Kultur und SpielePORTUGAL

Kultur und Spiele

Zur Fußball-Europameisterschaft hat das Land am äußersten Rand des eurasischen Kontinents mehr zu bieten als prachtvolle Fußballarenen – doch die allein lohnen schon den Besuch in Porto, Guimarães, Braga und Lissabon.

Von Eberhart Wagenknecht

EM – Wenn man den Aussagen von Sicherheitsleuten in der Organisation der Fußball-Europameisterschaft glauben kann, dann gibt es in ganz Portugal nur zehn Wasserwerfer. Die portugiesischen Fußballfans gelten als die friedlichsten in Europa, und deshalb hat sich bisher auch niemand bemüßigt gefühlt, die Polizei für die EM besonders aufzurüsten. Doch seit den Anschlägen von Madrid ist dies anders geworden.

Jetzt sollen die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft werden. 16,5 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Zwar nicht für neue Wasserwerfer aber beispielsweise sollen die Spieler der teilnehmenden Nationen rund um die Uhr von bewaffneten Leibwächtern gesichert werden, berichtet die britische Sonntagszeitung „The Observer“. Mitglieder einer portugiesischen Elite-Einheit, sowie Militärpolizei mit Einsatzerfahrung im Irak würden sich um die Sicherheit der Fußballer kümmern.

Lissabon gilt als „die coolste Metropole Europas“, doch seit den Ereignissen vom 11. März in Madrid ist die Lage auch hier äußerst angespannt. Schließlich kommt ab Mitte Juni für drei Wochen der große Troß des EM-Spektakels: Die teilnehmenden Mannschaften samt Betreuern, hunderttausende Fans. Es sollen 1,3 Millionen Tickets verkauft werden. Dazu Medienvertreter aller Art. Es wird laut werden, umtriebig, stressig. Eigentlich paßt das alles gar nicht zum portugiesischen Wesen, das eher als melancholisch beschrieben wird.

Auftakt ist am 12. Juni in Porto, der heimlichen Hauptstadt des Landes

Die Europameisterschaft 2004 beginnt am 12. Juni in Porto mit dem Auftaktspiel Portugal gegen Griechenland. Es findet im Dragão-Stadion des FC Porto statt, eines der zehn neuen Luxus-Stadien, die Portugal extra aus Anlaß des Turniers für 595 Millionen Euro bauen ließ. Auch Deutschland wird in Porto seine ersten beiden Spiele in der sogenannten Hammer-Gruppe absolvieren, wie Teamchef Rudi Völler sie genannt hat: es geht gegen die Favoriten Niederlande und Lettland, allerdings im kleineren Bessa-Stadion des Vereins Boavista.

Wer als Fan zu den Verlierern gehören sollte, wird in Portugal als Tourist reichlich entschädigt. Die Stadt des Eröffnungsspiels bietet den mitgereisten Schlachtenbummlern außer Fußball eine ganze Reihe von Attraktionen. Zwar ist Lissabon die Hauptstadt des Landes, aber Porto, die umtriebige Wirtschaftsmetropole wird als die eigentliche, die heimliche Hauptstadt betrachtet. Die alteingesessene Kaufmannschaft gibt hier den Ton an. Verkörpert wird deren Stellung durch die palastartige Börse von 1844. In allen Winkeln Portos ist zu spüren, daß diese Stadt stets vom Kapital regiert wurde, nie vom Adel. Macht und Reichtum datieren aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit der Entdeckungen und Kolonien. Im 17. Jahrhundert kam der Portweinhandel dazu, der bis heute ein lukratives Geschäft ist.

An sehenswerten Bauwerken ist die Stadt trotz fehlender Adelspaläste nicht arm. Baumeister Niccolò Nasoni hat die Kirchen innen verschwenderisch mit dem Gold aus Portugals südamerikanischen Besitzungen ausstaffiert und deren Fassaden mit weißblauen Fliesen wie mit Tapeten dekoriert. Auch der markante Glockenturm Torre dos Clérigos, Portos Wahrzeichen, der mit seinen 76 Metern einst Seefahrern zur Orientierung diente, stammt von Nasoni. Er ist eine Augenweide.

Über den Fluß Douro schwingt sich eine „Eiffelbrücke“

Für Erinnerungsfotos besonders geeignet und mediterranes Flair verbreitend sind die Etagenhäuser, die sich hügelauf, hügelab über enge steile Gassen und verwinkelte Treppen zum Kathedralenhügel Penha Ventosa hinaufziehen. Unten am Fluß Douro, wo vor 500 Jahren die schwer beladenen Karavellen der Seemacht anlegten, sind ausgediente Weinschiffe vertäut. Im Hintergrund spannt die vom Pariser Ingenieurbüro Eiffel entworfene Eisenbrücke ihren kühnen Bogen. Er schwingt zur anderen Uferseite nach Vila Nova de Gaia, wo in den Kellern der Sandemans, Calems, Grahams und Cockburns das weltberühmte hochprozentige Kapital des Portweins lagert. Einen Kellereibesuch auf dieser Port-Meile sollte man nicht versäumen.

Runde fünfzig Kilometer nordöstlich von Porto liegt Guimarães, eine kleine Stadt voller Geschichte. Hier treffen die EM-Gruppenrivalen Italien, Dänemark und Bulgarien aufeinander. Schauplatz ist das hochmoderne Dom-Afonso-Henriques-Stadion, das dem berühmtesten Sohn der Stadt gewidmet ist. Sein Denkmal steht im historischen Zentrum und erinnert an die „Stunde Null“ Portugals, an das Jahr 1139. Damals hatte sich Afonso Henriques zum ersten König des Landes erklärt und sich von Spanien losgesagt. Guimarães wurde die erste Hauptstadt des neuen Königreiches. Spanien hat dem kleinen Nachbarn bis heute nicht verziehen, daß es sich zu einem eigenständigen Staat entwickelte. Die gewaltige achttürmige Burgruine über der Stadt kündet noch heute von den kriegerischen Zeiten, die auf die portugiesische Unabhängigkeit folgten.

In Braga, dem „portugiesischen Rom“, steigt das Duell Holland gegen Lettland

Nur zwanzig Kilometer von Guimarães entfernt liegt die Stadt Braga. Hier wird das Fußball-Duell Holland gegen Lettland ausgetragen. Es findet im Braga-Stadion statt, das der portugiesische Stararchitekt Souto Moura errichtet hat. Sein multifunktionales Kunstwerk hat die UEFA bereits zu einem der spektakulärsten Stadien der Welt gekürt..

Wegen der vielen Gotteshäuser wird Braga als das „portugiesische Rom“ bezeichnet. Sein sakraler Superlativ ist die Wallfahrtskirche Bom Jesús do Monte. Sie liegt auf dem Gipfel des bewaldeten Berges Monte Espinho. Mit ihrer symmetrischen, doppelläufigen Barocktreppe dürfte sie die schönste im Lande sein. Plätschernde Brunnen, Statuen und Kapellchen versüßen dem Pilger den Aufstieg über die fast 1000 Stufen.

Auch in der Hauptstadt Lissabon werden mehrere EM-Spiele ausgetragen. Am 4. Juli findet im Benfica-Stadion das Finale statt. Natürlich hat auch die Kapitale des Landes neben Fußball jede Menge Historie und Lebensart zu bieten. Die Avenida de Liberdade ist prächtiger als die Champs-Élysées in Paris. Das 1988 vom Feuer zerstörte Künstlerviertel Chiado wurde fast vollständig restauriert. Das hypermoderne Lissabon mit futuristischer Mehrzweckhalle, Yachthafen und attraktiven Appartementhäusern entsteht derzeit auf der einstigen städtischen Müllhalde. Dazu neue U-Bahn-Stationen, ein erweitertes Streckennetz, die 17,2 Kilometer lange Vasco-da-Gama-Brücke über den Fluß, ein ausgebauter Flughafen.

Lissabon feiert das größte Sportereignis seiner Geschichte

Für das größte Sportereignis in der Landesgeschichte werden rund 350 Millionen Euro investiert. Das neue Estádio da Luz (Benfica) wurde direkt neben das abgetragene alte in einen Hügel hineingebaut, eine kühne Konstruktion mit 65.000 Plätzen. Das Estádio José Alvalada (Sporting) zeigt sich bunt und jung und bietet 50.000 unterschiedlich gefärbte Klappsitze. Beide Arenen sind auf dem neuesten Stand der Sicherheit, besitzen weiträumige Tiefgaragen, Gastronomie, VIP-Lounges, eigene Straßenzufahrten und Metrostationen.

Für ihre Anstrengungen ernteten die Portugiesen höchstes Lob von der Uefa: „Was hier in der Kürze der Zeit geleistet worden ist, grenzt an ein Wunder“, staunte deren Vorsitzender, der Schotte Ernie Walker.

Zu den Spielen wird sich das herausgeputzte Lissabon, das auf sieben Hügeln erbaut ist wie Rom, von seiner lebenslustigen Seite zeigen. Ein bunter Basar, der sich für die größte Party rüstet. Am liebsten würden die Portugiesen sie natürlich für die Männer um Luis Figo, Fernando Cauto und Rui Costa ausrichten. Aber viele wären schon zufrieden, wenn Portugal wenigstens das Halbfinale erreichen würde.

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