„Israel führte im Libanon einen Stellvertreterkrieg für die USA“NAHER OSTEN

„Israel führte im Libanon einen Stellvertreterkrieg für die USA“

„Israel führte im Libanon einen Stellvertreterkrieg für die USA“

Prof. Dr. Helga Baumgarten ist Spezialistin für arabische Widerstandsbewegungen. Soeben ist von ihr das erste und bislang einzige Buch in Deutschland erschienen, das der palästinensischen Hamasbewegung gewidmet ist. Helga Baumgarten lehrt an der Universität Birzet bei Jerusalem und erlebt die Politik von Hisbollah, Hamas und israelischer Besatzungsmacht hautnah mit. Im Interview mit dem Eurasischen Magazin analysiert sie die Situation im Nahen Osten und nennt Gründe für das nicht enden wollende Blutvergießen.

Von Hans Wagner

Prof. Dr. Helga Baumgarten  
Prof. Dr. Helga Baumgarten  
  Zur Person: Helga Baumgarten
  Helga Baumgarten wurde in Stuttgart geboren, ging in Harthausen (Kreis Esslingen) zur Schule und machte in Nürtingen Abitur. In Tübingen studierte sie Geschichte, Englisch und Latein. Es folgten Studienaufenthalte in New York und London.

Nach Aufbaustudien in Geschichte und Arabisch promovierte Helga Baumgarten 1985 an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil. mit der Dissertation „Entstehung und Entwicklung der Palästinensischen Nationalbewegung 1948-1967/68. Untersuchungen zu Ideologie und Politik der Bewegung der Arabischen Nationalisten (BdAN)und der Nationalbewegung zur Befreiung Palästinas (Fateh).“

Unsere Interviewpartnerin besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und absolvierte Praktika beim WDR in Köln und bei der Frankfurter Rundschau. Sie war u. a. Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Politik des Modernen Vorderen Orients
der Freien Universität Berlin.

1991 erschien in der Edition Suhrkamp in Frankfurt ihr Buch „Palästina: Befreiung in den Staat. Die palästinensische Nationalbewegung seit 1948.“

In den 90er Jahren arbeitete sie u. a. als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Orient-Institut Hamburg und Beauftragte des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in der Westbank und dem Gazastreifen.

Seit Februar 1993 lehrt sie als Professorin an der Universität Birzeit bei Jerusalem.

Helga Baumgarten ist verheiratet und hat einen Sohn.

E urasisches Magazin: In Palästina ist die Hamas an die Regierung gekommen, im Libanon hat die Hisbollah Israel herausgefordert und konnte nicht besiegt werden. Bahnt sich eine neue Qualität der Auseinandersetzung im Nahen Osten an?

Helga Baumgarten: Die Hamas hat als Partei kürzlich in Palästina die Wahl gewonnen und die Regierung gebildet. Die Hisbollah ist eine Widerstandsbewegung  im Libanon. Da gibt es also Unterschiede. Die Hisbollah wurde nach der israelischen Besatzung von 1982 ins Leben gerufen mit dem Ziel, diese Besatzung zu beenden. Die Hisbollahführung erklärt, der Widerstand gegen Israel werde so lange fortgesetzt, bis die letzten Libanesen, die in israelischen Gefängnissen sitzen, freigelassen werden und bis auch die letzten libanesischen Gebiete, also die Scheeba-Farmen, an den Libanon zurückgegeben sind. Ungeachtet der Unterschiede zwischen der Hamas und der Hishollah ist aber eine neue Qualität im Konflikt zwischen Israel und den arabischen Anrainerstaaten einerseits und der Auseinandersetzung mit den Palästinensern auf der anderen Seite nicht zu übersehen.

EM: Worin besteht diese neue Qualität?

Baumgarten: In dem bis vor wenigen Tagen andauernden Krieg war zum ersten Mal zu sehen, dass die israelische Armee nicht mehr die uneingeschränkte militärische Überlegenheit besitzt. Eine Guerillabewegung konnte mehr als einen Monat einen effektiven Widerstand aufrecht erhalten.

EM: Kann man die israelische Armee und die Hisbollah wirklich vergleichen?

Baumgarten: Sicher nicht. Die Hisbollah wendet Methoden des Guerillakrieges an, die sehr stark an den Kampf der Vietkong im Vietnamkrieg der siebziger Jahre gegen die USA erinnern. Und damit ist die Hisbollah außerordentlich effizient. Schon 2000 war es der Widerstand der Hisbollah, der zum Abzug der israelischen Armee aus dem Libanon – mit Ausnahme der Schebaa-Farmen - führte. Und im jüngsten Libanonkrieg hat die libanesische Widerstandsbewegung den Israelis empfindliche Schläge versetzt, ihnen einen militärischen Sieg unmöglich gemacht und sogar einen Waffenstillstand abgetrotzt.

EM: Und welche neue Qualität verkörpert die Hamas in Palästina?

Baumgarten: Die neue Hamasregierung artikuliert die palästinensischen Forderungen klarer, als dies in den vergangenen Jahren durch die Fatah-Führung geschehen ist. Zum Beispiel gibt es keine Erklärung der Hamas, in der nicht die Beendigung der israelischen Besatzung und die gleichberechtigte Anerkennung der palästinensischen Rechte gefordert würde.

„Der israelische Angriff auf den Libanon war offensichtlich von langer Hand vorbereitet.“

EM: Israel hat wegen zweier entführter Soldaten den halben Libanon in Schutt und Asche gelegt, tausende Menschenleben geopfert. Hat Russlands Präsident Putin recht, wenn er angesichts dieses Ausmaßes vermutet, dass Israel größere strategische Interessen im Visier hat?

Baumgarten: Der israelische Angriff auf den Libanon war offensichtlich von langer Hand vorbereitet. Er ist zweifellos Teil der US-amerikanischen neokonservativen Strategie gegen die so genannte Achse des Bösen - also Iran, Syrien und die Hisbollah - und für eine Neuordnung des Nahen Ostens nach amerikanischen Vorstellungen. Israel spielt in dieser Strategie eine klar definierte Rolle. Allerdings war Tel Aviv bisher nicht sehr erfolgreich. Und in den USA kippt jetzt die Stimmung. 49 Prozent der Bevölkerung lehnen den jüngsten Libanonkrieg ab, 48 Prozent heißen ihn gut. Es ist deshalb zu hoffen, dass jene Mitglieder in der US-Regierung, die noch rational an die Probleme der Politik und besonders die des Nahen Ostens herangehen, sich endlich durchsetzen werden..

EM: Was meinen Sie mit der klaren Rolle, die Israel von den Vereinigten Staaten zugewiesen bekommen hat?

Baumgarten: Israel sollte den jüngsten Libanonkrieg als einen Stellvertreterkrieg führen und möglichst siegreich beenden. Washington wollte  mit dem Schlag gegen die Hisbollah ein Signal an Syrien und vor allem an den Iran aussenden, was passieren würde, wenn es tatsächlich zu einem Angriff auf eines dieser Länder käme. Allerdings war das eine schlimme amerikanische Fehlkalkulation, denn die Hisbollah ist nicht die Marionette in der Hand des Irans und Syriens, als die sie von Washington angesehen wird. Die Hisbollah ist vielmehr einer der wichtigsten Akteure in der libanesischen Politik, der keineswegs ein Handlanger Syriens oder des Iran ist. Die Hisbollah lässt sich von Teheran und Damaskus mit Waffen versorgen, aber sie verfolgt ihre ureigenste Politik und die gilt der Befreiung ihres Landes von der israelischen Besatzung sowie einer Verbesserung der Stellung der Schiiten im Libanon.

„Es ist eine Schande, dass Europa nicht sofort einen Waffenstillstand gefordert hat.“

EM: Schätzen auch die Europäer die Hisbollah falsch ein?

Baumgarten: Wer sich von Seiten der EU und Deutschlands in diesem Krieg eine klare Position erhofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Der Krieg Israels gegen den Libanon glich eher einem Angriffskrieg als einem Verteidigungskrieg. Laut Amnesty International hat sich Israel eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht, indem es bewusst die Zivilbevölkerung angegriffen und die Infrastruktur bis hin zur Wasserversorgung zerstört hat. Von den über 1.100 Toten und mehr als 4.000 Verletzten auf libanesischer Seite waren ein Drittel Kinder. Es ist eine Schande, dass Europa hier nicht ein klares Nein ausgesprochen und in den ersten Tagen des Krieges einen Waffenstillstand gefordert hat, der vielen tausend Menschen das Leben und die Gesundheit hätte retten können.

EM: Bundeskanzlerin Merkel und die EU haben vor allem das Selbstverteidigungsrecht Israels betont. War dies in Gefahr?

Baumgarten: Ich denke nicht. In den seit Jahren stattfindenden Grenzstreitigkeiten zwischen der Hisbollah und Israel wurden zwei israelische Soldaten gefangen genommen. Der Begriff entführt ist hier meiner Ansicht nach fehl am Platze. Der Angriff der Hisbollah brachte keine neue Qualität in diese Auseinandersetzungen. So hat auch Israel beispielsweise über die Jahre immer wieder libanesische Zivilisten gefangen genommen. Vor allem aber gab es ein Angebot zum Gefangenenaustausch von Seiten der Hisbollah. Man hätte also sofort verhandeln können. Jetzt soll dies anscheinend endlich geschehen – nachdem so viele unschuldige Menschen umgebracht wurden und eine Million Libanesen aus dem Süden  fliehen mussten, während auf der israelischen Seite ebenfalls knapp eine Million Menschen aus dem Norden ihres Landes flüchteten. Es ist eine Schande, für Europa und für Deutschland, dass man nicht gleich zu Beginn des Krieges mit allem Nachdruck einen Waffenstillstand eingefordert hat.

„Israel muss das Westjordanland, die Golanhöhen und den Gazastreifen räumen.“

EM: Der Brandherd Naher Osten ist kein neuer, sondern er schwelt und lodert seit Jahrzehnten. Was ist der tiefere Grund, warum diese Region nie zur Ruhe kommt und warum dort so viel Blut vergossen wird?

Baumgarten: Der tiefere Grund ist offenkundig. Es gibt – wohl mit Ausnahme von Tibet - nirgendwo in der Welt eine Region, in der eine feindliche Besatzung so lange andauert. 2007 werden es bereits 40 Jahre sein. Und dies, obwohl es klare Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen gibt, die ein Ende dieser Besatzung verlangen. Es kann dort keine Ruhe geben, solange dieser Zustand andauert. Israel muss das Westjordanland, die Golanhöhen und den Gazastreifen räumen. Im Gazastreifen wurden von Israel zwar alle Siedlungen geräumt und die Armee abgezogen, aber dieses Gebiet ist heute ein großes Gefängnis, in das man weder frei einreisen noch frei ausreisen kann. Nicht zuletzt deswegen gibt es dort keinerlei ökonomische Entwicklung mehr: ohne offene Grenzen können die Produkte des Gazastreifens nicht exportiert werden.. Das israelische Militär agiert nach wie vor mehr im Gazastreifen als außerhalb. Diese Besatzung muss beendet werden – vorher kann es keinen Frieden geben. Man hat völlig richtig den Angriff Saddam Husseins auf Kuwait und die Besetzung des Scheichtums nicht nur verurteilt, sondern binnen Monaten auch beendet. Im Falle der israelischen Besatzung Palästinas etc. sehen die USA und auch die übrige Welt großzügig darüber hinweg, dass die Menschen unterdrückt und ihr Land von der israelischen Armee besetzt gehalten wird. 

EM: Die USA begründen dies mit den Sicherheitsinteressen Israels. Wäre denn der jüdische Staat in seinem Bestand gefährdet, wenn Israel aus den genannten Gebieten abziehen würde?

Baumgarten: Natürlich nicht. Die internationale Rechtslage ist auch völlig klar. Die Sicherheitsresolution 242 formuliert eindeutig ein wesentliches Prinzip der Charta der Vereinten Nationen: es ist nicht erlaubt, fremdes Territorium durch bewaffnete Gewalt in Besitz zu nehmen. Israel müsse sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen. Das ist eindeutig.

„In der gesamten Region herrscht ein Kontext von Gewalt.“

EM: Sind die Hamas und die Hisbollah Befreiungsorganisationen, die auch mit den Methoden des Terrors arbeiten, oder Terrororganisationen, die nur vorgeben, Palästina bzw. den Libanon befreien zu wollen?

Baumgarten: Sowohl die Hamas als auch die Hisbollah haben sich einerseits in politischen Parteien entwickelt, andererseits verübten sie zu bestimmten Zeiten aber auch immer wieder Akte des Terrors. Sie begründeten dies aus ihrer Logik heraus damit, dass sie durch den israelischen Staatsterror gegen palästinensische und gegen libanesische Zivilisten zu solchen Schritten gezwungen würden. Das ist natürlich nach geltendem internationalen Recht keine Entschuldigung. Aber  wir sollten nicht übersehen, dass in der gesamten Region ein Kontext der Gewalt herrscht, an dem sowohl Israel als auch die jeweiligen arabischen Konfliktpartner beteiligt sind. Und diese Gewalt wird von israelischer Seite stets sehr viel massiver, sehr viel verlustreicher für den Gegner und immer wieder auch sehr viel brutaler geführt. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dann hätte ihn spätestens der jüngste Libanonkrieg geliefert.

EM: Aber man darf doch nicht übersehen, dass beispielsweise die Hamas mit ihren Selbstmordattentaten, die sie in israelische Städte hinein trägt, ebenfalls Schläge gegen die unschuldige Zivilbevölkerung führt.

Baumgarten: Das ist richtig, und es ist genauso massiv zu verurteilen, wie die israelischen Angriffe auf Zivilisten, und konstitutiert ebenso ein Kriegsverbrechen. Gleichzeitig sollte dabei aber die Historie dieser Attentate nicht  übersehen werden. Die Hamas verübte das erste Selbstmordattentat  in Reaktion auf das Massaker eines israelischen Siedlers vom Februar 1994 mitten in der Ibrahims-Moschee in Hebron. Der Siedler hatte damals 29 Menschen, die beim Gebet waren, mit seinen Maschinengewehren niedergemäht. Danach erst begannen die Selbstmordattentate der Hamas. Was wir übrigens Selbstmordattentate nennen,  bezeichnen Palästinenser und Araber als Märtyrerattentate, bei denen man sich im Angriff gegen den Feind selbst opfert. Seit zwei Jahren hat die Hamas keine solchen Terrorakte mehr gegen unschuldige, nicht involvierte Zivilisten durchgeführt.

„Wenn die Palästinenser ihren Widerstand gegen die Besatzungsmacht aufgäben, wäre das ihr Ende als eigenständige Nation.“

EM: Was wäre die Alternative für die Palästinenser und speziell für die Hamas, wenn sie ihren Widerstand gegen die Besatzungsmacht Israel aufgäben? – Könnten Sie dann in Frieden mit dem jüdischen Staat leben?

Baumgarten: Das wäre wohl ihr Ende als eigenständige Nation oder Gesellschaft. Dieser Tage stand in der israelischen Presse zu lesen – und das nicht zum ersten Mal: wenn  die Palästinenser nicht gegen die Besatzung kämpfen würden, dann würde man ihnen auf Dauer nicht einmal mehr das Recht zugestehen, in diesem Land zu leben. So schrieb ein kritischer Journalist in der Zeitung Haaretz. Und er ist nicht der einige, der das so sieht. Ohne Widerstand würde Israel seine Unterdrückungspraxis noch brutaler und extensiver durchführen und die ganze Welt würde dazu schweigen. Durch den Widerstand der Menschen gegen die Besatzung sieht die internationale Öffentlichkeit wenigstens ab und zu mal hin. Andererseits hat die Hamas jetzt Gottseidank über einen längeren Zeitraum Terroraktionen vermieden. Es gibt Angebote von Seiten der Palästinenser, diesen Konflikt politisch zu lösen. Man kann nur hoffen und wünschen, dass sich endlich auch in Israel eine Regierung konstituiert, die diese Angebote prüft und die einsieht, dass dieser Konflikt nicht militärisch, sondern nur politisch zu lösen ist. Und er ist sicher nicht zu lösen ist, indem Israel den Palästinensern von Zeit zu Zeit ein paar „Brocken“ hinwirft auf der Basis einer Einstellung Vogel friss oder stirb ,und wenn sie diese verweigern, ihnen sofort unterstellt wird, sie wollten keinen Frieden.

EM: Auf welche Weise wäre der Konflikt denn zu lösen?

Baumgarten: Die Palästinenser wollen genau das, was die Ägypter und die Jordanier bekommen haben, als sie mit Israel Frieden geschlossen haben, nämlich die Rückgabe aller besetzten Gebiete. Eben dies fordern die Palästinenser, nicht mehr und nicht weniger. Wenn also Israel die besetzten palästinensischen Gebiete räumt, wird es auch sehr schnell Frieden geben.

EM: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, weshalb Israel die besetzten Gebiete Palästinas und Syriens sowie die Schebaa-Farmen des Libanon nicht freigibt?

Baumgarten: Weil israelische Politiker offensichtlich den Besitz der syrischen Golanhöhen für wichtiger erachten als den Frieden. Sie halten an der absoluten Kontrolle über den Gazastreifen und an den illegal in ihren Besitz gebrachten palästinensischen Gebieten des  Westjordanlandes fest, dort nicht zuletzt wegen der israelischen Siedlungen - absolut völkerrechtswidrig übrigens -, also aus ideologisch-religiösen Gründen, und wegen der Kontrolle über die dortigen Wasserreserven, also aus strategischen Gründen.

„In Wirklichkeit ist der Prozess, der mit der Roadmap in Gang gesetzt werden sollte, nie in Gang gekommen.“

EM: Nun gibt es ja mit der so genannten Roadmap seit langem einen Friedensfahrplan. Ist der damit angestrebte Friedensprozess eigentlich jemals in Gang gekommen?

Baumgarten: Zumindest seit dem Jahr 2000 gibt es ganz bestimmt keinen Friedensprozess mehr. Die Roadmap war ein Versuch, der eher einer Totgeburt glich. Israel – damals noch unter Scharon – hat die Roadmap zwar angenommen, aber  unter etwa einem Dutzend Vorbehalten. Allein damit war die Roadmap eigentlich schon tot. Die Palästinenser unter Arafat haben sie ebenfalls angenommen, haben jedoch Zusatzfragen zur Klärung einiger Punkte gestellt. Das zweite Problem ist, das die Roadmap den gesamten Konflikt geradezu auf die Frage der Sicherheit für Israel reduziert, während die Frage der Besatzung in den Hintergrund geschoben wird. In Wirklichkeit ist der Prozess, der mit der Roadmap in Gang gesetzt werden sollte, nie in Gang gekommen. Nach der Roadmap sollte ja bereits seit 2005 ein palästinensischer Staat existieren. Davon sind wir heute weiter entfernt als je zuvor.

EM: Wäre denn ein Staat Palästina, der mit dem Westjordanland und dem Gazastreifen aus zwei unverbundenen Territorien besteht, überhaupt überlebensfähig?

Baumgarten: Es gibt eine ganze Reihe von Studien woraus hervorgeht, dass dies sehr wohl möglich ist. Natürlich muss es eine Verbindung zwischen den beiden Teilen geben, eine Straße zum Beispiel oder eine Bahntrasse. Israel hat beginnend mit den Osloer Verträgen bis heute immer wieder einer solchen Verbindung zugestimmt. Allerdings wurde nie etwas davon umgesetzt.

„Mit der Hamas wäre ein Dialog möglich.“

EM: Der Westen will die palästinensische Hamas-Regierung so lange boykottieren, bis diese der Gewaltanwendung abschwört, den Staat Israel anerkennt und alle Vereinbarungen und Verträge zwischen Israelis und Palästinensern befolgt. Ist es vorstellbar, dass die Hamas diesen Forderungen nachkommt?

Baumgarten: Wenn Diplomaten und Politiker im Westen unmittelbar nach den palästinensischen Wahlen die Verlautbarungen der Hamas und ihrer Führer genau gelesen hätten, dann hätten sie gesehen, dass alle diese Forderungen von den Palästinensern anerkannt wurden. Allerdings in ihrer eigenen Sprache. Nicht jedoch in den Formulierungen des Westens und in der Art und Weise, wie sie den Palästinensern geradezu hingeknallt wurden. Die Palästinenser erblickten darin ein erneutes westliches Diktat. Die Antwort der Hamas war, wir lassen uns nicht knebeln - ob zu recht oder zu unrecht, das wäre noch zu prüfen. Die Hamas hat direkt nach den Wahlen unmissverständlich erklärt, den Waffenstillstand fortzusetzen, also keine Gewalt anzuwenden, sie wollte, dass die PLO unter der Führung des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas die Verhandlungen  mit Israel wieder aufnehmen sollte  - unter der Voraussetzung, dass Israel dazu bereit wäre -  und schließlich, falls Israel einen palästinensischen Staat und die gewählte palästinensische Regierung anerkenne, auch Israel anzuerkennen. Außerdem hat sich die Hamas zur Einhaltung aller abgeschlossenen Verträge bereit erklärt, soweit sie mit den palästinensischen Interessen vereinbar seien. Aber die Hamas war dem Westen und Israel von Anfang an ein Dorn im Auge, man wollte sie gleich wieder stürzen. Deshalb ist es zu einem – durchaus möglichen -  Dialog gar nicht gekommen.

„Auch im Gazastreifen wurden große Teile der lebensnotwendigen Infrastruktur durch Luftangriffe zerstört.“

EM: Vier Minister der Hamas-Regierung und 29 Abgeordnete der Hamas-Parlamentsfraktion befinden sich seit Mitte August in israelischem Gewahrsam. Können Sie erklären, welche Rechtsgrundlage zu diesen Festnahmen führen und ob die palästinensischen Parlamentarier in israelischen Gefängnissen einsitzen?

Baumgarten: Diese von Israel verhafteten, oder vielleicht sollte man präziser formulieren: entführten  Abgeordneten und Regierungsmitglieder sind aus einer Wahl hervorgegangen, die von der EU finanziert und überwacht worden war. Die Durchführung der Wahl  wurde von allen internationalen Beobachtern über den grünen Klee gelobt. Aber die Wahlsieger und ihre Regierung sind Israel nicht genehm. Für die Festnahmen gibt es keinerlei Rechtsgrundlage. Der gewählte Parlamentspräsident Asis Dweik wurde in Ramallah aus seinem Haus entführt und in Fußfesseln vor ein Militärgericht gestellt unter der Beschuldigung, er sei Mitglied einer verbotenen Organisation. Inzwischen haben die Israelis auch den stellvertretenden Ministerpräsidenten der Hamas-Regierung, Nasser al-Schaerr in Ramallah gefangen genommen und in ein israelisches Militärgefängnis gesteckt. Das ist absolut skandalös und würde nirgendwo auf der Welt akzeptiert. Israel hatte nichts dagegen, dass diese Leute am Wahlkampf teilnahmen und sich der Wahl stellten. Sie jetzt, wo sie die Wahl gewonnen haben, reihenweise einzusperren, entbehrt jeder Rechtsgrundlage und dient sicher nicht dem Frieden. Das Vorgehen der israelischen Armee gegen den Gazastreifen seit Mitte Juni ist derart brutal, dass es dem Libanonkrieg in nichts nachsteht. Allerdings durften z. B. israelische Journalisten bis vor wenigen Tagen dieses Gebiet nicht betreten - über einen Zeitraum von fast zwei Monaten -, und die Welt erfuhr, auch auf dem Hintergrund des alles dominierenden Libanonkriegs, von dem, was in Gaza passierte, so gut wie nichts. Aber auch im Gazastreifen ist es vor allem die Zivilbevölkerung, die das Opfer der israelischen Angriffe bildet, auch im Gazastreifen wurden große Teile der lebensnotwendigen Infrastruktur durch Luftangriffe zerstört: Elektrizitätswerke, Strassen, Brücken, Krankenhäuser etc.

EM: Die Hamas-Regierung kann wegen internationaler Sanktionen  ihre Regierungsmitarbeiter nicht mehr ordentlich entlohnen. Das trifft vor allem deren Familien. Wie wirkt sich das aus?

Baumgarten: Die meisten Regierungsangestellten sind Mitglieder der Fatah, die früher die Regierung stellte. Man glaubte wohl, dass sich durch den Entzug der Gelder die Wut dieser Leute gegen die Hamas richten werde. Diese Rechnung ist aber nicht aufgegangen und inzwischen hat man trotz ungeheurem Druck der USA auf die Banken – denen jede Überweisung oder Auszahlung von Geldern der Hamas-Regierung untersagt wurde - das Problem wohl leidlich in den Griff bekommen: die Arabische Liga, so Meldungen in der israelischen Presse, hat Gelder an den palästinensischen Präsidenten überwiesen, damit die Gehälter endlich bezahlt werden können. Außerdem soll demnächst ein umfangreiches Notfallprogramm der EU beginnen, um einen Zusammenbruch in Palästina zu verhindern.

„Der Lehrbetrieb an der Universität Birzeit ist durch Behinderungen von Seiten der Besatzungsmacht eingeschränkt.“

„Hamas. Aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung“ von Helga Baumgarten  
„Hamas. Aus dem palästinensischen Widerstand in die Regierung“ von Helga Baumgarten  

EM: Sie haben gerade ein Buch über die Hamas geschrieben. Es erscheint in diesen Tagen im Buchhandel. Worum geht es darin?

Baumgarten: Ich versuche, mit diesem Buch eine Wissenslücke zu schließen. Bislang gibt es in Deutschland kein einziges Buch zum Thema Hamas, obwohl es die Organisation nun schon bald 20 Jahre gibt und sie inzwischen die Regierung in Palästina stellt. Zunächst versuche ich aufzuzeigen, in welchem Kontext die Hamas entstanden ist, ihre historisch-ideologische Basis offenzulegen, beginnend mit den Muslimbrüdern. Warum ist die Hamas gerade 1987 gegründet worden, zu Beginn der Intifada? Und wie hat sich diese Widerstandsorganisation entwickelt, bis hin zur terroristischen Gewaltanwendung? Wie und warum entwickelte sich die Hamas in eine politische Partei und weshalb haben die Palästinenser sie gewählt.? – Um diese Fragen geht es in meinem Buch. Ich hoffe, dass es für einige Überraschungen gut ist. 

EM: Sie lehren Politikwissenschaft an der Universität Birzeit in Palästina, also in täglicher Tuchfühlung mit ihrem Thema. Welche Bedeutung hat Birzeit und was hat Sie dorthin gezogen?

Baumgarten: Birzeit ist die älteste, wichtigste und beste palästinensische Universität. Birzeit ist eine Kleinstadt, eher ein Dorf, sieben Kilometer nördlich von Ramallah und etwa 22 Kilometer nördlich von Jerusalem. Birzeit ist ursprünglich ein christlicher Ort. Eine christliche Familie hatte hier Anfang des 20. Jahrhunderts eine Schule gegründet. Die wurde nach und nach ausgebaut zum College, dann zur Universität. Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es Magisterprogramme. In der weltweiten Wertung der Universitäten steht Birzeit etwa auf Platz 1.700, innerhalb der arabischen Welt auf Platz drei, nach den amerikanischen Universitäten von Beirut und Kairo. Ich unterrichte hier seit 1993 Politikwissenschaft. Von 2001 bis 2004 habe ich in Tübingen, wo ich einst auch mein Staatsexamen gemacht habe, ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt zum Thema Demokratische Transformation in der Arabischen Region. 2004 bin ich nach Birzeit zurückgekehrt.

EM: Wie sehen Ihre Arbeit und das Leben hier für Sie aus?

Baumgarten: Ich leite hier in Birzeit das Magisterprogramm Democracy and Human Rights. Meine Wohnung habe ich in Jerusalem. Ich fahre also täglich zur Universität. Es gibt strenge israelische Militärkontrollen, die mich als Ausländerin aber weniger betreffen als meine palästinensischen Kollegen. Lange Zeit musste man einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen, weil die Strasse von Ramallah nach Birzeit zerstört worden war und es eine permanente Armeesperre gab.  Ich kann einen VIP-Übergang für ausländische Diplomaten benutzen. Deshalb gelingt es mir meistens zur Uni zu gelangen, wohingegen es palästinensische Kollegen öfter gar nicht schaffen, wenn wieder mal alle Verbindungen gesperrt werden. Auch vor der Universität fährt die israelische Besatzungsarmee immer wieder, rein provokativ, mit ihren Jeeps auf. Das provoziert die Studenten, die dann automatisch anfangen,  mit Steinen zu werfen. Die Soldaten schießen zurück. Früher mit Tränengas – heute meistens mit scharfer Munition. Der Lehrbetrieb ist durch diese Behinderungen von Seiten der Besatzungsmacht natürlich eingeschränkt. Am meisten betroffen sind unsere Studenten aus dem Gazastreifen. Die dürfen inzwischen überhaupt nicht mehr nach Birzeit kommen. Das politische und akademische Klima in Birzeit ist sehr liberal. Wir diskutieren über alles, was die Welt bewegt. Ich habe als jemand, der als evangelische Christin aufgewachsen ist, hier keinerlei Probleme. Ein beträchtlicher Teil des Lehrkörpers und der Studenten sind ebenfalls Christen. Aber die Mehrheit ist natürlich muslimisch. Beim Ramadan fastet wer fasten will. Die Cafeteria ist aber geöffnet, für all die, die eben nicht fasten. Die Toleranz ist beachtlich – man braucht hier nicht vor Gericht zu ziehen, um ein Kopftuch aufsetzen zu dürfen, aber man wird auch nicht gezwungen, ein solches zu tragen.

EM: Frau Prof. Baumgarten, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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