Lingua incognita?RUSSISCH

Lingua incognita?

Der unaufhaltsame Bedeutungsverfall des Russischen. Der Niedergang des Imperiums setzt sich in seiner Sprache fort.

Von Wolf Oschlies

A m 30. Dezember 2009 habe ich in einem Andenkenladen einer thüringischen Stadt zehn Ansichtskarten gekauft, die mir ob einer witzigen Diskrepanz in Schrift und Text aufgefallen waren: In deutscher Sprache, aber kyrillischer Schrift standen da Sätze wie „Wenn du das lesen kannst, bis du kein dummer Wessi“, „Der Wessi hat viele Rechte, das wissen wir. Also lies es ihm vor und lass ihn nicht blöd sterben“, „Was ich dir schon immer sagen wollte: Arrogante West-Tussi – Dumme Ost-Kuh“ und so weiter. Die Autoren dieser Karten hatten so gut wie keine Ahnung vom Lautwert kyrillischer Buchstaben, aber ihren Einfall fand ich großartig.

Später habe ich mir an der Hotel-Bar, beim Spaziergang etc. den Spaß gemacht, wildfremde Leute zu bitten, mir den Text vorzulesen. Alle hatten sie jahrelang Russisch gelernt – nicht einer schaffte es, einen Satz vorzulesen. Was charakteristisch für den DDR-Russischunterricht war, der mir immer als staatlich verordnete Sabotage an einer Weltsprache vorkam. Es hat in der DDR repräsentative Untersuchungen gegeben, wonach Schüler nach vier, fünf Jahren Russischunterricht noch immer nicht sattelfest im kyrillischen Alphabet waren.

Das kyrillische Alphabet lernen Zehnjährige in 20 Minuten

Nebenher bemerkt: Dieses Alphabet ist so leicht, dass zehnjährige Kinder es binnen zwanzig Minuten erlernen. Oder noch schneller: An der Hamburger Universität hatten wir einen Dozenten für russische Phonetik, der im Hauptberuf Gymnasiallehrer war. Damals mussten Kinder Aufnahmeprüfungen für Sekundarschulen machen, wobei unser Dozent immer die besten Ergebnisse hatte. Er erzählte den Kindern nämlich, er habe die „Geheimschrift OMATEK“ erfunden – das kyrillische Alphabet, in dem die Buchstaben O M A T E K mit dem Lateinischen identisch sind – und ließ die Kinder dann mit dieser „Geheimschrift“ spielen: „Schreibe mal deinen Namen in OMATEK“ etc. Hinten saß die Prüfungskommission und freute sich, wie rasch und gerecht sie ihre Befunde beisammen hatte.

An diese Dinge muss ich denken, wenn ich in russischen Zeitschriften lese, dass in der „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS), der wenig bedeutsamen Nachfolgeorganisation der 1990/91 zerbrochenen Sowjetunion, die Kenntnis der russischen Sprache rapide zurückgeht und immer mehr Staaten auch vom kyrillischen Alphabet endgültigen Abschied nehmen. Weil dieses, so das Bildungsministerium Kasachstans, mit der „sowjetisch-kolonialen Identität des Landes“ verbunden ist und deshalb abgeschafft werden muss. Bereits ausgemustert ist es in Aserbaidschan, Turkmenien und Usbekistan, demnächst auch in Kirgisien, wie es das dortige Parlament Anfang März 2008 beschloss. Georgien und Armenien besitzen eigene Alphabete, Ukraine und Belarus schreiben kyrillisch, die baltischen Republiken gehören nicht zur GUS und wollen mit Russland und russischer Sprache möglichst wenig zu tun haben, obwohl relativ große russische Minderheiten in den Ländern leben.

Schrift, Sprache, Macht

Hinter der Abkehr der zentralasiatischen Republiken vom kyrillischen Alphabet vermuten russische Kommentare „panturkische“ Bestrebungen und einen „verstärkten Einfluss der Türkei“. Ob das zutrifft oder klassische russische Feindbildung ist, spielt keine Rolle. Die betreffenden Staaten haben schlechte Erfahrungen mit russischer Instrumentierung von Schrift und Sprache. In der Zwischenkriegszeit schrieben sie Persisch, dann ein türkisch modifiziertes lateinisches Alphabet, ab 1940 kyrillisch, von dem sie bei der ersten Gelegenheit wieder abrückten. Selbst die seit 1921 souveräne Mongolei musste 1940 das kyrillische Alphabet einführen, das sie nach 1990 wieder abwarf.

Die Sowjetunion war ein großrussisches Gebilde, das von allen Landesteilen und Untergebenen weitestgehende Russifizierung verlangte. Mit dem Ende der Sowjetmacht war dieser Zwang generell vorüber, punktuell wurde er noch stärker. Bereits am 31. August 1989 proklamierte die „Sozialistische Sowjetrepublik Moldova“, also das urrumänische Bessarabien, dass ihre Ethnizität und Sprache rumänisch, ihre Schrift lateinisch seien. Auch in der seit 1991 souveränen „Republica Moldova“ (zu Deutsch Republik Moldau) wird lateinisch geschrieben, jedoch gilt auf russischen Druck hin die Sprache als „moldovisch“.

1990-1992 führte Russland Krieg gegen die Moldova, danach konstituierten russische Separatisten die russische „Republik“ Transnistrien, in der „Moldovisch“ eine der Amtssprachen ist, geschrieben in kyrillischer Schrift.

Kyrillisch ist nicht gleich Russisch

Die Russen identifizieren kyrillisch mit russisch, was schon falsch ist. Das kyrillische Alphabet wurde im Jahre 893 von dem bulgarischen Zaren Simeon und seinen Fürsten „erfunden“, als Vereinfachung der umständlichen „Glagolica“, die die Slavenapostel Kyrill und Method drei Jahrzehnte zuvor den bis dahin schriftlosen Slaven gegeben hatten. Gegenwärtig werden Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Bulgarisch, Serbisch und Makedonisch in kyrillischer Schrift geschrieben, wobei diese in sechs Varietäten erscheint, für jede Sprache eine eigene, die den eigenen Phonemen am besten entspricht. Um 1700 wurde die russische Kyrilliza von Peter dem Großen radikal vereinfacht, im frühen 19. Jahrhundert auch die serbische Kyrilliza. 1865 wurde die Kyrilliza in Rumänien, wo sie offizielle Schriftnorm war, durch die lateinische Schrift ersetzt.
 
Die osteuropäischen Schriftreformen des 19. Jahrhunderts waren vernünftig konzipiert und realisiert, die des 20. Jahrhunderts gestalteten sich unter sowjetischem (russischem) Einfluss und verliefen als Groteske. In den 1930-er Jahren verfiel Stalin auf die aberwitzige Idee, die Kyrilliza gänzlich abzuschaffen, weil sie zu sehr mit „Reaktion, Christentum und Orthodoxie“ verbunden sei und die Verbreitung kommunistischer Ideologie behindere. Derselbe Vorschlag, die Kyrilliza abzuschaffen oder als Zweitschrift neben dem Lateinischen zu nutzen, wurde den Bulgaren zweimal gemacht – in der Nazi-Zeit von SS-Chef Himmler und im November 2000 von dem österreichischen Slavisten Otto Kronsteiner: „Wir verknüpfen die Kyrilliza mit den Kommunisten, weil die Sowjetarmee in Österreich und Deutschland war“. Welche Kyrilliza? Die internationale Slavistik hat damals schadenfroh verfolgt, wie Kronsteiner von der bulgarischen Universität in Veliko Tyrnovo der Ehrendoktortitel wieder aberkannt wurde. Alle Details des „Falls Otto Kronsteiner“ hat 2002 der Sofioter Universitätsverlag in einer Dokumentation veröffentlicht. 

Kyrilliza – mal so, mal so, mal wieder anders 

1944/45 ging es darum, dem gerade erst als Amtssprache proklamierten Makedonisch ein kyrillisches Alphabet zu geben. In die entsprechenden Arbeiten mischten sich Bulgaren und Russen ein und arbeiteten Alphabete mit stark russisch-bulgarischer Prägung aus. Diese wurden von den Makedonen verworfen, leider auch die nahe liegende Möglichkeit, die serbische Kyrilliza zu verwenden. Stattdessen schuf man eine eigene kyrillische Varietät, die absolut tauglich ist, auch wenn sie gelegentlich nicht gerade optimale graphische Lösungen wählte. Die Makedonen störte das nicht, die vorher ihre Muttersprache auch in griechischen Lettern und im Zweiten Weltkrieg auch in bulgarischen oder serbischen (je nach den Druck- oder Schreibmaschinen, die die Partisanen gerade erbeutet hatten) schrieben. 

1945 verschwanden aus der bulgarischen Kyrilliza mehrere Buchstaben, um die bulgarische Orthographie der russischen anzunähern. Dabei ging auch ein Buchstabe verloren, der bislang die graphische Vereinheitlichung ost- und westbulgarischer Sprechweisen besorgt hatte. Fortan war das ostbulgarische „Jakane“ hochsprachliche Norm, was jeder Generation im Westen, wo auch die Hauptstadt Sofia liegt, mühsam und ohne dauernden Erfolg eingetrichtert werden muss. Besser erging es dem romanischen Rumänisch, das ab den 1950-er Jahren starkem Russifizierungsdruck in der Orthographie unterlag. Mit Beginn der Ceauşescu-Ära ließ dieser nach und im postkommunistischen Rumänien ist die graphische Romanisierung so stark, dass man gelegentlich Leseschwierigkeiten hat. Wohlgemerkt: Es war sowjetischer Druck, der rumänischen Gegendruck auslöste! In den Kirchen von Chişinău, der Hauptstadt Moldovas, kann man noch alte Ikonen bewundern, die kyrillische oder lateinische Aufschriften haben.
  
In Serbien kamen gelegentlich Ängste auf, ob nicht die Kyrilliza auf ständigem Rückzug sei. Davon kann keine Rede sein: Die beiden besten serbischen Wochenzeitungen, die kyrillisch gedruckte „NIN“ (*1935) und die lateinische „Vreme“ (*1991), koexistieren friedlich und beide haben gute Gründe für ihre Buchstabenwahl: Kyrilliza ist serbisch – lateinisch ist die Schrift des Computerzeitalters. Zudem sprechen Serben, Kroaten, Montenegriner, Bosnier etc. ein und dieselbe Sprache, die sie lateinisch gedruckt auch lesen können.

Auch Fraktur und Sütterlin sind verschwunden

Ich will damit sagen, dass variierenden Alphabete grundsätzlich utilitaristischen, ästhetischen, traditionellen etc. Erwägungen genügen und leicht geändert werden können: Was unzureichend ist, wird ausgemustert.  Die frühere deutsche „Sütterlinschrift“ kann heute faktisch kein Mensch mehr lesen, und in Fraktur gedruckte Texte durfte ich meinen ausländischen Studenten, die durchweg fehlerfrei Deutsch sprachen, nicht anbieten, weil sie diese nicht lesen konnten.

Problematisch und letztlich selbstschädigend wird es, wenn ein Alphabet wie die russische Kyrilliza mit Druck und Superioritätsansprüchen durchgesetzt wird. Den Russen mögen dabei gewisse Vorbilder zur Nachahmung vorgeschwebt haben: Die Bücher- und Bildungssprache für Deutsche und ihre Nachbarn war im Mittelalter Latein. Deutsch wurde ab dem 18. Jahrhundert die Bücher- und Bildungssprache der Slaven, besonders derjenigen im Südosten Europas. An seine Stelle wollte sich im Stalinismus das Russische drängen, was ihm nur kurzfristig und unzulänglich gelang und mittlerweile ins absolute Gegenteil umgeschlagen ist: Die Menschen schreiben ihre Sprachen lieber in Latein und sie lernen immer weniger Russisch. Das bezeichnen Russen als Rückfall in geistesfeindliche Primitivität und unverständliche Verweigerung des „Zugangs zu dem riesigen Massiv, das im letzten halben Jahrhundert an Unterrichts-, Wissenschafts- und künstlerischer Literatur in kyrillischer Schrift geschaffen wurde“. So etwas sind lachhafte „Argumente“, die die allgemeine Abneigung gegen russische Sprache und Schrift nur verstärken können.

Dezimierung der sowjetischen Herrschaftssprache

Aleksandr Arefjev, stellvertretender Direktor des soziologischen Forschungszentrums des russischen Volksbildungsministeriums, ist der kundigste und leidenschaftsloseste Chronist des Niedergangs der russischen Sprache. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so seine Berechnungen, gab es auf der Welt 150 Millionen Russischsprecher, „im wesentlichen Untertanen des Russischen Imperiums“. 1980, im Zenit der Entwicklung, waren es 350 Millionen, die gegenwärtige und weitere Entwicklung vollzieht sich demnach wie folgt (Angaben in Millionen Personen):

Land/Region

2004

2015

2025

 

 

 

 

Russland

140

130

110

GUS, Baltikum

100

60

30

Osteuropa, Balkan

  19

10

  5

Westeuropa

    7,9

  5

  3

Asien

    4,1

  2,8

  1,7

Nahost, Nordafrika

    1,5

  0.9

  0,6

Subsahara-Afrika

    0,1

  0,1

  0,1

Lateinamerika

    1,2

  0,7

  0,4

USA, Kanada, Australien

    4,1

  2,5

  1,3

 

 

 

 

Total, gerundet

278

212

152

Diese Zahlen sind natürlich bestenfalls Annäherungswerte mit großer Schwankungsbreite. Für 2007 wurden beispielsweise 233 Millionen Russischsprecher auf der Welt, darunter 164 Millionen Muttersprachler, ausgewiesen – eine ziemliche Diskrepanz zu den Werten der obigen Tabelle. Selbst diese Zahlen muten noch sehr geschönt an, wenn man z.B. Arefjevs Zahlen zu Deutschland anschaut, die schlicht nicht nachvollziehbar sind: drei Millionen ethnische Russen in der deutschen Bevölkerung, sechs Millionen Russischsprecher, 9.700 Mittelschulen mit Russischunterricht, 190.000 Russischlernende etc. Hier liegt offenkundig eine Verwechselung vor: Man stellt sich Deutschland wie das Baltikum, Kasachstan und andere Länder mit starken russischen Volksgruppen vor, übersieht dabei aber, dass die Russischsprachigen in Deutschland deutsche Spätaussiedler, jüdische Emigranten u.a. sind, die kein großes Interesse daran haben, ihre russische Sprachkompetenz zu bewahren und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.
   
Noch gilt Russisch mit seinen ca. 280 Millionen Sprechern als viertgrößte Sprache der Welt – nach Englisch (1,5 Milliarden Sprecher), Chinesisch (1,35 Milliarden) und Spanisch (360 Millionen.). Das muss nicht zutreffen, da nicht einmal die Zahlen für Russland hieb- und stichfest sind. An anderer Stelle gibt Arefjev an, dass die Zahl der russischen Muttersprachler bis 2015 auf insgesamt 144 Millionen zurückgehen wird, „darunter in Russland selber auf 120 Millionen“. 
 
In den ex-sowjetischen Nachfolgestaaten („näheres Ausland“, ohne Russland) wurde für 2004 folgendes Gesamtbild ausgewiesen (Zahlenangaben in Tsd.):

Land

Status der Sprache

Einwohner

Mutter-
sprachler

Russisch-
Kenntnisse

 

 

 

 

 

Armenien

Fremdsprache

  3.200

       15

    2.200

Belarus

Staatssprache

10.200

  3.243

  10.000

Estland

Fremdsprache

  1.300

     470

    1.000

Georgien

Fremdsprache

  4.500

     130

    2.700

Kasachstan

Offizielle Sprache

15.100

  4.200

  12.300

Kirgisien

Offizielle Sprache

  5.000

     600

    3.500

Lettland

Fremdsprache

  2.300

     960

    2.000

Litauen

Fremdsprache

  3.400

     250

    1.900

Moldova

Umgangssprache

  3.400

     450

    2.900

Tadschikistan

Umgangssprache

  6.300

       90

    3.000

Turkmenien

Faktische Fremdsprache

  4.800

     150

    1.000

Ukraine

Minderheitensprache

48.000

14.400

  31.000

Usbekistan

Umgangssprache

25.000

  1.200

  15.000

 

 

 

 

 

Total

 

140.700

26.408

103.100

Auch von diesen Zahlen gilt, dass sie nur von eingeschränkter Genauigkeit sind. Zum Beispiel hieß es 2007 von Tadschikistan, dass sich dort die Masse der Russischsprachigen von 500.000 auf etwa 45.000 „dezimiert“ habe, „größtenteils Pensionäre oder Mitglieder gemischtnationaler Familien“. Und das dürfte generell gelten: Wer in den GUS-Staaten Russisch kann oder versteht, der ist älter und hat diese Kenntnis aus früherem Schulbesuch bewahrt – Kinder und Jugendliche tendieren entschieden mehr zu „europäischen Sprachen“.

Wer besser lebt, spricht weniger Russisch

Schlimmer noch: Auch die Zahl der russischen Muttersprachler außerhalb Russlands „ist in den letzten 15 Jahren von 25 bis 30 Millionen Menschen auf 17 Millionen zurückgegangen“. Hier verläuft ein „Wechsel der nationalen Identität kraft der Notwendigkeit einer Selbstrealisierung in einer neuen ethnokulturellen Umgebung“. Das ist schön formuliert, besagt aber nur, dass es den Russen in der Diaspora besser als in „Mütterchen Russland“ geht und sie darum rückläufige Anhänglichkeit an die „historische Heimat“ spüren.

Die starken russischen Volksgruppen im Baltikum – Litauen (2007) 5,1Prozent von 3,4 Millionen Einwohnern, Lettland (2005) 28,5 Prozent von 2,3 Millionen Einwohnern, Estland (2006) 25,7 Prozent von 1,4 Millionen Einwohnern – genießen ganz offenkundig die Zugehörigkeit der baltischen Staaten zur EU und kümmern sich kaum um Russland, russische Kultur und russische Sprache.

In Lettland müssen seit dem Schuljahr 2005/06 auch an Schulen mit russischer Unterrichtssprache die meisten Fächer in lettischer Sprache gelehrt werden, was von den regionalen Russen nahezu regungslos hingenommen wurde. Bestrebungen, russischsprachige Schulen und/oder Unterrichtsteile zu mindern oder zu verbieten, sind auch aus Georgien, Aserbaidschan und der Ukraine – hier sogar in der Autonomen Republik Krim, wo 85 Prozent aller Schüler ethnische Russen sind – zu vermelden, wo keine EU-Mitgliedschaft als Kompensation bereitsteht.

Osteuropa meidet Russisch

Auch Russen können es kaum glauben: Osteuropa war in jüngerer Vergangenheit die Region mit der zweithöchsten (nach Russland selber) Verbreitung der russischen Sprache. In allen Schulen und Bildungsgängen war Russisch Pflichtfach, über Organisationen wie „Warschauer Pakt“, „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ u.a. war Russisch zum internationalen Kommunikationsmittel geworden, russische Militärtechnik (und deren Bedienung) machten diese Sprache obligatorisch, ein Viertel aller ausländischen Studenten an sowjetischen Hochschulen kam aus Osteuropa usw. Noch 1990 gab es in Osteuropa und Jugoslawien 44 Millionen Menschen mit Russischkenntnissen – 15 Jahre später waren es gerade noch 19 Millionen, davon bestenfalls ein Drittel aktive Russischsprecher, d.h. solche, „die bis auf weiteres noch mündliche und schriftliche Sprache verstehen und sich halbwegs auf alltäglichem Niveau verständigen können“.
 
Die Russen können nicht verstehen, dass die Osteuropäer die (nach russischer Ansicht) „hoch entwickelte und überlegene“ russische Technik und Wissenschaft verschmähen, indem sie die russische Sprache ablehnen. Nur selten einmal räumt man ein, dass es mit den Russen heute so ist wie mit den Osmanen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Die waren seit Jahrhunderten im südlichen Osteuropa präsent, bis sie in den Balkankriegen 1912/13 fast gänzlich aus Europa verdrängt wurden. Erst wurde das Osmanische Imperium „von seinen ehemaligen Provinzen verflucht“, dann zerfiel es, und „wer lernt heute noch Türkisch an ägyptischen, griechischen, serbischen Schulen?“ So hat es die immer lesenswerte „Nezavisimaja gazeta“ (Unabhängige Zeitung) am 20. Januar 2010 ausgeführt und hinzugefügt, dass auch und gerade Russland einsehen müsse, dass „imperiale Sprache und Kultur“ keine Bestandsgarantie für das Imperium selber seien.

Das sowjetische (russische) Imperium zerbrach, mit ihm das Prestige von russischer Sprache und Kultur, während z.B. das Prestige von deutscher Sprache und Kultur am nachhaltigsten in einer Zeit gefestigt wurde, als „Deutschland“ ein Sammelbegriff für drei Dutzend deutschsprachige Kleinstaaten war. Das römische Imperium hinterließ keine lebendigen Sprachspuren, aber die von griechischen Kaufleuten und Wissenschaftlern getragene „hellenische Ökumene“ existierte weiter, als das griechischsprachige Imperium von Byzanz unterging.

Austritt aus dem Imperium, Austritt aus der Sprache

Der Vergleich hat etwas für sich: Nach den politischen Umbrüchen von 1989/90 sind die Menschen aus der russischen Sprache „ausgetreten“, wie sie massenhaft aus den bis dahin regierenden kommunistischen Parteien austraten, in denen sie aus Opportunismus, Angst, Zwang etc. Mitglieder geworden waren. Die Machtstrukturen des russischen (sowjetischen) Imperiums zerbrachen, und es blieb wenig oder nichts, das sich zu erhalten und sprachlich zu transferieren lohnte. Die neuen Eliten der ex-sowjetischen Nachfolgestaaten haben sich in allen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Kultur das „westliche Modell“ entschieden, und hätte man nicht russischsprachige Ethnien im Lande, müsste man keinen Gedanken mehr an die russische Sprache verschwenden.

Der Versuch, eine russischsprachige Gegenwelt im Internet aufzubauen, „russifizierte Versionen von Computerprogrammen“ (Nezavisimaja gazeta), ist reine Geldverschwendung, solange Russlands Hauptproblem der massenhafte Weggang gut ausgebildeter Fachleute ist, die in Westeuropa oder den USA die beruflichen Möglichkeiten finden, die ihnen Russland nicht bieten kann. Irgendwann wird in nächster Zukunft eine „russische Welt“ als „überstaatliches und transnationales Objekt“ entstehen, in dem Menschen noch russische Namen tragen, aber anderweitig keinerlei Bindungen ans Russentum aufweisen. Dabei werden Russen selbst die alte Regel unterbieten, dass bei Emigranten wenigstens noch „die ersten Generationen“ die Sprache der Heimat erhalten, vielmehr in kürzester Zeit alle russischen Attribute abstreifen.

In ganz Osteuropa wurde die Präsenz der russischen Sprache – Muttersprachler, aktive Sprecher, passive Kenner – buchstäblich dezimiert. In Polen haben 1992 etwas mehr als vier Millionen Menschen Russisch gelernt, 2004 waren es noch 500.000. In Bulgarien fiel die Zahl von einer Million (1991) auf 100.000 (2001). In Ungarn, Rumänien, Tschechien, Slowenien, Bosnien-Hercegovina und Kroatien ist Russisch völlig aus den Schulen verschwunden und kann nur noch in irgendwelchen Privatkursen erlernt  werden. Ebenfalls verschwand Russisch aus den Hochschulen und Universitäten, wo es früher Pflichtfach in allen Studiendisziplinen war.

Sprache als Sündenbock

Früher bestanden in ganz Osteuropa Vereinigungen ehemaliger Studierender in der Sowjetunion, die längst ausgelöscht sind – wer einmal in der Sowjetunion studiert hat, verheimlicht das lieber, um nicht als „Einflussagent Moskaus“ verdächtigt zu werden. Zu Sowjetzeiten zählte man an den russischen Hochschulen 150.000 ausländische Studenten aus Osteuropa, im Studienjahr 2002/03 waren es etwas über 1.000.

Kein Zweifel, dass die russische Sprache zum großen Teil als der Sündenbock herhalten muss für allen Zorn, den die Menschen gegen die Sowjetunion aufgehäuft hatten. Aber das war es nicht allein, vielmehr waren Methodik und Didaktik des Russischunterrichts so, als hätten sie geschworene Feinde dieser Weltsprache konzipiert. Dabei hatte man bessere Möglichkeiten zur Hand, in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, der späteren DDR, beispielsweise seit 1946 das „Russische Lehrbuch“, das der deutsche Slavist und Ethnograph Wolfgang Steinitz (1905-1967) veröffentlicht hatte: Ein wunderbares Lehrbuch, das Russisch gewissermaßen spielerisch beibrachte, aber so gut wie nie im Unterricht verwendet wurde. Statt seiner bevorzugte man Lehrwerke, die mit Bildern von Stalin, später Lenin und Verweisen auf die „großen Erfolge der Sowjetunion auf allen Gebieten“ einsetzten, was etwaige Lust an dieser Sprache von vornherein gegen Null tendieren ließ.
 
Russisch ist schön, kann als kommunistische Partei- und Politiksprache aber auch abstoßend hässlich sein. „Moskauderwelch“ hat Karl Kraus dieses Idiom höhnisch genannt, womit er absolut Recht hatte. Bereits 1927/28 hatte der russische Slavist Afanasij M. Selischtschev (1886-1942) in seinem akribischen Werk „Sprache der revolutionären Epoche“ den bewusst „kräftigen“ Jargon der Kommunisten aufgelistet, der ihnen den Spitznamen „sajesshateli“ (Dreinschläger) eingetragen hatte. Das war nicht mehr die Sprache von Puschkin, Lermontov und der russischen Klassik, sondern das Idiom ungebildeter Gewalttäter. Und genau dieses blieb maßgebend im osteuropäischen Russischunterricht, wo als Übungstexte vorwiegend Reden der jeweiligen Kremlherren verwendet wurden.

Russisch in Westeuropa und Übersee

Mit dem Machtantritt Michail Gorbatschows erlebte Russisch in der zweiten Hälfte der 1980-er Jahre eine kurzfristige Konjunktur. Die Menschen wollten die Ideen des Propagators von „Perestrojka“ und „Glasnost“ näher kennenlernen, sie freuten sich an „Gorbis“ vollsaftigem Russisch und seiner Sprache, die weitgehend mit kommunistischem Sprachstil brach. Erst mit Gorbatschow kamen z.B. Modalwörter und der Konjunktiv in offizielle Verlautbarungen, die zuvor als Ausdruck ideologischer Unsicherheit abgelehnt worden waren – so als hätte man statt „Der Sozialismus siegt“ geschrieben „Der Sozialismus könnte wohl siegen“.

Generell aber war es zu spät („Wer zu spät kommt...“ - das gilt offenkundig auch hier), und die ganzen 1990-er Jahre über erlitt die russische Sprache enorme Einbußen: In Schweden und der Schweiz fiel die Zahl der Russischlernenden auf ein Viertel des früheren Bestands, in Deutschland ging sie um das Zweifache zurück, in Frankreich um das Zweieinhalbfache, in den Niederlanden um das Fünffache. Hinzu kam, dass diejenigen, die Russisch im Fremdsprachenunterricht wollten, es als Zweit- oder Drittsprache wählten, und dass über die Hälfte aller Russischschüler in Westeuropa Kinder von Emigranten aus Russland, der GUS oder Osteuropa waren, wobei deren Votum in der westeuropäischen Gesamtbilanz nicht ins Gewicht fiel. Nach russischen Schätzungen lernten 2004 in ganz Westeuropa 225.000 Kinder und Jugendliche Russisch, wozu 28.500 Studenten kamen, da Russisch an insgesamt 178 Hochschulen gelehrt wurde.
  
Verblüffend ist, dass eine wachsende Zahl russischer Emigranten keine Umkehr des Bedeutungsverfalls der russischen Sprache bewirkt. Gegenwärtig sollen in Westeuropa 4,3 Millionen Russen leben, wobei nur die Angehörigen der „alten Emigration“ einiges Engagement für russische Sprache und Kultur aufbringen. Die vor Jahrzehnten oft unter Lebensgefahr aus der Sowjetunion flüchteten, hängen noch an allem Russischen – die neuen Emigranten möchten sich so rasch wie möglich in ihre neue Umgebung integrieren und sich kulturell assimilieren. Sie wollen gar nicht als Russen erkannt werden, verschweigen ihre russische Herkunft und als „Propagandisten“ für Sprache und Kultur der Russen sind sie ein Totalausfall.

Die Diskrepanz zwischen physischer Präsenz von Russen und dem Desinteresse an russischer Sprache ist auch in Übersee zu beobachten (Angaben für 2004):

In Australien gibt es 85.000 Russischsprecher, acht Oberschulen mit Russischunterricht, 650 Schüler, die Russisch lernen, vier Hochschulen an denen die Sprache Puschkins und Tolstois noch unterrichtet wird und 230 Studenten, die sie studieren.

In Kanada sprechen 500.000 Einwohner Russisch, die Sprache wird an neun Oberschulen gelehrt, 100% Schüler lernen Russisch, an 16 Hochschulen mit insgesamt 2.000 Studenten wird Russisch vermittelt.

In Neuseeland gibt es 7.500 Russischsprecher, an den Oberschulen findet kein Russischunterricht statt. Zwei Hochschulen mit insgesamt 82 Studenten widmen sich dem Russischen.

In den USA sprechen 3,5 Millionen Menschen Russisch. Die Sprache wird an über 1oo Oberschulen angeboten und von 6.500 Schülern gelernt. An 178 Hochschulen sind 27.000 Studenten für Russisch eingeschrieben. 

Insgesamt sprechen in Übersee 4.092.500 Menschen Russisch. Die Sprache wird an insgesamt 117 Oberschulen gelehrt. Die Zahl der Russischschüler beträgt 7.670. Die Zahl der Hochschulen mit einem Angebot an russischen Studiengängen beläuft sich auf 202. Von 29.313 überseeischen Studenten wird das Fach Russisch belegt.

Auch der Tourismus ist keine Rettung

Kein Auslöser gesteigerten Interesses für Russen und Russisch ist der Tourismus. Natürlich hat sich Russland im Vergleich zu Sowjetzeiten enorm geöffnet, aber es ist noch immer nicht leicht, nach Russland zu reisen: Visaerteilung, Grenzkontrollen etc. sind  langwierig und umständlich, Unterbringung und Versorgung in Hotels lieblos, Ausflugsziele langweilig, Museen und Paläste unrussisch, was ihre Architektur und Ausstattung betrifft. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der Tourismus in den späten 1990-er Jahren einen Aufschwung erlebte, inzwischen aber wieder deutlich zurückgeht.

Wie fördert man die russische Sprache?

Jeder vierte ausländische Student aus der GUS oder dem Baltikum, der heute an einer russischen Hochschule studiert, ist ein ethnischer Russe – vermutlich sogar Bezieher eines der 7.000 staatlichen Stipendien, die die Russische Föderation alljährlich bereitstellt. Es bleibt also alles in der russischen Familie, ein Fördereffekt für die russische Sprache ist daraus nicht zu erwarten.

Im Grund haben die Russen kein Konzept, wie ihrer Sprache im Ausland zu vermehrter Geltung zu verhelfen ist. Was in den Medien da an Möglichkeiten erwähnt wird, hat sich in der Realität längst als unzureichend herausgestellt. Nach der empirisch erhärteten Ansicht des Soziologen Arefjev ist es die in Russland weit verbreitete und wachsende Ausländerfeindlichkeit und Fremdenangst, die sich direkt oder indirekt - in jedem Fall aber negativ - auf die Sprache auswirkt.

Der Rang des Russischen ist nicht einmal im engsten Umkreis ungeschmälert. Die russische Volkszählung von 2002 hat ergeben, dass von insgesamt 145,1 Millionen Einwohnern nur 116 Millionen Russen sind (79,8 Prozent), 142,5 Millionen sprechen Russisch (2,6 Millionen nicht). Russisch muss mit weiteren 28 „Staatssprachen“ konkurrieren, die in der Russischen Föderation offiziell anerkannt sind. 2005 nahm die Bevölkerung um 1,6 Millionen Menschen ab, wobei Russen überdurchschnittlich betroffen waren. Die Zahl der Russischsprecher sank auf 140,9 Millionen, und nach Ansicht von Soziologen und Demographen wird dieser Abwärtstrend anhalten.

Auch Migranten lernen kein Russisch

Unter diesen Umständen die Hoffnungs zu haben, die russische Sprache könne etwa durch „Arbeitsmigranten“ eine weitere Verbreitung erfahren, ist reine Illusion. Neun Zehntel dieser „gastarbajtery“ halten sich illegal im Lande auf, bleiben höchstens zwei, drei Jahre und werden von Russen als Konkurrenten um Arbeitsplätze beargwöhnt. Ende 2009 berichtete Arefjev, wie es bei diesen Menschen mit der russischen Sprache aussieht: „In einigen Moskauer Schulen, besonders solchen in der Nähe der großen Märkte, stammt die Hälfte aller Schüler aus GUS-Staaten. Insgesamt sind es über 100.000 Kinder. In Sankt Petersburg gibt es 20.000 solche Schüler. Viele von ihnen kennen die russische Sprache kaum und haben auch generell nicht die Absicht, sie zu erlernen“. 

Man lernt eben nicht die Sprache des „Feindes“ (vrag), als welcher die Russen vielfach bei Nicht-Russen und Nachbarvölkern gelten. Die kaum verhüllte Russifizierungspolitik der Sowjetzeit hat sich dahingehend umgekehrt, dass man Russen und Russisches ablehnt, was dann wieder russische Aversionen provoziert. Diese Mechanismen kommen zur Sprache, wenn bei Russen einmal mehr über Toleranz und Fremdenfeindlichkeit diskutiert wird.

Was von gewissen Kreisen zur Förderung der russischen Sprache vorgeschlagen wird, ist von unglaublicher Kurzsichtigkeit. So votierte Andrej Moltschanov, Unternehmer und Parlamentarier aus Sankt Petersburg, dafür, Handel und Wirtschaftskontakte mit Ländern des „näheren Auslands“ (Ex-Sowjetunion) an deren Förderung russischer Volksgruppen und der russischen Sprache zu knüpfen: Wer russische Schulen und Fakultäten schließt, wird bestraft – wer Produktionspläne und –unterlagen in russischer Sprache führt, darf großer Belohnung sicher sein, denn er trägt zur „Modernisierung“ Russlands bei.
 
Moltschanov hatten seine krausen Ideen am 24. Dezember 2009 in der „Nesavisimaja gaseta“ ausgebreitet – am 20. Januar 2010 konnte er dort eine hohntriefende Abfuhr lesen: Mit solchen Vorschlägen kann man nur das Misstrauen der Adressaten wecken, die dahinter russische Pläne zur Formierung einer „fünften Kolonne“ vermuten. Im Übrigen seien Moltschanov Pläne nicht neu, er habe sie von Hitlers Anschluss (russisch: anschljus) Österreichs abgeguckt. „Erinnern Sie sich?“ – Allerdings sprechen die Österreicher bis heute noch immer Deutsch. Aber nicht wegen Hitler.                             
     

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  3. Die Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  4. Schwarzkümmel - Heilmittel des Propheten Mohammed
  5. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“

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