Jahre in dem Verständnis,in der Mongolei sei „alles ihres“. Mit der Perestroika kam es dannzu einer tiefen Entfremdung zwischen beiden Völkern.

Eines der interessantesten Mißverständnisse betrifft den Charakterder Modernisierung: Aus russischer, genauer sibirischer, noch genauer burjatischerSicht wird die Mongolei heute neidvoll als ein Attraktor der Modernisierung,als jugendliche Kraft erlebt, in dem sich die Wirtschaft frei entwickeln kann.In diesem Verständnis von Modernisierung spielt die nomadische Wirtschaftund Kultur der Mongolei so gut wie gar keine Rolle.

Eine Jurte mit Sonnenkollektor – Metapher für die Zukunftder Mongolei?

Sich selbst dagegen, Rußland, kennzeichnet man als müde, gebeuteltvon historischen Schlägen, von denen man sich endlich erholen möchte.Die Modernisierung der Mongolei wird allein als Übernahme westlicher industriellerStandards gewertet. Passend dazu wird von mongolischer Seite Unbehagen gegeneine konservative Romantisierung traditioneller Kultur geäußert.

Erst das Bild einer Jurte mit Sonnenkollektor, das vom Autor dieses Artikelsin die Diskussion gebracht wird, läßt die Konfliktlinien aufweichen.Eine alternative Modernisierung in diesem Geiste wäre nicht eine bloße Übernahmewestlicher Standards, sondern kann als Wechselwirkung von industrieller Entwicklungund eigener Kultur verstanden werden. Die mongolischen Teilnehmer/innen derTagung fühlen sich verstanden, die russischen widersprechen nicht, ordnendie Alternative allerdings unter der Rubrik „Idealismus“ ein. Mehrnoch, sie geben zu bedenken, daß die Integration des sibirisch-mongolischenRaumes auf der Grundlage einer authentischen Modernisierung mit Sicherheitdie Intervention der „Weltmacht Nr. 1“ auf den Plan rufen würde.Die USA habe kein Interesse an der Stabilisierung der Region. Daraus den Verzichtauf Integrationsbemühungen abzuleiten, wollte aber doch keinem der Anwesendengefallen. Die Konferenz in Ulan Ude, hieß es, sei nur ein erster Schrittauf dem Weg zu einer sibirisch-mongolischen Kooperation, auf dem unbedingtweitere folgen müßten.

Mehr von Kai Ehlers finden Sie hier: www.kai-ehlers.de.

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