„Kiew ist weit weg von der Krim“UKRAINE

„Kiew ist weit weg von der Krim“

Die Werbung der Parteien für den Wahlgang im Herbst ist angelaufen. Sie reißt niemand vom Hocker. Die Menschen am Schwarzen Meer sind desillusioniert. Ein Stimmungsbericht aus dem Südosten der Ukraine.

Von Juliane Inozemtsev

N och hängt kein einziges Wahlplakat in den Straßen von Sewastopol. Und auch in den bunten Pavillons der Straßencafés und am Strand sind die Parlamentswahlen am 30. September noch kein Thema. Es scheint, als wollten sich die Sewastopoler ihren Sommer nicht mit Gedanken an die zuletzt oft chaotische ukrainische Innenpolitik beschweren.

Präsident Viktor Juschtschenko, der im Zuge der „Orangenen Revolution“ an die Macht gekommen war, hatte im April das Parlament, die Werchowna Rada (deutsch: Oberster Rat) aufgelöst. Grund dafür soll gewesen sein, dass eine Reihe von Abgeordneten aus seinem Parteienblock „Nascha Ukrajina“ in die „Partei der Regionen“ des politischen Kontrahenten, des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch, gewechselt waren. Dabei blieb undurchsichtig, ob sich ihre politische Überzeugung geändert oder ob sie für den Seitenwechsel hohe Bestechungsgelder kassiert hatten.

Jedenfalls heißt es, dass nicht viel gefehlt habe, damit Janukowitschs Fraktion mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit den Präsidenten entmachtet hätte. Doch bevor es soweit kommen konnte, löste Juschtschenko das Parlament auf. Die Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung war sehr umstritten. Nach langem Hin und Her einigten sich Juschtschenko und Janukowitsch schließlich auf Neuwahlen im Herbst.

Flache Wahlwerbung: „Es ist Zeit für eine Veränderung“ – „Stimmt für die Zukunft“

Im Fernsehen läuft bereits Wahlwerbung auf allen Kanälen. Sehr einfallsreich ist sie nicht. So bittet Präsident Juschtschenko um Verständnis für den holprigen Anfang seiner Reformen und wirbt mit dem Slogan: „Nactaw chas dijati po novomu, nastaw chas zmin! (deutsch: „Es ist Zeit, alles auf eine neue Weise zu machen, es ist Zeit für eine Veränderung!“)

Janukowitschs „Partei der Regionen“ setzt hingegen weiterhin auf Stabilität und Sicherheit und wirbt – ebenfalls auf Ukrainisch – mit dem Slogan: „Golosuj za majbutne!’’ (deutsch: „Stimmt für die Zukunft!“)

„Kiew ist weit weg von der Krim“, sagt die junge Juristin Elena Z. Sie sagt nicht: „Die Krim ist weit weg von Kiew.“ Sie hat das sicherlich rein zufällig so formuliert, und doch steht dieser Satz für das Lebensgefühl der meisten Menschen hier. Ihr Lebensmittelpunkt ist die russisch geprägte Autonome Republik Krim. „Was die da oben in Kiew veranstalten, lässt uns hier relativ kalt“, fügt sie hinzu. „Wir waren auch nicht für die „Orangene Revolution.“

„Enttäuscht bin ich nicht, weil ich ja nichts Gutes erwartet habe.“

Ob sie trotzdem enttäuscht ist, dass der große Aufbruch, den Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko damals versprachen, weitgehend missglückt ist? Manchmal lasse man sich doch nur zu gern eines Besseren belehren?

„Nein, enttäuscht bin ich nicht, weil ich ja nichts Gutes erwartet habe. Eher erleichtert, dass es nicht schlimmer gekommen ist“, sagt Elena, die im Staatsdienst der Ukraine arbeitet und einen ukrainischen Pass hat, sich aber trotzdem als Russin fühlt. Zur Wahl möchte Elena auf jeden Fall gehen, weil es ihr wichtig ist, dass der Osten und Süden der Ukraine seine politische Meinung vertritt.

Sergej Ch., der ein Möbelfachgeschäft in Sewastopol führt, hält das für zwecklos. „Die politischen Entscheidungen trifft bei uns nicht das Volk“, sagt er. Zur Wahl wird er deshalb gar nicht erst gehen. Sergej gehört zu jenen, die überzeugt sind, dass der Vorwurf des Wahlbetrugs von Seiten der Opposition im Herbst 2004 eine Farce war. „Manipulationen gab es mit Sicherheit von beiden Seiten.“ Eigentlich sei er sehr an Politik interessiert, aber das Theater der vergangenen Monate habe er irgendwann nicht mehr verfolgt. Insgesamt beobachte er, dass sich wieder eine große Politikverdrossenheit breit mache und dass die Menschen sich wieder in ihr Privatleben zurückzögen. Er selbst sei da keine Ausnahme.

„Wer es bei uns in der Politik bis zur Spitze schafft, hat keine sauberen Hände.“

„Nicht, dass Sie mich falsch verstehen“, fügt er hinzu, „Janukowitsch ist sicherlich auch kein Heiliger. Wer es bei uns in der Politik bis an die Sitze schafft, hat keine sauberen Hände mehr.“ Aber er für die pro-russisch denkende Bevölkerung sei die „Partei der Regionen“ die bessere Alternative.

Ob er insgesamt positiv oder negativ in die politische Zukunft des Landes blicke? „Nun“, sagt Sergej, „für die nähere Zukunft bin ich nicht besonders optimistisch. Aber auf lange Sicht bin ich wohl ein typischer Russe. Denn dazu fällt mir nur eines ein: Pozhiwjom uwidim!“ – Kommt Zeit, kommt Rat!

*

Lesen Sie dazu auch „Die Wahrheit über die orange Revolution“ von Illya Kozyrew und EM 11-04 „Rußland sollte sich endlich gegen die aggressive Penetration durch den Westen zur Wehr setzen“ – ein Interview mit dem britischen Wahlbeobachter John Laughland von 2004.

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