„Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen“, Herausgegeben von Tatjana KuschtewskajaGELESEN

„Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen“, Herausgegeben von Tatjana Kuschtewskaja

Die russische Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja, geboren 1947 in der Turkmenischen SSR, zeichnet ein interessantes Porträt russischer Frauen durch die Jahrhunderte. Es waren Frauen, die russische Geschichte schrieben.

Von Eva-Maria Stolberg

„Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen“, Herausgegeben von Tatjana Kuschtewskaja  
„Liebe – Macht – Passion. Berühmte russische Frauen“, Herausgegeben von Tatjana Kuschtewskaja  

D er Reigen beginnt mit Olga, Großfürstin der Kiever Rus und führt über Katharina die Große bis hin zur ersten sowjetischen Kosmonautin, Walentina Tereschkowa und zurFirst Lady der späten Sowjetunion, Raissa Gorbatschowa.

Was brachte all diese Frauen dazu, ihre historischen Spuren zu hinterlassen? Vor uns treten Frauen mit einem starken, ja energischen Tatendrang auf. Der Titel des Buches ist gut gewählt: Liebe, Macht und Passion. Es waren Frauen, die trotz ihrer wechselvollen Lebensläufe immer wieder ihr eigenes Leben in die Hand nahmen, mehr noch mit ihrer Eigenwilligkeit, dem Streben nach Selbständigkeit gaben und geben sie Generationen von Frauen nicht nur in Russland ein Vorbild.

„Die Weiber regieren oder Russland hat ein weibliches Gesicht“

Das Thema ist für Tatjana Kuschtewskaja nicht neu, in den 1970er und 1980er Jahren drehte sie Filme über sowjetische Frauen in ihrem Alltag. So über die Medizinprofessorin Ajna Grigorjewna Ambrumowa, die über den Suizid forschte, oder über eine Kolchosbäuerin aus Wologda. Mit ihren Dokumentarfilmen machte sich Kuschtewskaja zum „enfant terrible“ bei Parteisekretären, denn es ging ihr nicht darum, Hochglanzheldinnen des Sozialismus, sondern widersprüchliche Charaktere zu präsentieren.

Dazu schreibt die Autorin: „Menschen, die lediglich denken und sagen, was sich zu denken und zu sagen gehört, öden mich an; mich interessieren nur solche, die über alles selbst nachdenken und sich oftmals qualvoll bemühen, zu einem eigenen Urteil zu gelangen, Menschen, die mehrdeutig und mehrschichtig sind.“ Tatsächlich trifft diese Aussage auf die hier vorgestellten Frauen aus der russischen Kulturgeschichte zu.

„In seiner tausendjährigen Geschichte wurde das autokratische Russland insgesamt 103 Jahre lang von Frauen regiert“

Diese Weiberherrschaft war in Russland selbst nicht unumstritten, schon die altrussischen Chroniken beschrieben die heilige, apostelgleiche Großfürstin Olga als „listig“. Doch musste später selbst der Doyen der russischen Nationalgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert, Nikolai Karamzin anerkennen, „unter Olga wurde Russland bis in die fernsten Länder Europas bekannt“. Die Nestorchronik schmückte die Heirat des Großfürsten Igor mit Olga zu einem Märchen aus. Doch präsentierte sich Olga keineswegs als reines „Heiratsobjekt“. Während ihrer Ehe mit Igor hielt sie diesem den Rücken frei, wenn der Großfürst Feldzüge unternahm, Olga führte die Regierungsgeschäfte, empfing Gesandtschaften. Ihr politischen Fähigkeiten stellte sie durch diplomatisches Geschick unter Beweis, scheute allerdings auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück. Den Ungehorsam tributabhängiger Stämme wie den Drevljanen schlug die Großfürstin mit Waffengewalt nieder.

Welches Faszinosum starke Frauen schon damals darstellten, zeigt ein zeitgenössisches Urteil, „in den ihr unterstehenden Landen der russischen Erde herrschte sie nicht wie eine Frau, sondern wie ein starker, umsichtiger Mann, hielt die Macht fest in den Händen und wehrte kühn alle Feinde ab.“ Auch in der gezielten Christianisierung ihres Landes sah sie ein machtpolitisches Kalkül, um ihre Herrschaft nach außen wie auch nach innen zu legitimieren. 1547 wurde Großfürstin Olga von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochen. 1988 drehte Autorin Kuschtewskaja anlässlich der tausendjährigen „Taufe Russlands“ den Film „Von Irdischen und Himmlischen“ am Grab der Heiligen Olga in Kiev.

Der Mythos Katharinas der Großen

Nicht weniger mythenbehaftet ist eine andere russische Herrscherpersönlichkeit: Katharina die Große. Schon zu ihren Lebzeiten galt das öffentliche Interesse ihren zahlreichen Liebschaften, zu denen mancher Zeitgenosse, aber auch spätere Historiker einiges hinzudichteten. Der Zarin wurde Wollust zugeschrieben, was jedoch eher dem damaligen Zeitalter entsprach, dem wie es Autorin Kuschtewskaja nennt, eine weltzugewandte Sinnenfreude nicht abzusprechen war.

Jedoch nennt Tatjana Kuschtewskaja noch einen weiteren, plausiblen Grund. Katharinas Charaktereigenschaften wie Klugheit, Nachdenklichkeit, Willensstärke und (un-)heimliche Entschlossenheit riefen in der höfischen Gesellschaft Argwohn, Neid und nicht zuletzt Angst hervor.  Ihr Staatsstreich, die Gefangennahme ihres Mannes, die Niederschlagung des Pugatschow-Aufstandes gaben Zeugnis, dass Katharina nicht zimperlich vorging. Auch die Außenpolitik ging die Zarin energisch an, wie die zahlreichen Kriege gegen die Osmanen zeigten.

Was macht nun den Mythos Katharinas der Großen bis heute aus, fragt sich Tatjana Kuschtewskaja? Zwei Antworten werden geboten: zum einen stelle sich Katharinas Lebensgeschichte als „erotische Utopie“ dar, zum anderen verkörpere Katharina für viele Russen bis heute die unwiderstehliche, weil willensstarke Frau als „Mütterchen Zarin“, die gleichsam als Symbolfigur für das Leben, die Erde und die Natur das russische Volk an ihrem Busen nährt.

Tatkraft und Wissen der „Kleinen Katharina“

Eine nicht weniger starke Persönlichkeit tritt dem Leser in der Gestalt der „kleinen Katharina“ gegenüber: Katharina Woronzowa-Daschkowa (1743-1810). In der Epoche der Favoriten und Emporkömmlinge beruhte ihre Durchsetzungskraft nicht auf Intrigen und Patronage, sondern auf Tatkraft und profundem Wissen. Bei ihrer großen Namensvetterin löste allerdings ihre Popularität in der russischen Hof- und Adelsgesellschaft Eifersucht aus. Aber die Daschkowa zog auch den Neid männlicher Zeitgenossen auf sich, kein Wunder bei ihrer vielseitigen Bildung. Der britische Gesandte, Lord von Buckingkham, urteilte: „Die Lady, deren Name zweifellos in die Geschichte eingehen wird, macht eine vortreffliche Figur ….Ihre Ideen sind unsäglich grausig und naseweis; sie könnten unter Anwendung schrecklichster Mittel zur Befreiung der Menschheit führen und danach alle zu ihren Sklaven machen.“

Dieser überzogene Spott enthielt jedoch ein Körnchen Wahrheit: die bei der Zarin in Ungnade gefallene Daschkowa erklärte bei ihrem Aufenthalt in Paris gegenüber den verwunderten französischen Aufklärern Diderot und Voltaire, das „aufgeklärte“ Leibeigenschaftsrecht der Zarin diene dem Wohle der Bauern.“  Ihr Kalkül, die Gunst der Zarin wiederzugewinnen, ging auf: 1771 vermachte ihr Katharina die Große eine Schenkung von 2.500 Leibeigenen sowie ein Palais in St. Petersburg. 1783 wurde sie von der Zarin zur Direktorin der Petersburger Akademie für Geisteswissenschaften ernannt. Daschkows Arbeitseifer und ihr feuriges Temperament, das in einer scharfen Zunge seine Worte fand, führte jedoch zu einer erneuten Entzweiung mit der Zarin. Auch ihre berühmten Memoiren entbehren nicht einer gewissen Polemik gegen die Autokratin. Sie wurden bezeichnenderweise erst 1840 veröffentlicht – und zwar in London.

Wagemutige Frauen: Nadeshda Durowa und Jelena Blawatskaja erobern die Welt

Nadeshda Durowa war eine besondere Frau: Sich als Mann ausgebend, trat sie 1806 in ein Kavallerieregiment ein und nahm am Krieg gegen Frankreich in den Jahren 1812 und 1814 teil. Sie war der Enge ihrer Familie und ihrer Ehe entflohen. Ihre Eltern empfanden es als Schande, dass ihre Tochter Ehemann und Kinder verlassen hatte. Als erfahrene Kommandeurin führte sie mit ihren Männern Angriffe auf die napoleonischen Truppen in der Schlacht von Borodino. Eine Verwundung zwang sie jedoch, ihren Dienst in der Zarenarmee zu quittieren. Nun zog sich Durowa zurück und wurde Schriftstellerin. Sie äußerte sich nicht nur über die Reformen in Russland, sondern auch nahm auch zur Emanzipation der Frauen Stellung: „In unserer Zeit ist eine Frau, die keine Betätigung findet und sich in die Untätigkeit schickt, falscher am Platz als jemals zuvor. Heute mehr denn je braucht die russische Gesellschaft Frauen voller Tatkraft und Einsatzbereitschaft, voller Empfänglichkeit für die großen Dinge, die sich rings um sie vollziehen, und mit der Fähigkeit, ihren Stein in das Gebäude der gesellschaftlichen Ordnung und des Gemeinwohls zu fügen, das es mit vereinten Kräften zu errichten gilt.“

Tatkraft und Empfänglichkeit für die großen Dinge bewies auch die berühmte Theosophin Jelena Blawatskaja (1831-1891), die zunächst Tibet und Indien bereiste, dann 1875 die Theosophische Gesellschaft in New York gründete. Mehr noch, sie beeinflusste mit ihren Gedanken Komponisten und Maler wie Gustav Mahler, Jean Sibelius, Paul Gauguin und Wassily Kandinsky.

Mit dem lamaistischen Buddhismus kam Jelena Blawatskaja bereits in ihrer Kindheit in Berührung; ihr Großvater hatte in der russischen Kolonialbürokratie Karriere gemacht, war zeitweise Gouverneur von Astrachan‘ gewesen, ein Onkel besaß Ländereien an der Grenze zur Mongolei. Auf ihren späteren Reisen nach Tibet, Indien, aber auch Nordafrika, wo sie unter den Beduinen lebte, konnte sie ihre Abenteuerlust stillen, nicht weniger abenteuerlich muten ihre theosophischen Schriften an. So entwickelte Blawatskaja eine eigene theosophische Theorie, sie ging davon aus, dass die geschichtliche Entwicklung der Menschheit zunächst von „Großen Erleuchteten“ geleitet worden sei, solche Aufklärer würden in ihrer Zeit aber fehlen, die Menschheit habe die Weisheit ihrer Kindheit eingebüßt.

Sie selbst verstand sich als Missionarin bzw. Medium, den Menschen das Licht der Wahrheit zu überbringen. Klingen ihre Aussagen heutzutage abstrus, so erkannte Blawatskaja jedoch den Bruch der modernen, säkularisierten Gesellschaft mit der Religion. Blawatskaja war bereits zu ihren Lebenszeiten umstritten, für die einen war sie eine charismatische Persönlichkeit, für andere ein Dämon. Ihr Vetter, Sergei Witte, schrieb einmal über sie: „Sie hatte etwas Dämonisches an sich. Augen wie die ihren habe ich kein zweites Mal gesehen – blau, riesengroß, unergründlich. Und wenn sie sprach, war es, als sprühten diese Augen Funken. Dass sie großen Einfluss auf andere ausübte, wundert mich gar nicht.“ Dessen war sich die Blawatskaja auch durchaus bewusst: „Wer Menschen beherrschen will, muss sie hinters Licht führen. Ich habe all diese Seelchen schon vor Ewigkeiten durchschaut, ihre Einfalt amüsiert mich manchmal auf köstlichste.“ Dass mit Esoterik Geld zu verdienen war, erkannte schon Blawatskaja. Noch heute werden Bücher von und über Jelena Blawatskaja weltweit millionenfach verkauft und damit trägt diese Frau nicht zuletzt auch heute zum boomenden Esoterik-Markt bei. 

„Charmant, lebhaft und rebellisch“: Russische Salondamen des 19. Jahrhunderts

In den nächsten Kapiteln stellt Tatjana Kuschtewskaja Frauen dar, die in die russische Literatur der Salons eingegangen sind: Maria Hartung und Sonka Goldhändchen. Starke Frauen treten als Protagonistinnen bei Lew Tolstoi und Anton Tschechow auf. Diese Frauen entstammten vornehmen Familien, waren gebildet und rebellierten gegen gesellschaftliche Konventionen. Die unglückliche Liebe der Maria Hartung, die mit Leonid Nikolajewitsch Hartung, einem Kavalleriegardisten und Spieler, ging in Tolstois Roman „Anna Karenina“ ein.

Auch die Ehe Scheindla Blüwstein-Solomiak, genannt Sonka Goldhändchen, stand unter keinem guten Zeichen. Nach der Geburt ihres ersten Kindes trennte sich Sonka von ihrem Mann. Sie machte sich daraufhin einen Namen als Russlands bekannteste Diebin, von dem entwendeten Geld finanzierte sie ihren Töchtern die Ausbildung in Westeuropa. Ab den 1870er Jahren war „Goldhändchen“ jedoch auf ihren Diebeszügen nicht mehr allein, sie rekrutierte ein ganzes Netz von Helfern, Agenten – meistens Vorbestrafte. Sonka Goldhändchen avancierte zur Lady des „organisierten Verbrechens“. Immer wieder entkam sie der Polizei; erst im Dezember 1880 wurde man ihrer habhaft. Am 19. Dezember 1880 fand ein Gerichtsprozess gegen die Meisterdiebin in Moskau statt. Das Urteil lautete: Verbannung nach Sibirien. Der Schriftsteller Anton Tschechow begegnete ihr auf der Verbannteninsel Sachalin. Amüsant schreibt Tatjana Kuschtewskaja, dass die heutige russische Unterwelt zu ihrem Grab auf dem Wagankowskoje-Friedhof in Moskau pilgert, um „Segen für die Geschäfte“ zu erbitten.

Platonische oder freie Liebe?

In „Also sprach Zarathustra“ verarbeitete der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche seine unglückliche Liebe zu Lou Andreas-Salomé. Lou entstammte einer baltendeutschen Familie mit hugenottischen Wurzeln. Nach ihrer Kindheit in St. Petersburg ging die junge Frau nach Zürich, wo sie ein Studium der Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte aufnahm. Ihr besonderes Interesse galt allerdings der Philosophie; sie schloss sich dem philosophischen Kreis um Malwida von Meysenburg an, eine bekannte Frauenrechtlerin, die mit Alexander Herzen befreundet war. Über diesen Kreis lernte Lou auch Nietzsche kennen. Er urteilte über die junge Frau: „Sie ist scharfsinnig wie ein Adler, muthig wie ein Löwe und zuletzt doch ein mädchenhaftes Kind. Sie ist auf die erstaunlichste Weise gerade für meine Denk- und Gedankenweise vorbereitet.“

Doch Lou lehnte seinen Heiratsantrag ab. Stattdessen genoss sie es, mit Männern, die in sie verliebt waren, sich geistig auszutauschen. Dahinter verbarg sich jedoch noch ein anderes Motiv: sie fürchtete, durch eine Ehe auf das Nur-Frau-sein reduziert zu werden.

Dennoch fuhrsie 1886 mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas in den Hafen der Ehe ein. Die Beziehung hielt über vierzig Jahre, blieb jedoch platonisch. Lou machte sich vor allem als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin einen Namen.

Es folgten zahlreiche außereheliche Affären, u.a. mit Frank Wedekind und René Maria Rilke. Lou wurde die Geliebte und Muse deutscher Dichter. Lous außerordentliche Intelligenz und Bildung zog die Männer an, ihr Perfektionismus, der Männern keine Fehler und Schwächen zugestand, machte sie zu einer schwierigen Person. Dabei war sie stets auf der Suche nach sich selbst. Diesem Umstand sind ihre Beziehungen zu den Psychiatern Friedrich Pineles, Poul Bjerre und Sigmund Freud zu verdanken. Durch Freud beeinflusst, beschloss Lou schließlich, selbst als Psychotherapeutin tätig zu werden.

Auf in die Politik! Nadezhda Krupskaja, Alexandra Kollontaj, Raissa Gorbatschowa

Offiziell stellte Nadezhda Krupskaja als Ehefrau des Revolutionsführers Lenin in der Sowjetunion eine Politikone dar, demgemäß wurde ihre politische Laufbahn in den Vordergrund gestellt. An der Seite Lenins vollzog sich ihre politische Karriere schnell: 1920 Vorsitzende des Hauptkomitees für politische Aufklärung beim Volkskommissariat für Volksbildung, seit 1929 Stellvertreterin des Volkskommissars für Volksbildung, 1927 Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Sie trat vor allem mit Arbeiten über die sowjetische Pädagogik in Erscheinung und wurde mit dem Leninorden sowie dem Orden des Roten Arbeitsbanners ausgezeichnet. Im Zarenreich im politischen Untergrund seit 1890er tätig, wurde sie Kampfgefährtin Lenins, doch fühlte sie sich diesem trotz aller Bewunderung ebenbürtig.

Gern widersprach sie ihrem Mann in politischen Fragen. Dass sie eine mutige Frau war, zeigte sich schließlich im Sommer 1930, als sie im Vorfeld des XVI. Parteitages die Methoden der Stalinschen Kollektivierung verurteilte. 1938 übte sie mit den Worten „allmählich zeigt der Großmachtchauvinismus seine Fratze“ Kritik an der Einführung des obligatorischen Russischunterrichts in den Schulen der nationalen Republiken, also an Stalins Russifizierungspolitik. Die Krupskaja blieb damit eine Revolutionärin der alten Schule.

Dies trifft noch mehr auf Alexandra Kollontaj zu, die sich weder mit Gleichmacherei noch Unterordnung zufrieden gab. Schon um 1900 wurde Kollontaj eine einflussreiche Agitatorin gegen die Zarenmacht, sie verband geschickt die Arbeiterfrage mit der Frauenemanzipation. Nach der Oktoberrevolution ernannte Lenin sie zur Volkskommissarin für staatliche Fürsorge. In dieser Funktion setzte sie in Sowjetrussland die Zivilehe durch. 1922 erschien ihr berühmtes, provokantes Buch „Dem geflügelten Eros freie Bahn“, in dem sie für die freie Liebe plädiert und damit der sowjetischen Zivilehe das Fundament entzieht. Sie selbst war zeit ihres Lebens eine skandalumwitterte Person, nicht zuletzt wegen ihrer unzähligen Affären, die aber gerade auch im Zeitgeist der turbulenten 1920er Jahre zu sehen sind.

Nicht weniger turbulent waren die 1980er Jahre, die Zeit der Perestroika. Dass Frauen von politischem Format es in der Sowjetunion nicht immer leicht hatten, zeigt auch das Beispiel Raissa Gorbatschowa. Sie brachte an der Seite ihres Mannes einen Lady-Stil ins politische Leben der späten Sowjetunion, was sie von vorhergehenden Gattinnen der Führungselite unterschied. Mehr noch, Raissa hielt auf offiziellen Kundgebungen und in Fernsehstudios ihre eigenen Reden. Das brachte ihr allerdings nicht immer nur Anerkennung ein. Neidvolle Stimmen in der von Glasnost‘ geprägten sowjetischen Presse, aber auch im Ausland mahnten zur Zurückhaltung und Bescheidenheit.

In der Gesamtschau liefert Tatjana Kutschewskaja einen faszinierenden Einblick in Lebensläufe und Identitäten russischer Frauen im Laufe der Jahrhunderte. Auf der Suche nach ihrem Selbst jenseits gesellschaftlicher Konventionen waren sie von Liebe – Macht – Passion getrieben und blieben sich stets selbst treu!

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Rezension zu: „Liebe – Macht – Passion: Berühmte russische Frauen“, Herausgegeben von Tatjana Kuschtewskaja, Grupello Verlag 2010, 318 Seiten, 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3899781106.

Rezension Russland

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