Kirgisien: Ode an die SteppeREISEBERICHT

Kirgisien: Ode an die Steppe

Eine Woche zu Besuch bei Nomaden auf den Hochweiden Kirgisiens. Kein Komfort. Keine sanitären Einrichtungen. Nasse Schlafsäcke, Löcher in den Jurten, vergorene Stutenmilch bis zum Schädelplatzen. Dafür Steppe, so weit das Auge reicht, Familienanschluß, warmes Brot mit Rahm, singende Kinder und herzerwärmende Gastfreundschaft. Und schon nach ein paar Tagen das Fazit: Wenn das kein Glück ist, was dann?

Von Andrea Jeska

EM – Wenn die Wolken über die Gipfel der himmlischen Berge gezogen sind und hinter dem Son-Kul-See die Sonne untergeht, kommt noch einmal Wind auf und bringt ganz sacht die starren Halme des Steppengrases zum Summen. Als probe hier ein Orchester eine zarte Symphonie, wird die Melodie durch leises Getrappel aus der Ferne unterstützt. Auf den Hängen treiben Hirten ihre Schafe zusammen, über die ganze Steppe tönt ihr rhythmisches Tschu-Tschu, mit dem sie die Tiere scheuchen. Die Kinder haben ihre täglichen Pflichten erfüllt und sitzen vor dem Eingang zur Jurte. Sie singen. Ihr Lied fügt sich harmonisch in das melancholische Allegro des Windes und das übermütige Scherzo der Hirten. „Hört ihr?“ fragt Sarylbek. „Das ist die Hymne der Nomaden.“

See, aus Tränen geboren

Sarylbek ist ein Dichter. Eigentlich ist er ein Nomade, zumindest im Sommer. Dann lebt er mit seiner Frau Ajgul, den Söhnen Muratbeck und Maratbeck, der Tochter Nazgul, dem Ziehkind Sejil, seinem Vetter Saschenbeck und dessen Familie auf einer Weide. Dschailoo, sagen die Kirgisen, das klingt schon recht poetisch, und wie sollten sie auch nicht den lyrischen Gedanken anheimfallen in einem Land, in dem jede Szene wie aus einem melancholischen Damals-Film geschnitten erscheint? In dem die Steppe noch so weit ist, wie eine Steppe zu sein hat, die Pferde wild umherlaufen und die vergorene Stutenmilch einem die Gehirnzellen aus dem Kopf pustet. Wo immerfort ködelnde Yakherden über die Weiden ziehen und von Knirpsen betreut werden, denen die Mütze über die Augen rutscht und die Stiefel um die Füße schlabbern. Wo bei jedem Hammelschlachten dem Gast die Augen gebühren und jeder Seßhafte dem Umherziehenden Bettstatt und Brot bietet. Ein Land, in dem die Berge die himmlischen Berge genannt werden und über den Son-Kul-See die Sage geht, er sei aus Tränen geboren.

Unterwegs sein in Kirgistan, das bedeutet Wandeln zwischen Widersinn und Wunderbarem. Natürlich hatten wir eine Vorstellung. Die wurde genährt von intensivem Studium aller Werke des kirgisischen Volksdichters Tschingis Aitmatow. Wir dachten an Gülsary, den Paßgänger, und an die ziehenden Kraniche, an Ismael, den traurigen Deserteur, an Dshamilja, die Liebende. Wir träumten von Morgennebeln über weiten Ebenen und Schnee auf fernen Bergen, von grünen Steppen und von jener Freiheit, die nur besitzt, wer nichts besitzt.

In der Hauptstadt Bischkek haben die Photographin Katja und ich einen Wagen gemietet. Im Preis eingeschlossen ist der Fahrer George, ein lebensfroher Russe. Vierter in unserem Bunde ist Dolmetscher Alek, ein zynischer Tartar, mit einer Haßliebe zu seinem Heimatland. Freundlich aber bestimmt hatten wir alles abgelehnt, was in Kirgisistan normalerweise für Touristen aufgeboten wird. Wir wollten kein Heli-Skiing, keine Kurhotels, keine waghalsigen Kletterexpeditionen und auch keine Reittouren zu unentdeckten Gletschern. Wir wollten nur eins: Möglichst unverfälschtes Nomadenleben. Erst nach vielerlei Augenverdrehungen und Kopfschütteln war unser Wille Befehl.

Zauber der Ankunft

Von Bischkek bis ins Tolök-Tal, dem Winterwohnort der Nomaden, holpern wir vier Stunden über schlecht asphaltierte Straßen. Als wollte er alle Warnungen unterstreichen, ließ George den Wagen in jedes der Löcher hineindonnern. Am Ende des Tals kringelt sich die Straße verdünnt und verschlammt in die Berghöhen, statt Asphalt nur noch Sand und Schotter. Der Paß ist gefährlich. Dicke Nebelschwaden umarmen die Berge, schleichen sich von hinten an unser Auto heran und lassen sich unvermittelt darüber fallen. Einige Male müssen wir anhalten, um Felsbrocken aus dem Weg zu rollen. Hirten auf Eseln kommen uns entgegen, wie schwere Perlen hängen Nebeltropfen an ihren Kalpaks, den hohen weißen Filzhüten der Kirgisen. Auf fernen Hängen sehen wir Pferdeherden und galoppierende Reiter.

Tausende von Kilometern hinter uns und mit jedem neuen Bild in meinem Kopf schrumpelt das moderne Europa wie ein aufgeblasener Ballon, dem die Puste ausgeht.

Zauber der Ankunft! Gleich jenseits des Passes scheint strahlend die Sonne, vor uns liegt die Steppe, in der Ferne schimmert milchig-blau der See, vier Jurten, wie weiße Maulwurfshügel im harten Steppengras verstreut. Dem Himmel so nahe, daß jeder Ton klingend über die Ebene getragen wird, von Halm zu Halm, vom See zu den Bergen und von den Bergen direkt in die Wolken. So scheint es.

Sarylbeck, der Dichter, und seine Familie empfangen uns aufgereiht. Ruhig und stolz blicken sie uns entgegen, mit dunklen Augen in rotwangigen Gesichtern. Sarylbeck und Sarschenbek mit ihren weißen Kalpaks, Ajgul und Nazgul mit ihren roten Kleidern, die lachenden Kinder. Fast sind sie zu schön, um Wirklichkeit zu sein.

Seit Jahren verbringen sie ihre Sommer auf diesem Stück Land. Das war so, als die Sowjets regierten, und das ist so geblieben, als die alte Hauptstadt Frunse nach der Unabhängigkeit Kirgisiens Bishkek genannt wurde. Seitdem ist alles jedoch viel schwieriger, die Preise gestiegen, der Lebensstandard nicht viel höher als der afrikanischer Länder. Nicht einmal Sarylbeck, der Nomade, kann die Jurten noch sein Eigentum nennen. Geleast sind sie,
samt dem Land, dem singenden Steppengras, auf dem sie stehen. Das Geld, um sie zu
kaufen, hat Sarylbeck nicht. Und Jurten selber machen? Das können unter den Nomaden nur noch wenige. Seit zwei Sommern nimmt Sarylbeck also Touristen auf. Und warum sollten sie ihre Gastfreundschaft nicht gegen Geld verkaufen, wo doch professionelle Reiseanbieter längst den touristischen Reiz des Jurtenurlaubs erkannt haben und „falsche“ Nomadenidylle anbieten.

Ehre und Freundschaft

Geld hin oder her, die Tradition muß gewahrt bleiben, und so werden wir zunächst wortreich und lyrisch verschnörkelt begrüßt. Staunend vernehmen wir die Rede über Willkommen und Ehre, Gastfreundschaft und Völkerverständigung. Schön ist das. Und komisch, vor allem deshalb, weil hinter Sarylbecks Rücken die Kinder kichernd die Hände vor den Mund pressen.
Zum Empfang gibt es Kymyz, das ist sauer-vergorene alkoholische Stutenmilch, deren Inhaltsstoffen die Kirgisen heilende Wirkung für Magenprobleme zuschreiben. Uns schmerzt schon nach einer Schale der Schädel und wird es auch weitere Tage tun. Ablehnen, zieren ist nicht, zumal selbst die kleine Sejil das Zeug kippt, und danach noch immer gerade aus den Augen blickt. Zur Ausnüchterung gibt es frisches Brot und Plow, das kirgisische Nationalgericht aus Reis und Hammelbraten. „Mögen es glückliche Tage werden“, sagt Sarylbeck. Dann ist es auch schon dunkel. Im Schein der Sterne finden wir zu unserer Jurte, im Schein der Taschenlampe in die Schlafsäcke. Nachts käut und rülpst ein Pferd neben meinem Ohr. Mäuse mümmeln geräuschvoll an unseren Rucksäcken.

Vom Nomadenleben zu träumen, ist das eine. Es zu leben, das andere. Der nächste Morgen und auch alle anderen machen uns ein ungewohntes Geschenk: Zeit. Die Zeit wiederum nähert sich uns mit der scheuen Frage, wie wir sie zu füllen gedenken. So ganz ohne Verpflichtungen. Ganz ohne Ablenkung, ganz ohne Pläne. Was tun, wenn die Schönheit der Gipfel und des Morgenaufgangs bewundert, das Frühstück verzehrt, die Zähne geputzt sind? Können wir so schnell wieder lernen, um des bloßen Lebens willen zu leben?. Der Sonne, des Mondes und des Hungers willen?

Unseren Gastgebern bleibt für philosophische Gedanken dieser Art keine Zeit. Jeder Tag ist eine lange Folge von Arbeiten: Alle drei Stunden werden die Stuten gemolken, am Nachmittag noch zusätzlich die Kühe. Muratbeck und Maratbeck sammeln Dung und schichten ihn zum Trocknen auf Haufen. Ajgul hackt den Dung klein, Nazgul heizt den Ofen ein. Die Mädchen kneten den Teig für das Brot, tragen Geschirr auf und ab, schälen Kartoffeln und schneiden das hier oben kostbare Gemüse in hauchfeine Streifen. Am Nachmittag winkt Ajgul uns in das kleine Zelt neben der Jurte, wo die Küchengeräte verstaut werden. Mit einer primitiven Handmaschine zentrifugiert sie die Milch, bis dicker Rahm auf der einen, Wasser auf der anderen Seite herausfließt. Dann taucht sie dicke Scheiben warmen Brots in den Rahm und reicht sie uns.

Wilde Reiter am Mittag

Reiten und reden, Halfter flicken und Sättel schmieren ist dagegen Männersache. Das Hüten der Tiere eigentlich auch, aber Sarylbeck hat gar keine riesigen Herden mehr, sondern nur noch eine Handvoll Viecher. Was er den ganzen Tag so treibt, bleibt uns verborgen. Zumindest ist er nie allein. Schon am Morgen tauchen Freunde und Verwandte am Horizont auf, nähern sich in gemächlichem Schritttempo und sind pünktlich zu Mittag da. Auf den Fersen hocken sie im Gras, legen die schweren Hirtenmäntel ab, spucken auf die Stiefel, bis der Steppenstaub davonläuft, trinken Tee und Kymyz, tauschen aus, was an Informationen aus dem Tal bis auf die Hochebene dringt. Die Mädchen sitzen schweigend daneben und schenken nach, noch bevor der letzte Schluck aus der Tasse getrunken ist. Erst wenn die Männer sich wieder auf die Pferde geschwungen haben und diesmal mit wildem Galopp davon stieben, essen die Kinder, was Väter, Onkel und Cousins übriggelassen haben.

Am Samstag ist Ruhetag. Trotzdem müssen die Tiere versorgt werden. Die Gäste auch. Die Kinder aber haben am Nachmittag frei. Nasijkat und ihre Schwestern hocken zusammen im Jurteneingang und singen. Dabei flechten sie kleine Herzen aus Wollfäden. Muratbeck und Maratbeck messen ihre Kräfte beim Ringkampf zu Pferde. Dann müssen wir in die Sättel. Die Jungen klettern hinter uns auf den blanken Rücken und treiben die Tiere an. Schneller als wir mögen und können, fliegen die kleinen Steppengäule über die Ebene, über die Hügel, preschen an Yakherden vorbei, und alle Versuche, sie zu bremsen, schlagen fehl. Nach einer Spanne, die wie Stunden anmutet, halten die Tiere wieder bei der Jurte an, zitternd steigen wir ab und staksen zur Freude der ganzen Familie den Rest des Tages o-beinig herum.

Jeder Tag beginnt, wenn die Sonne aufgeht und Muratbeck die Pferde mit lautem „tschu-tschu“ zusammentreibt. Donnernde Pferdehufe sind das erste Geräusch am Morgen. Fröstelnd waschen wir uns in der Dämmerung im kalten Fluß, spucken die Zahnpasta ins Steppengras und streichen die Haare ein wenig mit den Händen glatt.

Sorgenvolle Zeiten

Jeder Tag endet, wenn die Sterne blinken. Die Kerzen werden nur sparsam eingesetzt. Zu jeder Mahlzeit gibt es frisches Brot und Rahm. Die Geborgenheit der ewigen Wiederholung hat uns schnell eingelullt. Vor dem naiven Abgesang an die Seßhaftigkeit bewahrt uns ein Blick in die verbrauchten Gesichter der Frauen. Sind sie glücklich? Eine Antwort darauf werden wir nicht kriegen. Nur Sarylbeck redet und teilt seine Sorgen darüber mit, der letzte seiner Art zu sein. Wer will schon noch so leben, fragt er mehr sich selbst als uns.

„Seit Jahrtausenden ziehen die Kirgisen über die Weiden des Tien-Shan. Seit Jahrtausenden waren wir eine große Familie, eine Gemeinschaft in guten und schlechten Tagen. Jetzt aber dauert es keine zehn Jahre mehr, dann wird es keine Nomaden mehr geben.“

Am Dienstag wird die Steppenstille empfindlich gestört. Motoren heulen. Seit Monaten steht Sarylbecks weißer Wolga neben der Jurte und bewegt sich nicht. Mit dem letzten Tropfen Benzin hat er ihn zur Sommerweide gefahren. Heute ist deshalb vom Son-Kul-See der Fischer Dscholdubai gekommen, der vor der Unabhängigkeit Kirgisiens als Automechaniker in einer Kolchose gearbeitet hat. Nun stehen sie alle, die Männer, die Kinder und in sehr respektvoller Entfernung auch die Frauen um den Wolga und schauen gebannt, wie erst das Benzin und dann das Öl einfließt. Mit Erfolg. Mit quietschenden Reifen brettern die Männer durch das Gras. Nach einer Stunde ist die Herrlichkeit vorbei. Kein Kunstgriff bringt den Motor erneut zum Starten.

Ein Auto muß kommen

Am Mittwoch will Sarylbeck zum Basar in Sary Bulak. Schon beim Frühstück ist er ganz aufgeregt, mehrmals zählt er die schmutzigen Geldscheine. Einen großen Stapel hat er, und doch ergibt die Summe nicht mehr als ein paar wenige Euro. Vielleicht, brabbelt Sarybeck vor sich hin, reicht es trotzdem für Fleisch und Nüsse für die Kinder. Mehl, haben die Frauen ihm aufgetragen, soll er mitbringen, und Hefe, Karotten, Wolle. Je länger sie nachdenken, desto länger wird die Liste, bis Sarylbeck unwillig knurrt.

Weil der Wolga den Dienst versagt, muß ein anderes Auto kommen. Gleich nach dem Frühstück holt Sarylbeck also sein Fernglas, tritt vor die Jurte und blickt die ganze Straße bis zum Son-Kul-See entlang. Heute sieht es zunächst schlecht aus. Es regnet, erst ein wenig, dann immer schlimmer. Sarylbeck zieht nervös an seiner Zigarette. Doch er hat Glück. Ein israelisches Ehepaar auf Rundreise durch Kirgisien kommt überraschend an, will hier übernachten, und der Fahrer erklärt sich bereit, Sarylbeck mit ins Tal zu nehmen. Allerdings will er sofort wieder aufbrechen. Sarylbeck ist es recht, schließlich will er nicht nur auf den Basar, sondern auch die Verwandten besuchen, um mit ihnen von dem frischen Kymyz zu trinken, den er als Gastgeschenk mitgebracht hat. „Auf deine glückliche Ankunft“ werden die sagen. „Möge Euch ein langes Leben beschieden sein“, wird Sarylbeck antworten. „Mögest du gesegnet sein.“ Während Sarylbeck dem Paß entgegentuckert, hüpfen wir mit den Steppenmäusen um die Wette und gegen die Kälte an. Zehn Meter hin, zehn zurück. Eben noch waren See und Straße gut zu sehen, standen die Gipfel des Himmelsgebirges klar und scharfzackig, nun sind sie hinter den Wolken verschwunden und grauer Dunst liegt über der Steppe. Die ganze Welt scheint versunken, nur die Jurten blitzen weiß durch die graue Nebelwand. Die Kinder betrachten uns staunend. Trotz ihrer dünnen Pullover frieren sie nicht, wir aber klappern mit den Zähnen. Der Regen fällt wie eine Wand, tränkt die Klamotten. Nyskyl ruft uns kopfschüttelnd in die Küchenjurte, wo die einzige Wärmequelle steht, Kolomto genannt: ein bollernder Ofen, dessen selbstgebasteltes Rohr den Tündük durchsticht, eine Öffnung im Jurtendach.

Die Jungen haben Fische gefangen, die nun frisch frittiert auf Zeitungspapier auf dem Tisch ausgebreitet sind. Flink stellen die Mädchen Tee und Brot dazu, und bald ist uns wieder warm. Als alle Fische verzehrt sind, malt Nazgul ein Bild. Eine Steppe mit Jurten. Wir malen eine deutsche Neubausiedlung. Muratbeck glaubt, wir wollten ihn verschaukeln, und alle Beteuerungen, so sehe es bei uns tatsächlich aus, nützen nichts. So, sagt er, baut doch kein vernünftiger Mensch Häuser. Wie recht er hat.

Glück im Regen

Weil der Regen nicht aufhört, das Papier aber schon alle ist, verlegen wir uns aufs Singen. Erst singen die Kinder kirgisische Weisen, dann das Titellied aus Titanic. Auf kirgisisch. Wir kontern mit der englischen Version. Kichern ohne Ende, dann ein kirgisisch-deutscher Kanon von Bruder Jakob. Riesige Tropfen prasseln aufs Dach, Sejil kuschelt sich an. Es riecht nach nassem Filz und warmem Brot. Nach Geborgenheit. Nach Glück. Schließlich aber kommt die Sonne doch wieder durch. „Tschu, tschu“, lacht Muratbeck, und zieht uns nach draußen zu einer weiteren Runde halsbrecherischer Reiterspiele.

Die Nacht bringt Wasserfälle vom Himmel. „Plopp“ macht der Regen auf unseren Schlafsäcken. Im Schein der Taschenlampe entdecken wir winzige Löcher im Filz. Wir verrücken unsere Schlafsäcke so lange, bis das „Plopp“ aufhört. Es wird eine klamme Nacht. Beim Frühstück tröpfelt uns das Regenwasser in den Tee, auf das Brot. Soviel Regen, sagt Nysgul, haben wir schon seit Jahren nicht gehabt.

Der nächste Nachmittag bringt den Abschied. Sarylbeck kommt mit unserem Fahrer aus dem Dorf zurück. Weiß der Teufel, wie er den abgepaßt hat. Die Kinder reiten dem Auto entgegen, und tatsächlich hat Sarylbeck die Taschen voll mit Nüssen und Schokoladenbonbons. Doch keine Chance, der Wagen kann den Fluß nicht überqueren, um uns und unsere Sachen zu holen. Aus unserer lauen Badewanne ist nach zwei Regentagen ein reißendes Gewässer geworden.

Ein letzter Wodka

Muratbeck und Maratbeck behängen sich und die Pferde von oben bis unten mit unserem Gepäck. Vorsichtig, ein Schritt nach dem anderen tapsen die Tiere durch das Wasser, bis zum Bauch versinken sie, für eine bange Sekunde sehen wir die Kinder und unsere Taschen davon schwimmen, aber dann tauchen sie am anderen Ufer wieder auf. Noch aber läßt Sarylbeck uns nicht gehen. Nicht ohne eine letzte Schale Kymyz, einen letzten Wodka, eine letzte Zigarette. Nicht ohne gelbe Steppenblumen, die er und Saschenbek im strömenden Regen gepflückt haben. Nicht ohne die Beteuerung, wir seien Freunde geworden, ja, ein Teil der Familie. „Kommt wieder“ sagt er. Und: „Unsere Gedanken werden Euch begleiten.“

Noch einmal müssen die Pferde durch den Fluß. Mit uns und den Jungen. Zum Abschied gibt es Wangenküßchen von regennassen Kindermündern. Während der Wagen stotternd die Paßstraße hinauf ächzt, werden die triefenden Punkte kleiner und unsere Herzen schwerer. So recht mögen wir nicht zurück in die Zivilisation.

In der Nacht nach meiner Rückkehr schaue ich in den Himmel und warte, bis eine Sternschnuppe fällt. Hätte ich drei Wünsche frei, ich wünschte mir Kymyz, eine Jurte und die gewaltigen Gipfel der Himmlischen Berge.

GUS Reise

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