„Lied von der Steppe“

„Lied von der Steppe“

„Lied von der Steppe“

Der Schweizer Sender SF DRS zeigt am 21. Dezember 2003 einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Lied von der Steppe – Musikalische Begegnung in der Mongolei“. Bei ARTE wird dieser am 20.März 2004 wiederholt. Michael Schindhelm und Jörg Jeshel drehten die Reportage während des Festivals „Roaring Hoofs“, welches alljährlich inmitten der mongolischen Steppe stattfindet. Sie vereinigen dabei faszinierende Bilder aus der rauhen, oft auch lieblichen Natur mit den ergreifenden Klängen mongolischer Musiker und ihren Gästen aus aller Welt. Gleichzeitig geben sie viele interessante Einblicke in Geschichte, Kultur und Leben der Mongolen.

Von Gudrun Wagner

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Shinezog mit seiner mongolischen Pferdekopfgeige vereinigt Tradition und Neuzeit auf faszinierende Weise. 

EM - Horden von Pferden, getrieben von mongolischen Reitern überdas grüne fernöstliche Steppengras. Der Wind fegt über die unendlicheEbene, wirbelt Staub auf, bevor sich ganz sanft die Pferdekopfgeige in dieRhythmik des Hufgetrappels einstimmt. Noch müssen die langen schwarzenHaare der Sängerin mit dem traditionellen mongolischen Kopfschmuck gebändigtwerden, bevor das Konzert des „Moonstone-Ensembles“ beginnen kann. Der Zuschaueram Bildschirm taucht unweigerlich ein in die Steppenlandschaft der WüsteGobi. Sie ist geprägt ist von uralten Traditionen und melancholischenMelodien, dem nomadischen Leben mit Pferden, Kamelen, Schafen und Ziegen undder Einsamkeit der Wanderdünen.

Lange wirken diese Bilder und Klänge ganz für sich alleine. Dannziehen die Worte des Sprechers die Aufmerksamkeit auf sich: „Achthundert Jahre,nachdem der Venezianer Marco Polo vom Hofe Kubilai Khans aus das größteWeltreich aller Zeiten bereiste, hat die Mongolei ihr Geheimnis nicht preisgegeben.Einst bevölkerten Chinesen, Türken und Europäer, Buddhisten,Christen, Moslems und Juden die Steppe. Ihre Spuren sind längst verweht,ihre Stimmen von der Leere verschluckt. Der Zauber der mongolischen WüsteGobi hält jedoch an. Sie ist Projektionsfläche für die Phantasie übereine dem Westen nach wie vor unvertraute alte Kultur. Gestalten und Stimmenaus dem goldenen Zeitalter der Mongolen, der Herrschaft Dshingis Khans, geisterndurch den Raum. Die Wüste Gobi wird zum Konzertsaal einer musikalischenEntdeckung. Musiker unterschiedlicher Traditionen und Nationen zieht es hierher.Eingeladen von dem internationalen Festival „Roaring Hoofs“ begegnen sie derrätselhaften Welt der Mongolen. Kann Musik ein Schlüssel zu ihremGeheimnis sein?“ Eine Frage, die in den Weiten der Mongolei verhallt. Überihre Antwort kann der Zuschauer in Eigenregie sinnieren.

Mit den Musikern des Roaring Hoofs-Festivals die Mongolei verstehenlernen

Von „Dröhnenden Hufen“ können die Mongolen ein Lied singen, undso ist das Roaring Hoofs-Festival die größte internationale KulturveranstaltungZentralasiens. Bereits zum fünften Mal konnte es dieses Jahr in einemJurten-Lager nahe der mongolischen Hauptstadt Ulanbator ausgetragen werden.Eine Woche lang trafen sich hier Musiker aus Deutschland, aus der Schweiz,den Niederlanden, Großbritannien, Finnland und Schweden, sowie aus derTürkei, Aserbaidschan, Kirgisistan, Armenien und natürlich aus demGastgeberland, der Mongolei. Ganz leise stellt sich im Verlauf der Sendungdie Frage, warum in einem Film über die Mongolei mitten in der SteppeAserbaidschaner, Kirgisen, Türken, ja sogar Deutsche und Engländermiteinander musizieren. Derartige Gedanken wären dem bekanntesten Mongolenaller Zeiten, Dshingis Khan, wohl niemals gekommen. Nachdem seine Reiter einstzig Tausend Kilometer bis nach Schlesien zurückgelegt hatten, wäreEngland gewissermaßen nur noch einen Galoppsprung weit entfernt gewesen(Vgl.: Die Mongolen, EM 03-03). Gemeinsamkeiten zwischen so weit entferntenKulturen sind also nicht auszuschließen. Der Austausch zwischen fernöstlichenMusiktraditionen und zeitgenössischer, europäischer Musik als Grundideedes Festivals „Roaring Hoofs“ könnte sie ans Tageslicht bringen.

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  Wolfgang Rüdiger aus Deutschland vor einer Jurte, der traditionellen Behausung der mongolischen Nomaden.

Michael Schindhelm und Jörg Jeshel begleiteten dieses Kulturspektakelim Juni dieses Jahres mit der Kamera: Auf einem großen, roten Tuch, ausgebreitetauf hellbraunem Wüstensand, sitzen Mammador Rovshan, Nagiyev Elshin undMansuror Elshan im Schneidersitz. Die drei Aserbaidschaner spielen versunkenin ihre eigene Melodie das „Lied eines blinden Arabers“. In einem Interviewerklärt Elshan anschließend, daß in den dreiundsiebzig Jahrender Sowjetära aserbaidschanische Kultur teilweise verboten wurde, weilsie angeblich nicht mehr aktuell sei und aus der Zeit des Feudalismus stamme.

Wie zwei Alphornbläser stehen Hovhannishan Emmanuel und Miasyan Artyomin der unendlichen, grünen Steppenebene der Mongolei und spielen auf derDuduk, einem alten armenischen Blasinstrument. Sie beherrschen, ähnlichwie Didgeridoo-Spieler, die Kunst der Permanentatmung. Die erste Duduk blästdurchgängig den Bordunton und wird dabei von der zweiten, die der klagendenMelodie des Sonnenaufgangs folgt, kunstvoll umspielt. Wie bei einem Froschblasen sich die Backen der beiden Armenier auf, denn während sie mit derNase einatmen, pressen sie die im Mundraum noch vorhandene Luft in ihr Musikinstrument.

Das „Lied von der Steppe“

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Die Mongolin Skar Chimidseye singt „Das Lied von der Steppe“ vor den schroffen Felsen der Wüste Gobi.  

Das „Lied von der Steppe“ wird von der Mongolin Skar Chimidseye gesungen.Die Töne werden dabei durch Lyrismen extrem gedehnt. Eine geheimnisvolleAtemtechnik verbirgt sich hinter ihrem sogenannten Urtyn Duu-Gesang. Sie istes, die der Melodie erlaubt, sich weit über der Savanne auszubreiten.Geschickt legt Schindhelm über Chimidseyes Lied das Saxophonsolo des EngländersTrevor Watts, der seine Töne durch ähnliche Koloraturen wie beimUrtyn Duu verbreitert. Hier lernt der Zuhörer zu verstehen, daß trotzaller Fremdheit zwischen den Kulturen durchaus auch Gemeinsamkeiten gefundenwerden können.

Der siebzehnjährige Shinezog Geni versetzt ins Staunen: Seine Haare sindblond gefärbt, er liebt Michael Jackson und die Backstreet Boys und dennoch „gräbtsich Shinezog zurück an die Wurzeln der mongolischen Tradition“, indemer sich für den Chömij-Gesang und die Pferdekopfgeige entschiedenhat. Chömij ist ein Obertongesang, bei dem durch das Zusammenwirken vonZwerchfell, Kehlkopf, Gaumen, Nase und Lippen zwei Töne gleichzeitig gesungenwerden können, nämlich der Grundton und die in ihm enthaltenen verschiedenenObertöne.

Dr. Wolfgang Rüdiger, Fagottist und Professor für Musikpädagogik an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf war einer der Teilnehmer des Roaring Hoofs Festivals. Das unterschiedliche Verhältnis der einzelnen Nationen zu ihren Traditionen nahm er so wahr:

„Während die Mongolei auf dem Wege in ein neues Zeitalter sich ihrer kulturellen Traditionen vergewissert und voll Stolz und Würde den Obertongesang der Männer ( Chöömij ), den hymnisch heterophonen Urtiin Duu -Gesang der Frauen und die Klänge der Pferdekopfgeige ( Moriin Khuur ) zu alt-neuen Ufern führt, erlebt Europa zur Zeit einen epochalen Traditionsverfall – die Krise des klassischen Konzerts ist nur ein Zeichen von vielen –, der durchaus als Indiz einer Schwellenzeit, einer neuen Ära und historischen Zäsur gedeutet werden kann. Unsere vielfältigen konzertpädagogischen Maßnahmen vermögen dem nur begrenzt entgegenzuwirken. Vielleicht aber ermöglichen ja kulturelle Initiativen wie das Festival „Roaring Hoofs“ und verwandte Veranstaltungen mit all ihren potentiellen Langzeitfolgen durch die Begegnung mit dem Anderen einen neuen, frischen Blick auf unsere Musikkultur, ihre Traditionen und Torheiten, vielleicht ermöglicht jegliches Zusammenspiel des scheinbar Eigenen und des scheinbar Fremden eine neue Selbstvergewisserung dessen, was wir in Europa und in Deutschland vor lauter Selbstverständlichkeit, falscher Verengung und Verehrung und wenig achtsamer Pflege verloren haben oder gänzlich zu verlieren auf dem Wege sind.“

Der vollständige Erfahrungsbericht von Wolfgang Rüdiger ist in der Zeitschrift Rohrblatt erschienen.
 

Tradition als unverzichtbarer Teil der Moderne

Nicht nur Shinezog hat sich der jahrhundertealten Kultur verschrieben. Ganzallgemein erkennen die Mongolen ihre Ursprünge als unverzichtbaren Bestandteilder Moderne. Und dies gilt nicht nur für die Kunst. Auch „das Zelt derNomaden ist ein solcher Ursprung“, den man nicht missen möchte. Noch heuteleben selbst in Ulanbator von den 600.000 Einwohnern der mongolischen Metropoleetwa ein Drittel in den traditionellen Jurten aus Filz.

Frühsommerist „Naadam-Zeit“: Jörg Jeschel führt das Publikum mit seiner Kamerazum Schauplatz eines seit den Hunnen bewahrten Rituals. Jung und Alt kommenin seidenen Gewändern und Schärpen hoch zu Roß, mit dem Jeepoder auf dem Motorrad, um bei den Spielen der Männer dabei zu sein. DieDisziplinen heißen Reiten, Ringen und Bogenschießen. Wie Adler,die durch die hohen Lüfte gleiten, sehen die Ringer aus bei ihrem denKampf einleitenden Tanz. Zeitlupenartig drehen sie sich um ihre eigene Achse.Nur ihre ausgebreiteten „Schwingen“ sind mit einer Art Weste bekleidet. Dazutragen sie Stiefel, ein knappes Höschen und eine Mütze aus Seide.Im Wind flattert die rot – blau – rote mongolische Nationalflagge.

Naadam ist nur eine von vielen kulturellen Besonderheiten, von denen der Filmhandelt. So erzählt Michael Schindhelm nicht nur die mystische Geschichteum die Entstehung der Pferdekopfgeige, sondern auch die Sage vom UrmongolenBatatschikan, der einst an der Quelle des Onan-Flusses als Sohn eines blaugrauenWolfes und einer halben Hirschkuh das Licht der Steppe erblickte. Ab dem sechzehntenJahrhundert hatte der Lamaismus großen Einfluß auf das mongolischeVolk, und so öffnen sich für den Zuschauer die Tore des buddhistischenKlosters Erdene Zuu. Unter den Kommunisten wurde es geschlossen und seine gesamteBibliothek vernichtet.

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Gesellschaftssystems Anfang derneunziger Jahre nahm der Einfluß des Westens auf das Alltagsleben derMongolen merklich zu. Spürbar wird das nicht nur in Ulanbator, wo dieMarktschreier die Namen westlicher Firmen auszusprechen üben, nein auchin den überwiegend nomadisch geprägten Steppen hält der Westenmit Jeans und Motorrad seinen Einzug. Mit dem Unterschied, daß hier aufeinem Motorrad eine vierköpfige Familie Platz findet. „Doch im Gewirrdes offenen Marktes sind unbeirrt die Stimmen von Pferdekopfgeige, Urtyn Duuund Chömij zu vernehmen“.

So schließt Michael Schindhelm mit den Worten: „Die Mongolei ist einreiches armes Land. Es ist nicht das Bruttosozialprodukt, das hier überfließt,sondern der Quell eines kollektiven Bewußtseins, seinen Weg durch dieseWelt in einer langen Ahnenreihe zu gehen, an deren Anfang für die einender Urmongole Batatschikan steht und für die anderen Buddha“.

*

Der 1960 in Eisenach geborene Regisseur, Michael Schindhelm, ist eigentlichpromovierter Quantenmechaniker. Im Jahr 2000 hatte er mit „Roberts Reise“ seinRomandebüt und ist inzwischen Intendant am Basler Schauspielhaus. In diesemSommer erschienen im Eurasischen Magazin seine „Aufzeichnungen aus der Mongolei“.(Vgl.: „Ein paar Kilometer hinter Karakorum hat die Steppe den Horizont weggeschnitten“,EM 08-03, „Endstation Steppe“, EM 09-03)

Klicktip: www.roaringhoofs.de

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