Investieren in EurasienWIRTSCHAFT

Investieren in Eurasien

Von den wirtschaftlichen Chancen und Risiken, die sich ergeben, wenn Europa und Asien zusammenkommen.

Von Hans Wagner

O steuropa und Asien sind die großen Wachstumszonen Eurasiens. Gebannt blickt Westeuropa auf die „baltischen Tiger“ und auf die „Tigerstaaten“ Asiens. Eine Flut von Literatur und von Analysen prasselt auf wagemutige Unternehmer der EU-Länder herein. Die einen raten schnell zu handeln, in den Zonen des schnellen Geldes zu investieren, um nicht zu spät zu kommen. Andere warnen vor allzugroßer Blauäugigkeit und raten zur Vorsicht.

Das Eurasische Magazin hat versucht, in der Fülle der Veröffentlichungen eines sich ausbreitenden Beratungswesens einigermaßen verläßliche Darstellungen und Prognosen zu finden. Spannende Wirtschaftsbücher, nüchterne Analysen und persönliche Erfahrungen einzelner, sollen bei der Orientierung helfen, ob es Sinn macht, sich in den eurasischen Wachstumszonen zu engagieren.

Zur Lage in Mittel- und Osteuropa

„Exhibition Market Central and Eastern Europe 2005/2006“  
„Exhibition Market Central and Eastern Europe 2005/2006“  

 „Wenn doch ganz Europa ein solches Bild abgäbe, wie die neuen Beitrittsländer im Osten, dann bräuchte einem um die Zukunft der EU nicht bange zu sein“ – dieser Stoßseufzer wird dem EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zugeschrieben. In der Tat, die Länder des Ostseeraums sind seit Jahren eine Art Musterschüler der EU. Sie sind bisher den Lissabon-Kriterien am nächsten gekommen, z.B. bei den ehrgeizigen Zielen der Armutsbekämpfung.

Es wird sogar schon eine Konjunkturüberhitzung konstatiert. Vor allem auf dem Bausektor.. Die Haushaltsdefizite steigen aufgrund einer nachlässigen Haushaltspolitik. Der Export aber wächst. Die Auslandsinvestitionen ebenso. Die „baltischen Tiger“ zeigen keine Ermüdungserscheinungen, was ihre Entwicklung und ihr Wirtschaftswachstum angeht.

Die Länder Mittel- und Osteuropas (MEO) haben sich in den vergangenen Jahren zum europäischen Wachstumsmotor entwickelt. Das jährliche Plus ist vielfach doppelt so hoch wie in den meisten Ländern Westeuropas. Lettland führt mit Zuwachsraten zwischen sieben und neun Prozent die Wachstumsliste der EU an. Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn oder Rußland haben einen großen Importbedarf an hochwertigen Produkten. Dieser Bedarf wird vorrangig durch westeuropäische Länder gedeckt. Darin liegen große Chancen für die alten EU-Länder.

Die Privatisierung der Wirtschaft Osteuropas hat für die deutschen Messen einen neuen Markt genau vor der Haustür eröffnet. Allein von 1999 bis 2003 stieg die Zahl der Aussteller aus den Ländern der damaligen Beitrittskandidaten in Deutschland um 17 Prozent auf fast 4.000. Moskau ist inzwischen die zweitwichtigste Stadt im Auslandsmesseprogramm des Bundes. „Dies ist ein deutliches Signal dafür, wie stark die deutsche Wirtschaft auf Rußland setzt und wie notwendig gleichzeitig die finanzielle und organisatorische Unterstützung auf diesem immer noch sehr schwierigen Messemarkt ist“. So Dr. Hermann Kresse, Geschäftsführender Vorstand vom Ausstellungs- und Messe-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft (AUMA) in Berlin.

Er ist einer der Autoren eines Buches über Ausstellungen in Zentral- und Mitteleuropa. Das 280 Seiten umfassende Kompendium analysiert die wirtschaftliche Lage und die Perspektive der Region Mittel- und Osteuropa. 32  Autoren aus verschiedenen Ländern der EU, aus Verbänden, Fachinstituten  und von Messeorganisationen breiten ihr immenses Wissen aus. Darunter Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Andrea von Knoop, Delegierte der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation, Marianne Elisabeth Kager, Leiterin der Abteilung Volkswirtschaft der Bank Austria Creditanstalt oder Krzysztof Krystowski vom polnischen Wirtschaftsministerium.

Das Buch ist in Deutsch und Englisch abgefaßt und enthält einen beeindruckenden Veranstaltungskalender Deutscher Messegesellschaften („Exhibition Market Central and Eastern Europe 2005/2006“, ISBN 3-9810156-0-6, local global GmbH Stuttgart).

Chancen und Risiken in Ostasien

Der chinesische Präsident Hu Jinatao besuchte Anfang November Deutschland. Dabei wurde auch über Gefahren gesprochen, die sich aus den immer engeren Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern ergeben. Neben erhoffter Vorteile der deutschen Wirtschaft befürchtet die Bundesregierung inzwischen auch einen erzwungenen Ausverkauf deutscher Hochtechnologie nach China. Chinesen verlangten immer öfter, daß bei einer Auftragsvergabe das Wissen über das Herstellungsverfahren preisgegeben wird. Technologietransfer sei Teil des wirtschaftspolitischen Programms der chinesischen Regierung. Da gäbe es „erheblichen Druck auf deutsche Unternehmen“, heißt es im Berliner Wirtschaftsministerium.

Während Europas Unternehmen trotz solcher Erfahrungen noch immer sehr großzügig bei der Weitervergabe von Technologie an China sind, verhalten sich die asiatischen Nachbarn längst vorsichtiger. Japaner und Koreaner behalten Forschung und Entwicklung für ihre Produkte im eigenen Land und verlagern sie nicht an Produktionsstandorte in China.

Wo in China große Wachstumschancen vermutet werden

Der chinesische Pharmamarkt wird in den kommenden Jahren zu einem der weltweit wichtigsten Märkte aufsteigen. Das prognostiziert Franz Mummer, Chef des Schweizer Pharmakonzerns Roche. Sein Unternehmen hat in Schanghai gerade eine Fabrik eröffnet.

Auch die großen Flugzeugbauer rechnen sich weitere Marktchancen in China aus. Bisher hat China zwar schon mehrere Anläufe unternommen, eine eigene Flugzeugindustrie aufzubauen, ist damit aber jedesmal gescheitert.

So kann Airbus wieder neue Verkaufserfolge melden. Die nichtstaatliche chinesische Fluggesellschaft China East Star Airlines will zehn Flugzeuge von dem europäischen Flugzeugbauer erwerben. Zehn weitere Maschinen sollen geleast werden. Es ist das bisher größte Geschäft von Airbus mit einer privaten Fluggesellschaft in China.

Auch die europäischen Autobauer lassen nicht locker und investieren unverdrossen im Reich der Mitte, obwohl China inzwischen selbst schon Autos nach Europa exportiert. Versicherungskonzerne, Banken und sogar Bausparkassen versuchen zwischen Mongolei, alter Seidenstraße und Südchinesischem Meer Fuß zu fassen.

Doch auch Mittelständler wittern in China Chancen. Nur ein Beispiel von vielen ist das deutsche Unternehmen Eichenauer Heizelemente GmbH & Co. KG aus dem pfälzischen Hatzenbühl. Es eröffnete vor kurzem seinen dritten ausländischen Produktionsstandort. Nach Tschechien und den USA wird jetzt auch in China produziert. In der ehemaligen südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen (Provinz Guangdong) stellen 50 Mitarbeiter seit Juni 2005 elektrische Heizelemente für Hausgeräte her. Für das kommende Jahr verfolgt Eichenauer ehrgeizige Pläne mit der neuen Niederlassung im Reich der Mitte. Mehr als 1,5 Millionen Teile will das Unternehmen dort produzieren lassen. Auch die Produktpalette soll 2006 ausgebaut werden. „Uns stehen in China mehr als 10.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung und die wollen wir so bald wie möglich voll ausnutzen“, betont Friedrich Scherzinger, Geschäftsführer von Eichenauer.

Chinas Verbrauchermarkt von ausländischen Firmen heiß umkämpft.

„Innerhalb der nächsten zwei Jahre könnte sich Chinas Verbrauchermarkt entscheidend in Richtung westlicher Modernität verändern. Amerikanische und japanische Firmen sind in diesen Markt bereits vorgedrungen. Durch fundierte Marktkenntnis und durchdachte Markterschließungsstrategien konnten sie einen hoch profitablen neuen Ländermarkt gewinnen. Auch für deutsche Unternehmer, die ihre Stärke traditionell erfolgreich auf Anlagegüter und langfristige Gebrauchsgüter konzentriert haben, rückt das enorme Potential des chinesischen Konsumgütermarktes immer mehr in den Blickpunkt.“ – So die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte Deutschland mit Sitz in München.

In seiner aktuellen Studie „Chinas Consumer Market – Risks and Opportunities“ zeigt das Unternehmen Deloitte die wahrscheinliche Entwicklung auf. Zu erwarten sei, daß die chinesische Regierung die Privatisierung staatlicher Unternehmen vorantreiben und eine stärkere ausländische Beteiligung an Chinas Binnensektor zulassen werde. Dies sei geeignet, die Rentabilität von Investitionen zu erhöhen und ein noch schnelleres Wirtschaftswachstum möglich zu machen.

Untersucht wird die Situation des Automobilmarktes, der Spareinlagen, des Einzelhandels und der Qualität des chinesischen Managements in internationalen Unternehmen.

Mehr erfahren Sie hier: www.deloitte.com/de.

Ausländer verdienen in China kaum Geld

„Made in China - What Western Managers Can Learn from Trailblazing Chinese Entrepreneurs“ von Donald Sull und Yong Harry Wang  
„Made in China - What Western Managers Can Learn from Trailblazing Chinese Entrepreneurs“ von Donald Sull und Yong Harry Wang  

Bislang verdienen nur wenige ausländische Konzerne in China wirklich Geld. Ihre milliardenschwerden Investitionen sind wie eine Wette auf die Zukunft. Es gilt das Prinzip Hoffnung.

Zahlreiche Autoren versuchen in mehr oder weniger tiefgründigen Werken aufzuzeigen, worauf es beim Chinageschäft heute ankommt. So auch Donald Sull von der London Business School. Er und sein Co-Autor Yong Harry Wang nutzen Fallstudien, um Richtlinien für Unternehmer zu entwickeln, die in schwierigen und unberechenbaren Märkten wie dem chinesischen tätig sind. In ihrem Buch „Made in China“ raten sie: Wer in China erfolgreich sein will, darf sich nicht zu sehr auf seine Strategie oder sein Können verlassen. Entscheidend sei es, Gelegenheiten zu erkennen und dann sofort loszulegen. - Das klingt allerdings nicht besonders aufregend. Denn im Prinzip ist es doch überall auf der Welt so oder so ähnlich.

In ihrem Buch versuchen Sull und Wang auch darzulegen, daß die meisten Unternehmen verschiedene Geschäftsmodelle ausprobieren, bis sie eines finden, das auf die Ansprüche der Kunden eingeht und finanziell sinnvoll ist. Haben sie es gefunden, sei rasches Handeln angesagt. Auch das ist eher eine Binse aus dem Wirtschaftsalltag.

Allerdings schildern die Autoren in ihren Fallstudien nicht Beispiele ausländischer Unternehmer, sondern solche chinesischer Selfmademen, die es geschafft haben und als beispielhaft dienen sollen. Sie stellen sich und dem Leser letztlich die Frage, ob die neue Generation von Unternehmern im Reich der Mitte so erfolgreich sein kann wie einst die japanischen Unternehmer nach dem Zweiten Weltkrieg . Ob die jungen chinesischen Manager Fachkenntnisse entwickeln können, mit denen sie imstande sind, die Konkurrenz aus dem Westen zu überholen. Einige der in diesem Buch beschriebenen Unternehmen, wie Lenovo, Haier (Haushaltsgeräte) und Galanz (Mikrowellen), sind erstaunlich erfolgreich und auch bereits auf den Exportmärkten vertreten.

Letztlich werden von den Autoren keine Prognosen gegeben. Die Rolle der maßgeblichen chinesischen Behörden werden oberflächlich abgehandelt. Es geht Sull und Wang vor allem um das mal trocken und mal witzig erzählte Fallbeispiel. So liest sich das Buch zumindest recht angenehm und verrät einiges darüber, was chinesische Unternehmer antreibt. Am Ende weiß man, daß man sie keineswegs unterschätzen darf.

„Made in China - What Western Managers Can Learn from Trailblazing Chinese Entrepreneurs“ von Donald Sull und Yong Harry Wang, Harvard Business School Press, 2005, 231 Seiten, ISBN 1-5913971-5-4.

Wer allein wegen niedriger Löhne kommt, wird scheitern

„China Champions“ von Lutz Kaufmann, Dirk Panhans, Boney Poovan, Benedikt Sobotka  
„China Champions“ von Lutz Kaufmann, Dirk Panhans, Boney Poovan, Benedikt Sobotka  

Vier Autoren von der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz (WHU) untersuchen Kriterien, um zu bestimmen, welche Art von Investition sich in China überhaupt lohnt. Dabei wird analysiert, in welche Richtung sich die Verhältnisse vor Ort voraussichtlich verschieben werden.

Sie haben mit 50 China-Managern deutscher Unternehmen gesprochen. Dabei kam heraus, daß die Löhne in China zwar niedrig seien, aber dies allein kein Kriterium für Investitionen im Reich der Mitte sein könne. Wer nur deshalb nach China komme, um billig zu produzieren, müsse scheitern. Überleben werde nur, wer das Abenteuer strategisch angeht.

Was dies heißt? Die Autoren empfehlen – ganz im Gegensatz zu den Autoren Sull und Wang in ihrem Buch „Made in China“ (siehe oben) - den Standort in China mittelfristig auszubauen. Also sehr wohl eine Strategie für das Fußfassen zu entwickeln. Zum Beispiel die, auch für die chinesische oder die gesamte ostasiatische Region zu produzieren. Oder sukzessive mehr Glieder der Wertschöpfungskette aus dem heimatlichen Standort nach China und von dort in die gesamte Region zu verlagern. Gedacht ist dies als Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung. Nicht allein auf den wachsenden chinesischen Markt. Sich darauf allein zu verlassen, erscheint den Autoren geradezu fahrlässig.

Das WHU-Quartett kritisiert, daß deutsche Unternehmen oft die „weichen Faktoren“, also das Wissen um Kultur und Moral z.B., beim China-Geschäft sträflich vernachlässigten. Dafür liefern sie auch einige überzeugende Beispiele. Die China Champions sind eine positive Überraschung auf dem deutschen Markt für Management-Literatur. Selten greift ein Buch so treffsicher die relevanten China-Themen der vergangenen Jahre auf.

„China Champions“ von Lutz Kaufmann, Dirk Panhans, Boney Poovan, Benedikt Sobotka, Gabler Verlag 2.005, 225 Seiten, 43,90 Euro, ISBN 3409143319.

Siehe dazu auch das Interview mit Dr. Hanne Seelmann-Holzmann „Was unsere Unternehmer in China machen, ist Harakiri“ in EM 12-04 und die Rezension ihres Buches „Global Players brauchen Kulturkompetenz – so sichern Sie Ihre Wettbewerbsvorteile im Asiengeschäft“ in EM 11-04

Erhellend dürfte für China-Interessierte auch der folgende Beitrag in EM 09-05 sein: „Erlebt – Alltag im Schanghaier Wirtschaftswunder“. Es ist der Bericht der Praktikantin Juliane Dross, die aus nächster Nähe und am eigenen Leib erfahren hat, was es mit dem China-Wunder auf sich hat und die ihre Erfahrungen ungeschminkt wiedergibt.

Das Indien-Fieber greift um sich

Die Chinesin Mary Ma ist Vizepräsidentin des chinesischen Computerkonzerns Lenovo, der vor kurzem das PC-Geschäft von IBM gekauft hat und so zum drittgrößten Anbieter der Welt wurde. Sie sieht neben Chancen auch erhebliche Risiken in der Wirtschaft ihres Landes. In einem Interview mit der FAZ nannte sie einige: „Zuallererst ist es die Überhitzung. Dann die Kluft zwischen Arm und Reich. Die wird noch für einige Instabilität sorgen. Gehen Sie nur in die ganz armen Gegenden, aufs Land, in die Berge. Dort haben die Menschen nichts, überhaupt nichts. Wenn es uns nicht gelingt, das Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen den Regionen auszugleichen, dann wird das zu einem großen Problem für China. Kurz gesagt: Die großen Risiken liegen in China selber, nicht außerhalb.“

Siehe dazu auch EURASIEN-TICKER in dieser Ausgabe: „Die Überalterung in China nimmt dramatische Formen an.“

Mary Ma stellt in dem Gespräch auch einen Vergleich zu Indien an: „Indien wirkt so wie China vor ein paar Jahren. Die Armut ist mit Händen zu greifen. Aber das Ausbildungsniveau ist höher, die englische Sprache weiter verbreitet als in China. Die Akzeptanz Indiens im Westen liegt dementsprechend höher. Die Inder werden es auf dem Weltmarkt leichter haben. Sie wurden über lange Jahre von den britischen Kolonialherren geführt. Davon ist das Land natürlich geprägt worden. So fällt es dem Westen leichter, sich in das Denken der Inder hineinzufühlen. Das gilt auch umgekehrt.“

Für viele Investoren aus dem Westen ist die chinesische Ostküste schon lange zum gelobten Land geworden. Der Zug nach Indien dagegen ist neueren Datums. Aber jetzt folgen der Informationstechnologie, die erst da war, auch Banken, Versicherungen und Autobauer aus dem Westen. Die Deutsche Post zum Beispiel ist jetzt auch vom Indien-Fieber erfaßt. Ihre Tochterfirma DHL investiert jährliche einen dreistelligen Millionenbetrag. Sie will in Asien in allen Transportgeschäften die Nummer eins werden.

Übrigens: Asienexperten, die genauer hinsehen, sagen: „China ist nicht so gut, wie es scheint, Indien nicht so schlecht.“

Was wissen wir eigentlich von Indien?

Indien ist das große unbekannte Land Asiens. Über China wird seit Jahrzehnten geschrieben, philosophiert und mit prognostiziert. Die Erde werde beben, wenn China erwacht, sagte Napoleon voraus und der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus beschwor vor 200 Jahren in einem Essay über die Bevöklerungsexplosion die „Gelbe Gefahr“ herauf. Und dann gibt es da noch Mao und die Seidenstraße, die Große Mauer und die „blauen Ameisen“. Aber vor allem Deng, den großen Reformer der 80er Jahre, der die Privatisierung eingeleitet hat und damit das Wirtschaftswunder des Reiches der Mitte erst ermöglichte.

Indien, das Land der Kasten und der Veden, das Land Ghandis, der rituellen Bäder im Ganges und der Kampfelefanten, des Ayurveda, der grellbunten Filme von Bollywood und der leisen Musik: es ist noch reichlich unbekannt, daß hier auch Milliardäre leben, die gewaltige internationale Konzerne lenken, wie z.B. Mittal Steel – und daß auf dem Subkontinent längst auch Autos gebaut werden. Viele im Westen haben die Wirtschaftsmacht Indien noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen.

Siehe dazu EM 09-04 „Land der Zukunft: Neue Weltmacht Indien“ oder EM 08-05 EURASIEN TICKER „Ein neuer Stahlkoloß entsteht in China“.

Basisinformationen über eine heraufkommende Wirtschaftsmacht

„Wirtschaftspartner Indien“ von Johannes Wamser und Peter Sürken  
„Wirtschafts-partner Indien“ von Johannes Wamser und Peter Sürken  

Die indische Wirtschaft wächst um durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr. Internationale Konzerne investieren. Aber auch Mittelständler bereiten immer öfter ein Engagement am Ganges vor.

Ein großes Manko ist die geringe Information der Unternehmen über die Kultur des Landes, in dem sie jetzt Geschäfte machen wollen. Dem wollen Johannes Wamser und Peter Sürken Abhilfe leisten. Die beiden Indienkenner legen ein Handbuch für Unternehmer vor, in dem sie sachlich und nüchtern Chancen und Risiken von Investitionen analysieren. Der 240 Seiten starke Paperback-Band „Wirtschaftspartner Indien“ liefert Basisinformationen über das riesige Land.

Die Autoren geben einen historischen Rückkblick auf die Entwicklung des Landes seit der Unabhängigkeit. Sie skizzieren die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Investitionen. Schließlich beschreiben sie das Entwicklungspotential der einzelnen indischen Regionen, den Zustand der jeweiligen Infrastruktur, die Verfügbarkeit an qualifizierten Arbeitskräften und die Kaufkraft der Bevölkerung.

Dieser wirtschaftliche Abschnitt („Ihr Geschäft in Indien“) macht allerdings den kleineren Teil des Buches aus. Dafür gibt es einen nahezu gleich großen Anhang mit – beispielsweise -Informationen über indische Namen, die Währung und Messetermine.

Wamser und Sülen analysieren die Vorteile des Standortes Indien, darunter das niedrige Lohnniveau, die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Dominanz der englischen Sprache. Doch sie verheimlichen auch nicht die Risiken wie beispielsweise Korruption, ein ineffizientes Rechtssystem, die miserable Infrastruktur oder ein unüberschaubares Durcheinander von  Zollvorschriften.

„Zu einer neuen und im positiven Sinn realistischen Bewertung von Potenzialen und Chancen am indischen Markt“ wollen Johannes Wamser und Peter Sürken mit ihrem Buch beitragen, heißt es im Klappentext. „Sie werden am Ende der virtuellen Indienreise feststellen, daß dieses Land viel mehr Aufmerksamkeit als bisher verdient. Vielleicht stellt sich dann eine neue Frage: Können wir es uns eigentlich leisten, nicht in Indien präsent zu sein?“

Es ist ein Buch für Einsteiger, die sich einen ersten Überblick verschaffen wollen. Um wirklich nach Indien zu gehen, wird es kaum ausreichen.

„Wirtschaftspartner Indien“, von Johannes Wamser und Peter Sürken, local global, Stuttgart 2005, 237 Seiten., 39,00 Euro, ISBN 3-9810156-1-4.

Akribische Listen – Schlüsselinformationen und Anlaufstellen

„Beschaffen und investieren in Indien“ von Alexander Hofmann  
„Beschaffen und investieren in Indien“ von Alexander Hofmann  

Wer sich entschlossen hat, in Indien Geschäfte zu machen, kann auf Alexander Hofmann zurückgreifen. Sein Buch „Beschaffen & Investieren in Indien“ bietet alles, was in vielen Überfliegerpublikationen fehlt: handfeste Infos, nüchtern aufgelistet, wenn auch oft nur knapp dargestellt. Es ist kein Lesebuch, eher eine Fundgrube, mit vielen Tabellen und Grafiken. Der Autor selbst nennt es im Untertitel: „Ein Beschaffungsleitfaden für ein erfolgreiches Global Sourcing in Indien.“ Ein Statistikbuch mit vielen nützlichen Hinweisen und Tips.

Ein Mangel dieses Buches ist das Fehlen eines Stichwortregisters. Dies hätte den Nutzwert gerade dieses Kompendiums beträchtlich erhöht. Eigentlich unverständlich, daß im Zeitalter perfektionierter Datenverarbeitung diese handwerklich-technische Unzulänglichkeit konstatiert werden muß, die leider ausgesprochen leserunfreundlich ist.

„Beschaffen und investieren in Indien“, von Alexander Hofmann, Nürnberg 2005, 215 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 3-0001594-1-X

Globale Einordnung und gewagte Prognose

Es wird eine Verschiebung des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Epizentrums von Europa und Amerika nach Asien geben. Die unilateralen Zeiten für die USA sind vorbei. China wird in Kürze eine ebenbürtige Weltmacht sein. Ob Washington dies akzeptiert, ist die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts. Bleiben die USA lernunfähig, ist der Weltfrieden in Gefahr. Diese Thesen vertritt Karl Pilny in seinem Buch „Das asiatische Jahrhundert“. Das Eurasische Magazin hat nachgefragt.

Siehe dazu das Interview in EM 07-05 „Weltmacht des Asiatischen Jahrhunderts“ und die Buchrezension in EM 09-05 „Das Asiatische Jahrhundert“.

Eurasien Rezension Wirtschaft

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