Kulumne von Juliane Inosemtzev über ihr Leben zwischen Berlin und der KrimBERLIN – KRIM - BERLIN

Das alte Haus

Kulumne von Juliane Inosemtzev über ihr Leben zwischen Berlin und der Krim

Juliane Inozemtsev ist freie Journalistin und Buchautorin aus Berlin. 2012 erschien im Lübbe Verlag ihr Buch „Werft die Gläser an die Wand - meine russische Familie und ich“. Die studierte Slawistin lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern hauptsächlich in Berlin, aber auch einige Monate im Jahr auf der Krim, in Sewastopol, der Heimatstadt ihres Mannes. Im EM schreibt sie darüber, was sie dort alles erfährt und erlebt. Die Namen der handelnden Personen sind zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Von Juliane Inozemtsev

Der Eingang des alten Hauses unter dem schrägen Dach ist mit schmalen Fenstern verglast – es ist der einzige, und er führt direkt in die Küche. Die Tür im Hintergrund geht zur Straße hinaus.
Der Eingang des alten Hauses unter dem schrägen Dach ist mit schmalen Fenstern verglast – es ist der einzige, und er führt direkt in die Küche. Die Tür im Hintergrund geht zur Straße hinaus.
Foto: Inozemtsev

Alles fing, wie so oft in Sewastopol, beim Grillen von „schaschliki“ im Garten meiner Schwiegereltern an. Die Stimmung war zunächst ausgelassen, doch zu vorgerückter Stunde wurde mein Schwiegervater Igor Dmitrijewitsch immer stiller. Bis er unvermittelt, und hauptsächlich an seine erwachsenen Söhne Ivan (genannt Wanja) und Andrej gewandt, fragte: „Was machen wir bloß mit dem alten Haus? Sagt es mir! Was bloß?“

Da war sie wieder, die Familienfrage. Sie ist schon beinahe rhetorischer Art, so  oft wurde sie in den vergangenen Jahren bereits ergebnislos diskutiert. Grund für das allgemeine Kopfzerbrechen ist ein halb verfallenes, zweistöckiges Haus auf dem hinteren Teil des Grundstücks, das früher einmal alten Nachbarsleuten gehört hat. Nach deren Tod haben Wanjas Eltern es gekauft. Da sie aber selbst schon ein Haus hatten, schlossen sie das andere erst einmal zu und ließen es so stehen. Das ist nun gut fünfzehn Jahre her.

Fundamente aus dem großen Krimkrieg

Wohnen kann man in dem Haus schon lange nicht mehr, weil fast alles kaputt ist: die Fußböden, die Elektrik, die Wasser- und Gasleitungen, das Dach und so weiter. Es  wäre zwar möglich, es zu restaurieren und zu renovieren, aber das würde sehr viel Geld kosten - weitaus mehr, als meine Schwiegereltern oder ihre Söhne besitzen. Am vernünftigsten wäre es sicher, das marode Gebäude abzureißen. Dann gäbe es auch mehr Platz im Garten. Doch wenn die Sprache darauf kommt, sagt Igor Dmitrijewitsch jedes Mal kategorisch: „Das geht nicht. Nein, wirklich nicht.“ Und so beißt sich die Katze in den Schwanz.

Das Fundament des Hauses stammt, so wird es erzählt, noch aus dem großen Krimkrieg von 1854/55. Damals verteidigte die russische Armee Sewastopol und die Krim gegen türkische, französische, englische und italienische Truppen. Ich als Deutsche habe lange angenommen, dass ein so altes Haus unter Denkmalschutz steht, und deshalb nicht abgerissen werden darf. Doch mein Mann Wanja schüttelt den Kopf. „Das ist nicht das Problem, denn das Haus wurde vom hiesigen Katasteramt offiziell erst nach dem Zweiten Weltkrieg registriert.“ Sewastopol war im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig von den Deutschen zerstört worden.

Szene der „Verteidigung von Sewastopol“ aus dem großen Gemälde im Panorama-Museum. Das alte Haus könnte zwar irgendwo im Hintergrund stehen, zu sehen ist es natürlich nicht.
Szene der „Verteidigung von Sewastopol“ aus dem großen Gemälde im Panorama-Museum. Das alte Haus könnte zwar irgendwo im Hintergrund stehen, zu sehen ist es natürlich nicht.
Foto: Inozemtsev

Wände – anderthalb Meter dick

Historisch und baulich ist es sehr wahrscheinlich, dass der Kern des alten Hauses während des Krimkrieges als Munitions- und Waffenlager diente. Deshalb sind zum Beispiel die Wände im Keller und im Erdgeschoss gut anderthalb Meter dick. „Die bekäme man mit einem normalen 'Ekskavator' - 'Bagger' gar nicht durch“, sagt Igor Semjonowitsch. Von Wanja erfahre ich, dass das so nicht ganz stimmt. „Die Wände sind zwar sehr dick“, sagt er, „aber sie bestehen nur aus einfachen Steinen und Lehm.“ Das zweite Stockwerk und der Anbau haben ohnehin dünnere Wände, da sie erst nach dem Weltkrieg entstanden sind.  „Man könnte das Haus relativ leicht einreißen, wenn man wollte“, sagt Wanja. Ich bin verblüfft. „Weiß Dein Vater das?“ Wanja lächelt. „Natürlich, weiß er das.“

Es müssen gute Leute gewesen sein, die das Haus einst bewohnten: hilfsbereit, fleißig, bescheiden, freundlich - so berichten es meine Schwiegereltern. Ich bitte Wanja, mir zu erzählen, woran er sich noch erinnert. „Wir haben sie als Kinder immer Ded Wanja und Baba Dusja genannt“, erzählt er. „Er war zwei Meter groß, sah aus wie ein gutmütiger Bär und  hat viel gearbeitet, und sie war sehr temperamentvoll, und trotz ihres Alters immer voller Energie und Tatendrang. Sie hatte ein großes Herz, hat uns Jungs aber auch ordentlich Zunder gegeben, wenn wir wieder einmal Blödsinn gemacht haben. Am Wochenende haben unsere Familien immer zusammen Mittag gegessen, entweder bei uns oder bei ihnen drüben, und abends haben meine Eltern und sie oft zusammen gesessen und Karten gespielt.“

Es war das Zuhause von Freunden

Langsam begreife ich: Es waren nicht nur Nachbarn, es waren Freunde, und dieses alte Haus war ihr Zuhause, ihr Heim. Es steht bis heute für viele schöne, kostbare Erinnerungen. Verständlich, dass Wanjas Eltern es nicht übers Herz bringen, das einfach abzureißen.
Igor Dmitrijewitsch hat noch ein neues Argument gefunden, warum das Haus vorerst unbedingt stehen bleiben muss. „Stell Dir vor“, sagt er zu mir, „man kann das Haus sogar im Museum von Sewastopol auf dem großen Panorama-Gemälde sehen. Wer kann das schon von sich behaupten?“

Ich bin wirklich beeindruckt. Das Panorama-Museum ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Sewastopol. Es ist ein riesiges Rundgemälde,  14  Meter hoch und 115 Meter lang. Von deren Art gibt es weltweit nur einige Wenige. Auf dem Hiesigen sind in malerischer Perfektion historisch bedeutende Szenen der „Verteidigung von Sewastopol“ während des Krimkrieges zu sehen. Und anscheinend auch unser altes Haus.

Panorama-Museum
Das Panorama-Gemälde von Sewastopol zeigt die dramatische Verteidigungsschlacht des Krimkrieges vom 6. Juni 1855. Bei dieser gelang es der noch 75.000 Mann umfassenden russischen Armee, die englischen und französischen Truppen zu schlagen, welche  insgesamt 173.000 Soldaten ins Feld geführt hatten. Im Original stammt die Idee für das Gemälde von dem Maler Franz Alexejewitsch Rubo, der es in den Jahren 1901-1904 zusammen mit anderen Malern und Kunststudenten verwirklichte. 1905 wurde es erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Leinwand durch deutsche Bomben so stark beschädigt, dass sie nicht mehr restauriert werden konnte. Das Gemälde wurde deshalb nach Kriegsende von sowjetischen Malern, nach den Entwürfen Rubos, neu geschaffen und um einige Szenen ergänzt. Seit 1954 ist es wieder in Sewastopol zu sehen. (Quelle: Museumsführer Panorama).

Die Legende von einem Pünktchen im Panoramabild

Das muss ich sehen! Wanja versucht, meine Vorfreude etwas zu dämpfen. „Weißt Du, mein Vater war selbst schon sehr lange nicht mehr Panorama. Das mit dem Haus hat er nur von einem Nachbarn, vom alten Stepanowitsch, gehört.“ Ich verstehe schon, Stepanowitsch liebt Legenden dieser Art - aber wer weiß? Vielleicht ist ja etwas dran.

Gleich am nächsten Tag war ich im Museum, um nachzuschauen, ob das Haus nun auf dem Gemälde ist oder nicht. Um es kurz zu machen: Es ist leider nicht drauf.  Bei meiner Rückkehr wartete schon mein Schwiegervater auf mich. „Nu i schto?“ - „Na? - Und?“, fragte er gespannt. - Irgendwie habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn seines besten Argumentes zu berauben. Und so habe ich gesagt, dass man in der Ferne tatsächlich einen kleinen Teil von unserem Bezirk erkennen kann, und dass eines der Pünktchen dort hinten rein theoretisch das alte Haus sein könnte...

Er sah sehr zufrieden aus. Nun soll sich noch mal einer trauen, ihm vorzuschlagen, dieses historisch bedeutsame alte Haus abzureißen. Das geht doch nicht. Nein, wirklich nicht.

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