„Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? - Chronik eines unbegrenzten Krieges“ von Peter Scholl-LatourGELESEN

„Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? - Chronik eines unbegrenzten Krieges“ von Peter Scholl-Latour

Berlin, 2. Auflage 2003, 493 Seiten mit mehreren Karten und farbigen Abbildungen, Propyläen Verlag, 24,90 Euro, ISBN 3-549-07162-0

Von Eberhart Wagenknecht

Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? 
Kampf dem Terror ... 

EM - Schon der Einstieg zeigt auf imponierende Weise die profunden Kenntnisse, den politischen Scharfsinn und auch die Scharfzüngigkeit des Autors Peter Scholl-Latour. Auf der ersten Textseite schreibt er unter der Zeile Kabul-Berlin im Herbst 2002: „ ‚Mutter aller Schlachten‘, so hatte Saddam Hussein seinen Feldzug gegen Amerika und dessen Verbündete zu Beginn des Jahres 1991 prahlerisch genannt, bevor seine Armeen im Süden des Zweistromlandes zu Staub wurden. Heute läuft der Westen Gefahr, daß der ‚Krieg gegen das Böse‘, den Präsident George W. Bush zur Vernichtung des weltweiten Terrorismus in Gang brachte und dem keine zeitlichen oder geographischen Grenzen gesetzt sind, zur ‚Mutter aller Lügen‘ wird.“
Der ganze Globus wird im Spätwinter des Jahres 2003 Zeuge dieses bedrückenden Vorgangs. Der unbedingte Wille zum Krieg scheut vor keiner noch so fadenscheinigen Behauptung und Lüge zurück. Die islamische Welt ist ins Fadenkreuz hemmungsloser Interessenpolitik des US-Imperiums geraten. Die Mechanismen aufzuzeigen, die hinter den mit Sternenbannern aufdringlich drapierten Bühnen der internationalen Politik wirken, ist die großartige Leistung Scholl-Latours.

Er zeigt sie am Beispiel Afghanistans ebenso wie an dem des Irak. Er wagt sich an den Konfliktherd Naher Osten, wo Israel von den USA zur Geißel Palästinas und der gesamten islamischen Golfregion instrumentalisiert wird. Und natürlich werden die Krisenherde Indien-Pakistan und Usbekistan untersucht, in denen ebenfalls US-Interessen eine große Rolle spielen. Schließlich analysiert der Autor die wachsende Bedeutung der aufstrebenden Großmacht China, die von der einst beschworenen gelben Gefahr bald zur gelben Hoffnung für den eurasischen Kontinent werden könnte: „Wenn der kontinentale Drache Feuer zu speien droht, schreckt sogar die forsche Bush-Administration vor allzu kühnen Experimenten zurück.“

Als ein Beispiel für die analytischen Reportagen des inzwischen 79jährigen, soll hier das Kapitel über Usbekistan angeführt werden. Es trägt den Titel „Amerika in der Tataren-Steppe“. Scholl-Latour berichtet ausgehend von einer Reise in die zentralasiatische GUS-Republik im Juni 2002, welche Rolle Usbekistan in dieser Region spielt.

Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung am 31. August 1991 durch den Altkommunisten Islam Karimow seien zunächst islamistische Fundamentalisten sehr aktiv geworden. Speziell in Namangan, im Fergana-Tal. Ein ehemaliger Fallschirmjäger der Roten Armee und Afghanistankämpfer hätte zeitweise bis zu 5000 Männer um sich geschart und einen Gottesstaat Usbekistan gefordert. Präsident Karimow habe diese Bestrebungen jahrelang mit harter Hand bekämpft, bis sie schließlich bedeutungslos wurden.

Als US-Präsident Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das New Yorker World-Trade-Center und das US-Pentagon eine weltweite Antiterror-Kampagne ausgerufen habe, sei Usbekistan mit Begeisterung beigetreten. Scholl-Latour: „Ohne Zögern wurde den amerikanischen Streitkräften der ehemals sowjetische Stützpunkt Chamabad bei Karshi in Südusbekistan zur Verfügung gestellt, wo etwa dreitausend Soldaten der 10. Gebirgsdivision sich auf ihren Einsatz in Nord-Afghanistan vorbereiteten. Das Pentagon bewegte sich hier ja nicht auf unbekanntem Terrain. Schon 1999 wurden in Usbekistan – in völligem Einklang mit Karimow und mit widerstrebender Billigung Moskaus – Luftlandemanöver der NATO im Rahmen der sogenannten ‚partnership for peace‘ unter Teilnahme deutscher Soldaten durchgeführt, was seinerzeit schon bei aufmerksamen Beobachtern einige Verwunderung wachrief. Die Aufmerksamkeit Washingtons hatte sich längst auf Zentralasien gerichtet. Die offizielle Feststellung, der Anschlag von Manhattan sei in Afghanistan, in den Ausbildungslagern von El Qaida ausgeheckt worden, verschaffte den US-Streitkräften eine glaubhafte Rechtfertigung, sich in dieser Zone militärisch zu etablieren.“

In Wahrheit, so Scholl-Latour, sei das Thema der US-Präsenz in Zentralasien schon lange vor den Anschlägen zur Zeit Präsident Clintons hoch akut gewesen. Dessen Vizeaußenminister Strobe Talbott habe 1997 schon erklärt: „Die Vereinigten Staaten wären extrem besorgt, wenn Unruhen in einer Zone ausbrächen, unter deren Boden etwa 200 Milliarden Barrel Erdöl auf ihre Erschließung warten. Dieses ist ein zusätzlicher Grund für Amerika, der Lösung der dortigen Konflikte Priorität einzuräumen.“

Washington habe Usbekistan mit seiner stattlichen Einwohnerzahl von 25 Millionen Menschen als zuverlässigsten Alliierten in dieser entlegenen Weltgegend auserkoren. Scholl-Latour: „Der robuste amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat in der Person des verschlossenen, steinharten Staatschefs Usbekistans einen ihm genehmen Partner gefunden. Manche spotten bereits über eine Art Seelenverwandtschaft.“

Amerikanische Spezialeinheiten hätten inzwischen längst damit begonnen, eine moderne Armee Usbekistans von etwa 80 000 Mann aufzustellen. Die Leibgarde des usbekischen Staatschefs sei von israelischen Offizieren ausgebildet worden. Der Autor stellt fest: „Für Rumsfeld und andere Schlüsselfiguren der Bush-Administration, die ihr Vermögen im Erdölgeschäft erwarben, böte Usbekistan unter der strengen Fuchtel Karimows die ideale Plattform für eine ertragreiche Förderungs- und Vermarktungsstrategie, sobald das schwarze Gold dieser weiten Region zwischen Kaspischem Meer und Pamir-Gebirge durch amerikanische Pipelines fließt.“

Mit Blick auf das usbekische Regime des strammen Exkommunisten Islam Karimow stellt Peter Scholl-Latour mit unverkennbarem Sarkasmus fest: „Am Beispiel Usbekistans erweist es sich einmal mehr, daß die amerikanische Strategie in der arabisch-islamischen Welt darauf angewiesen ist, ausschließlich auf Despoten, Diktatoren und Militärjunten zurückzugreifen.“

Das ernüchternde Resüme Scholl-Latours lautet: „Die heiligsten Prinzipien der im Atlantikpakt vereinten Nationen – Demokratie, Meinungsfreiheit, politischer Pluralismus und Toleranz – werden dort von den zuverlässigsten und begünstigten Partnern der ‚Freien Welt‘ mit Füßen getreten. Die islamistischen Propagandisten können zu Recht darauf verweisen, daß die Hegemonie der USA sich eines Geflechts von Lügen und Heuchelei bediente, daß jeder Potentat - unter der Voraussetzung, daß er den wirtschaftlichen und strategischen Interessen der Supermacht entsprach und sich in die weltweite Front gegen den ‚Terrorismus‘ einreihte – mit Wohlwollen, Schonung, ja mit aktiver Konsolidierung seines Regimes belohnt wird.“

So, wie im Beispiel Usbekistan, fügen sich viele oft unbekannte Fakten zu einem diabolisch anmutenden Mosaik. Der Kampf gegen den Terror entpuppt sich in der Darstellung des kenntnisreichen Autors als ein Kampf um Öl und ein Kampf gegen den Islam, der in den Ölregionen herrscht.

Wohin die Weltmacht strebt, wie das Imperium vorgeht und welches das Ziel ist, macht Scholl-Latour an solchen hier wiedergegebenen Fakten und Beobachtungen in den genannten Ländern und Regionen deutlich. Die Schlüsse, die er zieht, sind dadurch nachvollziehbar. Man muß sie dennoch nicht in jedem einzelnen Fall richtig finden. Aber die Zweifel werden nach der Lektüre wieder ein ganzes Stück kleiner. Das ist auch ganz im Sinne des Autors, dessen von Montaigne, dem französischen Politiker und Moralphilosophen aus dem 16. Jahrhundert entliehener Grundsatz lautet: „Ich belehre nicht, ich erzähle.“

Peter Scholl-Latour zitiert amerikanische Schriftsteller und Journalisten, um klar zu machen, daß sein Buch nichts mit primitivem Antiamerikanismus zu tun hat. Er belegt, daß viele Amerikaner selbst das Unheil, das in ihrer globalen Politik liegt, erkannt haben. Norman Mailer zum Beispiel: „Bush interessiert sich nicht für die Welt, sondern für die amerikanische Kontrolle über die Welt. Amerika will die Welt nicht besetzen oder besiedeln. Amerika will die Welt in den nächsten hundert Jahren dominieren. Und die Sorge der Konservativen ist China. China hat das Potential, die USA in dreißig oder vierzig Jahren abzulösen. Unsere Konservativen haben Angst vor China – und sie wollen den Chinesen die Angst vor uns einbleuen. Also: „Zeig ihnen Deine Stärke...vernichten wir einfach mal ein Land! Das ist Bushs Botschaft an die Welt.“

Auch die sich abzeichnenden neuen Tendenzen in einigen selbstbewußter werdenden Ländern Europas hat der Autor vor Manuskriptschluß im letzten Herbst bereits wahrgenommen: „Die europäischen Verbündeten, zumal die Deutschen, die gefügigsten Partner von gestern, sind nicht mehr gewillt, durch Einzelunternehmen der Hypermacht in eine Serie von Regionalkonflikten verwickelt zu werden.“ Hinzu kämen auf europäischer Seite zunehmende Zweifel an der Heilswirkung einer als „Globalisierung getarnten Amerikanisierung“.

„Jede Diplomatie ist zur Ratlosigkeit verurteilt, wenn die Bewältigung politischer Konflikte die Form eines Gottesgerichts annimmt“, heißt es bei Scholl-Latour mit Blick auf den Kreuzzug des George W. Bush. Er rät den Europäern dringend, nicht länger allein auf die UNO zu setzen und auf Verhandlungstaktik, sondern auch militärische Stärke zu erlangen. Und das bedeute selbstverständlich, daß dazu die Verfügung über eine ausreichende Zahl von Kernwaffen gehöre.

Die Abendländer müßten sich der „eigenen Schmach und Schande“ bewußt werden, die zum Beispiel darin läge, daß die Situation auf dem Balkan noch immer in keiner Weise geklärt sei. Natürlich sei es bequemer, weiterhin unter die Fittiche der USA zu flüchten und „in Ermangelung eigener Entschlußfähigkeit den balkanischen Status quo zu verewigen, ein absurdes Protektoratssystem, das Bosnien und dem Kosovo, de facto auch Mazedonien und Albanien auferlegt bleibt.“ Wenn zwischen Tetovo und Banja Luka „eines Tages die Gewehre wieder von selbst“ losgingen, dürfte sich niemand wundern.

Für Europa sei ein respektvolles und auch standfestes Verhältnis zum Orient und zum Islam eine Frage des Überlebens. Die Schicksalsfrage laute: „Wie lange werden sich Europa und Deutschland noch an die derzeitige Verpflichtung des Beistandsartikels V aus dem Atlantikpakt gebunden fühlen? In Washington wird ein ‚Feldzug gegen das Böse‘ gepredigt, der notfalls Jahrzehnte andauern soll. Da nun einmal eine instinktive Gleichsetzung dieses ‚Empire of Evil‘ mit dem militanten Islam durch George W. Bush vollzogen wurde, befindet sich Europa in vorderster Front.“ Sogar mehr als das, befindet Scholl-Latour, denn der Islam sei ja längst Bestandteil Europas geworden.

Religion Rezension USA

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