„Konfuzius im Management – Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert“ von Werner SchwanfelderGELESEN

„Konfuzius im Management – Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert“ von Werner Schwanfelder

In den 1980er Jahren veranstalteten amerikanische Hochschulen „Machiavelli-Seminare“, um die Absolventen auf Erfolg zu trimmen, angehenden Managern die Strukturen der Macht im Wirtschaftsleben zu lehren und ihnen beizubringen, wie man andere manipulieren und beherrschen kann. Inzwischen ist mit der Heraufkunft Chinas als Weltmacht ein neue Lehre in den Blickpunkt von Wirtschaftsführern gerückt: die des Konfuzianismus. Den weisen Lehrer Konfuzius empfiehlt zum Beispiel der Siemens-Manager Werner Schwanfelder in seinem neuen Buch als Berater und Lehrmeister.

Von Johann von Arnsberg

„Konfuzius im Management – Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert“ von Werner Schwanfelder  
„Konfuzius im Management – Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert“ von Werner Schwanfelder  

D er Campus Verlag weist darauf hin, dass im modernen China mit seiner stark wachsenden Wirtschaft der große Philosoph Konfuzius seit einigen Jahren ein beeindruckendes Comeback erlebe. Viele erfolgreiche Manager in China würden die positiven Ergebnisse ihrer Arbeit den Grundsätzen zuschreiben, die auf die Lehren des alten Meisters zurückgehen. Sie hätten erkannt, dass es beim Management auf gewisse Grundhaltungen ankomme, auf innere, menschliche Qualitäten. Davon ausgehend lege Werner Schwanfelder dem westlichen „Leader“ nahe, von Konfuzius zu lernen - um siegen zu lernen, sozusagen.

Der Autor bekleidet die Position „Leiter Einkauf“ bei der Siemens AG Division Transportation Systems in Erlangen. In dieser Funktion ist er zuständig für die Einkaufsabteilungen an den Standorten Krefeld, Erlangen, Wien, Beijing, Shanghai und Sacramento. Am Schluss seines Buches schreibt er: „Ich habe dieses Buch Konfuzius gewidmet und dabei natürlich auch etwas nach China geschielt. Wie wirkt Konfuzius in China? Leider kann ich nur feststellen, dass in vielen chinesischen Unternehmen die Lehren von Konfuzius gar nicht berücksichtigt werden. Eher herrscht Wildweststimmung vor. China gibt sich zurzeit kapitalistischer als die Herkunftsländer des Kapitalismus.“ – Was nun? Damit stellt Werner Schwanfelder glatt in Abrede, dass es Konfuzius mit seinen Lehren ist, der China zum aufstrebenden Wirtschaftswunderland macht.

Konfuzius war leidlich erfolgreicher Manager – mit seiner Ordnungsphilosophie ist er in seiner Zeit gescheitert

Vielleicht kommt die Zeit des großen Lehrers Konfuzius ja erst noch. Schon ein Jahrzehnt und länger mutmaßen nachdenkliche Köpfe, die Epoche des draufgängerischen Einzelgängers im Management gehe zu Ende. So verkündete Hans Lutz Merkle, Aufsichtsratsvorsitzender und Gesellschafter der Robert Bosch AG in den 1980er Jahren - Gottvater, wie er im Konzern ehrfürchtig genannt wurde -  „dass es in der Unternehmensführung nicht darum geht, einen Willen durchzusetzen, sondern eine gemeinsame Willensanstrengung hervorzurufen.“

Kann nun Konfuzius heutigen Managern auf diesem Weg behilflich sein? Der vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren in Qufu im Südwesten der Provinz Shandong geborene Chinese stammte aus ärmlichen Verhältnissen und war lange „ein unscheinbarer Wanderprediger“, wie Schwanfelder schreibt. Er war „einer unter vielen, als sich damals überall in China neue philosophische und politische Strömungen herauskristallisierten.“ Konfuzius sei auf der Suche nach dem „idealen Herrscher“ gewesen, dem er mit Fleiß habe dienen wollen. Gefunden habe er ihn nicht und so sei er enttäuscht in seine Heimat zurückgekehrt. Die Lehrsätze und philosophischen Gedanken, die man ihm zumisst, hätten Jahrhunderte später Schüler niedergeschrieben, also geistige Enkel des einstigen Wanderpredigers.  Aus diesen Schriften resultiere der Konfuzianismus, der in China und ganz Asien tiefe Spuren hinterlassen habe.

Der Historiograf des Konfuzius, Sima Qina, berichtet laut Autor Schwanfelder, der junge Mann habe „bescheidene Verwaltungsstellen“ bekleidet. Er sei „Aufseher über die Getreidespeicher“ eines Bezirks im ehemaligen Staat Lu gewesen. 13 Jahre sei er durch verschiedene Staaten des damaligen Chinas gewandert, immer auf der vergeblichen Suche nach einem Herrscher, der bereit gewesen wäre, seine Vorstellungen einer Ordnungspolitik umzusetzen. Konfuzius habe immer mehr unter dem „Gefühl seiner Erfolglosigkeit“ gelitten und sich schließlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Der Autor stellt die Frage, ob Konfuzius ein guter Ratgeber für heutige Manager sein könnte. „Wäre er“, so fragt Schwanfelder, „wenn er heute lebte, der ideale Coach? Und da er heute nicht mehr lebt: Können seine Philosophie, seine Gedanken uns helfen, sozusagen einen Coaching-Ersatz bieten?“

Zu seinen Lebzeiten habe er zwar Herrscher und Regierungen beraten, schreibt der Autor, er sei darin aber „gelinde gesagt nicht gerade erfolgreich gewesen.“ In späteren Jahrhunderten hätten aber seine Gedanken „vielen Menschen und Regierungen als kompetenter Rat gegolten.“

Aus dem Baukasten des Beraters Konfuzius

Anhand von Lehrsätzen des großen Meisters, übertragen in eine heutige Terminologie, versucht Schwanfelder zu demonstrieren, welche Art von Rat er dem modernen Manager durch Konfuzius zuteil werden lassen möchte. Lehrsatz 1: „Ohne Vertrauen der Mitarbeiter ist keine erfolgreiche Führung möglich.“ Lehrsatz 2: „Der Führer passt sein Kommunikationsverhalten der Situation an.“ Lehrsatz 3: „Der Führer muss von edler Gesinnung sein. Er ist würdevoll, menschlich und weise.“

88 solcher Lehrsätze zitiert der Autor und erläutert, wie sie seiner Ansicht nach zu verstehen sind. Lehrsatz 4 lautet: „Zukunftsweisende Führung baut auf den Erfahrungen der Vergangenheit auf.“ Lehrsatz 5: „Auch Krisenzeiten dürfen den Manager nicht in Verzweiflung und Angst treiben. In solchen Situationen werden sich nur die weisen Manager bewähren.“ Lehrsatz 66 fordert: „Der Manager braucht für seine Arbeit Einfühlungsvermögen. Er muss seine Mitarbeiter verstehen, um sie zielorientiert führen zu können.“ Und schließlich der 88. Lehrsatz: „Mitarbeiter, die in einem Unternehmen beginnen, müssen lernen. Sie müssen lernen, das Lernen zu lieben. Die Vorgesetzten müssen mit gutem Beispiel vorangehen.“

Allmählich beschleicht den Leser das Gefühl, dass das Management im heutigen China keineswegs allein auf der Grundlage solcher Grundsätze erfolgreich wirtschaftet. Nicht umsonst zitiert ja  auch Schwanfelder die „Wildweststimmung“ im Reich der Mitte. Und sein Freund, von dem er im Vorwort berichtet, er sei „Chief Exekutive Officer“ (CEO) in der Filiale einer deutschen Fahrradfabrik, und habe den Konfuzianismus in seiner Arbeit verinnerlicht?  - Von ihm erfährt man am Ende, er sei unter all den Ellenbogen-Chinesen in Wahrheit „ein einsamer Kämpfer.“ Und dass er bestehen könne, erklärt Schwanfelder mit frappierender Offenheit: „Er hat es leicht, er ist ja auch bei einem deutschen Unternehmen angestellt.“
Rezension zu: „Konfuzius im Management – Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert“, von Werner Schwanfelder, Campus Verlag, Frankfurt 2006, 244 S., 19,90 Euro, ISBN 3-593-37960-0.

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Lesen Sie dazu auch EM 09-05, Interview mit dem China-Experten Professor Lothar Ledderose,  Balzan-Preisträger 2005: „Chinas Zeichenschrift formt ein überlegenes Denken.“

Asien Religion Rezension

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