Korruption in der scheidenden Epoche des SultanatsTÜRKEI

Korruption in der scheidenden Epoche des Sultanats

Der letzte wirklich machtvolle Sultan des Osmanischen Reiches war Abdülhamid II. Er herrschte von 1876-1908. In seiner Ära war der Ämterkauf institutionalisiert. Mit Hilfe dieser Praxis versuchte der Staat die Einnahmen zu erhöhen. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass auch die heutige Türkei in der globalen Korruptionsskala der „Transparency International“ ziemlich weit hinten rangiert. Unter den 158 überprüften Ländern belegte sie im Jahre 2005 Platz 65. Den Untersuchungen zufolge ist auch heute noch die Rüstungsindustrie einer der korruptesten Bereiche überhaupt.

Von Fahri Türk

  Sultan Abdülhamid II.
  Abdülhamid II. wurde am 21. September 1842 in Istanbul geboren und ist am 10. Februar 1918 dort auch gestorben. Er war vom 31. August 1876 bis zum 27. April 1909 Sultan des Osmanischen Reiches. In seine Amtszeit fielen eine Reihe von Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen, die schließlich das Ende des schon vom Niedergang gezeichneten Osmanischen Reiches beschleunigten: Aufstände in Bosnien und der Herzegowina, ein Krieg mit Serbien und Montenegro, Anfang 1877 der verheerende Krieg mit Russland. Im darauf folgenden Frieden von San Stefano wurden den Osmanen äußerst harte Bedingungen aufgezwungen.

Abdülhamid II. lehnte es ab, Reformen in seinem Staatswesen durchzuführen. Stattdessen suchte er nicht zuletzt zum Zwecke des Machterhalts ein freundschaftliches Bündnis mit dem Deutschen Reich. In die Amtszeit von Abdülhamid II. fällt der der Bau der Bagdadbahn, einem Wunschtraum von Kaiser Wilhelm II. Sie wurde mit deutscher Hilfe ab 1888 erbaut und in den 40er Jahren fuhren tatsächlich die ersten Züge von Istanbul bis nach Bagdad.

1908 kam es zu einer Revolte von Truppen, die angeführt wurden von „jungtürkischen“ Offizieren. Höhepunkt war ein Marsch auf die Hauptstadt Istanbul. Am 23. Juli 1908 kapitulierte Abdülhamid II. Am 27. April 1909 wurde dann sein jüngerer Bruder und Thronfolger Reshid Effendi als neuer Sultan Mehmed V. ausgerufen.

Den endgültigen Zusammenbruch nach der Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite Deutschlands im Ersten Weltkrieg und den Sturz der Sultans-Dynastie in den Jahren 1922/24 erlebte Abdülhamid II  nicht mehr. Er starb Anfang 1918, einige Monate vor der Kapitulation.
Abdülhamid II.  
Abdülhamid II.  

D a in der türkischen Gesellschaft kein Adelstand existierte, konnten Ehrenämter zu Zeiten der Sultane nicht durch vornehme Herkunft, Würde und durch Verdienste um das Vaterland erworben werden. Man hat sie einfach gekauft, oder sie wurden durch die persönliche Gunst des Sultans, des Wesirs oder des Paschas vergeben. Das betraf vor allem die Beamten- und Militärposten. Aus diesem Grund wurden die wichtigen militärischen Posten oft auch nicht durch kompetente Persönlichkeiten besetzt, sondern durch solche mit entsprechenden finanziellen Mitteln. Die Käufer der Posten versuchten damit ihren persönlichen Einfluss zu vergrößern. In dieser Situation waren der Korruption und der Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet.

Die Richtlinie „Ämterverkauf“ war eine Maßnahme des Reiches, mit deren Hilfe man die Staatseinnahmen erhöhen wollte. Diese Einnahmequelle sprudelte tatsächlich reichlich. Wer ein Amt kaufen wollte, musste die erforderliche Summe durch eine Bankanleihe mit einem hohen Zinssatz aufbringen. Nach der Zahlung der vorher festgesetzten Kaufsumme hatte der Staat denjenigen, der dieses Amt gekauft hatte, in den Provinzen in Ruhe gelassen, damit er durch die Ausbeutung der Bevölkerung seine Schulden begleichen konnte. Mit anderen Worten: Wer ein Amt kaufte, konnte seine Kreditraten in dieser Weise zurückzahlen und sich dabei ungestört bereichern.

Bestechungsgelder als Grundsicherung der türkischen Beamten

Im 19. Jahrhundert waren in diesem politischen System Bestechungsgelder in Form von Geschenken weit verbreitet. Wer ein Anliegen bei einer Behörde erledigen lassen wollte, musste dem zuständigen Beamten unbedingt ein Geschenk machen. Der Chef des Deutschen Generalstabs Helmut von Moltke weist in seinen Schriften auf diese Praxis hin, dass fast alle Beamten und Offiziere in der damaligen Türkei von Bestechungsgeldern gelebt hätten, die üblicherweise als Geschenk gegeben wurden. Der Staat habe die Gehälter nicht monatlich auszahlen können. Meist habe es nur an den Festtagen Abschläge gegeben.

Wegen des chronischen Geldmangels kam es damals zu zahllosen Meutereien im Heer und bei der Flotte. Dies war das einzige Mittel, um die Zahlung von Soldrückständen zu erzwingen. Reste von Jahresgehältern wurden den Offizieren gutgeschrieben, aber sehr selten beglichen. Aus diesem Grund wuchs das Guthaben türkischer Offiziere bei der Staatskasse ständig. Aus der Not heraus verkauften sie diese Forderungen dann an einen Wechsler und nahmen dabei einen hochprozentigen Abzug hin.

Rechtfertigung der Korruption auf höchster Ebene

Bei der Verbreitung der Korruption im türkischen Staatsapparat spielte die Haltung des Sultans zu diesem Thema eine entscheidende Rolle. In seinen Erinnerungen wies Abdülhamid darauf hin, dass man das Verhalten der türkischen Beamten mit dem der europäischen nicht vergleichen dürfe. Da die türkischen Beamten schlecht bezahlt wären, wären sie nicht in der Lage, von ihren Gehältern zu leben. Sie seien vielmehr gezwungen, ihre Gehälter  in Form von Bestechungsgeldern zu kompensieren.

Der Sultan rechtfertigt das System des Bestechungsgeldes, denn der Staat verfüge nicht über die Mittel, seine Diener regelmäßig zu entlohnen. Wenn die Familie eines Beamten  nichts zum Essen gehabt hätte, wäre dieser auf die Annahme von Bestechungsgeldern angewiesen, was  vollkommen natürlich und menschlich sei, so Abdülhamid. Seines Erachtens nach hätte sich jeder ausländische Beamte in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten wie der türkische.

Aus den Ausführungen des Sultans  kann man seine Hilflosigkeit eindeutig erkennen. Einerseits wusste er um die verheerenden wirtschaftlichen Folgen des Bestechungsgeldsystems für seinen Staat. Andererseits gab er jedoch seinen Beamten das Recht, Bestechungsgelder zu akzeptieren, um ihre Familien ernähren zu können.

Nach Ansicht von Abdülhamid war das Bestechungsgeldsystem dann zu tolerieren, wenn einfache, d. h. gering verdienende Beamte ihre Gehälter nicht rechtzeitig bekämen. Die Verwicklung der hohen Beamten in Bestechungsgeldaffären hielt er hingegen für nicht tolerierbar.

Das Vermögen des Staates verschwindet in den Taschen der korrupten Würdenträger

Die Überweisung des Geldes für den Bau einer Zweigbahn zwischen Bursa und Mudanya an die zuständige Behörde in Höhe von ungefähr 17.000.000 Türkischen Pfund war ein Paradebeispiel dafür, inwieweit die Korruption im türkischen Staatssystem verwurzelt war. Obwohl die türkische Reichsschatzkammer die ganze Summe an die Regionalbehörde überwiesen hatte, wurde nicht einmal ein Meter Bahn gebaut. Die gesamte Summe landete in den Taschen der korrupten Staatsbeamten. Der Bürgermeister von Bursa war einer der Hauptakteure in dieser Bestechungsgeldaffäre. Dass er sich so schamlos bereichert hatte, ging auch für Abdülhamid zu weit. Wegen des Protestes des französischen Botschafters Constans in dieser Angelegenheit entließ Abdülhamid schließlich den unwürdigen Staatsdiener, obwohl er von allen Seiten Unterstützung bekam.

Eine andere Korruptionsaffäre in der damaligen Zeit betraf den Bürgermeister von Beirut. In diesen Vorgang waren auch die Sicherheitschefs der Stadt verwickelt. Diese korrupten Beamten bekamen für die gesetzeswidrige Ausstellung von Personalausweisen für die jüdischen Einwanderer aus Osteuropa pro Person drei Türkische Pfund Bestechungsgeld. Der Schatzkammer des Staates fügten sie mit dieser Praxis Schäden in Millionenhöhe zu.

Moltke wies darauf hin, dass Mehmed Hüsrev Pascha, der Generalstabchef des türkischen Heeres um 1835, einer der korruptesten Beamten seiner Zeit gewesen war. Wer in Istanbul Geschäfte machen wollte, hätte erst Hüsrev bestechen müssen, denn ohne seine Zustimmung sei es ein Zustandekommen so gut wie ausgeschlossen gewesen. Nach Ansicht von Moltke hatte Hüsrev sehr viele Bestechungsgelder in bar genommen, um sich jeglicher Kontrolle zu entziehen.

Europäische Waffenfabriken passten sich an die korrupte Umgebung des Sultans an

Auch gegenüber dem Sultan selbst waren Bestechungsgelder an der Tagesordnung.  Wer eine Konzession für die Ausübung eines Geschäftes haben wollte, musste sein Anliegen zuerst einem der Kammerherren des Sultans vortragen. Dieser interessierte sich für das Anliegen aber erst dann, wenn ihm eine bedeutende Summe geboten wurde. Die Höhe des Bestechungsgeldes war für den Erfolg ausschlaggebend. Dies galt für alle Sultanatsbeamten, mit denen man zu tun hatte. In diesem Zusammenhang ist eindeutig zu erkennen, dass eine finanziell schwache Firma keine Chance für eine Geschäftsanbahnung in der Türkei  hatte.

Da Waffenfirmen die Verteilung von Bestechungsgeldern als ein Mittel zum Zweck in ihren Geschäften betrachteten, kam es immer wieder zu aufsehenerregenden Korruptionssaffären. Einem Bericht der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ zufolge wollten zwei Palastbeamte des Sultans von Huber Freres, dem Vertreter der Firma Krupp in Istanbul, Bestechungsgeld in Höhe von 8000 Türkischen Pfund (147.100% Mark) haben. Dafür sollten sie einen umfangreichen Lieferauftrag für die Firma Krupp bewirken. Schließlich hätten sie die Hälfte der versprochenen Summe erhalten.

Die Rolle von ausländischen Offizieren und Diplomaten

Es kam auch vor, dass versprochene Bestechungssummen in solchen Waffengeschäften letztlich doch nicht gezahlt wurden. In einem solchen Fall brachte ein ungarischer Staatsangehöriger die franzözische Firma Schneider-Creuzot vor Gericht. Er klagte auf Zahlung seiner Provision in Höhe von 140.000 Francs für das Zustandebringen eines Auftrages im Gesamtwert von 14.000.000 Francs. Im Gerichtsprozess hätte der Vertreter des Klägers eine Liste vorgelegt, auf der die Namen der Leute aufgeführt waren, die von dieser Firma Bestechungsgeld bekommen hätten. Dieser Liste zufolge sollte zum Beispiel auch der  französische Botschafter Constans 200.000 Francs Bestechungsgeld kassiert haben.

Der deutsche Offizier Kamphövener, der als Adjutant in den Diensten des Sultans Abdülhamid stand, sollte damals die Angebote der verschiedenen europäischen Waffenfabriken entgegennehmen und vergleichen. Deswegen versuchten die konkurrierenden Lieferanten ihn zu bestechen, um den Auftrag zu bekommen. Kamphövener enthüllt, dass der Vertreter der englischen Firma Armstrong versuchte, ihn mit Barem zur Einflussnahme zugunsten der englischen Rüstungsindustrie zu bewegen. Es gab aber auch Vorwürfe gegen Kamphövener. Schließlich mussten sich die deutschen Offiziere, unter anderem auch Paul Mauser, Inhaber der Waffenfabrik Mauser in Oberndorf, sogar vor dem Sultan rechtfertigen. Die Korruption wurde durch solche Maßnahmen jedoch zu keiner Zeit verhindert.

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