„Lilja 4-ever“GESEHEN

„Lilja 4-ever“

„Lilja 4-ever“

Bewegendes Drama uber das Schicksal einer zur Prostitution gezwungenen Schulerin aus der Ex-Sowjetunion.

Von Hartmut Wagner

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Lilja (links) und ihre Freundin träumen voneinem Leben in Luxus 

EM – Der Film beginnt mit einem Schlag in die Baßsaiten.Eigentlich ist es ein Schlag auf die Pauke. „Mein Herz brennt“ schmettert Rammsteindurch den Kinosaal. Selten paßten Musik und Handlung so gut zueinanderwie hier: aggressiv, unbarmherzig, kaltblütig. Die Kamera zeigt eine graueTrabantenstadt. Dann sieht man die blonde Lilja, wie sie über eine Autobahnbrückehetzt. Sie bleibt stehen, klettert auf das Geländer und....

Drei Monate zuvor – irgendwo dort, wo früher einmal die Sowjetunion war:Liljas Mutter packt ihre Sachen und haut ab in die Vereinigten Staaten vonAmerika. Ihre sechzehnjährige Tochter, die sich nichts sehnlichster wünschtals mitfliegen zu dürfen, läßt sie zurück. Lilja bleibtgerade noch Zeit, das Bild ihrer Mutter in Stücke zu reißen undwieder zusammenzukleben, ehe sie von ihrer Tante gezwungen wird ein völligverdrecktes und verkommenes Zimmer zu beziehen. Wie ihre Mutter verkauft sichLilja schließlich an die sexgierigen und zahlungskräftigen Neureichenihrer Stadt. Die nächtlichen Discobässe gehen nahtlos in das Gestöhnihrer Freier über.

Der Film zeigt die Auswirkungen der marktwirtschaftlichen Revolution im nachsowjetischenRaum in ihrer schlimmsten Ausprägung. Man muß kein Kommunist sein,um hier von einer Konterrevolution zu sprechen. Während die sowjetischenWohnsilos vor sich hin gammeln, verrohen ihre Bewohner immer mehr. Lilja haustin einer Welt, in der Männer wollen und Frauen zu wollen haben. Wenn Frauetwas zu beißen haben will, muß sie die Beine breit machen.

 „Erst die Vergewaltigung durch den Kommunismus,dann die durch den Kapitalismus. Worüber man einen Film macht, isteine politische Entscheidung, und in diesem Sinne ist mein Film eben einpolitisches Statement.”
 Lukas Moodysson über seinen Film

Einziger Lichtblick in Liljas Leben ist Volodja. Ein elfjähriger Orientierungsloser,der die meiste Zeit mit einer Blechdose auf einen Basketballkorb wirft. Erträumt davon, einmal ein besserer Spieler als Michael Jordan zu werden.Volodja kampiert in einem windigen Zimmerchen im „Pentagon“ – einem verfallendenStützpunkt der sowjetischen U-Boot-Flotte, in dem Liljas Mutter einstals Köchin gearbeitet hat . Der ferne Westen ist Projektionsflächefür alle Hoffnungen und Träume der Protagonisten. Trotzig bemerktLilja, daß sie am gleichen Tag geboren wurde wie Britney Spears, wennauch vier Jahre später.

Bei einem ihrer Discoabende gerät Lilja an einen scheinbar erzbravenjungen Schweden, der ihr das Paradies auf Erden verspricht, wenn sie mit ihmkommt. Sie weiß nur, daß Schweden „irgendwo in der EU“ liegt, istaber sofort Feuer und Flamme. Ihr zweiter Umzug innerhalb weniger Wochen versprichtbesser zu werden. Tatsächlich wurde sie jedoch von ihrem schwedischenPrinzen an einen Zuhälter verkauft. Ihre neue Wohnung ist weißerund größer, Mc Donald's gibt es gratis und Verkehrssprache ist Pidginenglisch.Der Rest ist wie zu Hause, nein schlimmer.

Die Aussicht aus ihrem Zimmerfenster zeigt die gleiche Tristesse wie in ihrerHeimatstadt. Liljas Traum vom Westen mutierte zu einem Albtraum. Als ihr Zuhältereinmal vergißt, ihre Wohnungstür zu verriegeln, läuft Liljalos – zur Autobahnbrücke...

„ Lilja 4-ever“ ist ein Kunstwerk. Ein Film, bei dem einfach alles stimmt:Schauspieler, Musik und Umsetzung. Der abgedroschene Titel verdeckt, daß esich hier um ein Filmerlebnis handelt, wie es intensiver nicht sein kann. Eshämmert sich ins Gedächtnis wie ein abendlanges Gespräch mitLilja und Volodja in der engen Küche einer sowjetischen Mietskaserne.Bei einem solchen Stoff fällt es nicht leicht, den Film weiterzuempfehlen.Dazu ist er zu schwere Kost, aber brillant inszeniert.

Lilja 4-ever
(Originalsprache: Russisch)
Schweden 2002, 109 Min.
Regie: Lukas Moodysson (bisherige Filme: „ Raus aus Amal“, „!Zusammen!“)
Darsteller:Oksana Akinsjina, Artiom Bogutjarskij u.a.

Der Film im Netz.

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