Klosterschätze auf dem grünen Hügel in EssenTIBET-AUSSTELLUNG

Klosterschätze auf dem grünen Hügel in Essen

Klosterschätze auf dem grünen Hügel in Essen

Tibet wie es kaum jemand im Westen kennt. Eine grandiose Ausstellung zeigt 150 Exponate aus dem Land des Buddhismus und seiner Klöster, die noch nie zuvor außerhalb Tibets gezeigt werden durften. Es ist die erste Großausstellung dieser Art in Europa.

Von Eberhart Wagenknecht

I n Tibet ist vieles im Wandel. Tibetische Nomaden, die mit ihren Tieren durch die Hochlandsteppen ziehen, sind vor allem noch Touristenattraktion – weniger ein Wirtschaftsfaktor. Lange war alles, was in Tibet überliefert wurde, ausschließlich eine Angelegenheit der Klöster. Seit gut einem Jahrzehnt existiert nun auch eine nichtreligiöse Erzählliteratur im Land der Mönche und Lamas, als welches Tibet im Westen noch immer gilt. Die meisten Tibeter halten zwar auch heute noch nicht viel von Bildung, die sie außerhalb ihrer Klöster bekommen, aber den besten Unterricht vermitteln tibetischen Kindern inzwischen Grundschulen in tibetischer und chinesischer Sprache.

In den Klöstern, die bis hinauf in Höhen von über 4.000 Metern auf den Felsen des Himalayas thronen oder an ihnen kleben, befinden sich trotz allen Wandels noch immer – wie seit Jahrhunderten - die Wurzeln jeglicher tibetischer Kultur und Kunst. Sie ist zutiefst buddhistisch geprägt. Auch in unseren Tagen noch – trotz der Eroberung durch China und seiner politischen Einvernahme durch das Reich der Mitte. 3.000 Klöster sollen der chinesischen Kulturrevolution in Tibet zum Opfer gefallen sein, niedergebrannt, dem Erdboden gleichgemacht, mit ihren unermesslichen Schätzen und Reichtümern an Schriften und sakraler Kunst. Nur wenige der Klosteranlagen wurden verschont – so zum Beispiel Tashi Lhumpo am Westrand von Xigatse, der zweitgrößten chinesischen Stadt nach Lhasa. Hier steht seit Jahrhunderten die eindrucksvollste Buddha-Statue des Landes, 26 Meter hoch und mit 280 Kilogramm Gold überzogen.

Copyright: Administrative Bureau of Cultural Relics, Tibet Autonomous Region, China.

Solche Skulpturen aus vergangenen Jahrhunderten, dazu Wandgemälde und uralte Kultgegenstände haben westliche Touristen vor Augen, wenn sie an Tibet denken. Außerhalb Tibets bekam man bislang so gut wie nichts von diesen kulturellen Reichtümern zu sehen. Nun gibt es eine erste Großausstellung tibetischer Kunst in der Essener Villa Hügel, die sich einst die Krupps als Domizil errichteten. Gut sieben Jahrzehnte lang hatte es drei Generationen der Industriellen-Familie gleichzeitig als Wohnhaus und Repräsentationsgebäude gedient. Seit 1953 finden hier regelmäßig große Kunstausstellungen von internationalem Rang statt.

Vom 19. August und bis zum 26. November ist die Schau über Tibet und seine unbekannten Klosterschätze zu sehen. Ausgestellt wird eine Vielzahl von bis zu 1500 Jahre alten, religiösen Kunstwerken aus den Schatzkammern tibetischer Klöster, die größtenteils das Land noch nie zuvor verlassen haben und nun in dieser ersten großen Ausstellung in Europa gezeigt werden.

Zeugnisse tibetischer Identität aus 1500 Jahren

Gezeigt werden rund 150 Exponate aus dem kulturellen Erbe des tibetischen Volkes. Es sind  Skulpturen, Gemälde und auch Altargerät. In den Ausstellungsstücken zeigt sich die stilistische Bandbreite der Kunst in Tibet, und sie geben Einblick in die buddhistische Kultur der Tibeter. Der Buddhismus ist die Grundlage tibetischer Identität. Alles, was das tibetische Kunsthandwerk hervorgebracht hat, wurde immer von der buddhistischen Grundhaltung zutiefst geprägt.

In einer Mitteilung zur Tibetschau heißt es: „Die Kunstwerke, die zwischen dem 5. und dem frühen 20. Jahrhundert von meist anonym gebliebenen Künstlern geschaffen wurden, dienen auch heute noch in den Klöstern Tibets als Kultobjekte und werden von Laien und Klerus gleichermaßen verehrt. Damit präsentiert die Ausstellung nicht nur Kunstschätze von Wert und Schönheit, sondern auch das kulturelle und geistige Gut eines selbstbewussten Volkes.“

Eine Skulpturengruppe aus dem frühen 16. Jahrhundert bildet einen der Höhepunkte der Essener Tibet-Ausstellung. Die Lebendigkeit und Vollkommenheit aus zehn annähernd lebensgroßen Figuren ist höchst beeindruckend. Es handelt sich dabei um Porträts von Meistern der Sakya-Schule.

Bewundernswert ist der Reichtum an edlen Materialien, mit der die tibetische Kunst gefertigt ist: Perlen, Edelsteine, kostbare Stoffe und Gold im Überfluss. Das Kunsthandwerk des Landes versetzt in Erstaunen. Da ist zum Beispiel der Tausendarmige Avalokiteshvarat aus feuervergoldetem Kupfer mit seinen einzeln gearbeiteten Händen an tatsächlichen tausend Armen.

Weitere Glanzpunkte sind ein außergewöhnlich gut erhaltenes indisches illuminierte Manuskript aus dem 11. Jahrhundert, sowie die kunstvoll gemalten, gestickten oder gewebten Rollbilder, die sogenannten Thangkas.

„Ein weltentrücktes Land, in dem die Menschen allein nach spiritueller Weisheit streben.„

Tibet und der tibetische Buddhismus hätten in Europa bis heute nichts von ihrer nun schon seit Jahrhunderten währenden Faszination eingebüßt, die zur Zeit der Aufklärung ihren Ursprung habe, schreibt Karénina Kollmar-Paulenz in „Kleine Geschichte Tibets“. In dem 2006 erschienenen Taschenbuch der „Beckschen Reihe“ heißt es: „Tibet, das Land auf dem ‚Dach der Welt’, ist seit den achtziger Jahren vielen Reisenden zugänglich geworden und trotzdem haben Mythen, die unsere Wahrnehmung des Landes bestimmen, diese realen Begegnungen überdauert.“ Für viele Menschen sei das traditionelle, vorchinesische Tibet von 1950 immer noch „ein weltentrücktes Land, in dem die Menschen allein nach spiritueller Weisheit streben und ein bemerkenswertes Desinteresse an den materiellen Errungenschaften der modernen Zivilisation zeigen“, schreibt die Religionswissenschaftlerin der Universität Bern. „Der Name ‚Tibet’ steht hier als Chiffre für Spiritualität, Friedfertigkeit und ein Leben im Einklang mit der Natur.“

Auch wenn das reale Tibet von heute selbst auf dem Land längst noch andere Züge aufweist (Siehe EM 05-06 „Nomaden Ohne Weide“), so wird im Westen allein das alte, das „authentische“ Tibet geliebt. Buddha und die ihm dienenden Götter sind Inbegriff dieses Tibets und in der Ausstellung allgegenwärtig. Zu sehen ist neben Avalokiteshvara, der Schutzgottheit des Landes, auch Yama, der Todesgott mit dem Büffelkopf, tanzend auf einem Stier. Daneben die Grüne Tara, Beschützerin aller Lebewesen. Die Göttergestalten sind umgeben von den Lehrern – im Buddhismus heißen sie „Lamas“ - und von berühmten Meistern, die einst die Schulen des Buddhismus oder die Klöster gegründet haben.

50.000 Besucher in fünf Wochen

In vierjähriger Arbeit hat das Ausstellungsteam um die in Berlin lehrende Kunsthistorikerin Jeong-hee Lee-Kalisch mehrfach Tibet bereist, um eine Auswahl von 150 Ausstellungsstücken für Essen zusammenzutragen. Sie ergeben ein überwältigendes Bild vom tibetischen Klosterleben.

Im Hirmer-Verlag ist ein über vier Kilo schwerer Katalog erschienen, verfasst von einem Team renommierter Tibetologen. In der Ausstellung kostet er 30 Euro. Seine Fülle und Anschaulichkeit ist das Beste, was bislang zum tibetischen Buddhismus, seinen verschiedenen Schulen und den Klöstern des Landes ausgebreitet und vermittelt wird.

Die anhaltende Faszination Tibets und seiner buddhistischen Kunst ist an den Besucherzahlen in der Essener Villa Hügel abzulesen. Nach fünf Wochen wurde bereits die 50.000er-Marke überschritten. Pro Woche bedeutet dies im Schnitt 10.000 Besucher. Neben einer Vielzahl kunstinteressierter Gäste werden auch immer wieder buddhistische Gläubige gesichtet, die den Exponaten durch Verneigung oder eine kurze Andacht ihre Ehrerbietung erweisen. Im übrigen haben sich auch schon Zehntausende Tibetinteressierte auf der Netzseite der Ausstellung eingefunden, um sich zu informieren. Dort sind 250 Abbildungen zu sehen und ein Teil der Exponate wird auch ausführlich besprochen.

Die Tibet-Schau ist bis zum 26. November täglich von 10 bis 19 Uhr, dienstags und freitags bis 21 Uhr geöffnet. Im Anschluss soll sie – von Februar bis April 2007 - im Berliner Ostasiatischen Museum gezeigt werden.

Eine Reihe von Informationen zum großen Thema Tibet finden Sie im Eurasischen Magazin: EM 05-06 „Nomaden Ohne Weide“, EM 04-05 „Roter Mohn“, EM  04-04 „Eindrücke aus Tibet – was bleibt ist die Sehnsucht“, EM 07-02 „Tibetisches Totenbuch“, EM 05-02 „Eurasien – Kontinent der Religionen“.

Literatur: „Kleine Geschichte Tibets“ von Karénina Kollmar-Paulenz, C.H. Beck Verlag, München 2006, 215 S. mit ausführlichem Glossar, Personen- , Orts- und Sachregister, 12,90 Euro, ISBN: 3-40654-100-3.

Infos auf der Netzseite der Ausstellung: http://www.villahuegel.de/

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