Keine Chancen für FeministinnenRUßLAND

Keine Chancen für Feministinnen

In Sachen Gleichberechtigung fällt Russland weiter zurück, doch trotzdem können Feministinnen nicht Fuß fassen. Mit Frauenrechtlerinnen wie Clara Zetkin assoziieren die Frauen Russlands nicht Frauenbefreiung, sondern sowjetische Bürokratie und Entmündigung.

Von Ulrich Heyden

W er am 8. März in Moskau essen gehen wollte, fand nur mit Mühe einen Platz. Schon Monate vor dem internationalen Frauentag waren die Tische vorbestellt. Die Einladung zu einem guten Essen wird noch immer als ein schönes Geschenk geschätzt. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungs-Instituts freuen sich 86 Prozent der Männer und Frauen über diesen Feiertag. Selbst Russlands Feministinnen, die das alljährliche Ritual kritisieren, kämen nicht auf die Idee, den Feiertag in Frage zu stellen.

Die Feiern beginnen am Vorabend des 8. März, der in Russland arbeitsfrei ist. In Moskauer Büros und Fabriken wird mit Wein und Champagner angestoßen. Von ihren Kollegen bekommen die Frauen Tulpen, Narzissen und manchmal sogar Rosen geschenkt. Abends fahren sie dann mit einem ganzen Arm voll Blumen in der Metro nach Hause.

In der Moskauer Innenstadt haben fliegende Händler an diesem Tag Verkaufsstände aufgebaut. Dort bekommt man Düfte von Channell, Boss und Klein, allerdings „made in Polen“. Die Verkäuferinnen versuchen gar nicht erst, es zu vertuschen. Einfallslose Ehemänner kaufen Mixer oder Bratpfannen. Wer auf Nummer sicher gehen will, schenkt Geld.

Frauen überreichen sich übrigens auch untereinander kleine Geschenke. Eine Sitte, die bei den Männern am „Männertag“ als „unmännlich“ verpönt ist. Er wird am 23. Februar, als „Tag der Vaterlandsverteidiger“ gefeiert.

Dass die Frauen sich auch gegenseitig beschenken, hat wohl auch mit dem Männermangel zu tun. In Russland leben heute zehn Millionen mehr Frauen als Männer, ein Resultat der drastisch sinkenden Geburtenrate und der vergleichsweise geringen Lebenserwartung im männlichen Teil der Bevölkerung.

Der Großteil der Frauen feiert zuhause am gedeckten Tisch mit Familie und Freunden. Da werden dann Trinksprüche für „naschi schenschini“ (unsere Frauen) ausgesprochen. Partnerschaft im aufgeklärt-westlichen Sinne gibt es in Russland auch 15 Jahre nach der Sowjetunion nicht. „Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals,“ so ein russisches Sprichwort. Zuhause ist die Frau die Lenkende. Die Männer weigern sich in der Regel, Verantwortung zu übernehmen. Wenn die Männer arbeitslos werden, gehen die Frauen arbeiten, eine Erscheinung, die man vor allem in der Provinz beobachten kann.

Lieber feiern, wenn die Schneeglöckchen blühen

Die russisch-orthodoxe Kirche brachte dieses Jahr offen ihr Missfallen über den 8. März zum Ausdruck. Andrej Kurajew, Professor der Moskauer Geistlichen Akademie, meinte, der 8. März sei eigentlich kein Feiertag für Frauen, sondern für „Revolutionärinnen, Terroristinnen und Extremisten des 19. Jahrhunderts.“ Ob man nicht lieber an dem Tag feiern solle, an dem die ersten Schneeglöckchen blühen. Wsjowolod Tschaplin, Sprecher des Moskauer Patriarchats, warnte die Gläubigen, die Ruhe in der jetzt beginnenden Fastenzeit durch Vergnügungen zu stören. Für Gläubige sei das „undenkbar“, warnte der Kirchensprecher.

Die Äußerungen der Kirchenvertreter sind symptomatisch für den Zustand der Gesellschaft. Ein konservatives Familienbild bestimmt das heutige Leben in Russland. Die Frauen haben keine Stimme. In der russischen Regierung gibt es keine einzige Frau. Unter den 89 Gouverneuren, welche die russischen Regionen verwalten, ist nur eine Frau, Walentina Matwijenko, die Gouverneurin von St. Petersburg.  Von 450 Duma-Abgeordneten sind lediglich 44 Frauen und von 178 Mitgliedern des Föderationsrats ganze zehn.

Die Unterrepräsentanz der Frauen hat Tradition. Zu Sowjetzeiten gab es zwar im Obersten Sowjet eine Frauenquote, doch in der Machtzentrale, dem Politbüro, befand sich nur eine einzige Frau.

Trotz besserer Ausbildung weniger Chancen

Die regierungsoffizielle „Rossiskaja Gaseta“ veröffentlichte kürzlich schockierende Zahlen. Jede vierte Mutter in Russland ist alleinerziehend und lebt damit meist unter der Armutsgrenze. In einem Viertel der russischen Haushalte wird das Einkommen ausschließlich von der Frau aufgebracht. Obwohl das Ausbildungsniveau der Frauen im Schnitt höher ist, liegt ihr Einkommen landesweit um 36 Prozent niedriger als das der Männer.

Wegen der schlechten Bezahlung in Schulen und Krankenhäusern suchen sich viele Frauen Arbeit im Dienstleistungssektor, auf Märkten, als Friseurinnen oder Reinigungskräfte. In diesem grauen Bereich, der vom Staat nicht kontrolliert wird, arbeiten 11,5 Millionen Russinnen, berichtete Soja Chotkina, russische Bevölkerungswissenschaftlerin und Expertin der UNO, auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Moskau. In diesem Bereich gäbe es meist nur mündliche Verträge, keine Sozialversicherung und keine Gewerkschaften. Die russischen Frauen konkurrieren in diesem Bereich zudem mit Millionen illegaler Immigranten aus den Nachbarstaaten Russlands, die um ihre Familien zu ernähren, ebenfalls ungeschützte Arbeitsverhältnisse eingehen.

Im Management russischer Privatunternehmen gibt es allerdings eine kleine, aber eindrucksvolle weibliche Enklave. Dort habe die staatliche Bürokratie keinen Einfluss. Stattdessen gäbe es echte Konkurrenz, erklären russische Frauenrechtlerinnen das Phänomen. Eine Liste erfolgreicher russischer Unternehmerinnen hat schon eine beachtliche Länge erreicht. Die reichste Frau Russlands – Jelena Baturina – hat es aber wohl auch dank ihrer Beziehungen zu etwas gebracht. Jelena Baturina ist die Frau des Moskauer Bürgermeisters. Doch Frau Baturina ist auch wieder nur eine Ausnahme. Unter den 725 Rubel-Milliardären sind nur 27 Frauen.

Trotz anhaltender Diskriminierung steht den russischen Frauen der Sinn heute nicht nach Aufbegehren und Protest. Mit Clara Zetkin assoziieren sie nicht Frauenbefreiung, sondern sowjetische Bürokratie und Entmündigung. Bis heute sind alle Versuche von Feministinnen, in Russland Fuß zu fassen, gescheitert. Die Politik haben die Frauen den Männern überlassen. Im Alltag vertrauen sie nur auf ihre eigene Kraft.

Kultur Russland

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