Ketzerische Überlegungen zu monumentalen ÄrgernissenDENKMÄLER

Ketzerische Überlegungen zu monumentalen Ärgernissen

Ketzerische Überlegungen zu monumentalen Ärgernissen

Denkmäler haben oft eine skurrile Geschichte. Ihre Aufstellung ist häufig nicht minder bizarr als ihre Entsorgung. Und in aller Regel, die von Ausnahmen bestätigt werden, sind sie verlogen bis banal – so wie jetzt der bronzene Bruce Lee in Mostar.

Von Wolf Oschlies

Bruce-Lee-Denkmal  in Mostar  
Bruce-Lee-Denkmal in Mostar  

S em Lij Hsiao Lung, besser bekannt als Kung-Fu-Darsteller Bruce Lee, hat „Dein Mostar“ Ende November 2005 ein bronzenes Denkmal gesetzt - in der Stadtmitte, wo einst die Frontlinie zwischen dem kroatischen West-Mostar und dem bosnischen Ost-Mostar verlief. Vor dem neuen Denkmal liegt der „Spanische Platz“ mit einem weiteren Denkmal für die spanischen UN-„Blauhelme“, die im Krieg 1992-1995 in dieser Stadt aushielten – einst die Perle des Balkans, bis die Soldateska des kroatischen Kriegsverbrechers Franjo Tudjman sie zerstörte. Deren Anführer, „General“ Slobodan Praljak, ein 1945 geborener Filmemacher, ließ am 9. November 1993 das wahre Denkmal von Mostar, die alte Brücke, durch seine Panzer zerschießen. 1556 hatte Mimar Hajrudin sie in einem einzigen Bogen über die wilde Neretva geschlagen. Jahrelang spazierte Praljak als „Held“ durch die Hercegovina, bis ihn endlich das Haager Tribunal griff. Inzwischen hatte der Deutsche Hans Koschnick als EU-Administrator von Mostar dafür gesorgt, daß die Brückentrümmer aus dem Fluß geborgen und ein Neubau der Brücke begonnen wurden. Am 23. Juli 2004 stand sie wieder in alter Schönheit und wurde von den berühmten Mostarer „Brückenspringern“ eingeweiht – genau eine Woche später wurde Praljak vom Haag auf freien Fuß gesetzt.

Verhöhnung für die Kriegswunden des geschundenen Mostars

War was in Mostar? Offenkundig nicht, denn sonst wäre der Kroate Ivan Fijolic, ein minderbegabter Zeichenlehrer vom Jahrgang 1976, nicht auf die Idee gekommen, die immer noch schweren Kriegswunden Mostars durch sein Glitzer-Monument für einen asiatischen Schläger zu verhöhnen. Die stets willfährige kroatische Presse bescheinigte dem tumben „Künstler“, der sich in Galerieprospekten gern mit künstlichen Dracula-Zähnen präsentiert, vom „Steinernen Schläfer“ inspiriert worden zu sein, dem großen Versepos von Mark Dizdar (1917-2003). Das war Fijolic bestimmt nicht. Eher haben er und seinesgleichen Bosnien so zugerichtet, wie Dizdar es 1966 vorhergesehen hatte: „arm und dürr, kalt und eisig“.

Vom Monument zum Monstrum

  Adenauer-Büste in Bonn: Verhöhnung von Auftraggebern und Publikum
  Adenauer-Büste in Bonn: „Verhöhnung von Auftraggebern und Publikum“

Wem die Geschichte der Bildhauerei, sozusagen von den Meistern Phidias und Praxiteles aus vorchristlichen Zeiten bis zu Beuys und ähnlichen Scharlatanen der Gegenwart, als Niedergang vom Monumentum zum Monstrum erscheint, der wird für sein Verdikt genügend Beispiele finden: Die Adenauer-Büste in Bonn, das Brandt-Denkmal in Berlin und weitere sind eine Verhöhnung von Auftraggebern und Publikum. Dabei ist es unerheblich, ob die Autoren schlichtweg unbegabt waren, einer branchenüblichen Geschmacksverirrung folgten oder sich einfach lustig machten. Bedeutsam ist allein, daß der Künstler nichts befürchten muß – nicht die Machtfülle seiner Auftraggeber, keine deutungsmächtige Herrschaftsideologie, keine Sanktionen wegen „Entartung“ oder „Abweichung“, am allerwenigsten das Hereinbrechen eines neuen Einflusses antiker Normen (wie er etwa in der Renaissance dominierte).

Gerade 15 Jahre ist es her, daß der totalitäre Kommunismus von der Bildfläche verschwand. „Vom Kommunismus werden nur Kolchosen und Gipsbüsten übrig bleiben“, pflegte der ob seiner Streitlust unvergessene Publizist Carl Gustav Ströhm (1930-2004) zu sagen. Nun ja, die Kolchosen sind in der Tat geschwunden, und die „Gipsbüsten“ wären wohl auch vom Regen davon gespült, hätte man nur Gips verwendet. Marmor, Stahl und Bronze sind per se „haltbarer“, und hinzu kommt etwas, das der russische Historiker Aleksej Anikin so charakterisierte: „Denkmäler für Führer und Ereignisse leben Jahrhunderte. Ein primitives Monument gelangt nur selten auf die Müllhalde. Es kündet lange vom elenden Geschmack seiner Aufsteller und, schlimmer noch, es verleumdet eine ganze Epoche“.

Hitler: Monumentalität im Baustil

„Mussolini, wie er Mussolini gefällt“ - Büste des Duce  
„Mussolini, wie er Mussolini gefällt“ - Büste des Duce  

Autoritäre und besonders totalitäre Regime sind künstlerisch auch immer Revolten gegen die Moderne (wie immer diese aufgefaßt sein mag). Vermutlich war Mussolini der einzige Gewaltherrscher, der zu einer expressionistischen Büste von sich trotzig bemerkte: „Das ist Benito Mussolini, wie er Benito Mussolini gefällt“ Von Hitler sind ähnliche Urteile nicht überliefert, weil es auch keine Büsten vom „Führer“ gab, die ein apologetisches Machtwort gebraucht hätten. Es gab ein paar Büsten von ihm, geschönt-naturalistisch, dazu ein, zwei Medaillen von Goebbels und ähnliches, aber auf deutschen Plätzen erhoben sich keine Denkmäler von Hitler, Göring & Co. Die Monumentalitätswut des Regimes tobte sich in der „Baukunst“ aus, für die Hitler von Anfang an einen fertigen Baustil dekretierte – eine eklektizistische Mixtur aus Neoklassizismus, „neuer Sachlichkeit“ und Blut-und-Boden-Mystik. So sollte das steinerne „Gehäuse“ der (vorgeblich) neuen und „organischen“ Idee des Nationalsozialismus aussehen, aber weil es diese Idee nicht gab, kamen eben bloß Bauten zustande, die nur das hohle Pathos des Regimes in Stein faßten.

Stalin: „Als habe eine alte Jungfer in Beton gehäkelt“

Ganz ähnlich und gröber noch verfuhr die Sowjetunion. Lenin (der seine Ignoranz in Kunstdingen offen eingestand) hatte bereits 1917 ein „Dekret über monumentale Propaganda“ erlassen, 1918 aber kubistische Künstler zur Mitarbeit an Denkmälern zugelassen. Was die schufen, wurde umgehend von den überforderten „Massen“ zerschlagen. Da hatte es Stalin leichter, der 1935 mit seinem „Generalplan der Rekonstruktion Moskaus“ nicht nur eine sprachliche Dummheit in die Welt setzte: „Rekonstruktion“ (statt „Sanierung“ o.ä.) wird sich in den Sprachkonventionen der Ostdeutschen wohl noch für Generationen halten. Er krempelte darüber hinaus die Hauptstadt völlig um und errichtete allenthalben die Riesengebäude mit Türmchen und Erkerchen und massiven Türen, die seither nur „Zuckerbäcker-Architektur“ genannt werden. Das sähe aus, befand der kunstsinnige Carlo Schmid, als „habe eine alte Jungfer in Beton gehäkelt“. Diese Gebäude waren und bleiben schon einzeln ein Schrecken – massiert, wie etwa in der Moskauer „Allunions-Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“, verschaffen sie Magen- oder Lachkrämpfe.

Nach Kriegsende gingen die Sowjets daran, aus ihrem schlechten Geschmack einen Exportartikel zu machen: In ganz Osteuropa entstanden getreuliche Kopien von Stalins Scheußlichkeiten, die dort Are perennius stehen. Das (für mich) häßlichste Gebäude Osteuropas ist das Bukarester Scînteia-Pressehaus, und das schönste Bauwerk Warschaus ist, laut polnischem Witz, der Kulturpalast – weil man ihn nicht sieht, wenn man erst einmal drin ist. Aber, langsam: In den frühen 1950-er Jahren türmte Hermann Henselmann (1905-1995) in Ost-Berlin die „Stalin-Allee“ in einem (gemäßigten) Zuckerbäcker-Stil auf. Diese Bauweise konnte man, schon wegen der teuren Kacheln an den Außenwänden, nicht durchhalten, so daß die Verlängerung der Straße (die längst wieder „Frankfurter Allee“ hieß) mehr und mehr in DDR-typischer „Platte“ entstand. Nach der Wende wurden die alten Henselmann-Bauten aufwendig restauriert und unter Denkmalsschutz gestellt – eine wunderbare Idee für die mittlerweile schönsten Gebäude im potthäßlichen Berlin!

Drei-Klassen-Gesellschaft der DDR-Denkmäler

Alter Friedrich, steig’ hernieder/ und regier’ die Preußen wieder/ und laß in diesen schweren Zeiten/ auch einmal den Erich reiten – lästerte der DDR-Witz 1980, als SED-Chef Erich Honecker im Zuge seiner roten „Preußen-Welle“ über Nacht das Reiterdenkmal Friedrichs des Großen, 1842-1851, nach einem Entwurf von Christian Daniel Rauch gestaltet, wieder Unter den Linden aufstellen ließ. Die Drei-Klassen-Gesellschaft der Denkmäler im SED-Machtbereich hatte in der klassischen Fraktion ihren Fraktionsführer wieder. Aber sie war auch sonst stark genug, z.B. mit dem wunderbaren Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Weimarer Nationaltheater, 1857 von Ernst Rietschel geschaffen und in mehreren Kopien auch in den USA präsent.

Die zweite Fraktion stellten die DDR-Eigengewächse, deren künstlerischer „Wert“ vollauf dem Verdikt Anikins entsprach. Was konnte man sonst auch machen? Denkmäler mußten her, kommunistische Künstler gab es kaum, also mußte man sich mit Bildhauern wie dem Dresdener Johann Friedrich Rogge begnügen, der wenige Jahre zuvor mit Büsten nationalsozialistischer Politiker reüssiert hatte. Am 21. Dezember 1951 wurde im thüringischen Königsee ein vom Rogge gestaltetes Lenin-Denkmal, das erste in der DDR, enthüllt. Königsee ist seit dem 14. Jahrhundert Zentrum des Thüringer Karnevals, aber das hatte mit Lenin keinen ursächlichen Zusammenhang. Obwohl seine Denkmäler oft genug karnevaleske Assoziationen weckten: Jahrzehntelang stand eines im ungarischen Kecskemét, wie immer mit weisend ausgestrecktem Arm und darum von den Ungarn respektlos als Wegweiser angesehen: „Da geht’s zur Puszta!“ In der DDR hatten „Künstler“ wie Rogge eine kurzfristige Konjunktur. So fiel z.B. sein Stalin-Denkmal in Riesa nach Stalins Tod 1953 alsbald einem gnädigen Vergessen anheim.

Buchenwald-Denkmal - Zu wenig „siegesbewußt und optimistisch“ für die SED

Es kam die Stunde von Bildhauern wie Fritz Cremer (1906-1983), der 1952-1958 eine Figurengruppe für das Buchenwald-Denkmal auf dem Weimarer Ettersberg schuf – und zwar immer wieder von vorn, weil die Figuren den SED-Zensoren „zu wenig siegesbewußt und optimistisch“ erschienen. Wie Gefangene im KZ Buchenwald, dessen Schrecken durch Eugen Kogons Buch „Der SS-Staat“ längst bekannt waren, „siegesbewußt und optimistisch“ gewesen sein sollten, blieb das Geheimnis dieser Kritikaster. Pech hatte der begabte Cremer, der zur komischen Figur wurde. Bereits in den 1960-er Jahren spöttelte Wolf Biermann über „Fritz Cremer, Bronze: Der Aufsteigende“: Mann, das iss mir ja 'n schöner Aufstieg:/ Der stürzt ja! (…) Macht er Fortschritte?/ Oder macht er Karriere?

Vor dem Berliner Roten Rathaus stehen noch einige Figuren aus Cremers Werkstatt, die markig „Trümmerfrau“ oder „Aufbauhelfer“ benannt sind, ob ihrer unverbindlichen Süßlichkeit aber auch „Schäferin“ oder „Bauernbub aus dem Kleinwalsertal“ heißen könnten.

Der eherne Reiter: „Ein Monument, das den Betrachter andächtig werden läßt“

  Bodenturn-Übung vor dem sowjetischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937: „Arbeiter und Kolchosbäuerin“
  Bodenturn-Übung vor dem sowjetischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937: „Arbeiter und Kolchosbäuerin“

Bleibt die dritte Fraktion, die der „sowjetischen Kunst-Gastarbeiter“ in der DDR. Das muß erklärt werden: In Hermann Kants witzigem Roman „Das Impressum“ findet sich die erzkomische Szene, wie sich ein sowjetischer Kommandant und ein übereifriger SED-Funktionäre in endlosen Briefen um ein Kriegerdenkmal streiten. Natürlich setzt sich der Russe durch, das Denkmal bleibt. Was für russische Einstellung zu Denkmälern steht.

Das berühmteste russische Denkmal, Peters des Großen Reiterstandbild in St. Petersburg, hat freilich der Franzose Étienne-Maurice Falconet (1716-1791) im Auftrag Katharinas der Großen geschaffen. Ein Monument, das den Betrachter andächtig werden läßt, auf einem zur Welle stilisierten Monolithen stehend, der mit unendlicher Mühe aus Finnland herangeschleift wurde. 1833 hat Puschkin es in seinem Poem „Der eherne Reiter“ besungen, das dem Monument nicht nur seinen inoffiziellen Namen gab, sondern dem Zaren auch jene Worte in den Mund legte, die seither die „Philosophie“ der Stadt ausmachen: Hier hatte die Natur im Sinn/ Ein Fenster nach Europa hin,/ ich brech es in des Reiches Feste.

Das gegenüber dem majestätischen „Piter“ immer etwas infantil wirkende Moskau hatte lange keine vergleichbare Monumente. Das berühmteste Moskauer Denkmal – das für Minin und Posharskij, die 1612 Moskau von den Polen befreiten – ist ein Werk des Petersburgers Ivan P. Matros (1754-1835) und wurde zuerst in Petersburg, dann in Nishny Nowgorod aufgestellt, bis es 1818 auf dem Roten Platz in Moskau landete. Ein weiteres berühmtes Moskauer Monument ist das Puschkin-Denkmal auf dem Puschkin-Platz im Stadtzentrum. Aleksandr Opekuschin (1840-1923) schuf es, und zu seiner Einweihung kamen 1880 europäische „Stars“ wie Victor Hugo in die russische Hauptstadt.

Alle diese und weitere Denkmäler sind „groß“ in meritorischer Dimension, ihre Nachfolgeobjekte stalinistischer Provenienz waren nur noch massig. Das galt vor allem für das monströse Duo „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ von Vera Muchina (1889-1953), das 1937 vor dem sowjetischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung stand – das Pärchen gespreizt wie bei einer Bodenturn-Übung, dabei Hammer und Sichel hochhaltend. Und solchen Krampf gab’s noch mehr. Er wurde dadurch gekrönt, daß etwa nackten Statuen später gipserne Badeanzüge übergestreift wurden. Der deutsche Publizist Eric A. Peschler hat in den späten 1950-er und frühen 1960-er Jahren in der Sowjetunion gelebt und in seinem Buch „Privat in Moskau“ die unglaublichsten Fälle geschildert.

Das ganze letzte Viertel von Peschlers Buch ist dem Leben und Werk des Bildhauers Ernst Neizvestny (*1926) gewidmet, dem radikalen Zertrümmerer der stalinistischen Primitivität des „sozialistischen Realismus“. Neizvestny hatte sich den Partei- und Staatschef Nikita Chrustschow zum erbitterten Feind gemacht, und die Moskauer Presse organisierte den „Volkszorn“ gegen seine Arbeiten, etwa das Basrelief „Tod und Leben“ am neuen Krematorium der Stadt. Genützt hat es wenig, Neizvestny war der berühmteste russische Bildhauer dieser Zeit. 1974 schuf er den Grabstein für seinen Feind Chrustschow, 1976 emigrierte er in den Westen.

Sowjet-Bildhauer in der DDR

Glatzkopf vor wallender Fahne 1: Lenin auf Kuba  
Glatzkopf vor wallender Fahne 1: Lenin auf Kuba  

Neizvestny war seiner Zeit weit voraus, die künstlerisch nur schwer vom Stalinismus loskam. Und das lag an der erwähnten Verbindung der SED zu sowjetischen Künstlern, deren Vorläufer bis in die erste Nachkriegszeit reichen. Damals schrieb die Leitung der sowjetischen Besatzungstruppen ein Ehrenmal auf dem Treptower Sportfeld in Berlin aus. Aus 52 Entwürfen wurde der eines vielköpfigen „Schöpferkollektivs“ ausgewählt und von Juni 1946 bis Mai 1949 ausgeführt: Auf einem Fundament, aus Quadern von Hitlers ehemaliger Reichskanzlei gefügt, steht ein Rotarmist, der mit seinem Fuß ein Hakenkreuz zertritt und auf dem Arm ein gerettetes deutsches Kind hält.

Bei Kriegsende hielt sich auch der sowjetische Bildhauer Lev Kerbel (1917-2003) in Berlin auf. Als Protegé der Lenin-Witwe Nadeschda Krupskaja hatte er rasch Karriere gemacht und sollte nun das Denkmal für den „sowjetischen Soldaten und Befreier“ gestalten, das seither im Berliner Tiergarten steht. Kopien befinden sich in Küstrin und anderswo, wie Kerbel überhaupt ein großer Autoplagiator war: 1984 meißelte er zweimal das exakt identische Sujet – Glatzkopf vor wallender Fahne -, das einmal in Kuba als Lenin-, dann in Ost-Berlin als Thälmann-Monument aufgestellt wurde (weshalb die Bronzegießer von Lauchhammer nur von „Lehmann“ sprachen, als sie Kerbels Machwerk gießen mußten). Außerdem hat er Chemnitz noch mit einem großen Marx-Kopf beglückt, den die Sachsen „Nischel“ nannten und eigentlich ganz attraktiv fanden.

Andere waren weniger beglückt: Vom „sowjetischen Großbildhauer Salbei“ spöttelte Volker Braun, der Liedermacher Udo Magister besang die Thälmannbüste an der Greifswalder Straße als zu groß und zu häßlich, und die Berliner – die der SED nie verziehen, daß sie für das Kerbel-Monster die alten Gas-Behälter sprengen ließ – fragten sich, ob Thälmann wohl ein Contergan-Kind gewesen sei, weil er anders die Faust nicht so hätte ballen können, wie Kerbel es darstellte.

  Glatzkopf vor wallender Fahne 2: KP-Funktionär Ernst Thälmann in Berlin
  Glatzkopf vor wallender Fahne 2: KP-Funktionär Ernst Thälmann in Berlin

Die Thälmann-Glatze verschandelt die ganze Gegend immer noch – anders als das Lenin-Denkmal am heutigen Berliner Platz der Vereinten Nationen, das die SED 1967 bei dem sowjetischen Bildhauer Nikolaj Tomskij (1900-1984) in Auftrag gegeben hatte. Eigentlich war Tomskij ja Stalin-Experte und hatte die Sowjetunion mit Stalin-Monumenten förmlich überschüttet – bis hin zu der Stalin-Büste an der Kremlmauer, die man aufstellte, nachdem Stalins Mumie aus dem Lenin-Mausoleum entsorgt worden war. Sein Berliner Lenin-Denkmal wurde zum Jahreswechsel 1991/92 ebenfalls beseitigt – sehr zur Freude aller jener, die jeden Winter auf dem spiegelglatten Marmor, der die Denkmalsumgebung zum „Unfallschwerpunkt“ gemacht hatte, ausrutschten und sich die Knochen brachen.

Die Menschen in der DDR mochten die sowjetischen Absahner nicht – sie mochten überhaupt keine Denkmäler mehr: 1986 wurde neben dem Ost-Berliner „Palast der Republik“ das „Marx-Engels-Forum“ eingeweiht, zu dem Ludwig Engelhardt (1924-2001) eine Figurengruppe beigesteuert hatte, eben Marx und Engels. Die beiden waren auf SED-Geheiß so oft umgemodelt worden, daß sie am Ende wie zwei Kleiderständer aussahen. So etwas erregte das Entzücken der Kabarettisten: Warum sehen DDR-Denkmäler alle so finster aus, fragte der Dresdener Wolfgang Schaller und antwortete: Weil sie nach dem Bild der DDR geformt wurden! In Ost-Berlin hatte die Volkspolizei allnächtlich einen Kleinkrieg mit Sprayern und Ritzern auszutragen, die das geheiligte „Forum“ attackierten (erzählte mir kurz nach der Wende ein altgedienter Polizist, der aus eigener Erfahrung berichtete). Und nach der Wende schlug außerdem der witzige Ernst Röhl vor, die Denkmäler einfach „umzuwidmen“: Thälmann wird Momper, Marx wird Markus Meckel usw.

„Hier hat doch mal ein Shivkov-Denkmal gestanden“

Da war doch mal was? Shivkov-Denkmal in Pravec  
Da war doch mal was? Shivkov-Denkmal in Pravec  

Mein absoluter osteuropäischer Denkmals-Favorit stand im nordbulgarischen Pravec. Das war der Geburtsort von Todor Shivkov, Partei- und Staatschef Bulgariens, der dienstälteste Osteuropas. 1985 war ich dort und habe das Denkmal im Vorbeifahren geknipst. Das war ein guter Einfall, denn wenige Monate später war es – weg, einfach fortgeräumt. Die „Miliz“ von Pravec hatte fortan Dauerärger mit boshaften Sofiotern, die stets lauernd fragten: „Hier hat doch mal ein Shivkov-Denkmal gestanden…“ So wie im „Braven Soldaten Schwejk“ in der Kneipe „Zum Kelch“ der Spitzel Brettschneider fragte: „Hier hat doch mal ein Kaiserbild gehangen…“ Ich habe damals überlegt und überlege noch: Das Denkmal ist zu Shivkovs Lebzeiten aufgestellt und weggeräumt worden – wer, wenn nicht der Alte selber, kann zu beiden Aktionen sein Placet gegeben haben? Nun ja, die Bulgaren und ihre Denkmäler: In Plodiv haben sie auf einem Hügel oberhalb der Stadt „Aljoscha“ aufgestellt, eins der üblichen prosowjetischen Ruhm-und-Ehre-Monumente. Nur: „Aljoscha“ stand abgezählte drei Schritte neben einem Obelisken für den russischen Zaren Aleksandr II., der Bulgarien 1877/78 wirklich befreit hat – wovon im Sofioter Zentrum, direkt gegenüber dem Parlament, bis heute ein großes Reiterdenkmal des Zaren kündet, gestiftet vom „dankbaren Bulgarien“.

Alles, was ich hier über östliche Denkmäler berichte, ist wenig – verglichen mit der Geschichte, von der ich 1968 erstmals in einer Prager Zeitschrift las: Als die tschechoslowakischen Kommunisten 1949 den Bau des „größten Stalin-Denkmals der Welt“ planten, zwangen sie den Bildhauer Otakar Švec, einen der begabtesten Vertreter seiner Zunft, zur Teilnahme am Wettbewerb. Švec reichte einen absichtlich häßlichen, überdimensionierten Entwurf ein – und beging Selbstmord, als dieser angenommen wurde. So stand’s während des Prager Frühlings in der Presse, stimmte aber nicht. 2004 entdeckte ich in dem wunderhübschen südböhmischen Städtchen Domažlice eine sehr beeindruckende Figurengruppe, 1927 von Švec gestaltet. Dabei fiel mir die alte Story über ihn wieder ein, und ich startete eine umfangreiche Recherche. Heraus kam eine Geschichte, die ich erzählen muß, denn so etwas kann man nicht erfinden

Kundige Historiker erzählten mir Schreckensdinge von den über 90 Denkmalsentwürfen, die auf einen Wettbewerb eingingen und einander an Pathos und Servilität überboten. Den Auftrag bekam schließlich Otakar Švec (1892 –1955) für ein Granit-Monster von über 17.000 Tonnen Gesamtgewicht auf dem Prager Letna-Hügel, das zu dem gotisch-barocken Prag paßte wie die Faust aufs Auge. Svec’ Stalin-Denkmal war als Kunstwerk jedoch eine Augenweide: So gut hat der kleine, dickliche und behinderte Stalin in natura nie ausgesehen. Aber das bemerkte schon niemand mehr, weil die allgemeine Abneigung gegen den Kreml-Diktator ästhetische Bewertungen seiner Denkmäler nicht mehr aufkommen ließ. Svec hatte sein Monument als Gruppenbild angelegt: Vorn steht Stalin in „Napoleon-Pose“, also mit der Hand im aufgeknöpften Mantel. Dahinter zwei Reihen mit „typischen“ Vertretern des tschechischen und des sowjetischen Volks: Partisan und Rotarmist, Kolchosbäuerin und Arbeiter. Das alles war klug arrangiert und bis ins kleinste Detail in liebevoller Kunstfertigkeit ausgeführt. Aber es kam überhaupt nicht an: „Tlacenice“ nannten es die Prager respektlos, „Gedrängel“. Und noch ein paar andere Namen, die ob ihrer Drastik lieber nicht erwähnt werden sollten. Die berühmteste Verhohnepiepelung, an die sich bis heute Prager Rentner auf sonnigen Letna-Bänken gern erinnern, war „Fronta na maso“, „Schlangestehen für Fleisch“. Und boshaft versuchte der Prager Volkswitz herauszubekommen, wie erfolgreich jede Denkmalsfigur bei diesem Schlangestehen wohl war. Der Rotarmist beispielsweise, letzte Figur der rechten Gruppe, hat wohl schon resigniert – er blickt nach hinten, weil er heute gewiß nichts einkaufen wird.

Deutsche Panzer rollen zum Denkmalbau

  „Schlangestehen für Fleisch“ - Stalindenkmal auf dem Prager Letna-Hügel von Otakar Švec
  „Schlangestehen für Fleisch“ - Stalindenkmal auf dem Prager Letna-Hügel von Otakar Švec

Im südlichen Stadtteil Hodkovicky, dem wohl schlichtesten des „goldenen Prags“, lebt der betagte Jan Kryhut, vormals von Beruf Pyrotechniker, dem 1953 die Bauleitung des Denkmals übertragen wurde. Im Jahre 2002 publizierte er in der Fachzeitschrift „Kamen“ (Stein) den kurzen Aufsatz „Ich baute Stalins Denkmal“ – ein ernst gemeinter, aber ungemein komisch wirkender Bericht.  Die Dimensionen der Skulptur – Stalins Kopf wog allein 52 Tonnen, sein linker Fuß gar 72 – erforderten Granitquader, die kein tschechoslowakischer Kran anzuheben vermochte. Was tun, um die Blöcke aus nordböhmischen Steinbrüchen nach Prag zu bringen? Kryhut wörtlich: „Dann kam mir die rettende Idee: Die schwachen Kräne wurden durch Panzer des Typs »Panther«, Kriegsbeute von der deutschen Wehrmacht, ersetzt“. Und das klappte: 2.200 Pferdestärken der deutschen Panzer hievten die Blöcke, aus denen eine knapp 16 Meter hohe Statue Stalins werden sollte, auf riesige Tieflader, und ab ging’s. Zuvor waren noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen: ganz Nord-Böhmen von der Staatssicherheit absperren (nachdem die britische Rundfunkstation BBC sich bereits über die Mühen der Denkmalsbauer lustig gemacht hatte), alle Straßen nach Prag verbreitern, einige Brücken abstützen – Lappalien!

Am 25. Februar 1952, dem offiziellen „Tag der Sowjetarmee“, war der erste Granitquader des Denkmalssockels gesetzt worden, ein gutes Jahr später schien alles vorbei zu sein: Am 5. März 1953 starb Stalin, am 14. März Klement Gottwald, der Chef der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Und mit dem Denkmal wurde es immer schwieriger: Von der vorbei fließenden Moldau stieg ständig Feuchtigkeit hoch, die mit immer teureren Abdichtungen bekämpft werden mußte. Und als man das Modell des Denkmals für den Bau auf fünffache Größe streckte, hatten Frauen der Figurengruppe plötzlich Beine wie Flamingos – was hektische Änderungen erforderte. Überhaupt hat der Künstler Svec noch manches Detail hinzufügen müssen, um Mängel zu verbergen, die im kleineren Modell nicht ins Auge gefallen waren. Er drückte einfach seinen Figuren Fahnen in die Hände und kümmerte sich nicht weiter um die ganze Sache. Im Tschechischen Nationalarchiv sind die Dossiers aufbewahrt, mit welchen die Staatsicherheit seine rückläufige „Arbeitsmoral“ rügte: Er erschien gegen 10 Uhr auf dem Bau, telefonierte ein bißchen, schwatzte etwas mit Mitarbeitern und war für den Rest des Tages verschwunden.

Das Glück der Blinden – sie können den Schund nicht sehen

Stalin-Denkmal in Prag – ein Zeitungsausschnitt.  
Stalin-Denkmal in Prag – ein Zeitungsausschnitt.  

Um so mehr Arbeit hatten die, denen der Bau direkt oblag. Es waren 600 exzellente Fachleute, die auf jedes Detail achteten. Beispielsweise wurden von jedem Quader genaue Reliefzeichnungen angefertigt, damit einer genau zum nächsten paßte. Hinter ihnen stand eine Regierungskommission unter Ministerpräsident Antonin Zápotocký (1884-1957), dem späteren Staatspräsidenten, die nichts durchgehen ließ, aber auch nicht knauserig war: Zu den ohnehin hohen Gehältern kamen pro Jahr noch sechs Monatsgehälter extra. Niemals gab es auf der Baustelle auch die berüchtigten „freiwilligen Arbeitseinsätze“ – nur die besten Profis hatten dort etwas zu tun. Als der Bau beendet war, bekamen die meisten der damit Beschäftigten Prämien, Auszeichnungen und Ehrenurkunden, aber sie blieben dennoch anonym. Weil der Hauptakteur Otakar Svec in Verruf geriet: 10 Millionen Kronen Honorar hatte er gefordert, 6,4 Millionen waren vertraglich vereinbart worden, 500.000 blieben davon nach der „Währungsreform“, und um die betrog ihn noch die Staatsicherheit. 1954 starb seine Frau, er selber mußte sich in einer Prager Klinik einer komplizierten Operation unterziehen – und hatte kein Geld, um die Ärzte zu bezahlen. Seine zahlreichen Briefe, in denen er sein Honorar einforderte, sind erhalten geblieben; genützt haben sie ihm nichts, und am 4. April 1955 nahm er sich das Leben. Zuvor soll er seine ganze Habe einer Blindenschule vermacht haben – „weil die Schüler das Denkmal nicht sehen können“.

Das Denkmal wurde am 1. Mai 1955 feierlich enthüllt, und bei der Feier war auch Moskaus neuer „starker Mann“ Nikita Chrustschow zugegen, der über das Denkmal nur lakonisch-abfällig urteilte: „Zu groß – zu spät“. Das spürten die Prager auch, und als 1956 der 20. Parteitag der sowjetischen Kommunisten ganz offiziell eine „Entstalinisierung“ startete, gab es in Prag ein paar mutige KP-Funktionäre, die einen Sonderparteitag forderten, auf welchem die tschechoslowakischen Genossen eine ähnliche Selbstkritik unternähmen. Das wurde verhindert, selbst Chrustschows berühmte „Geheimrede“ blieb weitestgehend unter Verschluß. Natürlich war sie längst bekannt, aus westlichen Rundfunkstationen, selbst wenn diese permanent gestört wurden. Aber der Prager Witz machte sich selber seinen Reim darauf. Auf dem Stalin-Denkmal (so flüsterte man) sei ein Graffito aufgemalt: „Seppl, gib Obacht – sie sind dir auf den Fersen!“

Vermutlich hätte Stalin noch lange auf der Letna gestanden, wäre 1962 nicht ein „Wink“ aus Moskau gekommen, ihn doch bitteschön wegzuräumen. Im Oktober 1962 baute man zuerst ein hölzerne Palisade um das Denkmal, im November sprengte man es schließlich – mitten im „Monat der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft“. Eine Woche dauerten die Sprengarbeiten, die sehr unprofessionell ausgeführt wurden: Mindestens ein Mensch kam bei ihnen zu Tode, und Stalins Kopf soll polter-polter-polter den Letna-Hügel herab bis in die Moldau gekullert sein. So lästerte der Volksmund – aber das stimmte nicht. Stalins Kopf wurde sorgfältig abgetragen und irgendwo in Prag aufbewahrt. Wo das genau ist, bleibt geheim. Vielleicht weiß es Jan Kryhut, aber der lächelt und schweigt. Und er lacht laut, wenn er sich an die offizielle Kostenrechnung des Denkmals erinnert: 140 Millionen Kronen soll es gekostet haben – „Milliarden waren es, Milliarden“, sagt er. Ähnlich sahen es die Prager: „Warum hat Stalin die Hand im Mantel? Er will die Brieftasche ziehen und das Denkmal bezahlen – und ist versteinert, als er den Preis erfuhr“. 

Seither steht auf der Letna nur noch der riesige Sockel. Früher war darin ein Parteimuseum untergebracht, später ein Kartoffellager. Dann war es ein berüchtigtes Penner-Domizil, 1990 kurzfristig Studio eines Piratensenders. Inzwischen ist es fest verrammelt. Auf dem Sockel steht ein großes Metronom, das rechts-links-rechts vor sich hinknarzt – wenn die Stadt mal Geld hat oder einen Sponsor findet, der für die immense Stromrechnung aufkommt.

Alte und neue Denkmäler in Ex-Jugoslawien

  Tome Serafimovski: Bronzeskulptur
  Tome Serafimovski: Bronzeskulptur "Mutter Theresa" in Skopje.

Es soll eine besonders schwierige Sache sein, bebrillte Menschen bildhauerisch abzubilden. Ich kann das nicht beurteilen, glaube es aber – nachdem ich in Slowenien und in Kroatien Denkmäler von Edvard Kardelj, dem eigentlichen „Erfinder“ der jugoslawischen „Selbstverwaltung“, und von Franjo Tudjman, dem Kriegsverbrecher und „Staatsgründer“ Kroatiens, gesehen habe – alle zum Weglaufen häßlich. Auch die alten, „sozialistisch-realistischen“ Partisanen-Denkmäler kann man nur ertragen, weil die neuen, abstrakt modernen noch grausiger sind.

Mein geliebtes Makedonien hat sich da Scheußlichkeiten in Serie geleistet – von den alten Partisanen-Büsten, die am Ohrid-See jedes schöne Fleckchen verschandeln, bis zu dem hypermodernen Monument, das in Kruševo an den Aufstand von 1903 erinnern soll und wie ein verunglückter Ufo-Bahnhof aussieht.

Denkmal für Fürst-Bischof und Dichter Petar Njegoš: ein Adler breitet seine Schwingen um ihn.  
Denkmal für Fürst-Bischof und  Dichter Petar Njegoš: ein Adler breitet seine Schwingen um ihn.  

Dabei können’s die Makedonen, allen voran mein Freund Tome Serafimovski, Bildhauer aus Ohrid, der vor ein paar Jahren seiner Heimatstadt ein beeindruckendes und schönes Denkmal der „Slavenapostel“ (und Schutzpatrone Europas) Kyrill und Method verehrte. Und noch weitere Arbeiten von ihm, die ihn in die Reihe der großen südslavischen Skulptoren einreihen. Diese Reihe ist vielleicht nicht besonders lang, aber Respekt erheischend. Angeführt wird sie von dem Kroaten Ivan Meštrovic (1883-1962), für mich der größte Bildhauer überhaupt. Auf dem Lovcen, dem montenegrinischen Wappenberg, hat er eine Gedenkhalle für den Fürst-Bischof (und großen Dichter) Petar Njegoš geschaffen, wie immer in der für ihn charakteristischen Komposition aus weißen und schwarzen Steinen. In der Halle sitzt Njegoš, um den ein Adler seine Schwingen breitet. Als ich aus der Halle wieder ans Sonnenlicht kam, schwebten drei Adler um den Lovcen – ein mystischer Moment.

Meštrovics Monument für den unbekannten Soldaten auf dem Belgrader Avala-Hügel ist ähnlich bewegend. Vor Jahren fragte mich eine französische Kollegin, ob man das „Weimarer Dreieck“ Paris-Berlin-Warschau nicht nach Südosteuropa ausweiten könne und was Frankreich da „einbringen“ könne. Ich verwies sie auf das „Denkmal der Dankbarkeit an Frankreich“, das Meštrovic im Belgrader Stadtpark schuf. In Serbien kennt es jeder Mensch – in Frankreich niemand.

Im ostkroatischen Kumrovec, Titos Geburtsort, stand bis vor kurzem das kleine Tito-Denkmal von Meštrovics Hand: Tito mit nachdenklich gesenktem Kopf, den Mantel lässig über den Schultern. Primitive kroatische Chauvinisten haben es unlängst gesprengt.

Auch der zweite unter den bildhauerischen Großen ist ein Kroate, Antun Augustincic (1900-1979), ein klassischer Künstler, begabt, aber nicht genial, konventionell in seinem Stil und seinen Materialien. Weltweit war er als Spezialist für Reiter-Standbilder gesucht, und im Hof seines Ateliers im heimischen Klanjec steht noch ein solches. Es stellt den polnischen Marschall Pilsudski dar, wurde kurz nach dem Krieg von Polen bestellt und auch bezahlt, aber nie abgeholt. Im Innenraum stehen ein paar sehr schöne Büsten, unter anderem von Tito und seiner Frau Jovanka. Sie blickt abweisend in die Ferne, er scheint den Kopf schuldbewußt zu senken, und wenn man (wie ich) das Pärchen von der Seite fotographiert, dann glaubt man, einen veritablen Ehekrach abgelichtet zu haben.

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Post scriptum

Nach 1991 entstanden in Kroatien reihenweise Denkmäler für den damaligen deutschen Außenminister Genscher – wegen dessen abstehenden Ohren eine erzkomische Augenweide. Wenn ich mal die hohen Herren des Auswärtigen Amtes sticheln wollte, dann ließ ich nebenher einfließen, daß in Mostar wohl irgendwann ein massiv goldenes Denkmal für Hans Koschnick errichtet würde. Das brachte die Herren in Harnisch: Ein Koschnick-Denkmal in Mostar? Dabei steht es doch längst! Was ich ganz nebenbei erfuhr, als ich mit meinem Freund Ibrahim vor dem Mostarer Bahnhof in schönster Sonne ein Bier trank. Dabei entspann sich dieser Dialog: „Das habt ihr gut hingekriegt!“ „Wer ist »ihr«, bitte?“ „Na, ihr Schwaben!“ „Und was haben wir hingekriegt?“ „Den Bahnhof! Der war doch völlig zerstört, aber Koschnick hat ihn wieder aufgebaut, weiß doch jedes Kind…!“ Ach, Ibrahim, kein Mensch hat je bei uns erfahren oder gewußt, was Koschnick bei euch alles so geleimt, gekittet und geklebt hat. Wenn ihr es wißt, dann ist es gut. Und ich weiß, daß ihr Mostarer Koschnicks anonymes Wirken sehr gut gegen die angeberischen Marmortafeln arabischer Königreiche, die in Wahrheit nichts für euch getan haben, aufzurechnen wißt.

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