„Langfristig ist zu erwarten, daß Kohle in der Welt zum wichtigsten Energieträger wird.“ENERGIEVERSORGUNG

„Langfristig ist zu erwarten, daß Kohle in der Welt zum wichtigsten Energieträger wird.“

„Langfristig ist zu erwarten, daß Kohle in der Welt zum wichtigsten Energieträger wird.“

Bestimmen künftig die Länder mit den größten Energiereserven die Weltpolitik? Haben Länder wie der Iran, Katar oder Rußland die westlichen Industrieländer in der Hand? Werden Öl und Gas unbezahlbar, oder bietet die hochentwickelte Technik der Industrieländer neue Wege zur Verbilligung und Sicherung der Energieversorgung? Dr. J. Peter Gerling von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover analysiert im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin die Lage.

Von Hans Wagner

Dr. J. Peter Gerling  
Dr. J. Peter Gerling  
  ZUR PERSON: DR. J. PETER GERLING
  Dr. J. Peter Gerling, geboren 1954, studierter Geologe und Paläontologe ist Referatsleiter für Energierohstoffe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover.

Er hat maßgeblichen Anteil an der Studie „Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen“, die vor gut einem Jahr erschienen ist.

Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Erdöl- und Erdgasforschung. In den Jahren 1996/97 war Gerling Referent im Bundeswirtschaftsministerium.

Eurasisches Magazin: Die energiereichen Rohstoffländer erzielen immer höhere Preise für ihre Öl- und Gaslieferungen. Macht sie ihr daraus resultierender, rasant steigender Wohlstand zu den wahren Großmächten der Zukunft?

Johannes Peter Gerling: Wenn wir das Beispiel Saudi-Arabien nehmen, dann bedeuten die zusätzlichen Milliarden an Petro-Dollar, die durch die höheren Preise erzielt werden, nicht automatisch, daß im Land der Wohlstand ausbricht. Die Einkommen sind sehr unterschiedlich verteilt. Wenn es zu einer Mehrung des Wohlstands für alle käme, wäre dies nur zu begrüßen. Aber daß Saudi-Arabien oder auch andere Ölländer durch die horrenden Mehreinnahmen zu politischen Großmächten werden, wage ich sehr zu bezweifeln.

„Die Saudis können kein Interesse daran haben, das Wirtschaftsgefüge der Welt aus den Angeln zu heben“

EM: Täuscht der Eindruck, daß die Länder mit den großen Energiereserven ihre Abnehmer letztlich in der Hand haben?

Gerling: So einfach ist das nicht. Das Ganze ist schließlich ein Wechselspiel. Bemühen wir noch mal das Beispiel Saudi-Arabien. Das Land hat einen großen Teil seines Vermögens aus den Öleinnahmen im Ausland investiert, insbesondere in den Industrieländern der OECD. Deshalb können die Saudis - und bei anderen Lieferländern ist es ähnlich - kein Interesse daran haben, das Wirtschaftsgefüge der Welt aus den Angeln zu heben. Sie brauchen ja auch zahlungskräftige Abnehmer, damit weiterhin ein gewisser Wohlstand für ihre eigenen Länder finanziert werden kann.

EM: Dennoch wird in letzter Zeit heftig darüber diskutiert, ob sich an der weltweit steigenden Nachfrage und der daraus resultierenden Verknappung und Verteuerung von Öl und Gas das Schicksal der hochentwickelten Industrieländer entscheidet. Ist diese Sicht völlig falsch?

Gerling: Natürlich sind solche Gefahren vorhanden. Wir sind nicht in der Lage, uns von heute auf morgen von den Lieferungen dieser Energierohstoffe abzukoppeln. Aber ich vertraue auf das Wissenspotential und die Ingenieurskraft der Industriestaaten. Wenn der Druck weiter steigt, wird es verhältnismäßig rasch zur Entwicklung neuer Technologien kommen, die  unsere derzeitige Abhängigkeit verringern.

Können Rußland oder Iran mit dem Druckmittel Energie die Weltpolitik bestimmen?

EM: An welche denken Sie – auch an neue Atomkraftwerke?

Gerling: Nein. Ich denke eher an erneuerbare Energien. Da gibt es noch viel Potential bis hin zur Kernfusion und zur Wasserstofftechnologie. Das sind alles Möglichkeiten, die man noch ausbauen kann, wenn es zur Verknappung von Energierohstoffen kommt.

EM: Können Länder wie Rußland oder der Iran, die über einen Großteil der Erdgasreserven verfügen, in absehbarer Zeit die Weltpolitik  bestimmen?

Gerling: Mehr als fünfzig Prozent der Erdgasreserven lagern nach heutiger Erkenntnis in Rußland, Iran  und Katar. Das gibt diesen Ländern natürlich Spielräume für den wirtschaftlichen und vielleicht auch politische Einsatz ihrer Rohstoffe. Aber Rußland zum Beispiel war selbst im Kalten Krieg ein zuverlässiger Lieferant. Katar ist Sitz des US-Hauptquartiers im Nahen Osten. Es hat enge Verbindungen zu westlichen Energiekonzernen wie Exxon Mobil, Shell und anderen. Diese Firmen liefern dem Land auch die Technologien zur Gasverflüssigung. Eine solch enge Verknüpfung macht die Vorkommen Katars relativ sicher.

EM: Und wie ist es mit dem Iran?

Gerling: Medienberichte legen nahe, hier ein etwas größeres Risiko anzunehmen. Bei einem eventuellen Embargo wären aber in erster Linie asiatische Staaten betroffen, denn sie sind Hauptabnehmer von iranischem Erdgas. Europa wäre kaum tangiert.

Die Ostseepipeline wird die Versorgung Westeuropas mit Erdgas stabilisieren

EM: Durch den Konflikt Rußlands mit der Ukraine schien auf einmal die Gasversorgung hierzulande gefährdet. Stabilisiert die jetzt im Bau befindliche Erdgasleitung durch die Ostsee die Versorgung Deutschlands und Westeuropas?

Gerling: Auf jeden Fall. Nicht nur für uns, sondern auch für die Versorgung Großbritanniens mit russischem Gas. Diese Leitung ist bestens dazu geeignet, die steigende Nachfrage zu befriedigen. Gasprom verhält sich marktkonform.

EM: Treibt der Energiehunger Asiens mit der Folge explodierender Preise den Westen in den wirtschaftlichen Ruin – oder verhindert auch hier die Verflechtung der Weltwirtschaft und die gegenseitige Abhängigkeit das Schlimmste?

Gerling: Die wirtschaftliche Verknüpfung Chinas mit den USA verhindert tatsächlich, daß sich die aufstrebende asiatische Wirtschaftsmacht einfach auf Kosten des Westens sanieren könnte. Das gilt aber umgekehrt ebenso. Dazu ist außerdem zu sagen: die Volkswirtschaften Chinas und Indiens müssen erst einmal in der Lage sein, das Finanzvolumen aufzubringen, um in immer größeren Mengen teures Öl zu kaufen. Das wird bei steigenden Preisen auch für diese Länder ein Problem, nicht nur für den Westen. Dazu kommt, daß die Erdgasversorgung abhängig ist von einer Infrastruktur aus Pipelines und Zuleitungen, also zunächst einmal von Investitionen, die ebenfalls viel Geld kosten. Und drittens haben China und Indien extrem große Vorräte an Kohle, also heimische Energieträger, die letztlich für die genannten  Länder volkswirtschaftlich interessanter sind als fernes Erdgas.

Im Frühjahr soll ein Energiegipfel stattfinden – der erste seit vielen Jahren

EM: Gibt es in der EU, in Deutschland ein Konzept, um der Entwicklung knapper und teurer werdender Energien zu begegnen?

Gerling: Die Bundeskanzlerin hat zu einem Energiegipfel aufgerufen, der im Frühjahr stattfinden soll. Da wird dieses Thema sicher eine Rolle spielen. Und es ist zu erwarten, daß danach ein neues Energiekonzept aufgestellt wird. Das wäre nach vielen Jahren das erste Mal, daß man sich damit wieder befaßt.

EM: Nach Expertenschätzungen wird Europa in absehbarer Zeit bis zu 65 Prozent seines Erdgases aus anderen als aus russischen Quellen beziehen. Die Abhängigkeit von russischen Lieferungen würde demnach abnehmen. Bekommen Länder im Nahen und Mittleren Osten, von Nordafrika bis nach Zentralasien für unseren Gasverbrauch bald eine viel größere Bedeutung als Rußland?

Gerling: Grundsätzlich ist eine solche Diversifizierung der Bezüge natürlich auch zu begrüßen. Deshalb wird das Unternehmen Eon wohl in Wilhelmshaven eine Anlage errichten, mit der importiertes flüssiges Erdgas wieder regasifiziert werden kann. Flüssiggas aus Nordafrika, dem Raum um das Kaspische Meer und dem Nahen Osten kann dann hier mit Containerschiffen angelandet werden und verringert die Abhängigkeit von den Pipelinelieferungen.

Die Technik der Erdgasverflüssigung erlaubt es, neue Lagerstätten auszubeuten

EM: Je größer der Kreis der Anbieter, je höher das Ausmaß der Diversifizierung, um so geringer die Anfälligkeit der Energieversorgung. Heißt das, daß dann bei einer krisenhaften Zuspitzung der Beziehungen eine Weile auch auf die Lieferungen eines der Anbieter, zum Beispiel des Irans, verzichtet werden kann?

Gerling: Ich glaube durchaus, zumal es ja bisher auf dem Erdgassektor mit dem Iran kaum Handelsbeziehungen gibt. Man muß einfach die übrige Welt mehr in Betracht ziehen. Dabei kommen uns zwei Dinge entgegen. Einmal die Technik der Erdgasverflüssigung, über die wir schon gesprochen haben. Sie erlaubt es; Lagerstätten auszubeuten, die bisher zu weit abseits von der vorhandenen Infrastruktur und vom Markt lagen. Der zweite Punkt: über die Verflüssigung von Erdgas kann man maßgeschneiderte Produkte für den Transportsektor herstellen, die schließlich sogar zur Entlastung des Ölmarkts führen können. Sie sind der Traum der Entwickler von Fahrzeugmotoren, da sie im Prinzip frei von „Schadstoffen“ für den Motor sind und auf diese Weise keine negativen Folgen für den Motor bewirken. Damit unterscheiden sich diese Kraftstoffe auch von den aus Erdöl hergestellten.

EM: Welche Regionen lassen sich durch die Technik der Erdgasverflüssigung und des Transports mit Tankern künftig besser erschließen?

Gerling: Wenn man Erdgas über eine große Distanz heranschaffen will, wird es ab einer bestimmten Distanz von ca. 3000 km extrem teuer. Es ist dann billiger das Erdgas zu verflüssigen und per Tanker zu transportieren. Am Zielort kann man es dann wieder regasifizieren. Also zum Beispiel träfe das für den Transport aus Katar zu – von da wäre der Tankertransport unterm Strich billiger als per Leitung durch den arabischen Raum, die Türkei und den Balkan bis zu uns. Aber auch Lagerstätten in Nordsibirien, die bislang zu weit ab lagen, könnten auf diese Weise erschlossen werden.

In absehbarer Zeit dürfte sich ein Gaskartell etablieren, ähnlich der OPEC beim Öl

EM: Was geschieht eigentlich, wenn ein Tanker mit flüssigem Erdgas havariert im Vergleich zum Öltanker?

Gerling: Die Verflüssigung geschieht ja unter Druck. Wenn nun der Tanker ein Leck hat beginnt sofort die Regasifizierung. Das Gas entweicht wie bei einer Gasflasche in die Atmosphäre. Es belastet allenfalls eine gewisse Zeit die Umgebungsluft des Tankers, aber es entsteht kein Schaden für die Umwelt, der mit einem Ölteppich vergleichbar ist.

EM: China, Rußland, Indien scheren sich kaum mehr um die Klassifizierung von Ländern als Schurkenstaaten, wenn sie in wirtschaftlicher, vor allem energiepolitischer Hinsicht von ihnen profitieren. Ist das ein Trend?

Gerling: China schert sich in der Tat herzlich wenig um das politische Regime in entsprechenden Ländern. Das wird ja auch in demokratischen Ländern immer wieder sehr deutlich angemahnt. Aber die chinesische Wirtschaft steht eben unter extremem Druck Energierohstoffe einzuführen. Das hat zum Beispiel dazu geführt, daß China große Erdöllagerstätten im Sudan ausbeutet und keine erkennbare Rücksicht nimmt auf politische Mißstände, auf die Mißachtung der Menschenrechte usw. Ähnliches kann man inzwischen auch in anderen Ländern mit ähnlichen Verhältnissen beobachten. Natürlich wird dies von den demokratischen Staaten mit Sorge beobachtet.

EM: Wie wird sich der Erdgasmarkt künftig entwickeln?

Gerling: Derzeit werden die transnationalen Gastransporte schon zu etwa einem Viertel in Form von Flüssiggas abgewickelt. Wenn diese Tendenz sich fortsetzt, wird es irgendwann zu einer Veränderung des Erdgasmarktes kommen. Gegenwärtig gibt es vier regionale Erdgasmärkte mit eigenen Verteilungsnetzen, mit eigenen Preisen, die noch unterschiedlich sind. Mittelfristig wird es durch die Veränderung des Transportsystems zu einem weitgehend einheitlichen Erdgas-Weltmarkt kommen. Diese Entwicklung kann schließlich dazu führen, daß sich nach dem Vorbild der OPEC  auf dem Ölmarkt ein Erdgaskartell bildet.

Energiepolitik ist Außen- und Machtpolitik

EM: Muß Energiepolitik künftig mehr sein als reine Wirtschaftspolitik, angesichts der ständig steigenden Bedeutung der Energieressourcen – bedarf es künftig verstärkt auch einer strategischen und machtpolitischen Absicherung der Lieferungen?

Gerling: Solche Überlegungen gehören eigentlich nicht zu meinem Fachbereich. Aber ich habe an diversen Sitzungen teilgenommen, in denen Fachleute ganz klar äußerten, daß Energiepolitik auch Außenpolitik ist. Nicht umsonst würden die USA versuchen; in der Golfregion demokratische Systeme zu etablieren. Das diene eben auch der Absicherung der Ölströme.

EM: Wenn die Öl- und Gaspreise sich ständig verteuern, so sagen im Prinzip alle Experten, werde die Kohleförderung eine weltweite Renaissance erfahren. Gilt das auch für die heimische Kohle in Deutschland und Europa?

Gerling: Der Verbrauch von Kohle ist in den letzten fünf Jahren weltweit sehr viel deutlicher gewachsen als der von Öl und Gas. Das hat vor allem mit dem starken Kohleverbrauch in China zu tun. Langfristig ist sogar zu erwarten, daß Kohle in der Welt zum wichtigsten Energieträger wird. Das liegt auch daran, daß die Kohlevorkommen viel größere Reserven aufweisen als die von Öl und Gas. Ich halte es angesichts der Preisentwicklung für überlegenswert, eine gewisse Anzahl der teuren deutschen Kohlebergwerke aufrechtzuerhalten.

Umweltfreundliche Kohlekraftwerke können unsere Energiesorgen mindern

EM: Wie kommt es, daß die Kohlevorkommen so ungleich viel umfangreicher sind als die von Öl und Gas?

Gerling: Das meiste Erdgas, das wir weltweit fördern, ist aus Kohle entstanden. Die Kohle ist ein Feststoff. Nur ein geringer Teil der weltweiten Kohlevorkommen hat sich in Gas umgewandelt, ist aus der Kohle entwichen und hat eigene Lagerstätten gebildet. Das Öl ist aus marin abgelagerter organischer Substanz, im wesentlichen aus Algen, entstanden. Nur fünf bis sieben Prozent des gebildeten Erdöls ist in Lagerstätten akkumuliert, alles übrige ist auf dem Weg dorthin verloren gegangen.

EM: Wie lange werden die Kohlevorräte den Energiebedarf der Welt decken?

Gerling: Gemessen an dem, was heutzutage jährlich verbraucht wird, reicht die Steinkohle noch mehr als 150 Jahre. Bei der Braunkohle haben wir Vorräte für mehr als 200 Jahre. Diese Zahlen betreffen nur die Reserven, die ohne weiteres zu fördern sind. Die so genannten Ressourcen, also Vorkommen die bislang aus wirtschaftlichen oder technischem Gründen nicht abzubauen sind,  reichen noch sehr weit über diese Zeiträume hinaus.

EM: Und wenn es gelingt, emissionsfreie oder extrem emissionsarme Kohlekraftwerke zu bauen, wird dann die Kohle der Energieträger der Zukunft sein?

Gerling: Wenn es uns gelingt; den Energierohstoff Kohle klimaneutral oder klimafreundlich zu verbrauchen, dann werden Stein- und Braunkohle wieder hoffähig und unsere Energiesorgen nehmen entsprechend ab. Die Technologien für saubere Kohlekraftwerke sind in ihrer Entwicklung weit gediehen.

EM: Herr Gerling, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Eurasien Interview Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker