„Kracht es, dann ist es vorbei mit dem Leben“KIRGISIEN

„Kracht es, dann ist es vorbei mit dem Leben“

„Kracht es, dann ist es vorbei mit dem Leben“

Per Anhalter durch Zentralasien - ein Abenteuer der Extraklasse: im Lastwagen auf der Handelsroute der Nomaden von der kirgisischen Hauptstadt Bishkek bis nach China zu fahren.

Von Jan Balster

V aleri ist mittelgroß, kräftig gebaut, halb Russe, halb Usbeke, mit grauem Haar und festem Griff. Seit über 30 Jahren fährt er LKW. Zu Sowjetzeiten war er auf den langen Touren nach Westen unterwegs bis hinunter zur Wolga. Als Kirgisien 1991 unabhängig wurde, begann er sich mit kleinen Transporten zwischen der kirgisischen Hauptstadt Bishkek und dem chinesischen Kashgar an der alten Seidenstraße durchzuschlagen. Vor zwei Jahren hat er eine neue Route entdeckt, die westliche über Osch. „2002 hat der Erkeschta-Paß wieder geöffnet“, sagt er: „Die Route ist schwieriger, aber noch nicht so stark befahren.“

Wir haben uns in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek getroffen. Schnell hat uns Valeri aus der Metropole gelotst, wo er seine Tour beginnt. Sein Kamas rollt tadellos. Die hintere Sitzkabine ist vollgestopft mit Waren, die das tägliche Leben der Nomaden verlangt: Hosen, Jacken, Schuhe und leere Plastikflaschen. Ich sitze vorn in der Fahrerkabine. Ruhig ruckelt der russische Achtzylinder über die noch geteerte Straße zunächst nach Westen.

Grassteppe zwischen Osch und Gultscha  
Grassteppe zwischen Osch und Gultscha  
Auf der Straße zum Toktogul-Stausee  
Auf der Straße zum Toktogul-Stausee  
Am Toktogul  
Am Toktogul  

„Die Insel der Demokratie ist gescheitert“

Kirgisien gehört wahrscheinlich zu den am wenigsten besuchten Staaten unserer Erde. Für mich ein wichtiger Grund, eine Reise dorthin zu unternehmen, etwas über Land und Leute in dieser zentralasiatischen Republik zu erfahren. Was hat sich in dieser uns fernen Welt getan? Wie immer frage ich mich allerdings auch, ob ich die Menschen mit einer Anwesenheit wohl beglücke, nerve oder stresse? Werde ich in ihre Herzen vordringen? Fragen über Fragen die ich mir immer wieder stelle bei jeder Suche nach den letzten wirklich glücklichen Menschen. Bei meinen Reisen, dorthin wo nicht die Zeit vergeht, sondern die Menschen.

Da ich immer ohne Dolmetscher unterwegs bin, der Unabhängigkeit wegen, besuche ich ausschließlich Regionen, wo ich mich in der Landessprache unterhalten kann. Nur so – das ist meine Erfahrung – erreiche ich wirklich die Menschen und erfahre von ihrem Leben. Im zentralasiatischen Kirgisien ist  die wichtigste Verständigungsmöglichkeit das Russische. Aber von Vorteil sind auch Grundkenntnisse der kirgisischen und türkischen Sprache. Türkisch ist besonders bei den Uiguren nützlich, welche im Hochland von Kirgisien und in Nordwestchina bis Kashgar leben. Um Kontakt mit den Menschen zu bekommen, empfiehlt sich das Reisen mit dem Bus, zu Pferd oder zu Fuß. Ich habe es „per Anhalter“ bereist, war als Tramp unterwegs.

Auf diese lange Reise hatte ich mich vorbereitet durch intensive Studien der Kultur, der Menschen und der Geschichte Kirgisiens. Nachdem Rußland 1992 seine Zuwendungen eingestellt hatte und die wichtigsten Absatzmärkte in Kasachstan weggebrochen waren, fiel das Land Ende der 90-ziger Jahre auch noch beim Internationalen Währungsfonds in Ungnade. Als in den Sommern 1999 und 2000 die Überfälle der „Islamischen Bewegung“ eskalierten und sich die Spannungen zu Usbekistan verschärften, waren auch die  Zuwendungen dieser Organisation Geschichte geworden. Der Dienstleistungssektor, insbesondere der Tourismus war am Ende. „Die Insel der Demokratie ist gescheitert“, sagt Valeri.

Rast auf einer Anhöhe vor der Stadt Dzalal-Abad, die Berge im Hintergrund gehören bereits zu Usbekistan  
Rast auf einer Anhöhe vor der Stadt Dzalal-Abad, die Berge im Hintergrund gehören bereits zu Usbekistan  
Zwischen Sary-Tasch und dem Erkeschtam-Paß  
Zwischen Sary-Tasch und dem Erkeschtam-Paß  
Bei der Stadt Kara-Balta  
Bei der Stadt Kara-Balta  

Touristen als Devisenbringer für die Miliz

Vor uns wird ein Bus mit Touristen von der Miliz gestoppt und an den Straßenrand gewunken. „Das ist immer so“, meint Valeri: „da gibt es wieder etwas zu holen.“ „Vor allem Dollar“, antworte ich. Valeri bestätigt: „Ja, die meisten Kirgisen sind zu faul zum Arbeiten. Das ist schnell verdientes Geld“. Und er erzählt vom Busbahnhof in Bishkek, wo die Miliz Touristen nicht selten beinah von allem Bargeld entledigt. „Die können dann gerade noch nach Hause fliegen“, erzählt er. – Vor solchen Schikanen bewahrt mich Valeri. Er schleust mich sicher an allen Sperren vorbei.

Wir tuckern nun schon 200 Kilometer westlich von Bishkek dahin. In engen Kehren zieht sich die Straße auf die Höhen hinauf. Am Ötök-Pass zeigt der Höhenmesser auf 3.330 Meter. Danach geht es abwärts. Bei 1.800 Meter verharrt der Zeiger. Die Straße wird eben. Geradlinig trennt sie das Tallastal. Vereinzelt tauchen Jurten am Horizont auf, verschwinden wieder und plötzlich hält Valeri vor einer dieser grautonigen Wohnstätten der Kirgisen. „Ich brauche Kumis“, sagt Valeri und schon knallt die Fahrzeugtür, ohne daß ich noch einwenden kann: „Das Auto ist doch voll.“

Jurten am Toktogul-Stausee  
Jurten am Toktogul-Stausee  
An der Straße zwischen Bischkek und Osch. Bis Osch sind die Straßen beinah durchgängig asphalitiert.  
An der Straße zwischen Bischkek und Osch. Bis Osch sind die Straßen beinah durchgängig asphalitiert.  
An der Straße zwischen Bischkek und Osch.  
An der Straße zwischen Bischkek und Osch.  

Vergorene Stutenmilch für neue Schuhe

In der Jurte sitzt ein altes Mütterchen und raucht ein übel riechendes Kraut. Valeri fragt nach den anderen. Das Mütterchen winkt ab. Kopfschüttelnd tritt er vor die Jurte und entdeckt zwei Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als die beiden uns sehen, unterbrechen sie das Melken der Pferde und kommen auf uns zu. Wir begrüßen uns förmlich. Sie wollen Geschäfte machen. Die Frauen brauchen neue Schuhe und Valeri will vergorene Stutenmilch, den besagten Kumis. Heftig wird gestritten und gefeilscht, ehe man sich einigt. Einen Liter Kumis gegen 25 Som der Landeswährung (umgerechnet 50 Eurocent). 200 Som (vier Euro) geben die Frauen aus für ein Paar Schuhe.

Es herrscht reger Handel an der Strecke. Den haben die Männer organisiert, denn das erfordert keine harte Arbeit und bringt einen Monatslohn um die 1.200 Som. Das sind 500 Som mehr als ein Lehrer in Bishkek im Monat verdient. Es wird getauscht und geschachert. Valeri erklärt, daß sich das Nomadenleben wieder verbreitet, doch nicht so wie gewünscht und wie es zweckmäßig wäre. Die Nomaden konkurrieren zu stark untereinander. Jeder will das beste Geschäft herausschlagen. Nachbarn werden ohne Skrupel übers Ohr gehauen.

Es kann nicht jeder Viehzüchter werden, zu begehrt sind die Weiden, zu rar die nutzbaren Flächen, die unterhalb der steilen Felsen über dem Tal liegen. Und während die Männer um diese Plätze streiten, arbeiten ihre Frauen und vielerorts auch ihre Kinder. Seit das Bildungssystem der Russen zusammengebrochen ist, gehen immer weniger Nomadenkinder zur Schule.

Im Fahrerhaus  
Im Fahrerhaus  
Valeri am Taktogul-Stausee  
Valeri am Taktogul-Stausee  
Zwischen Uzgen und Osch  
Zwischen Uzgen und Osch  

Die große Seele eines Russen

Über den 3.184 Meter  hoch gelegenen Ala-Bel-Pass sind wir schnell hinweggekommen. Der  Kamas hat seine Sache gut gemacht. Wir gelangen nach Tscheuschkan. Die Siedlung trägt den selben Namen wie das Tal und der Fluß. Valeri verkauft vom Lkw herab, was er geladen hat. Dann  stoppt er abrupt: „Ein guter Tag“, freut er sich: „Die Waren sind verkauft. 3.000 Som Umsatz habe ich gemacht.“ Abzüglich der Spesen bleiben ihm 600 Som Gewinn. Heute kommen noch meine 500 Som für die Fahrt dazu.

Zu meiner Überraschung lädt mich Valeri zum Essen in ein feines Restaurant ein: „Hier pflegte auch Akajew, unser ehemaliger Präsident zu dinieren“, sagt er. Das glaube ich sofort, als ich die Preise lese, die kleingedruckt neben den Speisen stehen. Normalsterbliche Kirgisen können sich die nicht leisten. - Und nun zeigt sich die große Seele eines Russen: Valeri, der mich so weit mitgenommen hat, spendiert mir ein Essen - für 500 Som.

Zu Fuß über das Gebirge

Zur Abwechslung gehe ich per Pedes weiter. 25 Kilometer wandere ich zu Fuß über das Gebirge. Als ich an der Straßensperre angelangt bin, die am Ausgang eines Nationalparks eingerichtet wurde, hat mich Valeri wieder eingeholt. „Willst du mit“, ruft er vom Führerhaus hinunter.

Ich werfe den Rucksack auf die Vorderbank und springe hinein auf den Beifahrersitz. Der Kamas ruckelt, die Fahrerkabine heizt sich auf 35 Grad auf, obwohl der kleine Ventilator alle Kräfte mobilisiert. Zwei Satellitenanlagen hat Valeri heute geladen. Selbst bei den Nomaden hält die Globalisierung Einzug. Sie wollen sich mit der übrigen Welt in Kontakt bringen.

Die Hauptstraße ist eine feine Piste. Jeder fährt am äußersten Rand, um den mit Schlaglöchern übersäten Mittelstreifen zu meiden. Das hat zum Teil verheerende Folgen, da bisweilen ein LKW das Gleichgewicht verliert und zur Seite in den Straßengraben kippt, oder schlimmer noch,  die Böschung hinabstürzt. Valeri darf das nicht passieren, wenn seine Fracht zerstört ist, wird er nichts mehr verkaufen können. Und wovon lebt er dann den kommenden Monat?

Wir passieren die Straße am Tokto-Kuul-Stausee. Hier ist das Fahren am äußersten Rand zu Ende. Denn die Piste klebt am Felsen und stürzt an der anderen Seite steil hinab. Nun lauert eine neue Gefahr. Jeder schneidet die Kurven so gut er kann, auch bei einer Sichtweite von 20 Metern. Valeri fährt mit 20 Stundenkilometern bergan. Bei zwölf Prozent Steigung kommt sein Kamas über den ersten Gang nicht hinaus. Der Motor kreischt, und der Schotter schneidet tief in den Gummi der Reifen. „Zu Glück hat mein Lkw eine automatische Aufpumpanlage“, sagt Valeri, während er in voller Fahrt die Tür öffnet und am linken Vorderrad nachsieht, ob er nachpumpen muß.

Unterhaltung mit einem Kirgisen, der die traditionelle Kopfbedeckung Ak-Kalpak trägt.  
Unterhaltung mit einem Kirgisen, der die traditionelle Kopfbedeckung Ak-Kalpak trägt.  
Geschäft am Rande von Kara-Kul  
Geschäft am Rande von Kara-Kul  
Markt in Osch, Kreuzung der Seidenstraße, einer der ältesten Märkte Zentralasiens  
Markt in Osch, Kreuzung der Seidenstraße, einer der ältesten Märkte Zentralasiens  

Der schwere Laster ist die wichtigste Geschäftsgrundlage für Valeri

Wir werden ordentlich durch geschüttelt. Valeri sagt unvermittelt: „Ich liebe diese Arbeit“, denn ich bin mein eigener Herr, und ich kann davon leben. Das kann man in Kirgisien nur noch vom Handel.“

Doch ohne seinen schweren Laster wäre er nichts. Wenn er auf der Strecke ist, schläft er im Wagen. Rad wechseln, Öl prüfen und den Reifendruck kontrollieren ist für ihn Alltag. Und sollte Not am Mann sein – wenn Valeri zum Beispiel mal knapp bei Kasse ist - zerlegt er auch den Motor selbst, wie er versichert, falls dieser den Geist aufgibt.

Tanken findet nicht einfach am Straßenrand statt, wo das Benzin in Wasserflaschen abgefüllt auf Holzkisten steht. Die großen Fahrzeuge rollen in bewachte Tankstellen. Das sind feste Gebäude mit eine Zaun darum, wo der Betreiber sein Bett gleich neben de Zapfhahn aufgestellt hat und Polizisten Wache halten. „Dort gibt es allerdings oft gepanschten mit Wasser gestreckten Diesel“, sagt Valeri. „Und warum nur an den bewachten Zapfsäulen?“ frage ich. Valeri zuckt die Schulter.

Wir fahren heran an eine dieser Tankstationen. Sofort kommen zwei Mädchen. Das eine mag 14 Jahre alt sein, das andere gerade mal zwölf. „Voll tanken?“ fragen sie. Valeri winkt ab: „Später.“ Erst wird getrunken, ein Schwatz gehalten mit de Polizisten und dem Betreiber. Danach erst wird getankt. Das ganze dauert mehr als eine halbe Stunde.

„Warum machst du diese Pause?“ frage ich, als wir wieder auf die Hauptstraße rollen. „Nun die Unterhaltung ist für die Neuigkeiten wichtig“, erklärt Valeri, „und die verbleibende Zeit zum Ausruhen, ohne auf den Kamas aufpassen zu müssen. Vor allem nachts, da kann ich für zwei bis drei Stunden schlafen. Wenn ich sofort tanken würde, müßte ich gleich bezahlen und somit hätte der Polizist kein Interesse mehr auf mein Fahrzeug aufzupassen.“

Wiedersehen auf dem Markt von Osch

Die historisch bedeutendste Stadt Kirgisiens ist Osch. Sie ist so alt, daß nur eine Legende von ihrer Gründung erzählt. Osch ist auch heute, wie seit 2.500 Jahren, ein Schmelztiegel zentralasiatischer Kulturen, ist ein Stützpunkt der Seidenstraße und sie ist das religiöse Zentrum des Fenganabeckens. Frauen, die unter einem unerfüllten Kinderwunsch leiden, pilgern zum Tacht-i-Suleyman-Felsen. Das soll helfen, schwanger zu werden.

Ich bin allein nach Osch gekommen. Aber hier werde ich Valeri wiedersehen. „Am Markt, in drei Tagen“, hat er gesagt, als wir uns trennten. Und da stehe ich nun, zwischen Usbeken, Tajiken, Kirgisen, Kasachen und Chinesen inmitten der Enge der Gassen. Es wird gefeilscht und gestritten, gehandelt und probiert, zwischen klebrigen Früchten, würzigen Gerüchen und schillernden Farben. Wo ist Valeri? Ich leide Durst. Ein Kwas-Wagen ist meine Rettung. Der 12jährige Verkäufer macht mit mir ein gutes Geschäft. Leicht rinnt mir der Trunk aus gegorenem Brot in die Kehle und löscht den Staub. Und plötzlich klopft er mir von hinten auf die Schulter – Valeri, er ist also wirklich wie versprochen gekommen.

Zwischen Gultscha und Sary-Tasch  
Zwischen Gultscha und Sary-Tasch  
Auf der Straße zum Wartende LKWs an der Grenze zu China, 5 km nach dem Erkeschtam-Paß  
Wartende LKWs an der Grenze zu China, 5 km nach dem Erkeschtam-Paß  
Kilometerstein vor Sary-Tasch  
Kilometerstein vor Sary-Tasch  

Schrott für das Stahlwerk im chinesischen Kaschgar

Die Hauptstraße ins Alaj-Tal, eine alte russische Poststraße, beginnt im östlichen Fenganabecken, gleich hinter Osch. Drei Uhr morgens hat mich Valeri aus der Hängematte des Lasters geworfen. Schläfrig starre ich durch die Frontscheibe. Die Scheinwerfer des Fahrzeugs werfen Licht in das Dunkel der Nacht. Valeri hat in Osch das Fahrzeug gewechselt. Wir fahren jetzt mit einem GAZ. Das Fahrzeug läuft ruhiger, als der alte Kamas. Doch statt einer überdachten Kabine, befindet sich hinter uns jetzt eine offene Ladefläche, mit Schrotteilen. Sie sind bestimmt für das Stahlwerk von Kaschgar, jenseits der chinesischen Grenze.

Der Pamir, der sich südwestlich an den Tien-Schan anschließt, beginnt erst in einer Höhe, bei der die deutschen Alpen schon aufhören. Er ist eine Hochlandwüste von abweisender Schroffheit mit vergletscherten Zacken, die tief in die Trogtäler schneiden. Valeri ist bester Laune, lacht und reißt Witze, denen ich nur schwer folgen kann. Mit Vollgas fährt er in den zähen Dunst des heraufdämmernden Tages, überholt vor uns einen Laster. Er verläßt sich dabei auf die Sprache der Hupzeichen und das Winken des Vordermanns. Falls ein Fahrzeug entgegenkäme, könnte Valeri es nicht sehen. „Kracht es, dann ist es vorbei mit dem Leben“, sagt er. Er lächelt feinsinnig. So oft ist es gutgegangen.

„Vnianje“, Achtung, brüllt Valeri. Der Laster sackt nach unten in ein Schlagloch. Wir reißen die Hände an die Decke des GAZ, um nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Blitzartig schnellt das Fahrzeug wieder nach oben. Daran kann man sich kaum gewöhnen.

Stundenlang manövriert Valeri den Laster über die schadhafte Piste. Beschleunigen, nach fünf Metern wieder abbremsen. Fenster schließen, wenn der vor uns Fahrende zu viel Staub aufwirbelt. Wir passieren eine wilde karge Hügellandschaft mit spärlichem Graswuchs und den ewig mit Schnee bedeckten Gipfeln des Pamirs.

„Bitte passieren, mein Freund aus Ostdeutschland“

Ich überlege wie ich über die Grenze nach China gelangen könnte. Zu Fuß, so hatte ich es mir vor Beginn der Reise ausgemalt. Aber Valeri spricht von einer verminten, bestens bewachten Grenze, von einer Zone, die sich 20 Kilometer breit entlang der chinesischen Grenze hinzieht.

Wird eine abenteuerliche Reise also hier abrupt zu Ende gehen? „Wie viele Kontrollen gibt es noch mal?“ frage ich. „Sieben“, bestätigt er und winkt ab: „Kein Problem. Hast du ein Visum?“

Von hier darf kein Tourist ohne ein Touristikunternehmen einreisen. Von der kirgisisch-chinesischen Grenze müßte ich laut Vorschrift eigens von einem Reisebüro abgeholt und über die Sperrzone transportiert werden. „Kein Problem“, wiederholt Valeri. Kirgisische Paßkontrolle, kirgisischer Zoll, raus aus dem Transporter, lächeln, kein Problem. Russischer Zoll, russische Paßkontrolle, lächeln und aufatmen. Einsteigen bitte. Chinesische Paßkontrolle, chinesischer Zoll – na siehst du, kein Problem.“

Aber dann: „Dawaij, dawaij“, brüllt der Beamte mit einem Lächeln auf den Lippen. Dann erklärt er, hier gehe es jetzt zur „chinesischen Gesundheitskontrolle.“ Und dann: Ich darf  China nicht betreten.

„Njet, Retour“, mischt sich Valeri ein. Und er erzählt von der schweren Arbeit, dem Auf- und Abladen des LKWs und dem Schrott für den Aufbau Chinas, der brütenden Hitze, dem Schweiß unter den Achseln: „very hot.“ „Very hot“, murmelt der Grenzbeamte: „Ahh, very hot.“ Na ja, und er erinnert sich schließlich an längst vergangene Zeiten. „Bitte passieren, mein Freund aus Ostdeutschland,“ sagt er strahlend.

Beginn der holprigen Pisten bei Gultscha über den Erkeschtam-Paß nach China  
Beginn der holprigen Pisten bei Gultscha über den Erkeschtam-Paß nach China  
Straßenschild in China  
Straßenschild in China  
Moschee nahe der chinesischen Stadt Kashgar  
Moschee nahe der chinesischen Stadt Kashgar  

Von Kirgisien in die Moderne – nach China

Schlagartig ändern sich jetzt die Straßenverhältnisse. Die staubige schlaglochgespickte Piste verwandelt sich hinter dem letzten chinesischen Grenzposten zu einer makellos asphaltierten Straße. Die Chinesen zeigen uns: Sie befinden sich auf der Überholspur, neben der Marktwirtschaft.

Selbst im Grenzgebiet von Kashgar blinkt farbige Reklame, schimmert Neonlicht und zeigen sich zahlreiche Internet-Cafés. Der Charme des Vergänglichen, die Lehmbauten um die Altstadt weichen schnell den Glas- und Klinkerbauten der Moderne. Einzig die Altstadt selbst, in deren Straßen noch Kinder spielen, trotzt dem schnellen Wandel. Hier haben die türkstämmigen Uiguren und deren moslemischer Glaube die Oberhand.

Valeri habe ich verlassen. Er wird nach Osch zurückfahren. Ich hingegen möchte den direkten Weg nach Bishkek zurück nehmen. So sitze ich am Straßenrand auf einer Mauer, warte auf irgend etwas. Einen Bus vielleicht, irgendein Fahrzeug, das mich nach Bishkek bringt. Mit dem Daumen im Wind. Im Dunst des Straßenstaubes hält ein unbeladener Laster. Und eine kräftige Stimme ruft: „Willst du mit?“

Reise Zentralasien

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