Jasnaja Poljana und der Gott der russischen LiteraturRUSSLAND

Jasnaja Poljana und der Gott der russischen Literatur

Jasnaja Poljana und der Gott der russischen Literatur

Eigentlich sollte man im Winter nach Jasnaja Poljana fahren, denn die russische Seele hat immer etwas mit dieser Jahreszeit gemein. In den kalten Monaten sieht alles so sauber aus, es glänzt, als ob die Erde rein sei. Aber diesmal hatte die Reise bereits im Sommer stattgefunden, lange vor dem 100. Todestag von Lew Nikolajewitsch Tolstoi, dessen Wirkungsstätte Jasnaja Poljana gewesen ist. Einfach weil der Zug wartete und die Uhrzeit stimmte.

Von Jan Balster

E in Sonderzug nach Jasnaja Poljana steht auf dem Kursker Bahnhof in Moskau bereit. Während wir auf die Abfahrt warten, wälzt sich eine schwüle Hitze über Gleise und Reisende. Die Leute schwitzen, ohne sich zu bewegen. Ich steige ein. Langsam füllen sich die Waggons. Brovodniks (Zugbegleiter) schreiten die Wagenlängen ab. Die Abfahrt steht kurz bevor. Doch dieses bewegende Gefühl, bald das Reich des „Gottes der russischen Literatur“ zu betreten, will sich nicht oder noch nicht einstellen.

Jetzt werden erst einmal Taschen und allerlei Handelsgut verstaut. So ein Innenraum der Elektritschnaja, wie die Vorortszüge genannt werden, bietet viel Stauraum. Kinder toben durch die Gänge, und die Raucher nehmen eine letzte Zigarette an frischer Luft. Nichts unterscheidet dieses Treiben von dem auf anderen Bahnhöfen der russischen Metropolen.

Ich bin der Unterschied

Eine ältere Dame nimmt mir gegenüber ihren Platz ein. Sie lächelt, beäugt mich. Sicher, sie erkennt, was ich in diesem Provinzzug suche. Ich bin der Unterschied. „Sie wollen zu Lew Nikolajewitsch?“ fragt sie. Mein zaghaftes „ja“ überrascht sie nicht. „Gut“, meint sie, sinkt in ihren Sitz und schlägt die Beine übereinander.

Wir rollen an. Der Sonderzug verlässt den Großraum Moskau, die Toilettenzeichen über den Türen blinken auf, und die Brovodniks starten ihren Rundgang zur Kontrolle der Billets. Die  Videorekorder in den Großraumabteilen werden angeschaltet. Zweihundert Kilometer südlich der Hauptstadt liegt das Tolstoische Familiengut. Gut drei Stunden Zugfahrt sind es bis dahin. Genügend Zeit für den amerikanischen Actionfilm „Stirb langsam 1.“

„Wollen Sie wieder einmal nachdenken?“

„Ich wohne in Jasnaja Poljana“, beginnt die Dame eine Plauderei: „Jeden Montag pendle ich zur Arbeit nach Moskau und samstags fahre ich zurück nach Hause. Und was zieht Sie dahin?“, will sie wissen. Eine Pause entsteht, weil der Brovodniza die Fahrscheine kontrolliert. Dann fragt sie sofort weiter: „Wollen Sie wieder einmal nachdenken?“

„Ich schaue mir gern an, wie Tolstoi lebte“, antworte ich: „Ich möchte mir selbst ein Bild machen, Neues werde ich kaum erfahren, dennoch vielleicht einiges besser begreifen, was den großen Meisterdichter ausmacht. - Und was denken Sie, als jemand der in Jasnaja Poljana lebt, über den Menschen Tolstoi? Was glauben die Leute bei Ihnen, wie er war?“

Literaten waren die Kompassnadel der Gesellschaft

Sie lacht. „Wissen Sie junger Mann, früher waren die russischen Literaten nicht nur ein Teil der Unterhaltung. Sie waren die Kompassnadel der Gesellschaft. Ich möchte behaupten, sie waren ihr Verstand, ihr Gefühl und ihre Ehre zugleich. Sie waren Brückenbauer jener Zeit. Alle hatten sie zu respektieren, so dass selbst die orthodoxe Kirche sie als scharfe Konkurrenz betrachtetete, zuweilen fürchtete. Dann gab es die Monarchen, welche ihre Freundschaft ergründeten. Und nicht zuletzt suchten die Menschen bei ihnen Trost, Erfüllung oder gar die Weisheit. Bei ihnen fanden sie Antworten auf die brennendsten Fragen.“

Die Dame blickt aus dem Fenster, vereinzelt huschen ein paar Birken vorbei. Sie liebt den Blick ins freie Land, wie es scheint.

Mir gehen derweil sogenannte ewige Fragen durch den Kopf: Wozu leben wir? Gibt es denn einen Sinn? Warum jagen wir dem Glück ewig hinterher? Und warum erlangen wir es nie? Warum gibt es böse Menschen, die uns immer sagen, sie meinten es nur gut mit uns? Warum gibt es gute Menschen, denen wir dann doch nicht vertrauen, weil sie uns zu perfekt erscheinen? Und nicht zuletzt: warum müssen wir sterben und was kommt danach?

Wir unterhalten uns darüber. Mein Gegenüber meint: „Nun, die meisten russischen Schriftsteller wussten die Antworten auf jene Fragen des Weltschmerzes. Zumindest taten sie so. Die traurigen Menschen fanden bei ihnen Trost, die Reichen Bestätigung, die Krieger fanden ihr Schlachtfeld, die Romantiker ihre Liebe und die Denker ihre philosophischen Grundlagen. Ja, die Literaten jener Zeit waren berühmter als heute ein Popstar es nur sein könnte. Denn jeder, welcher lesen konnte, liebte oder hasste -  und zumindest kannte man sie.“

„Ich bewundere ihn, aber ich gewann ihn nicht lieb“

Seit gut zwei Stunden rollt der Zug durch das flache Tulaer Land. Haltepunkte ziehen vorbei, verfallen, unbenutzt dessen Bahnhofsgebäude. Lange haben dort keine Züge mehr gehalten. Der dörfliche Charakter breitet sich aus. Zufriedener, beinah glücklicher sollen die Menschen dort sein, meint die Dame. Kannte Lew Tolstoi, der Graf aus edlem Stande, die Russen wirklich so gut oder beneidete er sie? „Maxim Gorki bezeichnete ihn als wahren Menschen aus dem Volk“, sage ich. „Richtig“, bemerkt sie. „Allerdings relativierte er diese Aussage später. Er kannte Tolstoi persönlich. Er besuchte ihn, sprach mit ihm. Er diskutierte nicht.

Gorki schrieb 1908 an Wengerow: „Graf Lew Tolstoi ist ein genialer Künstler… ich bewundere ihn, aber ich gewann ihn nicht lieb. Er ist ein unaufrichtiger Mensch, maßlos in sich selbst verliebt… seine Demuth ist Heuchelei, und geradezu abstoßend ist sein Wunsch, für seine Überzeugungen zu leiden.“

Sie erstaunt mich, die Dame, mit ihrem Sinn für Literatur. „Sie kennen sich aus“, gestehe ich. „Früher war ich Lehrerin in Tula, bis 1994. Dann habe ich den Beruf aufgegeben. Der Verdienst war einfach zu gering.“ Heute verdient sie ihren Lebensunterhalt als Näherin in einer Moskauer Fabrik. Doch die Literatur, sie ist ihr geblieben.

Die Sauberkeit des Rasens erinnert an jene deutscher Vorgärten

Verpassen kann der Reisende den Haltepunkt Jasnaja Poljana kaum. Frisch aufpoliert, gepflasterte Bahnsteige, bestückt mit hübsch geschwungenen Sitzbänken im Stil des 19. Jahrhunderts. Kein Vergleich zum typischen Bahnhofsbild Russlands. Selbst die Sauberkeit des Rasens erinnert an jene deutscher Vorgärten. Nachdem die meisten Passagiere den Sonderzug bereits in Tula verlassen haben, steigen hier gerade zwölf Leute aus. Zielstrebig verlässt die Dame das Areal und verschwindet in einer der schlaglochgeschädigten Straßen, die gleich dahinter beginnen.
 
Jasnaja Poljana soll nicht nur ein Landsitz mit einem reichhaltig mit Antiquitäten bestückten Tolstoi-Museum sein. Es muss das berühmteste Dorf Russlands werden, jener Ort, an welchem Lew Tolstois Ideen, ob humanistisch, philosophisch oder pädagogisch umgesetzt und weiterentwickelt werden. Jasnaja Poljana soll ein lebendiges, geistiges Zentrum sein, in welchem viele Menschen aller Schichten einkehren und viele Anregungen mit nach Hause nehmen, so verspricht es die Internetseite des Museums.

Ganze Familienclans treibt es zum Gutshof

Der Zubringerbus lässt auf sich warten. 30 Minuten zu Fuß zieht sich die Straße durch das Dorf. Die Hauptstraße überquere ich dort, wo der Überlandbus nach Tula hält. Es ist Samstag und wie an jedem Samstag im Jahr treibt es ganze Familienclans zu einem Gutshof. Der neue Russe kommt nicht mit der Bahn oder gar dem Bus, er reist im eigenen Wagen.

„Das ist ein guter Tag zum Heiraten“, vernehme ich aus der Menschentraube, die ebenfalls das Anwesen zum Ziel hat. Musik dröhnt über den Vorplatz, modern und poppig. Ein frisch vermähltes Paar schreitet durch den Eingangsbereich, links und rechts ein kleines Türmchen und gleich dahinter die Birkenallee. So schnell wie das Paar und dessen Verwandtschaft bin ich nicht, denn ohne Eintrittskarte kommt hier niemand rein. Und als ob dies nicht genug sei, der Preis liegt auf dem Niveau des Pariser Louvre, gestattet man mir für diesen lediglich die Besichtigung des Areals, nicht aber der Museen. Dazu benötige ich ein extra Billet, verkündet die Dame hinter dem Schalter. Ein wenig verdutzt frage ich: „Wie bitte?“ Schroff fährt sie mir über den Mund: „Sie sind doch Ausländer?“ Dies lässt sich nicht leugnen. Also erkundige ich mich nach dem Preis für Inländer. „300 Rubel“, zischt sie: „Für Nichtbürger Russlands 450 Rubel.“ Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Nun bin ich zwar schon einmal hier, stehe aber kurz davor umzukehren. Ich finde den Umgang und den Preis beinah unmöglich. Ich soll für den Besuch eine Eintrittsgebühr entrichten, für den der Durchschnittsrusse vom Land einen halben Monat arbeiten muss. Aber letztlich ist umkehren auch keine Lösung, also löhne ich, wenn auch mehr als widerwillig.

Die Moral ist abhandengekommen

Alle Menschen sollen seine Werke lesen können, war seine, Graf Tolstois Maxime. Auch die einfache Landbevölkerung sollte Lesen lernen. Dafür ließ er eine Schule bauen, in welcher er zeitweise selbst unterrichtete. Er entwickelte sogar Lehrbücher und Unterrichtsmethoden. Nur eines ließ er nie zu, dass seine eigenen Kinder mit denen der Landarbeiter gemeinsam lernten.

Und nun spaziere ich über die Birkenallee, welche ihren literarischen Platz als Prospekt im Roman „Krieg und Frieden“ fand. Ein Schlüsselroman Tolstois, das Leben als Schein, die Welt der Konvention gegenüber dem natürlichen, unverfälschten Sein. „Mit diesem gewaltigen Roman hat der Dichter seinen Platz in die Welt der Literatur gefunden“, erklärt die Museumsführerin.

„Und wie tief ist Tolstoi heute noch im Bewusstsein der Russen? Ist er lebendig geblieben?“  Die Antwort: „Tolstoi ist ein Symbol, ein Genie, der in russischer Sprache die Welt beschrieben hat. Russisch ist eine mächtige, metaphernreiche Sprache. Er nutzte sie und schuf das Bild Russlands, wie man es heute in Europa kennt. Russland im Krieg, Russland im Frieden, Russland im Hass, Russland voller Zärtlichkeit. Und mittendrin Menschen, die dieses Land zum Leben erweckten, es formten. Dieses Bild wurde in Jasnaja Poljana geschaffen. Die helle Lichtung Russlands.“

Bereitwillig hatte die Dame im Zug, die zuweilen wie eine altkluge Lehrerin wirkte, über Tolstois Leben Auskunft gegeben. Doch als das Thema auf die Beziehung zu seiner Frau Sofja kam, blockte sie: „Lassen Sie uns darüber nicht mehr sprechen.“ Mag sein, dass sie Recht hatte. Tolstoi und seine Frau sollte man als das nehmen, was sie waren: Menschen und keine Heiligen.

Er wäre als Pessimist verendet

Die Europäer entdecken beide gerade neu, in neuen Übersetzungen, so sind sie leichter für uns zu verstehen. Wir träumen mit ihnen, in ihrem Geist, tauchen ein in ihre Korrespondenz. Kein anderer Schriftsteller als Lew Tolstoi konnte so viele Worte für Melancholie ersinnen und seine Werke gleichzeitig mit so viel Optimismus verpacken wie er. Kaum ein anderer kannte und verkörperte durch seine Werke die russische Seele so sehr wie er. Und sicher Sofja Tolstaja hatte ihren Anteil daran.

Tolstoi hatte die Hoffnung eines Humanisten. Er glaubte, dass ein glückliches Miteinander im Leben der Menschen letztlich möglich ist. Doch die meisten seiner Vorstellungen sind im 21. Jahrhundert zerstört worden. Er wäre als Pessimist verendet. Vielleicht wusste er um die Habgier der Menschen und hat sich deshalb in die Phantasie geflüchtet.

Immer wieder stoße ich auf Hochzeitsgesellschaften. Sie feiern ausgelassen. Ich treffe sie am Liebesbaum, dem Lieblingsbaum Tolstois. „Was soll der Baum dem Paar bringen?“ frage ich zwei abseits stehende Herren. „Eine glückliche Ehe“, antwortet der Ältere. „Und klappt es?“ „Leider zu wenig. Die Moral ist abhandengekommen.“

Tolstois Grab – ein Pilgerort ohne Kreuz

Die Russen geben ihre Angewohnheit nicht auf, nach dem Sinn des Lebens zu suchen, geht es mir durch den Kopf.

Und dann begegne ich einem Paar auf einer kleinen Waldlichtung, zu welcher scheinbar planlos ein schmaler Fußpfad führt. Mittendrin ein kleines gehäuftes Rechteck aus Erde, überwachsen mit Gras. Der Sommerwind wiegt sanft die Bäume um die Ruhestätte. Die beiden erweisen dem Dichtergott die letzte Ehre. Es ist  ein Pilgerort ohne Kreuz. Vielleicht, weil es ihm die Kirche verweigerte?

Es gibt eine hübsche Legende, die auch einiges über den großen Literaten enthüllt: Tolstois Bruder Nikolenka, mit welchem er bis zu seinem Tode per Sie war, hatte ihm hier von einem grünen Zauberstab berichtet, auf dem ein Rezept eingeschnitzt sei, welches die Menschen glücklich machen würde. Und der Mensch, der jenen Stab finde, könnte alle Ungerechtigkeiten, die den Menschen je widerfahren ist, beseitigen. Tolstoi hat sein ganzes Leben nach diesem Zauberstab gesucht. Vergebens. Vielleicht hat er sich deshalb an diesem Ort beisetzen lassen. Wir werden es nie erfahren, wie so manches über den großen russischen Autor Lew Nikolajewitsch Tolstoi.

Zufrieden und müde sinke ich gegen Abend in den gepolsterten Sitz im Zug. Meine Gedanken kreisen um den Dichter. Die Wagen ruckeln an, pünktlich um 18.10 Uhr. Diesmal hat die Brovodniza kaum etwas zu tun. Zwei Fahrgäste, zwei Billets. Ein Druck auf den Knopf des Videorekorders und der zweite Teil des US-Streifens „Stirb langsam“ flackert auf, im russischen Zug auf der Rückreise vom Dichtergott Tolstoi. - Ist dieser Vorgang alleine nicht schon einer, oder gar der Hinweis, über das 21. Jahrhundert engagiert  nachzudenken?

*

Mehr über den „Dichtergott“ siehe EM 12-2010 „Lew Tolstoj  - Bis zum Schluss im Kampf mit sich“.

Mehr über unseren Autor Jan Balster: www.auf-weltreise.de

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