Letzte Bastion freier Presse vor dem FallTSCHETSCHENIEN

Letzte Bastion freier Presse vor dem Fall

Die einzige Vereinigung unabhängiger Journalisten in Tschetschenien kämpft um ihre Existenz.

Von Andrea Jeska

EM – SNO, Tschetscheniens einzige unabhängige Vereinigung von Journalisten, steht wegen finanzieller Probleme vor der Auflösung. Die 2002 gegründete Organisation hält sich zur Zeit mit privaten Geldern über Wasser, berichtete die SNO-Vorsitzende Zuleykhan Bangalova. Die Presseorganisation hat sich kürzlich an mehrere Menschenrechtsorganisationen gewandt und auf ihre Notlage aufmerksam gemacht.

Die acht SNO-Journalisten haben seit ihrem Zusammenschluß ausschließlich über Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen Freiheit und Demokratie in Tschetschenien berichtet. Für diese Berichte riskierten sie täglich ihr Leben: nicht nur den föderalen russischen Streitkräften sind sie ein Dorn im Auge, auch den islamistischen Gruppierungen, den Rebellengruppen und ihren verschiedenen Anführern. Zuletzt versuchte die Regierung des von Moskau eingesetzten tschetschenischen Präsidenten Achmed Kadyrov, die Journalisten auf ihre Seite zu ziehen.

Weil es im zerstörten Tschetschenien kaum intakte Telefonleitungen und keinen Zugang zum Internet gibt, befinden sich die Redaktionsräume von SNO im benachbarten Inguschetien - wie die fast aller tschetschenischen Organisationen und Vereine. Die Journalisten fahren täglich ins ca. 40 Kilometer entfernte Grosny und wieder zurück, ein riskantes Unterfangen, bei dem sie mehrere Straßenposten queren müssen.

Ein Krieg mit allen Mitteln

Nach Inguschetien waren zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges rund 260.000 Tschetschenen geflüchtet, bis zum Winter 2002 lebten dort noch 46.000. Mit der Begründung, Tschetschenien sei befriedet, hat die Regierung in Moskau mit Hilfe ihrer Streitkräfte inzwischen die meisten dieser Lager auflösen lassen und die Flüchtlinge nach Tschetschenien zurückgeschickt. Auch die Büros der Organisationen sollen aufgelöst werden.

Die Regierung in Moskau, die seit 1999 in Tschetschenien einen blutigen Krieg führt, versucht mit allen Mitteln, Nachrichten über Folterungen, illegale Exekutionen, Filtrationslager, Hausdurchsuchungen und Bombardierungen zu unterdrücken. Schätzungsweise ein Drittel der Tschetschenen sind infolge der russischen Bombardements und Säuberungsaktionen umgekommen. Die Hauptstadt Grosny ist ein Ort der Ruinen, auch die meisten Dörfer liegen in Schutt und Asche. Menschenrechtsorganisationen haben wiederholt darauf hingewiesen, daß in Tschetschenien ein Genozid stattfindet – bislang jedoch ohne eine politisch relevante Reaktion im Westen hervorzurufen.

Für ausländische Journalisten ist Tschetschenien gesperrtes Gebiet. Die wenigen offiziellen Journalistenreisen dorthin sind eine Verspottung der Pressefreiheit. Rund um die Uhr unter Bewachung ist es den Journalisten nicht möglich, mit der einheimischen Bevölkerung Kontakt aufzunehmen. Wer auf eigene Faust nach Tschetschenien reist, gefährdet sein Leben – und oft genug auch das seiner Helfer.

Westliche Journalisten, die sich mit Tschetschenien beschäftigen, sind daher dankbar für jede Information, die nicht ideologisch manipuliert ist. SNO war bislang eine zuverlässige Quelle. Ihre Nachrichten aus dem Kriegsgebiet werden auf den Netzseiten von Menschenrechtsorganisationen sowie der tschetschenischen Diaspora veröffentlicht. Während die Situation der Medien im russischen Mutterland ein häufiges Thema in der westlichen Presse ist, gibt es wenige Informationen über und Kritik an der Situation der tschetschenischen Journalisten.

Zur Weiterarbeit fehlen SNO rund 3.000 Dollar. Allerdings wünscht sich die Organisation, ihre Berichterstattung zu erweitern, außerdem würden sie ihre Artikel gerne in englischer Sprache auf einer eigenen Seite im Internet präsentieren. Dafür müßten zehn weitere Journalisten angestellt werden.

Sie möchten die Arbeit der SNO-Journalisten unterstützen? Mit einer Spende auf das nachfolgende Treuhandkonto könnten Sie eine große Hilfe leisten:

Stichwort: „SNO Tschetschenien“
Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg
Kontonummer: 898880
BLZ 23052750
Kontoverwaltung: Andrea Strunk

Kaukasus Medien

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