„Letzte Nacht träumte ich vom Frieden“ von Dang Thuy TramGELESEN

„Letzte Nacht träumte ich vom Frieden“ von Dang Thuy Tram

Als würde man den Vietnamkrieg noch einmal erleben, hautnah, voller Grausamkeit und in aller Sinnlosigkeit, deren ein Krieg fähig ist. Die junge vietnamesische Ärztin Dang Thuy Tram hat ihrem Tagebuch anvertraut, wie sie inmitten des Schlachtfeldes versteckt im Urwald operiert, die Toten und Sterbenden begleitet, den Verlorenen ihre helfende Hand reicht. All die Empfindungen ihres jungen Lebens notiert sie, romantisch, sehr offen, manchmal hastig und knapp. Bis die Gewehrkugel eines amerikanischen Soldaten jäh ihre Hand stoppt und ihr Leben auslöscht.

Von Jan Balster

„Letzte Nacht träumte ich vom Frieden - Tagebuch aus dem Vietnamkrieg“ von Dang Thuy Tram  
„Letzte Nacht träumte ich vom Frieden - Tagebuch aus dem Vietnamkrieg“ von Dang Thuy Tram  

S tatt den Reissamen in die Erde zu bringen, säen amerikanische Bombenverbände Garben von Kugeln. Statt mit dem Kot der Wasserbüffel die Erde zu kräftigen, düngen Soldaten mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange. Männer zittern vor Schmerz, Kinder schreien nach den Eltern, Mütter weinen um ihre Söhne, Frauen winseln nach der helfenden Hand. Vietnam, 1968 bis 1970.

Im dichten, sechs bis neun Meter hohen Urwald im Unterholz nahe bei einem Flüsschen lag eine Klinik. Eine Krankenstation versteckt in Zentralvietnam, in der Quang Ngai Provinz, mitten im Schlachtfeld des amerikanisch-vietnamesischen Krieges. Eine Station der Zuneigung, ein Ort der Zuflucht, ein Ort zwischen Leben und Tod. Hier arbeitete die junge vietnamesische Ärztin Dang Thuy Tram, „ein träumerisches Mädchen, das so viel vom Leben verlangt?“ Tag und Nacht, im schwülen Sommer, windigen Herbst und kalten Winter. Sie umsorgte ihre Patienten, stellte Diagnosen und operierte ohne Strom und oft ohne Schmerzmittel, oder sie hörte ihnen einfach nur zu. Vietcongs blieben eine Zeit, verschwanden wieder, nur die Toten und Sterbenden verweilten ein letztes Mal, kamen zur Ruhe. Die Stille war trügerisch, jede Bewegung, gar jedes Geräusch konnte den Amerikanern oben auf dem Berg in ihrer Nähe den Standort verraten. Da begann Dang Thuy Tram Tagebuch zu schreiben.

„Schließlich starb er“, schrieb Dang Thuy Tram am 13. März 1969.

Ihm vertraut sie ihre Gedanken an, ihre Sehnsüchte und romantischen Gefühle. Sehr ehrlich, zuweilen auch nur kurz und prägnant. Sie schildert den Krieg eindrucksvoll, während sie mit ansehen muss, wie ihre Umgebung, ihr Heimatland von Kampfjets bombardiert wird. Dennoch beschreibt sie ein anderes Bild vom Heldentum der Soldaten: „Ein weiterer Genosse hat sein Leben geopfert. Die Wunde ging durch bis in seinen Bauchraum. Sein Zustand war nach der Operation nicht gut und verschlechterte sich immer mehr. Vielleicht hat ein unentdeckter Granatsplitter ein Gefäß verletzt und eine innere Blutung verursacht. Schließlich starb er“, schrieb Dang Thuy Tram am 13. März 1969.

Zwei Tage später erinnert sie sich, dass diejenigen, die ihr Leben für die Sache hingaben, Menschen waren wie sie selbst: „Luc, ein verwundeter Kader, der gerade so weit genesen war, dass er wieder kämpfen konnte, gehörte zu diesen mutigen Soldaten. Er fiel beim ersten Angriff. Als ich das hörte, empfand ich einen überwältigenden Schmerz. Ich konnte seine jugendlichen, klugen Augen und sein mutiges Gesicht noch ganz deutlich vor mir sehen.“

Zeilen, ganz im Sinn Ho Chi Minhs

Zwischendurch schreibt sie über Liebe. Sehr unerfahren. Wer ist der Mann, den sie M. nennt, mag sich der Leser fragen. Dang Thuy Tram wird literarisch, ausholend, dennoch mitreißend, selbstkritisch und sich ermahnend: „Ich muss mein Verhalten überprüfen. Es scheint, dass jemand mich auf Anhieb umgänglich und liebenswürdig findet. Könnte dies der Grund sein, weshalb ich neuerdings manchmal voreingenommen bin? Es kommt vor, dass ich mich taktlos äußere. Versuche dich zu ändern, oh Thuy!“

Zeilen, ganz im Sinn Ho Chi Minhs, welcher das einfache Leben, eine Mischung aus Konfuzianismus und Sozialismus nicht nur predigte, sondern vorlebte. Über ihn notierte sie am 3. September 1969: „Du fehlst deinen Kindern. Mein Onkel, Onkel des Volkes von Vietnam. Du sollst wissen, dass du niemals sterben wirst, dein Name und deine Mission leben ewig weiter!“

Die Chance auf mehr als ein paar Küsse hat man ihr brutal genommen

Dang Thuy Trams Tagebuch erzählt von Anteilnahme und Menschenwürde, von Mitleid und Nähe inmitten dieses ungewollten Krieges. Dang Thuy Tram fiel im Alter von 27 Jahren durch die Gewehrkugeln eines amerikanischen Soldaten. Sie stand im Kampf gegen eine militärische Übermacht, gegen Unterdrückung und Gewalt, ohne eine Waffe bei sich zu tragen. Sie starb mit der Überzeugung, dass Sozialismus bedeutet, auf den Menschen zuzugehen. Die Chance auf mehr als ein paar Küsse allerdings hatte man ihr brutal genommen.

Was kann edelmütiger sein, als sich selbst für ein anderes Menschenleben zu opfern? So erscheint es beinah als Beleidigung von Dang Thuy Tram, dass in den Schlussbemerkungen zur amerikanischen Übersetzung zu lesen ist: „Zweitens ließ sie sich von Idealen leiten.“ Nein, sie ließ sich von ihrem Herzen führen. Davon zeugen diese, ihre Tagebücher: „Letzte Nacht träumte ich vom Frieden.“

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Rezension zu: „Letzte Nacht träumte ich vom Frieden - Tagebuch aus dem Vietnamkrieg“ von Dang Thuy Tram, Krüger Verlag 2008, 224 Seiten, 17,90 Euro, ISBN: 978-3-8105-2029-6.

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