„Kriegstagebuch 1914-1918“ von Ernst JüngerGELESEN

„Kriegstagebuch 1914-1918“ von Ernst Jünger

Er schrieb, wo immer er sich auch befand. Im Kaukasus, in Paris, in den Stahlgewittern der Front und dort, wo jeder Heroismus vergeht: in der tiefsten Scheiße, die niemand so total erlebt, wie Soldaten. Blut, Exkremente, Gedärme, Hirn, aufgerissene Bäuche, gebrochene Augen und zerborstene Knochen. In der Beziehung hat sich in den 90 Jahren, die seit dem I. Weltkrieg vergangen sind, wenig geändert. Noch immer zerfetzen Granaten Menschen. In Afghanistan, im Irak, im Kaukasus. Aber authentischer beschrieben hat es noch keiner als der junge deutsche Offizier Ernst Jünger.

Von Eberhart Wagenknecht

„Kriegstagebuch 1914-1918“ von Ernst Jünger  
„Kriegstagebuch 1914-1918“ von Ernst Jünger  

A n einem Juliabend des Jahres 1917 schrieb Jünger in eines seiner 15 brusttaschengroßen Notizbücher, die er während des Kriegs mit seinen Aufzeichnungen füllte: „Am Nachmittag fielen schwere Granaten in ca. 200-300m Nähe von uns nieder. Eine schlug in eine badende oder sich waschende Gruppe 91er. Es wurden 3 Mann getötet, 5 schwer verwundet. Der eine Verwundete schrie sehr. Einige andere Geschosse brachten die 1. Comp. Stark in Bewegung. Am Abend schrie es hinter allen Hecken…“

Der Kriegsfreiwillige Ernst Jünger hinterließ die wichtigsten Augenzeugen­Berichte von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Ab den 20er Jahren waren sie  bereits unter dem Titel „In Stahlgewittern“ erschienen. Allerdings in literarisch überarbeiteter Form und stark heroisierend. Der Krieg wurde geschildert als mystische Reinigung und elitäres Soldatenhandwerk. Jetzt aber kamen die Originalaufzeichnungen aus Jüngers Nachlass zur Veröffentlichung. Ungeschminkt und zum ersten Mal, neun Jahrzehnte nach dem Inferno der Schlachten.

In den ersten Kriegsmonaten notierte Jünger: „Währenddessen ich dieses schreibe, liege ich unter einem Unterstand mit etwas feuchtem Stroh, es regnet und der Graben hält schon einige cm Wasser. Gleich geht es wieder auf Wache. So ist man tagelang durchnässt. Ich bin neugierig, wann sich der unvermeidliche Rheumatismus einstellt.“

Im Januar 1915 vertraute er seinem Notizbuch an, wie viel Grauen dem knapp Zwanzigjährigen auf dem Schlachtfeld begegnete: “Ich hatte mich nicht getäuscht. In die zerfetzten Lumpen war eine feuchte Mumie eingehüllt. Am Knie sah man die Kniescheibe aus zerrissenen Fetzen hervorschauen, das umgebende Fleisch war weiß wie von Schellfischen, eine Sehne zog sich wie ein Band durch verwestes Fleisch. [...] Im übrigen ertrugen meine Nerven den Anblick ohne Erregung; aber der Gedanke, dass in diesen Köpfen auch Gedanken, Wünsche und Hoffnungen lebendig gewesen waren, erweckte in mir dieselbe Rührung, die man beim Anblick alter Burgruinen empfindet…“

Die Toten kamen wieder aus der blutigen Erde

Immer wieder geschah es, dass aus der blutdurchtränkten Erde an der Westfront die Leiber der Gefallenen durch Granateinschläge herausgerissen wurden und selbst im Tod keine Ruhe fanden. Ernst Jünger schildert dies mehrfach und seine Sprache drückt dabei mehr Neugier und Erstaunen aus, denn Ekel oder Angst: „Aus einem Trümmerhaufen [sah man] einen Rumpf hervorragen, dem Kopf und Hals bis tief auf die Schultern weggerissen waren. Die weißen Knorpeln ragten aus dem rötlich-schwarzem Fleische, aber der Anblick schien mir gar nicht so unangenehm.“ – „Ein Grab, in dem 6 deutsche Krieger ruhen, war durch eine schwere Granate aufgewühlt, aus dem Trichter sahen drei Paar Stiefel heraus, in denen Zeugfetzen und gebleichte Beine steckten. Ein seltsamer Anblick. Nicht einmal die Toten haben ihre Ruhe, sie werden wieder an die Oberwelt gezerrt, ihre Beine von Splittern gebrochen und ihre Knochen von Kugeln durchlöchert.“

Ernst Jünger, 1998 im Alter von 102 Jahren gestorben, gehört zu den größten deutschen Schriftstellern. Seine Käferbeobachtungen, die Selbstversuche mit Drogen, das „Sanduhrbuch“ mit seinen Betrachtungen zur Zeit und der Schilderung von Uhren, sein Partisanenfeature vom „Waldgang“ usw. – alle sind durch einen ganz eigenen sezierenden Stil geprägt. Dieser kommt auch schon in den Kriegsaufzeichnungen zum Ausdruck. Gerade so, als seien der Krieg und das Sterben ein einziges großes Experiment, an dem Jünger teilnehmen durfte: „Heute fand ich in der Nähe der Latrine von der Festung Altenburg zwei noch zusammenhängende Finger und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte, genau wie an der Leiche im Stacheldrahtverhau bei Combres, noch grünlich weißes Verwestes zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab. Um 7 zogen wir wieder in vorderste Linie.“

Soldatensprech aus der Kaiserzeit

Jünger feierte Kaisers Geburtstag am 27. Januar 1915 im Felde und es schollen Hurra-Rufe zu den Franzosen auf der gegenüberliegenden Seite der Front hinüber: „Heute, an Kaisers Geburtstag waren wir im Graben. Um 12 Uhr wurde geblasen und wir schrieen den Franzosen 3 Hurrahs entgegen. Dann sangen wir die erste Strophe von ‚Heil Dir im Siegerkranz‘“.

Soldat Jünger musste wegen des hohen Grundwasserstandes in der flandrischen Erde in flachen Gräben vegetieren, die „Pißrinnen“ ähnelten. Er erlebte „kolossale Sauferei“ bis alle „strandkanonenvoll“ waren. Die Betäubung zwischen den Kampfeinsätzen und der trunkene Vorwärtssturm waren Teil des Krieges. Wie jedes Krieges.

Ernst Jünger suchte das abenteuerliche Leben. Als 18jähriger Schüler ging er ein Jahr vor dem ersten Weltkrieg kurzzeitig zur französischen Fremdenlegion. Sein Vater holte ihn trotz fünfjähriger Verpflichtungszeit mit Hilfe des Auswärtigen Amtes wieder heraus. Dann kam der Krieg, und Jünger wurde erneut Soldat. Die bürgerliche Welt war ihm stets zu langweilig.

Jünger erlebte die Blutmühlen der Westfront, den Grabenkrieg, dieses blutsaufende Ungeheuer, und er kam trotz vielfacher Verwundungen mehr oder weniger heil und hochdekoriert aus dem Schlamassel nach Hause. Ungebrochen. So ekelt er sich nach dem Krieg in den 1920 erschienenen „Stahlgewittern“ vor „dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der moralischen Verkümmerung und des Renegatentums.“ Er pflegte selbst nach der Niederlage von 1918 in seinem Werk die „ehrenvolle Erinnerung an die herrlichste Armee und den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde“.

Und das, obwohl er erlebte, wie wenig Soldaten dem Krieg bedeuten. Im Heft 13 aus dem letzten Kriegsjahr schildert Jünger das, was man als Mensch des 21. Jahrhunderts im US-Militärjargon als „Friendly Fire“ kennenlernte. Er notiert: „Der Tag zeichnete sich dadurch aus, daß sowohl eigene Artl. wie schwere Minenwerfer wiederholt in unseren Graben schossen. Meldete ununterbrochen zurück, es kam keine Besserung, die Kerls hinten kannten keine Parteien mehr. Man kommt sich vor wie ein Kanonenfutter, das um jeden Preis erledigt werden muß“.

Aber solche „Klagen“ sind die Ausnahme. Es überwiegt das Stakkato, die eilige Schnoddrigkeit…So notiert er z. B. über die Tommys (Spitzname der Engländer) diverse Nahkampfszenen: „Tommy läuft unten im Graben, Handgranaten, Stahlhelm fliegt. Packe einen am Hals…“

Oder: „Sturm auf M.G. Nest. Mann hinter mir fällt. Schieße Schützen ins Auge. Drin!“

Das deutsche Buch vom Kriege. Authentisch. Wer wissen will, wie‘s wirklich war, wird hier nicht enttäuscht.

*

Rezension zu: „Kriegstagebuch 1914–1918“ von Ernst Jünger, hrsg. v. H. Kiesel, Verlag Klett-Cotta 2010, 654 Seiten, 32,95 Euro, ISBN-13: 978-3608938432.

Deutschland Geschichte Rezension

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker